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„Nur versprechen, was man halten kann”

Petra Nowacki ist die erste Frau an der Spitze der Schwusos - und die heißen jetzt SPDqueer

Die Schwusos heißen neuerdings SPDqueer, und eine neue Bundesvorsitzende – die erste Frau in diesem Amt – haben sie auch: die Berliner Sozialdemokratin Petra Nowacki. Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller gratulierte: „Sie wird das unermüdliche Engagement ihres Vorgängers Ansgar Dittmar (MÄNNER-Archiv) fortführen. Gerade in diesen Zeiten, in denen Rechtspopulismus und Hass immer mehr Zulauf erfahren, ist es umso wichtiger, jeden Tag aufs Neue gegen Homophobie und für die Gleichstellung von Menschen unabhängig vom Geschlecht, Herkunft und ihrer sexuellen Orientierung zu kämpfen. Wir freuen uns, dass mit Petra Nowacki nun eine Sozialdemokratin aus Berlin die Arbeitsgemeinschaft der Lesben und Schwulen in der SPD anführt.”

Sie sind die Bundesvorsitzende der Arbeitsgemeinschaft SPDqueer. Die hieß seit ihrer Gründung, also fast 40 Jahre lang Schwusos, Lesben kamen im Namen nicht vor. Haben Sie es da mit einem Männerverein zu tun?

Nein, ich stehe keinem reinen Männerclub vor. Das ist ja auch genau der Grund gewesen, warum wir diese sehr heftige Diskussion um den Namen angestoßen haben. Wir haben uns eben im Laufe der Jahre verändert. Es ist schon noch so, dass der Anteil der männlichen Genossen stark ist und dass die anderen geschlechtlichen Identitäten in der Basis noch unterrepräsentiert sind. Aber das ist schon deutlich gestiegen. Und die historische Entwicklung war ja so: Vor fast 40 Jahren wurden die Schwusos in Berlin und in Köln gegründet – von recht progressiven Jusos, die schwul waren. Heute sind etwa 25 % in der AG Frauen sowie trans* und intergeschlechtliche Menschen. Im Vorstand sind wir schon quotiert. Je die Hälfte rechnet sich dem weiblichen bzw. männlichen Geschlecht zu; zwei Personen haben einen transgeschlechtlichen Hintergrund.

Sie haben mehr als zwei Jahre über die Umbenennung diskutiert. Ich nehme an, die Männer hatten eher ein Problem, den alten Namen aufzugeben?

Ich sag mal so: Es gab Menschen, die da sehr traditionalistisch rangegangen sind. Die haben viele Jahre mit dem Begriff Schwusos gelebt und das als Marke gesehen. Die waren damit auch emotional sehr verbunden. Es gab aber auch sehr viele Männer, was ich persönlich besonders hier vor Ort in Berlin gespürt habe, die den inklusiven Gedanken hervorheben wollten und die Umbenennung intensiv unterstützt haben.

Als linke lesbische Frau weiß ich immer nicht, welches der 3 Kriterien das stärkste Diskriminierungsmerkmal ist

In unserer MÄNNER-Umfrage vergangene Woche ging es um das Thema Lesben und ihre – wie sie beklagen – mangelnde Sichtbarkeit (MÄNNER-Archiv). Wenn sie dann aber sichtbar sind, so wie Caroline Emcke in der Paulskirche, mosern u.a. auch Schwule: Warum muss die so burschikos auftreten? Erleben Sie diesen Sexismus auch?

Den erlebe ich auch teilweise unter schwulen Männern. Für mich unterscheidet sich das aber nicht wesentlich davon, was ich sonst erlebe bei Heteromännern. Ich bin ja beruflich jahrzehntelang in einem sehr konservativen Bereich unterwegs gewesen – nämlich in der Bauindustrie. Als linke lesbische Frau weiß ich immer nicht, welches der 3 Kriterien das stärkste Diskriminierungsmerkmal ist. Die sexistischen Bemerkungen, die ich persönlich dort erlebe, sind nicht schlimmer oder besser als in Communitykreisen. Und was das Unterrepräsentiertsein angeht: Das ist ein Thema, ganz klar. Deshalb finde ich es auch ganz gut, dass ich gemeinsam mit den anderen lesbischen Frauen im Vorstand da jetzt etwas zur lesbischen Sichtbarkeit beitragen kann.

Wer ist denn daran schuld – die Medien, weil sie die Lesben übersehen, oder die Lesben, weil sie nicht laut genug sind?

