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Der wichtigste Roman der Saison

"Ein wenig Leben" ist eine literarische Sensation und längst ein Bestseller. Und erzählt von der Liebe zweier Männer.

Das Cover stammt vom schwulen Fotografen Peter Hujar, der Lektor attestiert dem melodramatischen Text eine „queer-Ästhetik“, der Text selbst definiert das Umfeld seiner Protagonisten mit Sätzen wie „Er hatte schon vorher Sex mit Männern gehabt, Jeder, den er kannte, hatte das“. Man sollte also meinen, dass man es bei Hanya Yanagiharas Superseller „A Little Life“ mit einem großen schwulen Roman zu tun hat. Hat man irgendwie auch. Aber im Überschwang darüber, wie herzzerreißend, aufwühlend, erhellend und erhebend der 960-Seiten-Wälzer ist, wird das selten erwähnt. Vielleicht, weil er von einer Frau geschrieben wurde. Vielleicht aber auch, weil es darin um Menschlichkeit in all ihren schillerndsten und düstersten Facetten geht, von denen sexuelle Identität eben nur eine ist.

Der Klappentext verspricht „lebenslange Freundschaft”. Das ist eine Mogelpackung. Hier geht’s um Liebe

Aber von Anfang an: Wenn der Klappentext der just erschienenen deutschen Übersetzung (Titel: „Ein wenig Leben“) verspricht, das Buch handele „von der lebenslangen Freundschaft zwischen vier Männern, die sich am College kennengelernt haben“, ist das eigentlich eine Mogelpackung. Von den vier Freunden Jude, Willem, Malcolm und JB haben nur Jude und Willem einen großen Auftritt. Jude, weil er eine dunkle Vergangenheit hat, deren schrittweise Enthüllung den Spannungsmotor des Buches antreibt, Willem weil er nach knapp 600 freundschaftlich geprägten Seiten tiefere Gefühle für Jude entwickelt und mit ihm zusammenkommt. Danach wird vorsichtig austariert, wie man eine langjährige platonische Verbindung in eine Liebesbeziehung überführen kann.

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Weil Willem zu diesem Zeitpunkt bereits ein international gefeierter Filmstar ist, geht dieser Prozess mit einem Diskurs über die Vor- und (vor allem) Nachteile von Coming-outs in Hollywood einher. Am Ende wird die sexuelle Identität der Beziehung aber auch wieder infrage gestellt. Weil Jude in seiner Kindheit aufs Brutalste missbraucht wurde (nur ein Aspekt seiner dunklen Vergangenheit) bleibt eine erotische Erfüllung den Liebenden verwehrt. Was Willem durch gelegentliche Sex-Dates mit Frauen kompensiert. In diesem Punkt ist „Ein wenig Leben“ dann doch eher queer als schwul. Wobei die Tatsache, dass Jude und Willem trotz der Ausklammerung der Sexualität zusammenbleiben, natürlich die Wahrhaftigkeit und Reinheit ihrer gegenseitigen Zuneigung unterstreicht.

Die Welt ist Schwarz und Weiß

Was wiederum bezeichnend für die romantische Moral ist, mit der Yanagihara ihre Geschichte ausstattet. Die Autorin zerteilt die Welt des Buches in Schwarz und Weiß, in abgrundtief böse und überbordend gütig. Der inflationäre Einsatz der Dialogabfolge „Es tut mir leid“/“Es muss dir nicht leidtun, mir tut es leid“ ist bezeichnend für die grenzenlose Rücksichtnahme, die den Umgang der Protagonisten in der Gegenwartsebene auszeichnet. Dass die permanente Steigerung der Gewaltexzesse in den Rückblenden aus Judes Vergangenheit dadurch umso gnadenloser erscheinen, gehört genauso zum Konzept wie der Kontrast zwischen Judes Selbsthass und der respektvollen Liebe, die ihm seine Mitmenschen entgegenbringen.

Kompromisslosen Analyse einer Missbrauchs-Biografie

Im Interview mit dem Observer sagte Yanagihara über „A Little Life“: „Ich wollte mich an den Grenzen von Sentimentalität und gutem Geschmack bewegen und den Leser mit Macht auf diese Grenze zutreiben.“ In der Jetzt-Ebene der Handlung gelingt dieses Drama-Queen-Prinzip sehr gut. Da wird so dermaßen gefühlvoll in Bandwurmsätzen und Endlos-Aufzählungen geschwelgt, dass es zuweilen schwer erträglich ist – ein durchschaubares aber wirkungsvolles Stilmittel, um die Fallhöhe zum nächsten Schicksalsschlag schön hoch zu machen. Das ist aber nicht das, was die Qualität und Relevanz von „Ein wenig Leben“ ausmacht. Die liegen in der kompromisslosen Analyse einer Missbrauchs-Biografie und den aus ihr resultierenden existenziellen Fragen, was selbstbestimmtes Leben ausmacht. Dass sie es schafft, Judes Martyrium zum Martyrium des Lesers zu machen, ist Yanaghiharas größtes Verdienst. Gerade weil auch das zuweilen schwer erträglich ist.

Ein Wenig Leben, Hanya Yanagihara, Hanser Berlin, 960 Seiten, 28 Euro

Foto: Shutterstock/CAVORT

 


4 Kommentare

  1. Florian Heimbach

    Ich habe es schon vor Monaten auf Englisch gelesen. Ein ganz wunderbares Buch, was aber auch stellenweise sehr viel vom Leser abverlangt. Ich habe meinen Kindle ab und an in die Ecke geworfen, weil es mich so mitgenommen hat. Aber es gehört zu meinen Lieblingsbüchern. Klare Empfehlung.

  2. Lance Avalon

    Sehr berührendes, erschütterndes und mitreissendes Buch. Ich hoffe sehr, dass die Übersetzung der Originalfassung gerecht wird. Der Roman abstrahiert teilweise von den tatsächlichen Gegebenheiten der Zeit, in der die Handlung jeweils spielt – das tut der Gesamtwirkung aber keinen Abbruch. Ganz klare Empfehlung.


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