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Meine Hoffnung für 2017

Deutschland war schonmal weiter, sagt die Publizistin Liane Bednarz

Die Juristin und Publizistin Liane Bednarz (1974) lebt in München. Sie veröffentlicht u. a. im „Tagesspiegel”, in „Christ & Welt”/DIE ZEIT und im „European”. 2014 wurde sie mit dem Feuilletonpreis „Goldener Maulwurf” ausgezeichnet.

 

2016 neigt sich dem Ende zu, das neue Jahr 2017 steht bevor. Der übliche Jahreswechsel, der Silvester-Glamour. Könnte man meinen. Doch etwas ist anders. Sehr viel anders als beim letzten Jahreswechsel, sogar gänzlich anders als bei so vielen letzten Dezemberendtagen in der Vergangenheit. 2017 wird ein sehr entscheidendes Jahr für den bisher liberal geprägten Westen sein. Verstanden als Hort des Schutzes von Individuen, als ein Kollektiv von Ländern, in denen es Abwehrrechte gegenüber staatlichen Eingriffen gibt, weil vom Individuum her gedacht wird. In diesen Ländern darf – so der Anspruch- jeder Mensch sein Leben so gestalten, wie er es möchte, solange er anderen nicht schadet.

Als ich um einen Gastbeitrag für das Magazin MÄNNER gebeten wurde, fragte ich mich als heterosexuelle Frau zunächst, inwieweit ich als Autorin hier einen – ich weiß, der Begriff klingt abgedroschen – „Mehrwert“ leisten kann. Ziemlich schnell dachte ich dann jedoch, dass meine dreifache Außenperspektive – Frau, nicht homosexuell und überdies konservativ – gerade hier bei „Männer“ im Ausblick auf das neue Jahr nicht ganz fehl am Platze sein kann.

Es wurde normal, Männer bei gesellschaftlichen Anlässen zu treffen, die statt ihrer „Frau“ ihren „Mann“ vorstellten

Ich bin ein Kind der 80er Jahre. Als solches habe ich erlebt, wie schwierig es damals für homosexuelle Männer war, sich zu outen. In den 90ern übrigens auch noch. Ich schwieg, wenn ich bei engen Freunden ahnte, dass sie sich zum eigenen Geschlecht hingezogen fühlten – sie alle leben mit einer Ausnahme inzwischen übrigens offen schwul -, weil ich sie nicht unter Druck setzen wollte. Ab den 00er Jahren änderte sich die Behandlung des Themas in der Öffentlichkeit. „Metrosexuell“ lautete das Zauberwort. Vorbei, pardon fast vorbei war es mit Sprüchen wie „der sieht aber weibisch aus“. Spätestens seit der Hetero David Beckham mit einem Haarreif ins Fußball-Stadium einlief. Auch wurde es normal, Männer bei gesellschaftlichen Anlässen zu treffen, die statt ihrer „Frau“ ihren „Mann“ vorstellten. Klaus Wowereit setzte hier Maßstäbe (was macht Berlins Regierender Bürgermeister a.D. heute? – MÄNNER-Archiv). Über den – zumeist langwierigen Weg über das Bundesverfassungsgericht – erstritten Homosexuelle überdies sukzessiv eigene Rechte.

„Demo für alle“ verkennt die Tatsache, dass der Ehewunsch von gleichgeschlechtlich Liebenden etwas genuin Konservatives ist

Nicht einmal zehn Jahre später erscheint vieles von dem, was in den 00er Jahren endlich „normal“ wurde, als bedroht. Die religiöse Rechte zieht in Form der sich selbst für konservativ haltenden „Demo für alle“ buchstäblich auf die Straße, um homosexuelle Lebensgemeinschaften als etwas darzustellen, was niemals Ehe werden darf. In völliger Verkennung der Tatsache, dass der Ehewunsch von gleichgeschlechtlich Liebenden etwas genuin Konservatives ist. Es wird mobil gegen die „Ehe für alle“ gemacht, obwohl eine echte schwule bzw. lesbische  Ehe – also etwas, das über die derzeitig gesetzlich vorgesehene „Lebenspartnerschaft“ hinausgeht – keinem einzigen heterosexuellen Ehepaar etwas wegnehmen würde.