Für mich ist das eine Frage der Sichtbarkeit weiblichen Handelns generell in einer immer noch relativ patriarchalen gesellschaftlichen Gesamtstruktur. Es ist ja so: Wenn in der Medizin ein neues künstliches Kniegelenk entwickelt wird, dann wird es zuerst für Männer entwickelt. Daran werden Studien gemacht und irgendwann später gibt es dann die Variante für Frauen – das ist in vielen Bereichen so. Frauen sind aufgrund ihrer Sozialisation etwas zurückhaltender, das sieht man in vielen Bereichen der Gesellschaft. Es gilt natürlich auch für lesbische Frauen wie für Frauen insgesamt: Sie müssten aktiver sein, aber sie müssen auch eine Chance bekommen, gehört zu werden. Auch wirtschaftlich sind Frauen in ihrer Gesamtheit leider aufgrund der leider immer noch vorhandenen Einkommens- und Vermögensunterschiede häufig schwächer. Das sieht man in Berlin daran, dass Lokale, die sich auf das weibliche Klientel richten, nicht gut überleben können.

Petra Nowacki

Foto: Facebook/Petra Nowacki (Bundesvorsitzende SPDqueer)

Ihr Vorgänger Ansgar Dittmar sagt, sein größter Erfolg ist, dass die Schwusos als Arbeitsgemeinschaft anerkannt wurden. Was wäre für Sie ein Erfolg, den Sie erreichen wollen?

Für mich ist wichtig, dass wir in der Ausrichtung wie beschlossen inklusiver werden, wie es der neue Name zeigt. Was mir auch am Herzen ist liegt, sind die Rechte von Regenbogenfamilien. Ich freue mich, dass das in der Gesellschaft aufgegriffen wird und sich auch der Deutsche Juristentag damit befasst hat, was die Bereiche  Mehrelternschaft, Samenspende, Leihmutterschaft etc. angeht. Davon abgesehen werden wir ja voraussichtlich jetzt die Rehalbilitierung und Entschädigung für die Opfer von §175 bekommen. Da muss man natürlich noch sehr genau schauen, ob insbesondere die Pauschalentschädigung ausreicht. Das größte Thema, das ansteht, ist natürlich weiterhin die Öffnung der Ehe.

Ich kann oder sollte nur was versprechen, was ich auch einhalten kann

Ihre Partei hat einen Makel und ist bei vielen Mitgliedern der LGBTI-Community unbeliebt: Sie ist mit dem Versprechen „100% Gleichstellung – nur mit uns“ in die Wahl 2013 gegangen und hat nicht geliefert. Was kann, was muss die Partei von Ihrer AG lernen?

Die Partei muss erstmal eine veränderte Kommunikationsstrategie lernen. Das habe ich auch bereits angemerkt. Ich kann oder sollte nur was versprechen, was ich auch einhalten kann. Man hätte damals sagen müssen: Die 100%-ige Gleichstellung kommt, wenn unsere Partei die Kanzlerin oder den Kanzler stellt. In der Juristerei würde man sagen: Dass da eine Erwartungshaltung geweckt wurde, ist billigend in Kauf genommen worden. Vor der nächsten Wahl muss es eine andere Kommunikationsstrategie geben.

D.h. Sie würden Johannes Kahrs nicht Recht geben, der findet, man sollte ruhig wieder mit demselben Claim in die Wahl gehen (MÄNNER-Archiv).

Man kann mit dem Claim „100% Gleichstellung – nur mit uns (wenn wir die Kanzlerin oder den Kanzlerin stellen)“ in den Wahlkampf ziehen. Aber das ist kein Claim …

… und auch ein bisschen lang.

Mit dem isolierten Claim wie im Jahr 2013 wäre ich vorsichtig. Wenn man die Emotionen mal weglässt, dann stimmt der Claim natürlich. Denn ohne uns würde es auch nicht gehen. Unser Ruf in der Community hat gelitten. Aber: Wenn man mal die Geschichte ansieht, und es fängt bei August Bebel und seiner Unterstützung für Magnus Hirschfeld (die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld feierte gerade ihren 5. Geburtstag – MÄNNER-Archiv) an. Der Paragraph 175 wurde auf Betreiben der SPD entschärft, erstmals 1969, zum zweiten Mal 1973. Auch die Einführung der Eingetragenen Lebenspartnerschaft schreiben sich immer viele andere auf die Fahnen, was nach meinen internen Recherchen aber nicht stimmt. Die Grünen allein hätten es nicht geschafft – auch nicht mit der CDU, wenn es denn die Möglichkeit einer solchen Koalition gegeben hätte. Ohne die SPD verändert sich nichts für die LGBTI-Community. Darum haben wir als SPDqueer jetzt beschlossen: Kein Koalitionsvertrag mehr, an dem die SPD beteiligt ist, ohne die Forderung nach einer Eheöffnung. Wir hoffen, dass sich diese Haltung auch in der Partei insgesamt durchsetzen lässt.

Titelbild: SPD Berlin


2 Kommentare

  1. Bernhard Kreiner

    bringt nur was wenn die homophobe und sopmit rassistische gesetzgebung verbessert wird und homosexuelle nirgends mehr schlechter gestellt werden- ansonsten ist der nur der rassistisch und schlechtergestellter volksvertreter- warum politiker sich selbst schlechter stellen oder es parteikollegen so antun nun ja rassismus im bundestag nix neues


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