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Berlinale Tag Sechs und Sieben

Eine lange Nacht und ein genauso langes Frühstück

Steffi hat gestern sechs Filme gesehen. Wie sie das genau gemacht hat, wissen wir auch nicht. Sowas ist ja schon auf dem heimatlichen Sofa so gut wie unmöglich, in den unterschiedlich gemütlichen Kinosesseln der Berlinale aber eine echte Herausforderung für die Bandscheiben. Wo wir gerade dabei sind: Jede Form von Kinosessel der sich bewegt (Lehne fährt von allein nach hinten, Fussstütze klappt von selbst aus, der Zuschauer wird in eine ruhende Position gebracht, etc.) sind Teufelszeug, das einen spätentens ab Film drei komplett kirre macht. Besonders, weil man am siebenten Festivaltag mit mangelndem Nachtschlaf immer Gefahr läuft, kurz wegzunicken, wenn es allzu gemütlich wird und dann mitten in einem Film aufzuwachen, den man nicht mehr versteht.

Jetzt haben wir uns festgelegt, die Preisurkunde und die Jurybegründung sind geschrieben und die Veranstalter der TEDDY-Awards benachrichtigt

Zu viel Schlaf haben wir auch heute auch nicht bekommen, wir sind am Dienstag um 10 Uhr gestartet und schl0ssen um cirka 1.00 Uhr nachts, mussten aber um 10.00 Uhr schon wieder wach und fröhlich die Entscheidung über den Harvey-Preisträger 2017 treffen. Haben wir gemacht, bei Rührei Variationen an einer laaaaangen Diskussion über unsere beiden Favoriten, die unterschiedlicher nicht hätten sein können. Aber jetzt haben wir uns festgelegt, die Preisurkunde und die Jurybegründung sind geschrieben und die Veranstalter der TEDDY-Awards benachrichtigt. Morgen ist der große Abend, auf den wir jetzt seit acht Tagen hingearbeitet haben. und wir sind glücklich (und ein bisschen stolz) einen so wunderbaren Gewinnerfilm gefunden haben. Das war ein langer Tag, an dem wir folgendes Programm geboten bekommen haben.

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Männer Jury Tag Sieben: Die Filme

Erstmal gibt’s den jetzt schon Oscarnominierten I am not your Negro. Im Juni 1979 beginnt der bedeutende US-Autor James Baldwin seinen letzten, unvollendet gebliebenen Text „Remember This House“. Mit persönlichen Erinnerungen an seine drei ermordeten Bürgerrechtler-Freunde Malcolm X, Medgar Evers und Martin Luther King und Reflexionen der eigenen, schmerzhaften Lebenserfahrung als Schwarzer schreibt er die Geschichte Amerikas neu. Raoul Peck inszeniert die 30 bislang unveröffentlichten Manuskriptseiten mit einer fulminanten Collage von Archivfotos, Filmausschnitten und Nachrichten-Clips: die Boykottinitiativen und den Widerstand gegen die Rassentrennung in den 1950er- und 60er-Jahren, die Unsichtbarkeit von Schwarzen in den Kinomythen Hollywoods, afroamerikanische Proteste gegen weiße Polizeigewalt bis in die jüngste Gegenwart, Baldwins kompliziertes Verhältnis zur Black-Power-Bewegung, den paranoiden Blick eines FBI-Berichts auf dessen Homosexualität. Ein prägnanter und verstörender Essay über die bis heute vom Mainstream weitgehend ausgeblendete Wirklichkeit schwarzer Amerikaner. Samuel L. Jacksons Stimme verleiht der poetisch-meditativen Sprache Baldwins einen angemessenen Ausdruck. Raoul Peck hat ein Meisterwerk geschaffen, gegen das es die anderen Filme schwer.

