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Liebesbeweise

"Ein Kuss" von Ivan Cotroneo ist genau der Film, den wir alle gerade brauchen

Viele queere Menschen verbringen die Zeit bis zum Abitur deswegen mit der Nase in einem Buch oder ständig vor dem Fernseher oder im Kino, weil die Fantasiewelt der Fiktion in jedem Falle schöner ist, als das, was sie in ihrem realen Alltag umgibt: Mobbing, Ablehnung, Unangepasstheit, der erst langsam ein Rückgrat wächst, was manchmal ganz schön weh tun kann. Die Idee, sich gerade entwickelnde und öfter mal hormonell schwer gestörte Wesen ganz unterschiedlicher Bauart auf einander loszulassen und zu erwarten, dass sie sich gut tun und dabei auch voneinander lernen, ist ohnehin ein merkwürdiger, pädagogischer Ansatz.

Die Außenseiter finden sich und bilden Freundschaftskluster, die oft ein Leben lang halten

Das er trotzdem oft funktioniert, hat mit einem Nebeneffekt der Angelegenheit zu tun, der gerade für schwule Jungs, freie Mädels und Menschen, die wissen, dass man sich oft dumm stellen muss, um von seinen Mitschülern nicht als Nerd abgestempelt zu werden, sehr hilfreich ist: die Außenseiter finden sich und bilden Freundschaftsbünde, die oft ein Leben lang halten. Alle großen Schulfilme der amerikanischen Tradition („The Breakfast Club“, „American Pie“, „Heathers“ etc.) verhandeln unter dem spärlichen Deckmantel leichter Comedy ernsthafte Themen wie Mobbing, sexuelle Übergriffe, Einsamkeit und gelegentlich sogar Selbstmord. Vor dem die Protagonisten immer dadurch bewahrt werden, dass sie begreifen, dass eigentlich jeder ein Freak ist und sich deswegen nicht mehr einsam fühlen.

Der Trailer zu EIN KUSS:

Genau diesen Themenkomplex behandelt Regisseur und Drehbuchautor Ivan Cotroneo („Ich bin die Liebe“, „Männer al dente“) auch in dem entzückenden „Ein Kuss“, der jetzt auf VOD zu haben ist. Und zwar mit ähnlich leichter Hand, ähnlich sexy und dabei trotzdem ähnlich tiefgründig wie das offensichtliche große US-Vorbild John Hughes, der den 46-Jährigen Cotreno als Teenager in den 1980ern tief geprägt haben dürfte.

Ein Film, den man gern öfter sehen möchte

Plot: Lorenzo (Rimau Ritzberger Grillo), Blu (Valentina Romani) und Antonio (Leonardo Pazzagli) besuchen zusammen ein Provinzgymnasium im Norden Italiens. Die drei 16-jährigen Freunde gelten als Außenseiter. Lorenzo ist schwul, macht auch keinen Hehl daraus, und entkommt dem homophoben Hass seiner Mitschüler, indem er sich in farbenfrohe Träume wirft, in denen er ein umjubeltes Idol ist. Blu hat es auch nicht leicht. Sie gilt als Schulschlampe, nachdem sich herumsprach, dass sie an einem Abend mit gleich vier Typen Sex hatte. Antonio ist gut gebaut und Star-Basketballer. Außerhalb der Turnhalle hält man ihn jedoch für dumm. Die drei werden schnell zu besten Freunden und finden in ihrer engen Bindung die Kraft, sich gegen das elende Mobbing der Schultyrannen zu wehren. Als die zwei Jungs sich näherkommen, gerät die Idylle des Trios ins Wanken. Und das Ende ist sogar ein echtes, ganz und gar italienisches Drama.

Cotroneo bedient sich in seinem quietschbunten, hoch unterhaltsamen und insgesamt sehr gelungenen Filmen aller Tricks derer er fähig ist. Inklusive eines tollen Soundtracks von Mika, der ganz in seinem Element ist. Und auch, wenn er nicht alle seine Papierflieger ganz sicher landet, sind es bei weitem genug, um „Ein Kuss“ zu einem Film zu machen, den man, genau wie seine Vorbilder, gern öfter sieht. Und das ist doch was.

Jetzt als VOD ansehen

Fotos: pro-fun/Gianni Fiorito

 MIKAs Song und die schönsten Bilder zum Film:


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