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Cruisen Mit Foucault

Literarischer Egotrip oder Verschwörungs-Krimi? Laurent Binets „Die siebte Sprachfunktion“ ist beides

Schon in seinem Debüt „HHhH“ berief sich Laurent Binet auf den schwulen Philosophen Roland Barthes, jetzt dichtet er um dessen Unfalltod ein Verschwörungsepos herum, das zwar unter der Last überbordenden Recherchewissens ächzt, aber auch erzählerische Glanzmomente bietet. Während Binet in „HHhH“ historische Fakten über das Attentat an Nazi-Schlächter Reinhard Heydrich mit einer persönlichen Spurensuche verschränkte, mischt er hier reale Ereignisse mit Fiktion. Der Tod von Roland Barthes, der am 25. Februar 1980 im Alter von 65 von einem Kleintransporter angefahren wurde und kurz darauf an den Folgen seiner Verletzungen starb, dient als Ausgangspunkt für eine Story, die den 1981er Wahlsieg von Frankreichs Ex-Präsident Mitterrand zum Mysterium umdeutet, den Tod des Dekonstruktivisten Jacques Derrida 24 Jahre vorverlegt und Umberto Eco zum Guru einer Geheimloge erklärt, bei deren Debattierwettkämpfen den Verlierern Finger abgehackt werden. Um nur ein paar Beispiele zu nennen, in denen prominente Figuren der Fabulierlust des Laurent Binet anheimfallen.

Kurz vor dem Zwischenfall, hatte Barthes mit François Mitterrand zu Mittag gegessen

Zwischendurch gönnt sich der Autor (wie in „HHhH, aber viel zurückhaltender) gegenwärtige Einschübe in der Ich-Form, die nicht zuletzt als Hommage an Roland Barthes dienen, dessen Standardwerk „Der Tod des Autors“ das Einbringen des Schreibers in seinen Text forderte und demonstrierte.  Zur Story: Nachdem Roland Barthes angefahren wurde, eilt der stoffelige Kommissar Jacques Bayard ins Krankenhaus, um den Verunfallten zu vernehmen. Der Grund: Kurz vor dem Zwischenfall, hatte Barthes mit François Mitterrand zu Mittag gegessen. Ein Indiz dafür, dass der Unfall keine zufälligen, sondern politische Hintergründe haben könnte. Bayard findet heraus, dass Barthes ein Schriftstück bei sich getragen haben soll, das die „siebte Sprachfunktion“ enthielt – ein „magisches“ rhetorisches Prinzip, das alle, die es anwenden, in die Lage versetzt, jeden Zuhörer zu überzeugen und jede Diskussion zu gewinnen.

Neben Zusammentreffen mit Sartre, Deleuze und Derrida, gibt es Begegnungen mit Michel Foucault

Da Bayard beim Gerede von Barthes Stricherbekanntschaften sowie seiner Philosophen-Freunde (und Feinde) nur Bahnhof versteht, holt er den jungen Semiotiker Simon Herzog an seine Seite, der ihm das hochtrabende Geplapper „übersetzen“ soll. Bald darauf müssen sich der Kommissar und sein Gehilfe erster Mordattacken erwehren. Sie ermitteln trotzdem weiter. Zumal der Fall Barthes inzwischen zur Staatsaffäre geworden ist und sie im Auftrag von Präsident Valéry Giscard d‘Estaing handeln. So trifft das ungleiche Duo das Who‘s Who der Philosophen-Szene der 80er, reist zu Umberto Eco nach Bologna, zu einem Kongress nach Ithaca, und zur Sitzung des geheimnisvollen „Logos-Club“ nach Venedig. Neben Zusammentreffen mit Sartre, Deleuze und Derrida, gibt es dabei diverse Begegnungen mit Michel Foucault. Darunter eine etwas überinszenierte in einer Cruising-Sauna, bei der der Star-Philosoph munter parliert, während er einen geblasen bekommt, und eine ziemlich lustige, in der Bayard und Herzog im Flugzeug heimlich das Gepäck von Foucault und seinem Begleiter, dem Stricher Slimane, durchwühlen. Ohne Erfolg. Slimane wird am Ende trotzdem eine Schlüsselrolle zukommen.

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Man merkt: Hier wird geklotzt, nicht gekleckert. Binet fabuliert, was das Zeug hält, und sinniert gleichzeitig über Macht und Möglichkeiten der Sprache. Man muss nicht bis zur „Ich bin Simon Herzog“-Offenbarung auf Seite 512 kommen, um zu erkennen, dass der junge Semiotik-Professor ein Alter Ego des Autors ist. Genauso wenig muss man sich als Dummkopf fühlen, wenn man (wie Bayard) in der Flut philosophischer Querverweise zuweilen den Überblick verliert. Im ungeheuren Ehrgeiz, seine gewissenhafte Recherche lückenlos wiederzugeben und mit Zitaten zu garnieren, verliert Binet besonders in den „Ithaca“- und „Venedig“-Abschnitten die Geschichte aus den Augen. Dann wirkt das streberhafte Runterrattern angelesenen Wissens nicht nur eitel, sondern auch spannungshemmend. Die beiläufig miterzählten Details von Alltäglichkeiten aus den 80ern sind hingegen sehr amüsant. Auch bewährt sich Binet immer wieder als grandioser Erzähler: Zum Beispiel in der Sequenz, in der er sein illustres Figuren-Arsenal in einer Art Split-Screen-Protokoll vom Tod Roland Barthes aus den Nachrichten erfahren lässt. Fazit: Ein spannendes Buch, das seine Klugheit jedoch so plakativ vor sich herträgt, dass es einem als Leser manchmal zu dumm wird.

978-3-498-00676-1

Die Siebte Sprachfunktion  
Laurent Binet
Rowohlt: 528 Seiten, 22,95 Euro
Foto: Shutterstock/Rodrigo Melo Mendes


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