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„Diplomatie war nie meine Stärke”

Vor 25 Jahren outete Rosa von Praunheim Hape Kerkeling und Alfred Biolek

Es ist jetzt 25 Jahre her: Am 10. Dezember 1991 trat Rosa von Praunheim in der Sendung „RTL Explosiv – Der heiße Stuhl“ auf und outete die prominenten TV-Lieblinge Alfred Biolek und Hape Kerkeling. MÄNNER wollte wissen, wie die Sendung damals zustande kam, und sprach mit Rosa und dem Moderator der Sendung, Ulrich Meyer. Kerkeling stand für ein Interview leider nicht zur Verfügung.

Rosa, wie spontan war Deine Entscheidung, Biolek und Kerkeling im Dezember 1991 in „RTL Explosiv – Der heiße Stuhl“ zu outen?

Ich habe Hape einen Tag vor der Sendung angerufen, er war gerade beim WDR, und ihn gefragt, ob er sich bekennen würde. Und da meinte er: vorerst nicht. Zu dem Zeitpunkt war ich aber noch nicht sicher, ob ich es machen würde in der Sendung. Das hat sich da erst entschieden. Biolek kannte ich, ich war ja auch in seinen Sendungen. Beiden hat es ja nicht geschadet. Im Gegenteil, ich würde sagen, dass es sogar die Sympathie noch verstärkt hat für beide. Und beide haben sich ja auch Jahre später positiv geäußert.

Hast Du Biolek auch vor der Sendung angerufen?

Nein, habe ich nicht. Bio kannte ich persönlich und wusste, dass er schwul ist. Bei Hape war ich mir nicht sicher. (In einer MÄNNER-Umfrage gab die Mehrheit der User an, dass Zwangsouting unter bestimmten Voraussetzungen erlaubt ist – MÄNNER-Archiv)

Die Leute starben, und das hatte eine Bedeutung

Was genau hat Dich bewogen, die beiden in der Sendung zu outen?

Es war so, dass in der Nacht vor der Sendung Andreas Salm gestorben ist, ein sehr wichtiger AIDS-Aktivist. Und da dachte ich, es geht so nicht weiter. Ich war ja in der Zeit in vielen Talkshows und wollte nicht bloß glamourös rumtingeln. Die Leute starben, und das hatte eine Bedeutung. Ich dachte, dass es hilfreich ist, Sympathieträger zu outen. In Amerika hat man das damals gemacht und Plakate von schwulen Schauspielern in New York aufgehängt.

Du hast damals viel in Amerika gearbeitet und Filme gemacht.

Ich habe dort das massenhafte Sterben erlebt, in New York hauptsächlich, und später auch in Deutschland. Auch hier habe ich viele Filme dazu gemacht (2015 erhielt Rosa das Bundesverdienstkreuz – MÄNNER-Archiv). „Ein Virus kennt keine Moral“ oder „Feuer unterm Arsch“. Mir war Präventionsarbeit als Schwulenaktivist sehr wichtig. Sogar bekannte Sexualwissenschaftler haben sich damals lustig über Prävention gemacht. Es hieß: Nicht der Virus macht krank, sondern die Presse. Oder: Jeder hat das Recht auf AIDS. Das fand ich eben nicht. Sondern jeder hat das Recht auf Prävention und Aufklärung.

Rosa von Praunheim

„Akte”-Moderator Ulrich Meyer (Foto: SAT.1/Oliver Ziebe)

Wir waren damals mit dem Film „Feuer unterm Arsch“ in Bremen in der Szene und trafen viele junge Männer, die alle von Prävention nichts wissen wollten. Zwei Jahre später war ich wieder da, da war die Hälfte von ihnen tot. Das alles hat mich psychisch sehr belastet – das Leid von vielen Leuten, die gestorben sind. Ich wusste, dass mir das Outing schaden kann, aber ich fand es wichtig.

Würdest Du das heute auch noch so sagen?

Ich glaube, es hat sich durch mein Outing journalistisch etwas verändert. Es wurde dann selbstverständlicher über Schwule berichtet. Irgendwo hat die Presse begriffen, dass man schwules Leben nicht nur journalistisch  aufbereiten kann, wenn es ein Problem ist – wie etwa beim Tod des Schauspielers Rock Hudson. Es war der Anfang, Schwule ernst zu nehmen, als sie massenhaft starben. Ich schreibe das ein bisschen mir zugute, dass sich dadurch was geändert hat. Es gibt ja mittlerweile in jeder Fernsehserie schwule Charaktere, ohne das zu problematisieren oder es tragisch darzustellen. Ein paar Jahre später wurde ich auch wieder positiver gesehen.

Du hast aber nach der Sendung 1991 viel Kritik einstecken müssen.

