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Kuscheln, Vögeln, Langzeitbeziehung

Bei über 1.500 Tierarten ist Homosexualität bekannt

von Carsten Heinke

Seebär müsste man sein – dann könnte man den ganzen Tag mit seinen besten Freunden und Lovern am Pool rumhängen und sich von der Wintersonne wärmen lassen. Gut geschützt von Fett und Fell, ließe sich das kühle Nass völlig fröstelfrei genießen. Das Essen wird zwar aus dem Eimer, doch immerhin recht nett serviert. Den fünf zu den Ohrenrobben gehörenden Meeressäugern im halleschen Bergzoo scheint das Junggesellenleben zu gefallen. Bis auf kleine Kabbeleien, die meist mit einer Kuschelrunde enden, gibt es keinen Streit. Im Gegenteil: Die jungen Seebärbullen tauschen lieber Zärtlichkeiten aus.

Ähnliches lässt sich am Gehege der drei männlichen Bergzebras beobachten. „Grund für das Fehlen weiblicher Tiere sind in beiden Fällen internationale Zuchtprogramme, an denen wir teilnehmen. Während andernorts die Harems mit nur einem Bullen oder Hengst gehalten werden, leben bei uns die überzähligen Männchen in so genannten Bachelorgruppen“, erklärt der hallesche Zoodirektor Dr. Dennis Müller.

Schwule Tiere

Foto: Carsten Heinke

Im reinen Frauenteam leben hingegen die 40 Totenkopfäffchen auf dem Reilsberg in Halles Norden. Hier entstanden ebenfalls sowohl sexuelle Kontakte als auch Freundschafts- und Paarbeziehungen. Homosexuelles Verhalten, dass sich in solchen erzwungenen Gemeinschaften zeige, müsse noch kein Beweis für echte Homosexualität bei diesen Individuen sein, so der promovierte Veterinärmediziner.

Bei Stockenten bestehen heterosexuelle Paare nur bis zur Eiablage

Anders sehe es bei den Tieren aus, die sich sozusagen freiwillig für Homo-Sex und -partnerschaften entscheiden, obwohl ihnen Angehörige des anderen Geschlechts zur Verfügung stehen. „Dabei gibt es Fälle, wie wir sie etwa bei Stockenten beobachten. Hier bestehen heterosexuelle Paare nur bis zur Eiablage. Danach verlässt der Erpel die Ente, um sich einer Männergruppe anzuschließen. Innerhalb dieser gibt es sowohl schwulen Sex als auch schwule Pärchen. In einigen Populationen wurde dieses Verhalten bei bis zu knapp einem Fünftel aller Individuen beobachtet“, berichtet Müller. (Diese schwule Geierpaar wollte 2016 Eltern werden – MÄNNER-Archiv)

Vom Ententeich zum Schafgehege: Neben den einmal jährlich paarungsbereiten Weibchen sind es bei den blökenden Wolltieren vor allem Böcke, die öfters mal oder auch ganz ausschließlich Bock auf andere Böcke haben. „Jedes zehnte männliche Schaf ist schlichtweg schwul. Denn die Orientierung zum eigenen Geschlecht ist bei ihnen so stark ausgeprägt, dass sie selbst brünftige Weibchen ignorieren“, sagt der hallesche Zoodirektor. Ähnliche Erfahrungen lägen mittlerweile von allen domestizierten Tierarten vor – von Pferden und Rindern über Hunde und Katzen bis hin zu Meerschweinchen und Wellensittichen.

Schwule Tiere

Schwule Pinguinpaare klauen Eier aus fremden Nestern (Foto: Zoo Halle)

„Viel schwieriger als bei ihnen ist die Erforschung des Sozial- und Sexualverhaltens von Wildtieren“, erklärt Müller. Dass es hier zunehmend mehr Erkenntnisse gebe, ist vor allem dem gesellschaftlichen Umdenken zu verdanken. Wie in anderen Bereichen war Homosexualität bis vor wenigen Jahren auch in der Zoologie ein Tabuthema. Selbst sein eigenes Veterinärmedizinstudium berührte das Thema Homosexualität bei Tieren nur am Rande.

