size708x398

Berlinale Tag Drei & Vier: Glück pur

Die Jury hatte ein großartiges Wochenende

Katy fasste das Wochenende schon am Freitag Abend beim Empfang für die Jurys im Südblock zusammen: „Tolle Filme, tolle Kollegen, große Liebe.” Die Mitglieder der Jury kommen, wie könnte das anders sein, gut klar, aber jetzt, nach vier Tagen, passiert auch noch etwas anderes: sie kennen sich gut. So ist das eben. Probiert es mal: Eine Woche, 25 Filme, jede vorstellbare menschliche Emotion huscht über die Gesichter eurer Begleiter, man lacht, heult und regt sich zusammen auf. Freundschaft im Zeitraffer. Katy kann aber, außer hellsehen, noch andere tolle Sachen, die nötig sind: Süßigkeiten mitbringen. Und wird dabei von Ulf unterstützt. Wobei Katy das Süßmaul ist und Ulf immer verspricht, japanische Kit-Kat mit Wasabi-Geschmack mitzubringen. Was eine gleichzeitig aufregende und irgendwie grauenhafte Vorstellung ist. Die Liebe in der Jury kann ab heute übrigens noch größere Kreise ziehen, denn wir sind endlich komplett. Es ist fantastisch, dass Steffi  seit „Una mujer fastastica” heute früh endlich mitmacht, womit wir komplett sind. Und so sieht das aus:

img-20170213-wa0001

Von links nach rechts: Hannes, Katy, Steffi, Ulf und Matthias

Männer Jury Tag Fünf: Die Filme

Nachdem Dream Boat, Casting und vor allem der fabelhafte Pieles sich in rosa und hellblau als die Höhepunkte des Wochenendes herauskristalisiert hatten und Ulf Spaß mit den Protagonisten der „3000 schwule Männer auf dem Kontabas, tranken eine Menge und hatten sehr viel Spaß”-Doku hatte ging es heute mit Una mujer fantastica transidentisch los. Marina und Orlando lieben sich und planen eine gemeinsame Zukunft. Sie arbeitet als Kellnerin und singt leidenschaftlich gern, der 20 Jahre ältere Geliebte hat ihretwegen seine Familie verlassen. Doch als die beiden nach Marinas ausgelassener Geburtstagsfeier in einem Restaurant nach Hause kommen, wird Orlando plötzlich leichenblass, reagiert nicht mehr. Im Krankenhaus können die Ärzte nur noch seinen Tod feststellen. Die Ereignisse überschlagen sich: Marina sieht sich mit den unangenehmen Fragen einer Kommissarin konfrontiert, und Orlandos Familie begegnet ihr mit Wut und Misstrauen. Seine Noch-Ehefrau schließt sie von der Beerdigung aus; die gemeinsame Wohnung, die auf dem Papier Orlando gehört, soll sie möglichst rasch verlassen. Marina ist eine Transgender-Frau, und die Familie des Verstorbenen fühlt sich durch ihre sexuelle Identität bedroht. Mit der gleichen Energie, mit der sie früher dafür gekämpft hat, als Frau zu leben, pocht Marina nun erhobenen Hauptes auf ihr Recht auf Trauer. Und wenn schon nicht ihre Umgebung, so ist doch der Film ganz auf ihrer Seite und zeigt die zunehmend ins Abseits gedrängte Protagonistin als starke, lebenskluge – fantastische – Frau.

DF_09059.NEF

Danach verzaubert uns Stings Frau Trudie Styler zusammen mit Bette Midler und Laverne Cox mit einem der dieses Jahr spärlich gesääten US-Beiträge. In Freak Show geht es uzm Folgendes: „Fabelhaft zu sein, nein: unerbittlich fabelhaft zu sein, ist verdammt harte Arbeit. Ich muss es wissen. Ich habe mein Leben ganz der Verfolgung dieses Ziels gewidmet.“ Schön, oder? Könnte Billy Bloom so sein wie alle anderen, wenn er wollte? Es würde ihm eine Menge Ärger ersparen. Fest steht: Er will nicht. Als theatralisch bezeichnet zu werden, nimmt er als Kompliment, und irgendwie spornt es ihn auch an, dass seine Mitschüler*innen seine Lust auf Abweichung als Provokation auffassen. „Der Nagel, der heraussteht, wird eingeschlagen“, warnt ihn sein Vater. Das hält Billy nicht davon ab, sich für die Wahl zur Homecoming Queen aufstellen zu lassen. Irgendwo zwischen David Bowie, Lady Gaga, Freddy Mercury und Oscar Wilde, im transgressiven Raum der Popkultur, erzählt Freak Show, als High-School-Komödie verkleidet, mit Witz, Herz und schillerndem Cast von der Gewalt des Konformismus und der Kraft des Selbstentwurfs.

201712774_4_img_fix_700x700

Und zu guter Letzt gibt’s Discreet das neue Werk von jemandem, der mit queerem Sex wirklich umgehen kann, Travis Mathews: In Fett brutzelnde Speckstreifen, eine junge Frau, die sich bei den Abonnenten ihres YouTube-Kanals bedankt, eine in schwarzen Mülltüten sauber verschnürte Leiche, die den Fluss hinuntertreibt – so klar die ersten Bilder in Travis Mathews’ Mystery-Thriller auch sein mögen, schälen sich die Zusammenhänge doch erst langsam und wie aus dem Unbewussten heraus. Die elliptisch montierte Geschichte, die um einen nicht mehr ganz jungen Mann kreist, ist mit einem unheimlichen Soundteppich unterlegt: Der Filmemacher Alex lebt in einem Van und stellt seine Kamera in ländlichen Regionen der USA im Niemandsland an den Highways auf. Als er seine ehemals alkoholabhängige Mutter besucht, erfährt er von ihr ein gut gehütetes Geheimnis. Und es gibt einen kleinen Jungen, zu dem Alex eine unerwartet intensive Beziehung aufbaut. Regisseur Mathews ist der Chronist einer schwulen, westlichen Moderne – von anonymem Sex zu Heteropornos in der Kabine oder als Dienstleistung im Zimmer eines Motels. Ein kleines Haus, eine Existenz am Rande der Gesellschaft, im Radio hört man immer wieder die rechten Parolen gegen alles, was nicht weiß und heterosexuell ist, hier in Texas.

Alle Fotos: Berlinale


0 Kommentare



Likes & Shares

Durch die fortgesetzte Nutzung der Website erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden. mehr Info

The cookie settings on this website are set to "allow cookies" to give you the best browsing experience possible. If you continue to use this website without changing your cookie settings or you click "Accept" below then you are consenting to this.

Close