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„Alle sollen zu sich stehen können“

Andrea Hintermaier beschäftigt sich als heterosexuelle Schauspielerin und Regisseurin intensiv mit LGBTI-Themen

von Sebastian Lühn

Ihr Werdegang liest sich so spannend wie der vieler rastloser Künstlerinnen: Die Österreicherin Andrea Hintermaier (38) wuchs als Tochter eines Fußballprofis in Nürnberg auf, studierte in Erlangen Theaterwissenschaften, um danach auf die Schauspielschule nach Berlin zu wechseln. Nach ihrer Ausbildung spielte sie bundesweit auf Theaterbühnen und gründete mit „Young Talents“ eine Schauspielschule für Kinder und Jugendliche in Berlin, Nürnberg und Braunau. Inzwischen arbeitet sie auch regelmäßig in New York City und setzt sich künstlerisch mit LGBTI-Themen auseinander.

Andrea, was treibt Dich an, Dich filmisch mit LGBTI-Themen zu beschäftigen?

Ich bin in den 80ern in Bayern groß geworden, da gab es eigentlich gar keine Schwulen und Lesben. (lacht) Aber ich hatte immer schon eine mir unerklärliche Neugier auf das Thema. Ich war als Kind in der katholischen Kirche und erinnere mich, dass ich schon in jungen Jahren mit dem Pfarrer stritt, warum Männer keine Männer heiraten dürfen. Dass es eine Ungleichheit unter gleichen Menschen gibt, das wollte mir einfach nicht in den Kopf. Und das will es immer noch nicht.

Wie fand dieser Eindruck Zugang in Deine künstlerische Arbeit?

Das Thema manifestierte sich in den kommenden Jahren. Auf der Uni hatte ich eine offen lesbische Dozentin, die intensiv in Gender Studies forschte und Seminare dazu hielt, was mich begeisterte. Ich lernte viele neue Leute aus der Community kennen, fand viele Freunde. Ich hörte von Anfeindungen, Ausgrenzungen, manche waren gar von ihrer Familie verstoßen worden, weil sie sich geoutet hatten. Spätestens da wusste ich: Das ist ein Thema, damit muss man sich auch künstlerisch auseinandersetzen!

Wie sah das aus?

Bereits in meinem ersten Studium in Erlangen konnten wir sehr frei mit Theater und anderen Medien arbeiten. Ich wählte zunächst einen grundsätzlicheren Zugang, der Ausgrenzung generell umfasste. Ich beschäftigte mich zum Beispiel mit den „Vagina Monologen“ von Eve Ensler, die weibliche Sexualität enttabuisieren und Frauen helfen können, zu sich und ihrer Sexualität zu stehen. Wir erarbeiteten viele Ausgrenzungsthemen in verschiedenen Stücken und Kurzfilmen. Aber am nächsten waren mir die Geschichten meiner LGBTI-Freunde und die Probleme, die sie hatten, die Hürden, die ihnen die Gesellschaft und sie sich selbst in den Weg stellten. Ihre Angst, sich ihrer Sexualität zu stellen. Da merkte ich, dass „schwul/lesbisch“ von meinem Standpunkt aus die beste Metapher ist, weil in unserer Gesellschaft einfach einer der krassesten und populärsten Hinweise auf unterschiedliche Behandlung von Individuen.

Ich möchte nicht in einer Welt leben, in der Menschen von anderen Menschen in Gruppen eingeteilt werden

Worum geht es Dir in Deiner Arbeit?

Mir geht es um den Abbau von Labels. Ich möchte nicht in einer Welt leben, in der Menschen von anderen Menschen in Gruppen eingeteilt werden. Oder sich selbst einteilen. Ich möchte, dass jeder Mensch zu sich stehen kann und ihm individuell begegnet wird. Dass Vorurteile durch Kommunikation und unvoreingenommene Begegnung abgebaut werden, dass man Verständnis füreinander schafft. Seltsame Ängste entstehen doch oft nur, weil man ihre vermeintlichen Auslöser nicht kennt.

Andrea Hintermaier

Du hättest also am liebsten keine Communitys?

Ich verstehe den Sinn dahinter total. Es stützt und gibt Sicherheit, sich in Communitys zu bewegen. Und aktuell muss es sie sicher noch geben. Aber langfristig wäre es doch schön, wenn man sie nicht mehr braucht. Wenn es keinen deutschen Stammtisch in Manhattan mehr gibt, keine Feministinnengruppe und keinen schwulen Weihnachtsmarkt, sondern einfach nur einen Weihnachtsmarkt, wo jeder akzeptiert wird wie er ist.

Das klingt noch ein wenig utopisch.

Aber es ist ein Ziel. Vieles auf dieser Welt läuft doch falsch, weil es zu viel Unverständnis für das Unterschiedliche gibt. Es gibt den populären Begriff „Diversity“, der die Vielfalt zum Beispiel in einer Gesellschaft beschreibt und der mein Anliegen ganz gut zusammenfasst. Es ist ein generelles Problem der Menschen, Vielfalt nicht zu schätzen und nicht als Chance zu sehen. Damit meine ich nicht nur LGBTI, wir alle sollten aufhören uns zu normen. (Viele LGBTI-Jugendliche in den USA sind obdachlos, Lady Gaga besuchte sie vor kurzem – MÄNNER-Archiv)

Dein Kurzfilm BRUNO über zwei schwule Jugendliche hatte dieses Jahr Premiere auf dem „Out of Film“-Festival in Atlanta und lief erfolgreich auf weiteren internationalen Festivals. Du hast ihn geschrieben, führst Regie und spielst auch mit. Wie kamst Du auf die Idee?