1911 beschreibt der britische Forscher George Murray Levick das Verhalten der Adelie-Pinguine am Kap Adare als ‘verkommen’

Im ältesten bekannten Bericht über homosexuelle Vögel aus dem Jahre 1911 beschreibt der britische Arktisforscher George Murray Levick das Verhalten der Adelie-Pinguine am Kap Adare als „verkommen“. Veröffentlicht wurde die für die damalige Öffentlichkeit zu peinliche Beobachtung erst 2012. Um nicht selbst als „unnormal“ zu gelten, verkniffen sich Forscher selbst offensichtliche Beobachtungen gleichgeschlechtlicher Aktivitäten und protokollierten stattdessen etwa „rituelles oder Dominanzverhalten“, sagt Müller.
„Jedem Männchen, das ein Weibchen berochen hat, wurde ein sexuelles Motiv unterstellt, während Analverkehr zwischen Männchen mit Orgasmus sich um Dominanz, Wettbewerb oder Begrüßung drehte“, schreibt der kanadische Biologe Bruce Bagemihl in seinem 1999 veröffentlichten Buch „Biological Exuberance: Animal Homosexuality and Natural Diversity“. Wie inzwischen etliche andere Forscher auch ist der Kanadier der Meinung, dass Sex auch im Tierreich dazu dient, soziale Gemeinschaften und Verbindungen in einer Gruppe zu stärken.

Vögeln statt kämpfen

„Das beste Beispiel dafür sind die Bonobos“, erläutert Müller. „Bei dieser Menschenaffenart gehört körperliche Liebe zum festen Tagesablauf. Mit Sex werden Konflikte gelöst, Beziehungen geknüpft und gefestigt. Am erfolgreichsten in einer solchen Primatengemeinschaft sind bisexuell orientierte Tiere, denn sie haben als universelle Sexpartner die größte Chance, mit allen gute Beziehungen zu unterhalten.

Um ein gesundes Familienklima geht es ebenso in Löwenrudeln, die nicht selten von zwei oder drei in Liebe verbundenen Männchen geführt werden. Statt gegeneinander gekämpft wird gemeinsam gevögelt. „Zwar gibt es auch dort eine Rangfolge, aber durch die potenzierte Stärke kann das Rudel besser nach außen verteidigt werden. Der Vorteil: Der längere Bestand einer solchen Gemeinschaft verbessert die Reproduktionschancen enorm.“

Zu den verblüffendsten Erkenntnissen gehört laut Müller, dass der häufigste Sex bei Giraffen schwuler Natur ist. Denn neun von zehn Kopulationen dieser hochentwickelten Tiere erfolgen zwischen männlichen Individuen.“

Der vollständige Bericht steht in MÄNNER 1.2017

Titelbild: Zoo Leipzig


6 Kommentare

  1. Rainer von Steht

    Das sollte man Mal einigen Damen und Herren vorführen , vielleicht wurden die Tiere fruhsexualisiert oder verführt ,oder hat man ihnen eingeredet sie sollten schwul sein ?? Auch wir Menschen sind nicht vom Himmel gefallen ,wir teilen unsere gene mit Tieren , wir sind keine Extraklasse Menschen , ja wir haben Verstand und Bewusstsein das sollten wir einsetzen um zu lernen und zu verstehen was alles einen Menschen ausmachen kann ,Norm Menschen oder Tiere gibt es nicht aber es gibt Normen die von Menschen gemacht sind , bei vielen Dingen unzutreffend

  2. Manfred Barmer

    Der Mensch hat von Geburt an homophile und homosexuelle Züge in sich. Nur dank der Kirchen und der konservativen Gesellschaft (rührt bis ins Mittelalter zurück) wird es den Menschen aberzogen; mit mehr oder weniger Erfolg. Also Homosexualität ist eigentlich das normale. Heisst ja auch nicht, dass dann die Menschheit ausstirbt.


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