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„Ich bin ein loyaler Mensch”

Tom Ford über seinen neuen Film "Nocturnal Animals"

Anlässlich seiner zweiten Regiearbeit sprachen wir mit Tom Ford (55) über alte Moden, neue Männer und den Vorwurf, seine Filme seien mehr Schein als Sein 

Mister Ford, nach Ihrem Debüt „A Single Man“ basiert nun auch „Nocturnal Animals“ auf einem Roman. Was reizte Sie an „Tony & Susan“ von Austin Wright?
Ich habe das Buch 2011 für mich entdeckt, als es in England wiederaufgelegt wurde. Ich war sofort begeistert. Zum Glück gelang es mir recht schnell, mir die Filmrechte zu sichern. Eigentlich hatte ich keine Ahnung, wie ich diese Geschichte auf die Leinwand bringen würde, schließlich ist die Erzählstruktur relativ kompliziert und besteht nicht zuletzt aus viel innerem Monolog. Aber wenn ich in der Filmbranche eines gelernt habe, dann dass man zuschlagen sollte, wenn man auf einen Stoff derart intuitiv und stark reagiert.

Worauf reagierten Sie denn so intensiv?
Das Buch erzählt unter anderem davon, dass man Menschen, die einem etwas bedeuten, nicht aus seinem Leben streichen sollte. Das ist eine Botschaft, die mir am Herzen liegt. Ich bin ein loyaler Mensch, nicht umsonst bin ich mit meinem Mann seit fast 30 Jahren zusammen. In einer Wegwerfgesellschaft wie unserer ist sowas ja eher eine Seltenheit.

Tom Ford

Ihre Figuren sind trotzdem einsam – Colin Firth in „A Single Man“, nun Amy Adams in „Nocturnal Animals“!
Aber sie haben sich nicht für die Einsamkeit entschieden, sondern suchen nach Beziehungen zu anderen Menschen oder hatten sie mal. Dennoch gilt: Nur weil ich selbst nicht einsam bin, heißt das nicht, dass ich nichts mit Amys Figur gemeinsam hätte. Wahrscheinlich gilt für mich als Filmemacher das, was man über Schriftsteller sagt: Letztlich beschäftigt man sich in seinen Werken vor allem mit sich selbst.

Und wo sind die Gemeinsamkeiten?
Genau wie sie als Galeristin bin ich als Filmemacher und Modeschöpfer Teil der modernen Kultur. Oder drastischer formuliert: Ich trage meinen Teil dazu bei, dass der endlose Strom von Dingen, die Menschen kaufen wollen, existiert. Was meine Rolle in der Welt des Dauerkonsums angeht, bin ich hin- und hergerissen. Ich zerbreche mir ständig den Kopf, was ich anders machen könnte und welche Bedeutung mein Leben hat.

Mit Jake Gyllenhaal (Foto rechts, Mitte) hat „Nocturnal Animals“ auch einen männlichen Protagonisten.
Stimmt. Er ist als Gegenpol enorm wichtig. Der Film wirft ja auch einen Blick darauf, was heutzutage Männlichkeit und Weiblichkeit bedeuten. Auch heute wachsen noch Mädchen damit auf, dass ihnen eingetrichtert wird, sie müssten schön sein, Kinder bekommen und für das perfekte Zuhause sorgen. Jungs bekommen – nicht zuletzt an Orten wie meiner Heimat Texas – vermittelt, dass sie stark sein, Football spielen und mit Waffen umgehen müssen (so oder so ähnlich sehen das bei uns auch die Leute von der Demo für alle – MÄNNER-Archiv). Darunter habe ich früher enorm gelitten. Deswegen ist Jakes Figur auch so wichtig für mich: Er ist sensibel, glaubt an sich selbst, aber auch an die Frau an seiner Seite. Am Ende ist er derjenige, der sozusagen triumphiert. An ihm wird eine Stärke sichtbar, die Männer in unserer Gesellschaft nicht beigebracht bekommen.

‘Sieht aus wie eine Parfum-Werbung!’ – Ich hasse diesen Vorwurf

Fiel Ihnen die Arbeit mit Schauspielern anfangs schwer? Ist ja sicher anders als mit Models auf dem Laufsteg.
Ich denke schon, dass ich ein Händchen für die Arbeit mit Schauspielern habe. Colin Firth und Julianne Moore haben nach „A Single Man“ oft gesagt, wie gut die Zusammenarbeit mit mir war, also scheint dieser Teil der Filmerei eine meiner Stärken zu sein.

Tom Ford

„Nocturnal Animals”, Universal Pictures

Und was würden Sie sagen, macht Sie stilistisch als Filmemacher aus?
Eigentlich arbeite ich sehr intuitiv. Welche Aufnahme mir gefällt, welches Thema ich vertiefe – das sind Bauchentscheidungen. Nach dem ersten Film hätte ich zu Stilfragen noch gar nichts sagen können. Erst jetzt, wo ich einen zweiten Film habe, kann ich die beiden nebeneinander halten und Parallelen entdecken. Ich ziehe zum Beispiel eine gewisse Überhöhung der schnöden Realität vor. Gerade was Gefühle angeht, mag ich Übertreibungen, in diesem Fall in Richtung Melodram. Und ich mag es, Dinge schön in Szene zu setzen. Vor allem die Schauspieler. Ich bin altmodisch und will, dass Stars echte Stars sind. Ich möchte ihre Augen sehen, die Ausdrücke auf den Gesichtern. Das wird im Kino heute, finde ich, zu oft vernachlässigt.

Schon mitgemacht bei unserer Umfrage zum Rückblick 2016? Hier entlang bitte!

Manche Kritiker sagen, Ihre Filme seien zu schön, mehr Schein als Sein.
Ich weiß! „Sieht aus wie eine Parfum-Werbung!“ Ich hasse diesen Vorwurf. Ich glaube, er kommt nur, weil die Leute wissen, was ich in meinem zweiten Beruf tue. Als ob ich der einzige Regisseur wäre, der schöne Dinge liebt. Ohne mich mit Alfred Hitchcock vergleichen zu wollen: Er hat auch Wochen damit verbracht, sich um Frisuren und Kostüme seiner Hauptdarstellerinnen zu kümmern.

Das vollständige Interview steht in MÄNNER 12.2016

Der Filmstart von „Nocturnal Animals” ist am 22. Dezember 2016

Fotos: Nocturnal Animals/Universal Pictures


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