Für mich war sehr verletzend, dass viele mich in der Presse beschimpft haben, die vorher pro Outing waren und sich schnell zurückzogen und die Seite wechselten, als breite Kritik aufkam. Da hatte ich manchmal das Gefühl, dass es auch eine gewisse Eifersucht gab. Ich hatte keine Solidarität mehr. Es gab Leute, die vorher auf meiner Seite waren, aber nach dem Outing brach das alles ab. Ich stand allein da und wurde angegriffen, von Schwulen und von Heteros. Das hat sehr wehgetan, gerade wenn es von Freunden kam.

Gab es gar keine Zustimmung?

Die SUPERillu hat damals eine Geschichte veröffentlicht mit der Schlagzeile „Viele wollten Rosa umbringen“ – dazu wollten sie auch meine Adresse abdrucken. Aber ich hatte einen Freund in der Druckerei, der hat dann die Hausnummer umgedreht, damit die potenziellen Mörder zur falschen Adresse gehen. Also, es gab auch Solidarität bei einer kleinen Gruppe.

Aber die Mehrheit war aufgebracht.

Es gab sogar Beschlüsse auf Konferenzen bei Sendern, mich nicht mehr einzuladen in Talkshows. Meine Existenz als Filmemacher war gefährdet. Das war schon bitter. Das ging aber gar nicht so lange. Mein Film „Ich bin meine eigene Frau“ von 1992 kam sehr gut an. Insofern konnte ich wieder mit Erfolg punkten … Aber Diplomatie war nie meine Stärke.

Der Moderator der Sendung, Ulrich Meyer („Akte”, Sat.1), erklärt gegenüber MÄNNER: Das war vor der Sendung anders abgesprochen.

„Mich hat das noch lange beschäftigt, ich habe mir Vorwürfe gemacht: Da hast du ins Privatleben von Menschen eingegriffen, die du noch dazu schätzt. Selbst wenn Journalisten nicht aktiv handeln, so ist es auch nicht ihr Recht, so etwas zuzulassen! Ich habe sehr mit mir gehadert. Erklärst du dich den beiden? fragte ich mich. Schreibst du ihnen?”

Wie er sich entschieden hat, steht in MÄNNER 12.2016.

Titelbild: Bernhard Musil


20 Kommentare

  1. Manfred Barmer

    Objektiv gesehen, war es schäbig, was Praunheim gemacht hat. Im Nachhinein gesehen, war es aber das Beste, was Biolek und Kerkeling passieren konnte. Selbst hätten die ihr coming out wohl nie hinbekommen. Da hatten beide zu viel Angst.

  2. Thoman Mueller

    War umstritten aber es hat genützt. Vor allem im Kontext der Aidskrise. Ichpersöblich verstehe die Aufregung um Outen nicht so ganz. Es geht um Homosexualität, etwas ganz Normales. Nicht um Verwerfliches, was zu Tage befördert wird. Wenn selbst wir Schwulen das nicht so sehen, können wir es von anderen auch nicht erwarten.

  3. Dennis Hartmann

    Ich werde wohl nie begreifen, was die Menschen so interessant daran finden zu wissen, welche sexuelle Orientierung ihr Gegenüber hat…. Das geht doch niemand etwas an!! Aber gerade heterosexuelle Menschen scheint das ganz besonders an homosexuellen Menschen zu interessieren. Dabei spielt es für mich keine große Rolle, ob es sich um eine öffentliche Person handelt oder nicht.

    Denn auch ich habe schließlich Erfahrungen durch mein Zwangs-Outing gemacht — im September 2017 ist das auch schon 20 Jahre her!! Ja, Eltern können grausam sein!! Leider hat sich an dieser Situation für die homosexuellen Jugendlichen und jungen Erwachsenen bis heute kaum etwas zum Positiven geändert.

    Es gibt noch viel zu tun für uns.

  4. Ingo Ronny Sellin-Wortmann

    Damals war Outing richtig und notwendig! Wir wären heute nicht so weit ohne Rosas kontroversen Schritt. Jader Homosexuelle muss stellung beziehen. LGBTI ist immer auch eine politische und gesellschaftliche Verantwortung und Verpflichtungen für jeden!

  5. Dee Dee - Author

    Zwangsouting ist absolut daneben. Das nutzt auch keiner „Sache”. Wer das macht, ist einfach nur eine kleine schäbge Petze. Da hat auch kein Schwuler, keine Lesbe etc. irgendeine Verpflichtung. Das ist einfach nur die private Sache desjenigen/derjenigen.

  6. Felix Schnieder

    homo ist kein hobby und keine krankheit, die mehrheit weiss immer noch zu wenig davon. sexualitaet, orientierung (die meisten verwechseln diese mit praxis) und sichtbarkeit sind politisch, deswegen ist outing richtig, gerade bei oeffentlichen figuren od meinungsmachern.


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