Ich unterrichte Kinder und Jugendliche in Schauspiel-Workshops und eines Tages, wir machten gerade Improvisationen, hatten zwei 14-jährige Jungs die Idee, ein schwules Paar zu spielen. Der eine sollte dem anderen offenbaren, dass er sich verliebt hat. Das waren zwei pubertierende Teenager, die eigentlich sehr auf ihre neu entdeckte Männlichkeit konzentriert waren – und sie wollten das spielen! Das hat mich sehr inspiriert und kurz darauf begann ich diese Erfahrung im Buch umzusetzen.

Mir gefällt an Deinem Film, dass er sehr zart und leise erzählt und man zwischen den Zeilen lesen muss, es wird wenig über den Dialog gelöst.

Man kann schon sagen, dass das meine Handschrift ist. Es muss nicht immer alles beim Namen genannt werden. Manchmal wirken Botschaften im Film über das reine Spiel und die Interpretation subtiler und nachhaltiger als die klar ausgesprochene Parole.

Was ist Dein nächstes Projekt?

Eine Theaterkooperation zwischen Atlanta und Nürnberg. Wir vermengen LGBTI- mit Flüchtlings- und anderen Community-Themen, erzählen Geschichten anhand einzelner Schicksale und wollen den Figuren so direkter begegnen, sie nicht innerhalb ihrer Gruppierung sehen, sondern als einzigartige Menschen. Quasi grenzübergreifend Grenzen abbauen. Aktuell entwickeln wir aber noch.

Dass es in Deutschland immer noch keine Ehegleichstellung gibt, ist skandalös

Du beschäftigst Dich nun schon sehr lange mit der Thematik, hast Du im Laufe der Jahre Veränderungen im künstlerischen Umgang festgestellt?

Ich finde es schön, dass LBGTI-Themen immer mehr Zugang in die Populärkunst bekommen. Schwule, lesbische, auch Trans-Charaktere können zum Beispiel in TV-Serien inzwischen ganz selbstverständlich erscheinen, ohne dass sie innerhalb ihres Labels erzählt werden. Das ist ein großer Schritt. Ich hoffe, das hat Einfluss auf die Gesellschaften, da gibt es nämlich noch viel zu tun. Dass es in Deutschland immer noch keine Ehegleichstellung gibt, ist skandalös.

Im Abspann Deines Films „Bruno“ dankst Du auch dem Universum.

Das Universum sehe ich als allumfassende Energie, die uns alle verbindet. Als ich „Bruno“ drehte, hat diese Energie mir sehr geholfen. Es fügte sich alles zusammen. Ich vertraue darauf, dass wir alle unseren kleinen Beitrag dazu leisten können, diese Welt zu einem besseren Ort zu machen. Das beginnt damit, jedem deiner Mitmenschen freundlich und respektvoll zu begegnen. Man muss Gutes tun, um Gutes zu bewirken, damit Gutes zurückkommt. Das versuche ich als Künstlerin und als alltäglicher Mensch.

„Bruno“ läuft in Berlin als Vorfilm von „Die Mitte der Welt“ (MÄNNER-Archiv)

Fr 16.12. 18.15 Uhr
Sa 17.12. 18.00 Uhr
So 18.12. 18.00 Uhr
Mi 21.12. (Internationaler Kurzfilmtag) 19.00
Ort: Sputnik Kino, Hasenheide 54, Berlin 

Fotos: Andrea Hintermaier


3 Kommentare

  1. Dirk Döring

    Sie redet davon, Labels abschaffen zu wollen . Was für ein Blödsinn ! Labels sind doch wichtig. Sie sind doch teil einer Persönlichkeit. Wie soll ein Mensch sich denn beschreiben, ohne Labels? Sie nennt das Beispiel mit dem „Schwulen Weihnachtsmarkt“. Der „Weihnachtsmarkt“ an sich, ist doch auch schon ein Label. Warum sagt man nich einfach nur „Markt“ ? Labels sind wichtig, sie beschreiben die Vielfalt in dieser Welt und ohne sie wären wir alle gleich geschaltet. Und das will niemand. Das eigendliche Problem sind die Menschen, die Labels negativ missbrauchen. Darum sollte man sich mal kümmern. Warum dreht man nicht einmal einen Film, wo das Thema Schwul, Lesbisch, Trans oder was auch immer, nicht als Problem dargestellt wird ? Aber nee, da stellt sich jemand hin und redet darüber „Labels“ abschaffen zu wollen und suggeriert damit, das Schwul,Lesbisch usw, was schlimmes ist und man das abschaffen muss .

  2. Michael Sadewater

    Wenn du richtig gelesen hättest würdest du wissen, dass sie Labels nicht grundsätzlich ablehnt, sondern sich wünscht, dass wir ohne diese Vorverurteilung, die ein Label mit sich bringt, zusammenleben können. Sie kritisiert doch auch nur, dass die Schutzräume der Community auf langer Sicht der gesellschaftlichen Integration schaden würden, wenn kein grundlegendes Umdenken stattfindet.

  3. Dirk Döring

    Michael Sadewater Ist ja schon eine Frechheit, die Leute hier als dumm darzustellen. Ich habe es schon richtig gelesen! Und ich habe es so verstanden, wie ich es kommentiert habe. Wenn Du das anders siehst, dann diskutiere vernünftig und versuche nicht erst einmal dein gegenüber als dumm darstehen zu lassen.


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