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„Ich dachte, der Sex kommt irgendwann“

Wer mit 25 weder eine romantische Beziehung erlebt hat, noch sexuell aktiv war, gehört zu den „Absolute Beginners“

Gibt es sie eigentlich, die schwule Jungfer? Er ist der lebende Beweis: jung, schwul und völlig unerfahren. Seine Geschichte steckt voller Leid und Widersprüche

„Zu meinem 18. Geburtstag schenkten mir meine Freunde ein Buch über Sex, eine Packung Kondome und eine Grußkarte mit guten Wünschen zum neuen Lebensjahr und ‚hoffentlich viel Praxis‘. Ich habe die Karte noch. Die Kondome auch.“ Christian* ist groß, blond und ein sympathischer Mann. Er spielt ein Instrument und macht Musik vor großem Publikum, hat gerade das zweite Staatsexamen hinter sich gebracht und steht am Anfang seiner Berufslaufbahn als Jurist. Eigentlich könnte er rundum zufrieden sein, wäre da nicht diese eine Sache in seinem Leben: Christian ist 31 und noch immer sexuell unerfahren.

Im Durchschnitt erleben die Deutschen zwischen 16 und 17 Jahren ihr erstes Mal. Die einen ein bisschen früher, andere ein bisschen später. Wer aber mit über 20 oder gar 25 weder eine romantische Beziehung erlebt hat, noch sexuell aktiv war, der gehört zu den „Absolute Beginners“ (benannt nach dem Song von David Bowie) und fällt nicht nur durch das gesellschaftliche Raster, sondern oft auch in ein psychologisches Loch. Denn absolute Beginner (ABs) entscheiden sich nicht bewusst dafür, Single zu sein, sondern haben unfreiwillig keinen Partner. Die Gründe dafür sind vielfältig. (Andere entscheiden sich für die Polyamorie – MÄNNER-Archiv)

Ich dachte, das mit dem Sex kommt doch irgendwann

„Mir fehlten Vorbilder“, ist Christian überzeugt. „Ich habe zwar irgendwann in der Pubertät gemerkt, dass ich auf Jungs stehe, aber niemals etwas damit anfangen können.“ Die ersten romantischen Beziehungen seiner Klassenkameraden tat er als „pubertäres Verhalten“ ab. Er stünde drüber, dachte er. Aus allen Wolken fiel er, als er feststellte, dass es auch bei seinen engen Freunden zur ganz normalen Realität gehörte, dass sie sexuelle Erfahrungen sammelten. „Bis dahin dachte ich, das mit dem Sex kommt doch irgendwann. Aber dann habe ich gemerkt, dass bei mir offenbar irgendetwas nicht stimmt, dass ich den Anschluss zu verlieren drohe.“  Um sich selbst zu rechtfertigen, behauptete er als Jungendlicher, erst Sex haben zu wollen, wenn er verheiratet ist. Christian nahm sich vor, ein „guter, heterosexueller Mann“ zu werden, an seinem Aussehen zu arbeiten und mehr auf Frauen zuzugehen.

So schipperte er nicht nur durch die Oberstufe, sondern auch durch die ersten Semester des Studiums, obwohl ihm ein offen schwuler Mitschüler sogar Sex angeboten hatte. Die Angst davor, schwul zu sein, war stärker. Stattdessen traf Christian Frauen, die er sympathisch fand – aber nie mehr als das. „Ich habe es mir immer damit erklärt, dass meine Reizschwelle vielleicht so hoch ist, dass ich es nicht schaffe, mehr aus diesen Signalen zu machen.“ So verstrichen weitere Jahre. Erst 2013 – im Alter von 28 – ließ Christian den Gedanken zu, auf Männer zu stehen. Und er begann, zu recherchieren. „Ich habe gegoogelt, weil ich wissen wollte, wie normal es ist, in diesem Alter noch keine Erfahrungen zu haben. Ich wollte einen festen Grenzwert für mich finden. Dabei bin ich auch auf den Begriff ‚Absolute Beginners‘ gestoßen.“

Die schwule Szene in seiner Wahlheimat Berlin empfindet er als etwas Großes, dem er sich nicht zugehörig fühlt

Im Zeitalter der virtuellen Vernetzung haben ABs die Möglichkeit, in Foren mit Gleichgesinnten in Kontakt zu treten. Schwule Beginners sucht man in diesen Netzwerken jedoch vergeblich – das zumindest ist Christians Erfahrung. „Alle Geschichten sind heterosexuell. Es gibt schlicht keine schwulen Männer, die sich dazu bekennen.“  Christian chattet viel. Durch Planet Romeo schwirrt er allerdings nur unsichtbar, reagiert paralysiert auf Kontaktaufnahmen von außen und hofft beim Durchstöbern der Nutzerprofile „auf irgendetwas, das über die Fakten hinausgeht. Irgendetwas was mich anspricht.“ Dass das nicht ohne Initiative geschehen wird, klammert er aus. (Ein Song über den Grindr-Frust – MÄNNER-Archiv) Die schwule Szene in seiner Wahlheimat Berlin empfindet er als etwas Großes, dem er sich nicht zugehörig fühlt. „Die meisten grenzen sich nach außen stark ab und gehen nach innen ziemlich gemein miteinander um. Es geht sehr viel um Körper und Attraktivität und Menschen werden aussortiert.“

16 Jahre schwule Biografie fehlen

Ihm selbst fehlen 16 Jahre schwule Biografie, die ihm andere Männer in seinem Alter voraushaben. Das schüchtere ein, so Christian. Sein Wunsch nach einer Beziehung steckt voller psychologischer Wiedersprüche. Diskotheken scheut er aus dem gleichen Grund, der ihn Dating-Apps ablehnen lässt: Er möchte keinen Smalltalk, sondern eine tiefere Verbindung zu einem Menschen. Dass diese aber erst durch das langsame Kennenlernen möglich wird, scheint in seiner Vorstellung keine Option zu sein. Auch an bloßen One-Night-Stands ist er nicht interessiert: „Ich habe Angst in eine Situation zu kommen, in der jemand Sex von mir möchte, und dann enttäuscht davon ist, dass ich nicht weiß, wie ich mich verhalten, wo ich ihn anfassen soll oder wo ich gern angefasst werde.“

Der vollständige Artikel steht in MÄNNER 1.2017 (zum Shop!)

www.absolute-beginner-wiki.net
www.abtreff.de

*Name von der Redaktion geändert


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