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„Ich bin vorsichtig optimistisch“

Der ukrainische LGBTI-Aktivist Andrij Maymulakhin sieht Fortschritte in seiner Heimat

Es ist sein 47. Geburtstag, an dem Andrij Maymulakhin auf Einladung von Amnesty International in Köln über die Lage von LGBTI in der Ukraine spricht. Der Aktivist lacht viel, vor allem, als er von seinem ersten Besuch in Köln 2002 erzählt:  Er sei eigentlich auf dem Weg in die Niederlande gewesen und hat nur zufällig Halt am Rhein gemacht. Dort war Europride. „Ein großartiger Zufall.“

Seit Mai war geplant, dass der LGBTI-Aktivist im Herbst nach Deutschland kommt. In Berlin hat er sich mit dem Menschenrechtsausschuss des Bundestages getroffen, um auf die Menschenrechtslage in der Ukraine aufmerksam zu machen. „Deutschland spielt eine wichtige Rolle, den Konflikt im Osten des Landes zu lösen, aber dabei werden andere Probleme im Land vergessen.“

Der Euromaidan änderte viel

Denn auch wenn sich seit dem Euromaidan, den die Ukrainer im Nachhinein lieber „Revolution der Würde“ nennen, sehr viel getan hat, steht das Land gerade erst am Anfang einer Liberalisierung. Vor den Bürgerprotesten Ende 2013, so erinnert sich Andrij Maymulakhin, seien Homosexuellenrechte immer ein Schreckgespenst gewesen, mit dem die Politiker vor einer Öffnung nach Westen warnten.

In einer seiner letzten Reden vor seinem Rücktritt habe Ministerpräsident Mykola Asarow sein Volk alarmiert: „Wisst ihr, was die europäische Integration mit sich bringen wird? Eine verpflichtende Homo-Ehe!“, so erzählt es Andrij Maymulakhin im Gespräch mit MÄNNER.

Der 47-Jährige hat vor 18 Jahren die LGBTI-Nichtregierungsorganisation „Nash Mir“ („Unsere Welt“) gegründet, um Gewalt gegen Nicht-Heterosexuelle zu beobachten und sich für LGBTI-Rechte starkzumachen.

Anti-Propaganda-Gesetz wurde in zweiter Lesung gestoppt

Seitdem ist viel passiert in der Ukraine, das als erster post-sowjetischer Staat Homosexualität bereits 1991 legalisierte. So konnte, auch unter Druck von westlichen NGOs, ein Anti-Propaganda-Gesetz nach russischem Vorbild 2013 gestoppt werden. Das Parlament hatte es in erster Lesung noch angenommen, verabschiedete es in zweiter Lesung jedoch nicht.

„Das war ein positiver Effekt von Russlands Aggressionen“, sagt Andrij Maymulakhin und lacht dabei gequält. Denn so homophob wie der große Nachbar im Osten wollte sich die Ukraine dann doch nicht darstellen, erklärt er.

Polizei ist mittlerweile auf der Seite der LGBTI

Im Gegenteil: Vor einem Jahr wurde ein Gesetz verabschiedet, das die Diskriminierung am Arbeitsplatz aufgrund von Alter, Nationalität, Herkunft und sexueller Orientierung verbietet. „Das war ein sehr wichtiges politisches Statement“, sagt der Aktivist, „denn damit hat die Regierung anerkannt, dass es diese Probleme überhaupt gibt.“ Darüber hinaus ist es das erste Gesetz, das die sexuelle Orientierung und die Geschlechtsidentität ausdrücklich nennt.

Zum Positiven verändert hat sich auch die Zusammenarbeit mit der Polizei, nachdem sie von der Regierung umstrukturiert wurde. Früher war Polizeigewalt noch auf Platz 1 der Hasskriminalität gegen LGBTI gestanden, erklärt Andrij Maymulakhin. Das Bild hat sich deutlich geändert, sagt der Aktivist: Die Polizei schütze jetzt Menschenrechte, wozu sie auch die LGBTI-Community zählt. „Das ist ein gutes Beispiel, dass es vorangeht. Das habe ich vorher nie erlebt.“

Zur Öffnung in Richtung Westen gehören auch Menschenrechte

Gemerkt hat der 47-Jährige das etwa beim diesjährigen Pride in Kiew, den die Polizei umfassend gesichert hat. Nachdem der Equality March 2014 abgesagt und es im letzten Jahr zu Auseinandersetzungen kam (MÄNNER-Archiv), nahmen dieses Jahr 1500 Menschen teil.

Warum der Aktivist glaubt, dass die Ukraine in einem Jahrzehnt so liberal wie Westeuropa ist, steht auf der nächsten Seite.


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