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Alte Liebe

US-Autor Matthew Griffin entwirft in seinem Roman „Im Vesteck“ das Panorama einer schwulen Beziehung

Matthew, „Im Versteck“ hat zwei Hauptthemen: Eine schwule Lovestory, die repressive Zeiten überdauert hat, und die Geschichte der Entfremdung zweier Menschen, nachdem einer von ihnen an Demenz erkrankt. Welches Thema war dir wichtiger?  
Am Anfang standen die beiden Männer, die seit Jahrzehnten zusammen sind und sich mit den Problemen der gegenseitigen Fürsorge im Alter herumschlagen. Für diese Geschichte ist aber ganz wichtig, wer diese Menschen waren, als sie sich als junge Männer ineinander verliebt haben. Ich bin beim  Schreiben zwischen Gegenwart und Vergangenheit hin und hergesprungen, dabei sind die zwei Stränge miteinander verschmolzen.

Ältere Paare wie deine Protagonisten Frank und Wendell sind in der schwulen Literatur selten. War auch das ein Grund, die Geschichte zu erzählen?
Mir war eher wichtig, eine Geschichte über Schwule zu erzählen, wie ich sie selber noch nicht gelesen hatte. Das bestätigt deine These in gewisser Weise. Oft sind ältere Menschen in schwuler Literatur Randfiguren oder sie haben die Funktion des verbitterten Bösewichts. Ich denke da besonders an „Giovanni’s Room“. Darüber habe ich beim Schreiben aber nicht konkret nachgedacht.

Hast du Kontakt zu älteren Schwulen?  
Während wir in den USA für die Gleichstellung der Ehe gestritten haben, habe ich viele schwule und lesbische Paare kennengelernt, die seit Jahrzehnten zusammen sind. Diese Begegnungen haben mich darin bestärkt, meine Geschichte zu verfolgen. Die eigentlichen Vorbilder für Frank und Wendell waren aber meine heterosexuellen Großeltern. In vielerlei Hinsicht basiert Wendell auf der Persönlichkeit meiner Oma, während Frank ein Abbild meines Opas ist.

Deine Beschreibungen von Franks fortschreitender Demenz sind sehr realistisch. Hast du dein Wissen über die Krankheit auch von den Großeltern?
Ja, mein Opa väterlicherseits litt am Ende seines Lebens an leichter Demenz. Das hat meine Oma oft frustriert und wütend gemacht hat. Viele von Wendells Reaktionen auf Franks Verwirrung basieren darauf. Mein Mann Raymie hat sich ebenfalls fünf Jahre lang um seinen dementen Vater gekümmert, auch daher kommen ein paar Details. Im weiteren Sinne sind Sterblichkeit, Tod und die Vergänglichkeit des Körpers Themen, die mich generell faszinieren. Das Thema Demenz bot sich an, um all das in fiktiver Form zu verarbeiten.

Ich finde wichtig, daran zu erinnern, dass Schwule seit jeher ihre kranken und sterbenden Partner versorgt haben. Die Gleichstellung der Ehe und die damit verbrundene Anerkennung von Rechten zollt dieser Tatsache endlich Tribut.

Hat diese Vergänglichkeit für dich in Anbetracht des andauernden Kampfes für die Anerkennung gleichgeschlechtlicher Beziehungen auch eine gewisse Romantik?
Absolut. Und ich finde wichtig, daran zu erinnern, dass Schwule seit jeher ihre kranken und sterbenden Partner versorgt haben. Die Gleichstellung der Ehe und die damit verbrundene Anerkennung von Rechten zollt dieser Tatsache endlich Tribut. Diesen Erfolg kann man nicht hoch genug wertschätzen.

