bbb

„Nie gedacht, dass ich Pastor werde“

Ein Besuch bei der LGBTI-freundlichen Metropolitan Community Church in Köln

Nein, wie eine Kirche sieht die Metropolitan Community Church (MCC) in Köln wirklich nicht aus. Sie liegt mitten in einem Wohnviertel, nur durch einen Hinterhof gelangen Besucher zu der ehemaligen Schrotthalle, die heute als Gemeindezentrum dient. Wer nicht weiß, dass hier eine Gemeinde Gottesdienst feiert, die Vielfalt und Toleranz großschreibt, hält das flache, weiße Gebäude eher für einen großen Geräteschuppen. „Das hat auch sein Gutes, denn nicht jeder will sich outen, eine Kirche zu besuchen“, sagt Pastor Ines-Paul Baumann und lacht dabei, auch wenn man merkt, dass das eigentlich kein Scherz ist. (In Stuttgart ist die MCC-Kirche sehr aktiv in der LGBTI-Community – MÄNNER-Archiv)

Bunt gemischte Stühle statt hölzerne Kirchenbänke

Die Halle selbst ist größer, als sie von außen wirkt. Der erste Raum versprüht den Charme eines Jugendclubs: eine Küchenzeile, roter Teppich, ein Lichternetz an der Decke, Heiligenbilder an der Wand, Bücherregale. Der Raum wirkt provisorisch und zusammengewürfelt, und gerade deshalb einladend, auf Augenhöhe. Keine Spur von der Scheu, die Besucher ehrfurchteinflößend großer Kathedralen spüren.

Metropolitan Community Church

Foto: Fabian Schäfer

Wer von dort durch den Gruppenraum geht, kommt zum eigentlichen Kirchenraum. Hier ist Platz für 70 Menschen, die statt auf hölzernen Kirchenbänken auf bunt gemischten Stühlen sitzen. Am vergangenen Sonntag war es ziemlich voll, erzählt Pastor Ines-Paul Baumann, es haben etwa 30 Menschen zusammen Gottesdienst gefeiert.

Man muss kein überzeugter Christ sein, um hierherzukommen

So wenig, wie die Einrichtung der Metropolitan Community Church zusammenpasst, so vielfältig sind auch die Gläubigen, die hier zusammenkommen: Menschen mit katholischem, evangelischem, freikirchlichem oder evangelikalem Hintergrund, manche haben gar nichts mit der Kirche zu tun. Einige sind fest im Glauben verankert, besuchen neben der MCC auch eine andere Gemeinde, andere zweifeln. Die mag Ines-Paul Baumann besonders: „Leute, die zweifeln und nicht wissen, was richtig oder falsch ist, schaffen viel Raum.“ Der Pastor macht eine Pause, überlegt. „Das mag ich. Man muss kein überzeugter Christ sein, um hierherzukommen.“ (Immer wieder lehnen christliche Unternehmen queere Kunden ab – MÄNNER-Archiv)

Entlassen, weil er schwul ist

Die MCC ist eine Kirche, die 1968 von Troy Perry gegründet wurde, weil er aufgrund seiner Homosexualität als Pastor entlassen wurde. Das sieht man dem Gemeindezentrum in Köln nur in Details an: Hier eine Regenbogenflagge, da eine Aids-Schleife, über einem Tisch ein Tuch, auf dem neben Bibelzitaten drei ineinander verschlungene Männlichkeitssymbole abgebildet sind.
Auch im Gottesdienst dreht sich nicht alles um Sexualität, im Gegenteil. „Natürlich predige ich am 17. Mai, dem Internationalen Tag gegen Homo-, Trans- und Biphobie, darüber“, sagt Ines-Paul Baumann. „Aber manchmal ist es auch nur eine einzige Fürbitte, die dieses Thema behandelt.“

So wenig wie die MCC wie eine Kirche aussieht, so wenig sieht auch Ines-Paul Baumann aus wie ein Pastor: Der 47-Jährige arbeitet als Programmierer und studiert Gender und Diversity, die Gemeinde leitet er seit 2012 ehrenamtlich. Er ist ganz in schwarz gekleidet, trägt Springerstiefel, zwei Ohrringe im linken Ohr, dahinter hat er sich das Logo der MCC tätowieren lassen, zwei stilisierte Flammen auf einer Weltkugel.
Er wurde nicht christlich erzogen, ist eher ein „wiedergeborener Christ“, wie er es selbst sagt. Er hatte jahrelang nichts mit der Kirche zu tun, „aber ich war nicht weg von Gott.“ Ines-Paul Baumann lacht viel, er nimmt sich selbst nicht zu wichtig, doch in manchen Momenten wird deutlich, dass er ein Pastor ist.

Ich hätte nie gedacht, dass ich Pastor werde

Dann etwa, als er von seinem Weg dorthin erzählt: „Ich hätte nie gedacht, dass ich Pastor werde. Ich dachte immer, das ist was für jemanden, der 24 Stunden am Tag freundlich und erreichbar ist“, erzählt er. „Und ich bin das Gegenteil davon.“ Er lacht laut, man kann gar nicht glauben, dass er das so meint – solch eine gute Laune verbreitet er. Plötzlich wird er wieder ernst. „Dass ich Pastor werden konnte, war ein Prozess, der nur klappen konnte, weil ich mich selbst angenommen habe, und es genug Leute gab, die mich angenommen haben. Dafür ist Kirche ein tolles Erfahrungsumfeld.“

Ein ausführlicher Bericht über Baumanns Kirche steht in MÄNNER 12.2016

Fotos: Fabian Schäfer


2 Kommentare

  1. Paul Riedel

    Ähhhhnnnn! Viele hätten auch nicht gedacht, dass sie an Altsheimer, Krebs oder Demenz leiden, daher in die Zukunft ist alles möglich, aber ein Gott anzubeten, der uns Schwulen nicht mag, halte ich für äußerst bedenklich


Schreibe einen neuen Kommentar



Likes & Shares

Durch die fortgesetzte Nutzung der Website erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden. mehr Info

The cookie settings on this website are set to "allow cookies" to give you the best browsing experience possible. If you continue to use this website without changing your cookie settings or you click "Accept" below then you are consenting to this.

Close