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Meine Hoffnung für 2017

Die lesbische Schauspielerin und Moderatorin Sigrid Grajek setzt auf Vielfalt, Würde und Kompromisse

Sigrid Grajek ist eine Berliner Schauspielerin und Moderatorin. Mit ihren Claire-Waldoff-Abenden erinnert sie an die lesbische Sängerin, die von 1907 bis 1935 ein gefeierter Star auf den Brettern der großen Kabaretts und Varietès war – in Berlin und darüber hinaus. Als Kunstfigur Coco Lorès widmet sich die selbsternannte „Seniorin des gehobenen Amüsements” dem Thema Cocooning.

Nach diesem auf allen Ebenen niederschmetternden Jahr 2016 überhaupt noch Wünsche zu entwickeln, fällt mir außerordentlich schwer. Je näher das Jahresende rückt desto wunschlos unglücklicher werde ich. Bei Lichte betrachtet, scheint nämlich jede Art von Hoffnung auf ein gutes Jahr 2017 „postfaktisch“. Gerade ist diese Buchstabenkette zum Wort des Jahres gekürt worden. Das kann man jetzt als klingenden Schmuck tragen oder sich daran aufhängen.

Wir halten die Luft an, wenn wir Brüssel, Orlando (MÄNNER-Archiv), Nizza, Brexit oder Trump lesen oder hören. Und das sind nur einige wenige Ereignisse, die uns in 2016 durchgeschüttelt, sprach- und ratlos gemacht haben.

Ich glaube, wenn man es ganz einfach ausdrücken möchte, sind wir alle beleidigt, weil wir festgestellt haben, dass sich die Welt tatsächlich geändert hat und weiter verändern wird. Man wusste es irgendwie, aber weil man es trotzdem noch einigermaßen nett hatte, hat man es nicht wirklich geglaubt. Nun glaubt man daran, weil das eigene Leben von der Veränderung berührt wird oder zumindest berührt werden könnte. Man will aber nicht mehr wissen, wie die Dinge zusammenhängen und was Ursache und was Wirkung ist.

Für unseren Jahresrückblick 2016 möchten wir von Dir wissen:

Die Umfrage ist bereits beendet!Hier die Ergebnisse:

Welche Schulnote gibst Du dem Jahr 2016, politisch betrachtet?

Gewalttätige Auseinandersetzungen ragen mehr und mehr in unseren Alltag. Terroranschläge rücken geographisch immer näher, Kriege jedweder Art  treiben flüchtende Menschen kreuz und quer durch die Welt (so helfen Ehrenamtliche queeren Flüchtlingen – MÄNNER-Archiv). Die Bundesregierung rät zur Vorratshaltung. Und das Wetter ist auch nicht mehr das, was es mal war.

Vielfalt

Foto: Guido Woller

Das sichere Wohlgefühl ist gestört und natürlich reagieren die meisten mit Abwehrhaltungen und Einbunkern. Wir haben alle Angst. Vor Verlust, Gewalt,  Verletzung, Tod. Die Nerven liegen blank. Und sobald eine Reibung entsteht durch unterschiedliche Meinungen fangen alle an um sich zu schlagen. Jeder will seine Meinung sagen und respektiert wissen, bringt es aber nicht fertig, die der anderen anzuhören, zu respektieren und zur Not unverstanden stehen zu lassen ohne ihn/sie in Grund und Boden zu brüllen.

Ich finde: Wenn ich einen Menschen scheiße finde, weil er AfDler ist, hat er auch das Recht mich scheiße zu finden, weil ich Lesbe bin. Das wiederum findet der Weltenlauf scheißegal, weil mit solchen Befindlichkeiten die Welt nicht zu bewegen ist.