Neue Rechte

Liane Bednarz (Foto: Liane Bednarz)

Und es wird noch schlimmer. Die „Demo für alle“, die sich gegen den Vorwurf der Homophobie verwehrt, ließ einen homosexuellen Mann auf ihrer Bühne sprechen. Klingt gut? Nein, im Gegenteil. Jener homosexuelle Mann nämlich berichtete davon, dass er seine aus seiner Sicht falsche sexuelle Orientierung nicht auslebt und stattdessen mit anderen Männern in einer zölibatären Gesellschaft wohnt. Aus katholischer Sicht, das soll hier nicht verschwiegen werden, ist das Thema diffizil, es gibt recht eindeutige Bibelstellen gegen Homosexualität, aber es stellt sich die Frage, inwieweit diese im Zeitkontext zu interpretieren sind. Selbst allerstrengste Katholiken halten sich schließlich meistens auch nicht an das biblische Postulat, demzufolge die Frau in der Kirche keinen Schmuck tragen soll.

Doppelmoral in AfD-affinen Milieus

Der reaktionäre Backlash gegen Homosexuelle ist auch jenseits streng religiöser Kreise längst weit in die bürgerliche Mitte vorgedrungen, ganz besonders in AfD-affinen Milieus. Wie wenig dort allerdings der Umstand moniert wird, dass mit der baden-württembergischen Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl, Alice Weidel, eine lesbische, verpartnerte Frau mit Kind weit oben in der Parteihierarchie steht, ist weitaus nicht der einzige Beleg für die Doppelmoral dieser Szene, die sonst strikt das Ideal von „Vater, Mutter, Kind“ propagiert. (Wir lieben unsere Kinder, sagen diese beiden schwulen Väter – MÄNNER-Archiv)

Mich ärgern abfällige Äußerungen über schwule Männer, die sich ebenso wenig wie ich in eine Frau verlieben können, auch wenn sie es noch so sehr versuchen

Warum breite ich dieses Thema hier so aus? Ganz einfach: Ich weiß, wie wunderbar es ist, verliebt zu sein. Und wie irrational, wie bedingungslos dieses Gefühl ist. Man trifft einen Menschen und plötzlich ist alles anders. Mir ist das immer nur mit Männern passiert. Würde mir jemand nun sagen, das sei falsch, ich sei nicht richtig gepolt und müsse stattdessen Frauen lieben, dann würde ich das als grausam empfinden. Weil es schlichtweg nicht funktionieren würde. Aus diesem Grund ärgern mich abfällige Äußerungen über schwule Männer, die sich ebenso wenig wie ich in eine Frau verlieben können, auch wenn sie es noch so sehr versuchen.

Für das Jahr 2017 wünsche ich ihnen, dass sie das nicht mehr erklären müssen. Die so individuelle sexuelle Orientierung eines Menschen muss endlich im positiven Sinne egal sein. Deutschland war insoweit wie gesagt in den 00er-Jahren schon einmal weiter, jedenfalls was das gesellschaftliche Klima angeht. Es ist an der Zeit, den Rückfall in Ressentiments zu stoppen. Und dafür müssen auch Heterosexuelle gerade stehen, die all die Schwierigkeiten ihrer homosexuellen Freunde nicht tagtäglich erleben.

Titelbild: Shutterstock


6 Kommentare

  1. Thomas Müller

    das stimmt Deutschland war schon mal viel weiter aber das war vor 1933 und heute könnten wir dieses Leidgeprüfte Thema auch abhaken wenn die Mehrheit im Bundesrat und Bundestag endlich mal nach ihrem Gewissen und mchbaren außerfraktionellen Mehrheiten abstimmen würde und auf die Koalitionstreue mit Verlaub pfeifen würde.


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