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Schwule noch bis in 1960er kastriert

Baden-Württemberg erforscht seine dunkle Vergangenheit: Offenbar gab es noch bis in die 1960er Fälle von Kastration an Schwulen

Bis 1968 wurden Schwule in Deutschland staatlich verfolgt: Verhaftet, verklagt, eingebuchtet. Oft verloren sie ihren Job, ihre Wohnung, ihre Familie. Der berüchtigte Paragraph 175 zerstörte das Leben vieler schwuler Männer (MÄNNER-Archiv). Nun kommt heraus: Manche wurden sogar kastriert, angeblich freiwillig. Aber natürlich geschah es unter Zwang, weil sie sich Strafmilderung erhofften.

Der Historiker Jens Kolata berichtet auf der Website des Forschungsprojekts „Der Liebe wegen” von 12 Männern, die sich „freiwillig” kastrieren ließen, um der Verfolgung aufgrund des Paragraph 175 zu entgehen. Das vom „Aktionsplan für Akzeptanz und gleiche Rechte” finanzierte Projekt befasste sich mit „Menschen im deutschen Südwesten, die wegen ihrer Liebe und Sexualität ausgegrenzt und verfolgt wurden” (Eigenbeschreibung). Eine Website mit den Ergebnissen des Forschungsprojekts ist heute online gegangen.

Ein Zufallsfund

Der Wissenschaftler der Universität Tübingen recherchierte eigentlich über Verbrechen im Nationalsozialismus. In Akten aus dem Justizvollzugskrankenhaus Hohenasperg stieß er zufällig auf Berichte über Nachuntersuchungen von 12 ehemaligen Häftlingen, die zwischen 1945 und den 60er-Jahren kastriert wurden. „Ein Zufallsfund“, sagte Kolata der Stuttgarter Zeitung.

Der Psychologe Niklaus Heim berichtet über die körperlichen Folgen der Kastrationen für die betroffenen Männer: Hitzewallungen, Müdigkeit, Gewichtszunahme. Von psychischen Folgen steht hier nichts – die Stuttgarter Zeitung berichtet aber von einem Anruf eines Kastrations-Opfers 1996 beim damaligen TV-Seelsorger Jürgen Domian. Der Anrufer berichtet, er sei immer wieder wegen des Paragraph 175 im Gefängnis gewesen, habe als „Wiederholungstäter” gegolten. „Mir wurde angedroht, dass man mich erst entlässt, wenn ich mich kastrieren lasse“, zitiert die Zeitung den Mann. Das sei ihm die Freiheit wert gewesen.

„Schockierender Bericht”

Die Forschungsergebnisse sorgen für Aufsehen. Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes spricht von einem „schockierenden Bericht”. Ralf Bogen vom Recherche- und Aufklärungsprojekt „Der Liebe wegen“, in dessen Rahmen Kolat seine Forschungsergebnisse präsentiert hat, spricht von „komplett neuen Erkenntnissen“. Martin Cüppers, wissenschaftliche Leiter der Forschungsstelle in Ludwigsburg für Neuere Geschichte, sieht darin „einzigartige Ergebnisse, die für den internationalen Forschungsstand von großer Bedeutung sind.“ – Letztere Zitate stammen ebenfalls aus der Stuttgarter Zeitung, die ausführlich über den Fall berichtet.

Nun liegt es an den Historiker_innen, die Akten auf weitere Fälle zu untersuchen. Dass sich nur 12 Männer und nur in diesem Gefängniskrankenhaus Schwule unter Druck zu einer „freiwilligen” Kastration entschieden, ist höchst unwahrscheinlich. In mehreren Bundesländern (Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und Hessen) gibt es Projekte zur Aufarbeitung der Anwendung des Paragraph 175 in der Bundesrepublik (MÄNNER-Archiv). Diese müssen nun herausfinden, ob es ähnliche Fälle auch anderswo gab.

Auch die politische Debatte über eine Entschädigung der Opfer des Paragraph 175 dürfte durch die Forschungsergebnisse beeinflusst werden. Im Oktober 2016 hatte Justizminister Heiko Maas einen Entwurf zur Regelung der Entschädigung vorgelegt (MÄNNER-Archiv).

Foto: Shutterstock/LaMiaFotografia


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