Du und dein Mann Raymie sind Teil einer jungen, freizügigeren Generation von Schwulen, der besonders Wendell skeptisch gegenübersteht. Sind trotzdem Aspekte eurer eigenen Beziehung in „Im Versteck“ eingeflossen?
Nach Möglichkeit vermeide ich es, bewusst über mein eigenes Leben zu schreiben, aber natürlich ist es unmöglich es komplett aus meiner Arbeit auszuklammern. Ein Aspekt sind sicher Alltäglichkeiten, die das Leben mit einem anderen Menschen mit sich bringt – für jemanden zu kochen, Hausarbeiten untereinander aufzuteilen. Das sind banale Dinge, die in ein Leben als Paar aber substanziell ausmachen. Raymie und ich haben auch eine Zeit lang auf einer Farm in Tennessee gelebt, in einer Gemeinde, die nicht besonders schwulenfreundlich war. Das hat mir dabei geholfen, das Gefühl von Isolation nachzuempfinden, das Frank und Wendells geheime Beziehung im Buch prägt. Auf der Farm habe ich auch viel Gartenarbeit gemacht, Gemüse gezüchtet und Vögel beobachtet. Beides spielt im Buch eine Rolle.

Hast du selbst dich aufgrund deiner sexuellen Identität verstecken müssen?  
Ich war auf einer Highschool, auf der mein Vater Physik unterrichtete und mein Opa Direktor gewesen war. Das war ein Umfeld, in dem ein Coming-out unmöglich war. Es wäre ein zu großer Aufriss gewesen. Erst als ich auf dem College war, habe ich angefangen, mich mit meiner Sexualität wohl zu fühlen und offen mit ihr umzugehen. Seitdem habe  ich eigentlich nicht mehr das Gefühl mich verstecken zu müssen. Trotzdem gab es Zeiten wie die, wo wir im ländlichen Süden der USA lebten, und ich mich mit öffentlichen Zuneigungsbekundungen gegenüber Raymie bewusst zurückgehalten habe.

Wendell ist Tierpräparator. Hat das eine metaphorische Bedeutung?
Die Tätigkeit des Präparators spiegelt die Konflikte des Buches auf unterschiedliche Weise wider. Sie ist eine Kunst, die die Bewahrung des Lebendigen in einem Körper zum Ziel hat, dessen Leben vorüber ist. Das ist vergleichbar mit Wendells Bemühung seine Sicht auf Frank zu bewahren, dessen Geist und Körper ihm mehr und mehr entgleiten.

Eine zentrale Rolle spielt die Hündin Daisy. Ist sie ein Symbol für Franks geheimen Kinderwunsch oder ein Resultat deines privaten Alltags, den deine Kurzbio als „Leben mit einem Mann und zu vielen Hunden“ beschreibt?
Sind wir nicht alle vernarrt in unsere Hunde? Sie geben uns das, was viele – egal ob schwul oder hetero – sich von einer Beziehung erhoffen: Loyalität, Hingabe, bedingungslose Liebe. Jeder Moment, in dem man nach Hause kommt und von schwanzwedelnden Hunden begrüßt wird, ist der beste Moment der Welt. Ansonsten denke ich schon, dass Haustiere bei Schwulen als Kinderersatz dienen  – besonders in den letzten 50 Jahren, wo offen schwule Beziehungen zwar zunehmend möglich wurden, aber das Thema Familiengründung tabu blieb.

Was erhoffst du dir von deiner anstehenden Lesetour durch Europa?
Ich bin sehr gespannt auf die Landschaft und die Architektur. Ich war noch nie in Deutschland und werde mit dem Zug herumreisen, um vom Fenster aus alles beobachten zu können. Als Bierfreund freue ich mich auch darauf deutsches Bier zu probieren. Aber selbstverständlich erst nach den Lesungen! (lacht)

9783863002190

DAS BUCH:

Seit Jahrzehnten leben Frank und Wendell zurückgezogen in den amerikanischen Wäldern. Ihr Haus dient ihnen als „Versteck“ vor einer Welt, die Beziehungen zwischen Männern nicht akzeptiert. Als Frank altersbedingt immer vergesslicher und gebrechlicher wird, muss Wendell hilflos mit ansehen wie die gemeinsamen Erinnerungen und ihre Liebe werden zu einem Phantom.
Im Versteck, Männerschwarm, 272 Seiten, 22 Euro

DIE TOUR:

In folgenden Städten liest Matthew Griffin live aus „Hide“ („Im Versteck“)

6. Februar – Wien, Löwenherz,
7. Februar – München, Schwules KuK
8. Februar – Köln: Buchsalon Ehrenfeld,
9. Februar – Hamburg, Buchladen Schanze
10. Februar. Berlin, Eisenherz

Infos: www.maennerschwarm.de

Foto: Rayme Wolfe


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