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Der Traumtänzer

Roger Neves gehört zum Ensemble des Badischen Staatsballetts in Karlsruhe

Roger William Arce Neves hat nicht nur drei Vornamen, sondern auch das breiteste Lächeln am ganzen Badischen Staatsballett. Zumindest als wir den 24-Jährigen zum Interview trafen und nach seinen ersten Bühnenerfahrungen fragten. Die Elefantendame „Lady“ kommt da sofort ins Gespräch – seine erste Showpartnerin. „Lady war unglaublich süß und ziemlich clever. Ich hatte ungeheuer viel Spaß dabei, jeden Tag auf einem Elefanten zu reiten.“

Roger ist ein Traumtänzer auf seinem Weg durch die Weltgeschichte. War er schon immer. Seit er denken kann. 1992 erblickte der verschmitzte Lockenkopf – die zu 100% keine Wasserwellen sind – mit den brasilianischen Wurzeln in Burnley, England, das Licht der Welt – als jüngstes Mitglied einer waschechten Zirkusfamilie. Immer im Schlepptau der Eltern, bummelte Roger in praktisch allen Ländern in Europa und Nordafrika. Als die Familie nach Brasilien zurückkehrte, gastierte der Zirkus alle zwei, drei Wochen in einer anderen Stadt. So lernte Roger das Rampenlicht kennen – und lieben.

Im Jockstrap zur Arbeit

Wie jeder andere Vollzeitarbeitnehmer, geht er seiner Arbeit acht Stunden am Tag nach. Anders als die meisten, tut er dies im Jockstrap – damit die Glocken nicht läuten und alles schön beisammen gehalten wird unter der engen Strumpfhose. „Als ich klein war, gab es für uns eher so feste Babywindeln. Einmal bin ich heimlich in den Jockstrap eines Bekannten gestiegen und fand das Gefühl ziemlich toll. Das Teil aber ab einem gewissen Alter acht Stunden lang zu tragen, macht keinen Spaß. Aber okay: Die Frauen haben spitzere Schläppchen und wir Männer eben einen Suspensorium [kurz: „Susi"]. Das ist wohl ausgleichende Gerechtigkeit.“

Eigentlich sollte ich nur ein bisschen Trampolinspringen und dabei niedlich aussehen

Das Zeug zum Tanzen glaubt, er seiner Mutter zu verdanken, einer ehemaligen Eiskunstläuferin. Als der Zirkus immer weniger einbrachte, entschloss sich die Familie, vom Nomadenleben Abschied zu nehmen und zu den Großeltern nach Argentinien zu ziehen. Der Weg zu seiner wahren Leidenschaft führte den kleinen Roger damals über einen fürchterlichen Umweg: „Meine zweite Nummer im Zirkus bestand in Trampolin-Akrobatik. Eigentlich sollte ich nur ein bisschen springen und dabei niedlich aussehen. Aber ich hatte schreckliche Angst und viel mehr Spaß daran, wie ein Verrückter zu tanzen“, erinnert sich Roger. „Eines Abends sollte ich eine Rückwärtssalto machen und war wie erstarrt. Mein Vater entschuldigte sich beim Publikum und ließ mich stattdessen das tun, was ich immer wollte: tanzen.“ Und so schwang Roger die Hüften unter seinem kleinen Tarzan-Lendenschurz und sich selbst in die Herzen der Zuschauer.

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Schließlich wurde Rogers Tante, eine Ballettlehrerin, auf den kleinen Ballerino aufmerksam und schlug vor, ihn an der Ballettschule vortanzen zu lassen – gegen den Wunsch seines Vaters. Als einer von zwei Jungen lernte er das elegante Tippeln und Drehen. „Ich liebte mein ausgefülltes Leben. Ich war neun, als ich an der berühmten russischen Ballettschule Bolshoi angenommen wurde [<[gemeint ist die Dependance in Brasilien, Anm. d. Red.]Eins von tausenden von Kindern. Ein einziges großes Abenteuer.“ Ab diesem Moment wurde es ernst: Für Rogers Entscheidung zog die ganze Familie zurück nach Brasilien und zurück in den Wohnwagen, wie in alten Zeiten. Und aus Rogers Hobby, wurde eine Disziplin. „An der Schule gab man uns ein zehnseitiges Regelwerk. Es wurde erwartet, dass wir exzellente Schüler waren – im Ballett und im Lehrstoff. Wenn wir nicht gut genug waren, durften wir nicht an den Schulaufführungen teilnehmen. Und wenn wir durchfielen, bedeutete das den Rauswurf.“

