Violence

Statistik: Gewalt bei schwulen Paaren

Die Dunkelziffer ist wohl noch viel größer

Bei einem wiederholten Streit wollte Anton die Wohnung verlassen. Doch Philipp habe ihn festgehalten und überzeugen wollen, jetzt keinen Fehler zu machen, den er später bereue. Anton habe sich befreien wollen und Phillip weggeschubst. Bis dahin hätten beide ihre Reaktionen für verständlich gehalten.

Doch dann sei es mit Anton regelrecht durchgegangen und er habe auf Phillip eingeschrien und ihn dabei immer wieder entlang des Flures vor sich her geschubst. Es hätte sich immer weiter gesteigert und sei sehr dramatisch geworden. Er habe das Gefühl gehabt, einfach nicht aufhören zu können.

Lesben deutlich häufiger betroffen als Schwule

So schildert der Psychologe Holger Walther einen Fall aus seiner psychotherapeutischen Arbeit im Magazin CORAkutell. Dass häusliche Gewalt unter schwulen Männern kein Einzelfall ist, zeigt auch die Kriminalstatistik, die das Bundeskriminalamt (BKA) am Dienstag veröffentlicht hat.

Ihr zufolge gab es im Jahr 2015 480 einfache und 94 schwere Körperverletzungen in eingetragenen Lebenspartnerschaften. Besonders auffällig: Bei beiden Delikten sind Lesben deutlich häufiger betroffen: 344 einfache und 57 schwere Körperverletzungen bei lesbischen Frauen stehen 136 beziehungsweise 37 bei schwulen Männern gegenüber. (Beratungsstellen zu Gewalt in der Beziehung wissen häufig nicht, wie sie mit Homosexuellen umgehen sollen – MÄNNER-Archiv.)

BKA-Präsident: Dunkelziffer ist „nicht unerheblich“

Auch Bedrohungen werden deutlich häufiger in lesbischen Beziehungen angezeigt: 64 Vorfälle zählt die Kriminalstatistik bei Frauen in eingetragenen Lebenspartnerschaften, aber nur 15 in schwulen. Das überrascht insofern, als dass unter Heterosexuellen das Bild genau andersherum ist: Über 80 Prozent der Betroffenen sind weiblich. Insgesamt mehr als 100.000 Frauen wurden 2015 Opfer von Gewalt in Beziehungen.

BKA-Präsident Holger Münch sprach bei der Vorstellung der Statistik von einem „nicht unerheblichen Dunkelfeld“. Opfer häuslicher Gewalt empfänden ihre Situation oft als ausweglos, deshalb machten sie sich nicht bemerkbar. (Eine russische Abgeordnete möchte, dass häusliche Gewalt nicht mehr strafbar ist – MÄNNER-Archiv.)

Gewalt unter Schwulen ist heftiger als unter Heteros

Das könnte auch der Grund dafür sein, dass die Zahlen bei schwulen und lesbischen Paaren so weit auseinanderliegen: Männer könnten häusliche Gewalt weniger oft zur Anzeige bringen, weil sich ihr Bild von Männlichkeit nicht mit der Opferrolle vereinbaren lässt. Die Gesellschaft trägt daran eine Mitschuld: „Männliche Opfer werden weniger gesehen beziehungsweise überhaupt für möglich gehalten“, schreibt der Psychologe Holger Walther.

Wenn jedoch Gewalt in schwulen Partnerschaften auftritt, dann ist sie oft heftiger als bei Heteros, sagt Holger Walther im Gespräch mit MÄNNER. „Die Eskalationen nehmen ein größeres Ausmaß an. Die körperliche Gewalt kann sich zwischen zwei Männern leichter potenzieren.“ Dafür, so zumindest seine Erfahrung aus der Paartherapie, denken Schwule weniger in klassischen Rollenmustern. „Es gibt weniger direkte Anschuldigungen. Vielmehr machen sich beide Partner Gedanken, was sie angerichtet haben.“

Titelbild: Fotolia/Jonathan Stutz


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