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Berlinale Tag Eins: Auf Los geht’s los!

Die MÄNNER-Jury legt richtig los

Wir glauben, es geht los! Aber so richtig. Essen hält Leib und Seele zusammen, deswegen begann auch dieses Festival, wie schon im letzten Jahr, am Abend vor dem ersten Tag mit einem gemeinsamen Essen der Jury. Im Mercure Hotel Berlin Wittenbergplatz lassen wir uns Coldcuts, Salat und eine hervorragende Pasta schmecken und beschnuppern uns ausgiebig. Und können uns super gut riechen.

Wie sich herausstellt, sind Katy und Ulf alte Berlinale-Profis und brauchen keine Erklärungen, also lehnen sich alle anderen entspannt zurück und wir haben einen tollen Abend. Höhepunkt: Katy hat das lesbischste Handy der Welt. Auf dessen Rückseite prangt nicht nur ihre Freundin, sondern auch ein Bild von ihrer kürzlich verstorbenen Katze. Wir sind kurz traurig und trinken dann mehr Wein. Während wir laut das queere Programm diskutieren, lächeln uns die Herrschaften vom Nachbartisch aufmunternd zu. Berlin ist schön und wir freuen uns sehr darauf, in den nächsten Tagen ausgiebig zurück zu lächeln, egal wen wir treffen.

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Die MÄNNER und die TEDDYS. Sind wir nicht süß?

Damit fangen wir am nächsten Morgen gleich an, denn die TEDDY Jury und die MÄNNER-Jury sitzen in einem kleinen Raum im siebenten Stock des Sony-Centers (die Deutsche Kinematek ist immer eine Reise wert), und schauen bei eiskaltem Wetter viele Stunden lang Filme. Zwischendurch kommt Panorama-Chef Wieland Speck vorbei und begrüßt uns alle auf’s herzlichste. Gutes Essen, Glamour und Privatvorführungen: schöner kann ein Festival nicht starten.

Männer Jury Tag Eins: Die Filme

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Als allerersten Film überhaupt sehen wir einen deutschen. Ein Weg ist eine wunderbare Liebesgeschichte: Ein Kuss am Meer, ein Versprechen fürs Leben. Wer fährt schon gern im Herbst an die Ostsee? Außer Martin und Andreas niemand. Jedes Jahr kommen sie wieder, und jedes Jahr ist ihr Sohn Max ein Stückchen größer, sind die eigenen Gesichter etwas reifer geworden. Dieses Mal ist Martin unzufrieden. Das Wetter ist ungemütlich, er wäre lieber zuhause geblieben. Andreas dagegen reißt sich seine Kleider vom Leib und wirft sich ins kalte Meer. Martin will ihn voller Sorge aufhalten und schluckt das salzige Wasser, als er stolpert. Zurück in ihrem Ferienhaus ist die Stimmung von den unterschiedlichen Erwartungen an die gemeinsamen Urlaubstage gestört. Was ist ihnen geblieben, nach all den Jahren?  Viele Filme über Beziehungen enden an dem Punkt, an dem sich das Paar glücklich gefunden hat. Für Regisseur Chris Miera beginnen erst in diesem Moment die Geschichten, die ihn interessieren: Welche Kraft bewirkt, dass zwei Menschen von Milliarden sich dazu entscheiden, ihr Leben für lange Zeit miteinander zu teilen? Und wie kommen Paare dazu, sich nach so langer Zeit zu trennen? Ein Weg geht diesen Fragen behutsam nach.

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Revolution statt Sonne, auch mal schön

Danach wird es fast drei Stunden lang kanadisch, unter einem verdammt langen Titel: Ceux qui font les révolutions à moitié n’ont fait que se creuser un tombeau. Frei übersetzt: Wer die Revolution nur halbherzig macht, gräbt sich sein eigenes Grab: Nach dem Verebben der studentischen Protestbewegung des „Ahorn-Frühlings“ in Quebec, braut sich ein dunkler Sturm der Gewalt zusammen. In frustrierender Ohnmacht und Sehnsüchten nach einem anderen Leben formen Klas Batalo, Ordine Nuovo, Tumulto und Giutizia eine avantgardistische Splittergruppe. Ihre tief sitzende Ablehnung der herrschenden Verhältnisse findet in Aktionen zwischen Spaßguerilla und Molotowcocktails einen ambivalenten politischen Ausdruck.
In einer bildgewaltigen, an einem Jahrhundert politischer Ästhetik geschulten Collage aus Szenen und dokumentarischen Fragmenten wird die Isolation der vier spürbar. Auf ihrem von Idealen und Zweifeln geprägten Weg richtet sich der Gestus des Radikalen zunehmend nach innen. Es ist laut und gewaltätig und erschöpfend und großartig. Echtes Berlinale Feeling. In der Pause kommentiert Jur-Präsident Matthias Frings die Lage so: „Ich sehe zum ersten Mal heute die Sonne. Sie geht gerade unter“.
Dabei sind wir noch nicht mal ansatzweise fertig. Denn es folgt mit Ri Chang Dui Hua, auf gut lesbisch, Small Talk, noch der erste asiatische, nämlich taiwanische Beitrag: Anu ist ein Tomboy. Zwar wurde sie, wie im Taiwan der 1970er-Jahre üblich, früh verheiratet und bekam zwei Kinder, ließ sich jedoch bald von ihrem gewalttätigen Mann scheiden und zog die Töchter alleine auf. Seitdem hatte sie ausschließlich Beziehungen zu Frauen, die wie sie ihren Lebensunterhalt als Seelenbegleiterinnen bei Beerdigungen verdienen.

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The Wound

Und um 21 Uhr geht es noch nach Südafrika. In The Wound wird folgende Geschichte erzählt: Eastern Cape, Südafrika: Der einsame Fabrikarbeiter Xolani nimmt sich eine Auszeit von seinem Job, um als Helfer das jährliche Beschneidungsritual der Xhosa zu begleiten, das den Übergang zum Mannesalter markiert. In einem abgelegenen Berglager, zu dem Frauen keinen Zutritt haben, kommen die jungen Männer wieder zu Kräften. Bemalt mit weißer Farbe, erlernen sie die Männlichkeitscodes ihrer Kultur. In dieser von Machismo und Aggressionen geprägten Umgebung kümmert sich Xolani um den aufsässigen Kwanda aus Johannesburg, der schnell hinter dessen bestgehütetes Geheimnis kommt: Xolani liebt einen anderen Mann.
Bereits in seinem Kurzfilm Ibhokhwe widmete sich der südafrikanische Regisseur John Trengove dem Thema männliche Beschneidung. Dieses und andere Mannbarkeitsrituale greift er in seinem ersten Spielfilm wieder auf. Die Spannung, die sich während des Films unaufhaltsam aufbaut, rührt einerseits von dem jungen Kwanda her, der die patriarchalen Normen der Initiation zunehmend infrage stellt, und andererseits von der inneren Krise, die Xolani durchlebt. Er muss sich entscheiden zwischen der traditionellen Welt, die er kennt, und seiner eigenen Selbstverwirklichung.

Fotos: Berlinale/privat


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