Stipendium in Rio de Janeiro

Eine anstrengende Zeit im Takt von Klavierunterricht, Musiktheorie, Tanzgeschichte, Schauspielnachhilfe, Gymnastik, historischem Tanz und Charaktertanz. Sieben Jahre ließ er sich an der renommierten Ballettschule ausbilden, dann brach er ab, weil man ihm ein Stipendium an einer Privatschule in Rio de Janeiro anbot. „Das war eine wirklich wichtige Entscheidung in meinem Leben, die meine Eltern nicht nachvollziehen konnten. Ich war gerade einmal fünfzehn, aber hatte das Gefühl, dass ich an der Ballettschule nur meine Zeit vergeudete.“ Nach langen Diskussionen willigten die Eltern ein und organisierten den Umzug im eigenen Auto – 15 Stunden Fahrt von Joinville nach Rio.

Er sagte, dass er immer gewusst hatte, dass ich anders sei

„Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich Heimweh, aber so viel zu tun, dass ich gar keine Zeit dafür hatte. Nur nachts, wenn ich eigentlich schlafen sollte, fühlte es sich schrecklich an.“ Um die Sehnsucht zu bekämpfen, tanzte Roger. Und das nicht nur in Rio, sondern auch in Sao Paulo, Minas Gerais, Espírito Santo, Santa Catarina und als Gastsolist in Miami und Monaco. „Nach meinem Auftritt in Monaco wurde mir Verträge angeboten, in Europa zu arbeiten. Aus all den Angeboten entschied ich mich für Zagreb in Kroatien. Ich war 18, als ich umzog und zum ersten Mal professionell unter Vertrag stand.“ Dies war etwa auch die Zeit, in der der Balletttänzer endlich beschloss, zu sich selbst und seiner Homosexualität zu stehen.(Rio hat jetzt einen homophoben Bürgermeister – MÄNNER-Archiv)

„Eltern kennen ihr Kind. Ich denke, darum hatte mein Vater solche Angst davor, dass ich Ballett tanze. Ich brauchte meiner Mutter nie erzählen, dass ich schwul bin. Trotzdem habe ich immer versucht, es zu verstecken.“ Sein Coming-out hatte Roger schließlich Jahre später über Facebook, als er seinen Beziehungsstatus anpasste und seinen aktuellen Freund gleich mit verlinkte. „Meine Mutter rief mich sofort an und bat mich, dass zu löschen. Sie sagte, dass das nicht die Art wäre, wie man so etwas sagt, und war besorgt darüber, dass die Leute tratschen und sich darüber lustig machen würden. Ich sagte ihr, wenn ihre Freunde sich über ihren Sohn lustig machten, dann sollte sie zweimal über ihre Freundschaften nachdenken.“

Tränen des Vaters

Später besuchte sein Vater ihn, versuchte cool zu bleiben und brach doch in Tränen aus. „Er sagte, dass er immer gewusst hatte, dass ich anders sei. Weil ich das auch wusste, hatte ich nie ein gutes Verhältnis zu ihm. Er gab sich wirklich Mühe, aber ich stieß ihn irgendwie von mir weg, weil ich seine machohafte Art zu denken nicht ausstehen konnte. Am Ende war klar, dass mein Vater mich immer liebte. Er hatte bloß Angst, dass wir absolut gar nichts gemeinsam hätten und dass er mir nie etwas von seiner Welt hätte beibringen können. Aber das war Quatsch.“

Der vollständige Artikel steht in MÄNNER 12.2016

Wer sich von unserem Balletttänzer persönlich überzeugen will, der kann ihn derzeit in dem Ballettstück „Anne Frank“ sehen.
www.staatstheater.karlsruhe.de

Fotos: Admill Kuyler


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