Wir meinen alle, unser Bauchnabel sei das Zentrum der Welt, weil uns der Arsch angesichts der Weltlage auf Grundeis geht. Wir schlagen um uns, denken die wahrste gefühlte Wahrheit gepachtet zu haben  und jeder fordert für sich den eigenen Schutzraum ein. Für die einen ist das der Nationalstaat, für andere der triggerfreie Sprachraum – um nur zwei Möglichkeiten zu nennen. Diesen und allen anderen Beispielen liegt der berechtigte Wunsch nach gefühlter Sicherheit und gewährleisteter Würde zugrunde.

Es geht, denke ich, um Auseinandersetzungen in der Sache und nicht um die Herabwürdigung des Gegenübers

Es ist erstrebenswert und es wäre wundervoll, wenn jeder – wirklich jeder – Mensch einen solchen Raum um sich hätte, in dem die sichere Würde unantastbar wäre. Ich bin der Überzeugung, dass das jeden Menschen so stark machen könnte, dass allen anderen auf Augenhöhe zu begegnen möglich wäre. (Allerdings bin ich auch so eine alte Naive, die an das Gute im Menschen glaubt)

Es geht, denke ich, um Auseinandersetzungen in der Sache und nicht um die Herabwürdigung des Gegenübers. Der Versuch,  andere klein, schlecht, dumm, falsch, etc. erscheinen zu lassen, bedeutet nur sich größer machen zu wollen. Wer das nötig hat, ist nicht souverän sondern Opfer des eigenen Minderwertigkeitskomplexes. Der hat meistens auch mehr mit Vermutungen und Glaubenssätzen über das eigene Selbst und weniger mit Fakten zu tun.

Geduld und breite Bündnisse

Wenn wir Vielfalt wollen, müssen wir Vielfalt auch aushalten können. Das führt manchmal an die Grenzen des Toleranzvermögens.  Wir müssen lernen, dass Vielfalt mehr ist als das, was uns persönlich in den Kram passt. Wir können auch nicht alles, was wir wollen, auf einmal, jetzt und sofort bekommen. Das ist ein schöner Kinderwunsch und geht komplett an der Realität vorbei.

Im September 2017 sind Wahlen und ich wünsche mir, dass mit der Würde der jeweiligen politischen GegnerInnen*  und der MitstreiterInnen* sorgsam umgegangen wird. Jede/r* soll seine 100%-Forderungen stellen können und dann lasst uns fair feilschen. Wir brauchen Geduld und breite Bündnisse. Das wird nicht ohne Kompromisse laufen.

Ich hätte gerne eine lesbische Kanzlerin und einen Kummerkasten für alte Heteromänner

Es geht um viel. Wir müssen den europäischen Zusammenhalt bewahren, auch wenn es an den Rändern bröckelt. Daran hängen Frieden und Freizügigkeit. Etwas, dass uns selbstverständlich scheint. Ist es aber nicht. Dafür müssen wir mehr tun als meckern.

Ansonsten hätte ich z.B. gerne: Eine lesbische Kanzlerin, eine Rolli-Fahrerin als Verkehrsministerin, einen schwangeren Transmann als Familienminister, einen schwulen Friseur als Modeminister (damit Politik bunt wird und alle aus den grauen Zelten raus kommen, in denen die so ungesund unterwegs sind), einen Kummerkasten für alte Heteromänner und bedingungslose Grundsicherung für alle, sowie Frieden, Freude und Eierkuchen.

Wird es alles nicht geben. Angela Merkel wird wieder gewählt. Oder es gibt einen Meteoriteneinschlag und es entstehen spontan neue klügere Organismen, die die Weltherrschaft übernehmen. Erstmal übernimmt aber Donald Trump am 20.1.2017 die Regierungsgeschäfte in den USA (wenn nicht das Electoral College für eine Überraschung sorgt – MÄNNER-Archiv). Und mir ist flau, wenn ich daran denke.

„Meine Hoffnung für 2017” – von Bertold Höcker (MÄNNER-Archiv)

Titelbild: Shutterstock


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