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Meine Hoffnung für 2017

Dr. Bertold Höcker über Luther, Liebe und Lebenspartnerschaft

Nach den Wahlerfolgen der AfD in Deutschland, dem Wahlsieg Donald Trumps in den USA und angesichts des Rechtsrucks, der derzeit in Europa zu beobachten ist, sind viele Mitglieder der LGBTI-Gemeinde verunsichert und schauen mit Sorge auf das nächste Jahr. Wir haben drei Gastautoren und -autorinnen gebeten, für uns zu schreiben, was ihnen Hoffnung gibt. Der schwule Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises Berlin Stadtmitte Dr. Bertold Höcker macht den Anfang.

Donald Trump, Marine Le Pen, Beatrix von Storch, Wladimir Putin – der Siegeszug von Machthabern und Meinungsbildern gegen Toleranz, Menschenrechte und Vielfalt scheint zurzeit unaufhaltsam (immerhin in Österreich hat ein Grüner die Bundespräsidentenwahl gewonnen – MÄNNER-Archiv). Dennoch gibt es gegen diesen gefühlten Trend auch andere Zeichen: Mehrere Evangelische Kirchenparlamente in Deutschland haben sich dafür entschieden, die Segnung von gleichgeschlechtlichen Paaren mit der Trauung heterosexuellen Paaren gleichzustellen (nur Württemberg sperrt sich noch – MÄNNER-Archiv). Damit gibt es bei einer evangelischen Trauung keinen Unterschied mehr zwischen Ehe und Lebenspartnerschaft. Mit diesem mutigen Zeichen gegen den Trend ist die Evangelische Kirche dem Staat sogar einen großen Schritt voraus und bezieht klar Position gegen Versuche konservativer und populistischer Gruppen, ein überholtes Familien- und Partnerschaftsmodell wiederherzustellen.  Für mich als evangelischen Theologen und Christ ist dies ein Zeichen der Hoffnung für das Jahr 2017. Es zeigt mir, dass es sich lohnt, für die Versachlichung von Debatten und für gleiche Rechte von Allen einzutreten.

500 Jahre Reformation

Rechtsruck

Superintendent Bertold Hoecker (Foto: Martin Kirchner)

Dieses umso mehr, weil wir 2017 das 500ste Reformationsjubiläum feiern werden. 1517 hat Martin Luther seine 95 Thesen an die Kirchentür in Wittenberg genagelt und eine der größten Debatten seiner Epoche ausgelöst. Hätte Martin Luther sich dem Trend seiner Zeit angeschlossen oder wäre er nicht seiner Überzeugung treu geblieben  – egal was die Umwelt sagt – nichts wäre geschehen. Für mich heißt das: Selbst wenn ich mit meinem Anliegen scheitere, wird die gute Sache am Ende immer siegen. Auch wenn ich aktuell nicht mit meinem Anliegen durchzudringen scheine, heißt das nicht, dass das Argument falsch ist.

Christlich gesehen folgt aus der unbedingten Liebe Gottes zu mir, dass ich jeden Tag neu anfangen kann. Dadurch, dass mein Schöpfer mich ins Dasein gerufen hat, spricht er mir zu: Ich liebe Dich.

Du bist geliebt, obwohl Du so bist wie Du bist

Die Frohe Botschaft der Bibel lässt sich so zusammenfassen: Du wirst geliebt, obwohl Du so bist, wie Du bist. In dem „obwohl“ steckt die ganze Theologie der Heiligen Schrift. Denn in jedem Menschen gibt es eine natürliche Angst, nicht geliebt zu sein. Um diese Angst nicht aushalten zu müssen, kann ich sie auf Menschen verschieben, die scheinbar mächtiger sind als ich. Dann mache ich mich klein, passe mich an, versuche so zu sein, wie ich denke, dass andere mich mögen. Aber damit werde ich zwar die Angst los, nicht geliebt zu sein, aber ich trete mein Geliebtsein mit Füßen. Denn was ich als Geschöpf bin, ist das Geliebte, nicht das, was ich sein möchte. Ich kann auch die Angst verschieben, nicht geliebt zu sein, und mache mich größer als andere, damit ich die Angst auf scheinbar unter mir Stehende verschieben kann. Dann muss ich mich immer vergleichen und besser sein. Dann werde ich viel mit den Wörtern „man“ und „eigentlich“ reden, um meine Absichten zu verschleiern, um Herrschaft auszuüben.

Das Neue Testament nennt die Angst zu verschieben, nicht geliebt zu sein, sündigen. Und alle eben beschriebenen Handlungen bräuchten ja gar nicht zu sein, weil ich doch geliebt bin. Und obwohl ich diesen Verschiebungen der Angst nicht ausweichen kann, bin und bleibe ich geliebt.

Zu unserem Leben gehört das Schöne und das Scheitern

Wenn ich jetzt mit meinem Anliegen nicht durchdringe, dann lerne ich etwas daraus und fange als Geliebter neu wieder an. Dann stellt die Nichterfüllung meines Ansinnens nicht meine Person infrage, sondern meine Strategien, Entscheidungen etc. Damit kann ich jeden Tag neu etwas lernen und nach jedem Scheitern mit veränderten Einsichten neu anfangen. Genau das ist die Gnade Gottes: Es ist die Erfahrung, das Leben als Geschenk Gottes annehmen zu können. In jeder Dimension.

Zu unserem Leben gehört eben beides: Das Schöne wie das Scheitern. Die Freude wie der Ärger. Nur in der Erfahrung von beidem erleben wir, wie reich unser Leben ist.

Mit dieser Erfahrung des Reichtums meines Lebens möchte ich bewusst in das Jahr 2017 gehen und alle Herausforderungen, die es für mich bereithält, angehen. Dann schrecken mich die Menschen, die mir meine Grundrechte vorenthalten wollen, nicht. Dann wachse ich daran und kämpfe klüger, denn ich bin geliebt. Um es mit dem Paul Gerhardt, der im 30jährigen Krieg Lieder dichtete, zu sagen: „Hab ich das Haupt (Jesus Christus) zum Freunde und bin geliebt bei Gott, was kann mir tun der Feinde und Widersacher Rott?!“

In diesem Sinne wünsche ich Euch und mir ein kämpferisches Jahr 2017.

Dr. Bertold Höcker

Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises Berlin Stadtmitte

www.kkbs.de

Das ist die Hoffnung der Publizistin Liane Bednarz für 2017 (MÄNNER-Archiv)

Titelbild: Shutterstock/SVStudio


2 Kommentare

  1. Ingo Weber

    Ich würde es viel besser finden wenn Lespen Schwule und BI Menschen ganz normal Heiraten könnten wie Herero auch. Das ist doch nicht zu viel verlangt. Wir uhernehnehmen die selbe verantwortung für einander wie die Heten auch.


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