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Danach wird es „deutlich leichter“, wie Steffi passend bemerkt. Neil Triffetts Emo – The Musical quietscht vor Vergnügen. Wir auch. Hier ist warum: „Wie sollen wir wissen, ob du es ernst meinst?“ · „An meiner letzten Schule habe ich versucht mich aufzuhängen, und sie haben mich rausgeschmissen.“ · „Willkommen in der Band.“ Nach einer lobenden Erwähnung für den besten Kurzfilm von der Generation-Jugendjury 2014 ist aus der ironisch beschwingt erzählten Liebesgeschichte inzwischen ein Spielfilm geworden. Ethan, ein depressiv-sensibler Emo mit suizidalen Neigungen, spielt mit Gleichgesinnten in einer Schülerband harten, düsteren Rock. Gut-drauf-Sein geht hier gar nicht. Aber genau das ist die immer fröhliche Mitschülerin Trinity, die mit ihrer sanften Stimme erbauliche Lieder in einer christlichen Jugendgruppe singt. Trinity und Ethan, keiner wird das verstehen, geschweige denn akzeptieren! Und doch ist es um die beiden geschehen, als sie sich zum ersten Mal begegnen. Die unmögliche Verbindung bringt an ihrer ziemlich verrückten Schule einiges in Bewegung.201718062_1_img_fix_700x700
Danach brachte Regisseurin Andrea Weiss in Bones of Contention in 75 Minuten viel unter: Kilometerlang säumen ungekennzeichnete Massengräber Spaniens Landstraßen, in denen über 120.000 Opfer des Franco-Regimes verschüttet liegen. Unter ihnen ist auch der weltberühmte spanische Schriftsteller Federico García Lorca, der in den ersten Tagen des Spanischen Bürgerkriegs von Faschisten erschossen wurde. Das Rätsel um den Verbleib seiner sterblichen Überreste macht ihn zur Symbolfigur im Bemühen um das Erinnern und Aufdecken verborgener Schicksale von Schwulen und Lesben unter Franco, die weit über das Ende der Diktatur hinaus gewaltsamen Repressionen ausgesetzt waren. Spanien, das heute im Umgang mit Homosexualität zu den fortschrittlichsten Ländern gehört, verweigert nach wie vor eine umfassende strafrechtliche Aufarbeitung seiner dunklen Vergangenheit. Einfühlsam verschafft Andrea Weiss Francos Opfern aus der LGBTIQ*-Community Gehör. Der Film zeigt ihre Lebensgeschichten im Kampf um Aufklärung, Gerechtigkeit und Menschenrechte sowie den anhaltenden Streit um eine würdige Neubestattung der verschwundenen Ermordeten. Beeindruckendes Archivmaterial dokumentiert die verdrängte historische Realität, die in Lorcas Dichtungen und Musik schmerzvollen Widerhall findet.4-format530
Dann unterhält uns der chinesische Beitrag Bing Lang Xue mit polyamourösem Durcheinander: Li Qi arbeitet bei einer Delfinshow, sein Freund Ren Yu fährt mit dem Karaokemobil den Surferstrand der chinesischen Insel Hainan entlang, auf der die beiden jungen Männer wohnen. Rens Ähnlichkeit mit dem Filmstar Leslie Cheung begeistert die Touristen: Sie zahlen dafür, sich mit ihm fotografieren zu lassen – oder betrinken sich mit ihm. Als sich zu dem polyamourösen Liebespaar eine junge Frau gesellt, ändert das zunächst nicht viel. Auch eine offene Dreierbeziehung scheint möglich. Gemeinsam loten Li Qi, Ren Yu und Bai Ling die Grenzen einer restriktiven Gesellschaft ebenso wie die ihrer eigenen Sexualität aus. Doch dann passiert etwas, das die Beteiligten jäh und nachhaltig erschüttert … Regisseur Hu Jia porträtiert eine Generation, die sich geradezu beiläufig zwischen Traditionen und mutig-alternativer Lebensart bewegt. Die ungewöhnliche Szenerie lädt er von Anfang an mit Spannung auf. Über weite Strecken dialogfrei, ist der Film voller kleiner Gesten, die Großes aussagen. In ruhigen und expliziten Bildern erzählt er von Liebe, Sex, Vertrauen und brutaler Gewalt – und zeigt den chinesischen Alltag auf eine Weise, wie man es im Kino selten sieht.201719049_1_img_fix_700x700
Und zu guter Letzt und unseren (offiziell) letzten Pflicht-Film des Festvals überhaupt gibt’s mit Bruce LaBruce The Misandrists einen fröhlich merkwürdigen Revolutionsthriller mit reichlich lesbischer Erotik und einer (wie immer) hinreißenden Susanne Sachsse. Es gibt schlimmere Abschlüsse: Somewhere in Ger(wo)many … Eine weiblich-radikale „Army of Lovers“ rüstet sich zur letzten Revolution. Man, nein, frau diskutiert, agitiert, menstruiert, sinniert über den Untergang des Patriarchats, paukt eingeschlechtliche Fortpflanzung und hat Sex. Dass ausgerechnet ein junger Soldat im Feminist*innenkloster Zuflucht sucht, bringt die strenge Vorsteherin aufs Parkett. Und „Big Mother“ is not amused. Doch eine Frage bleibt: Kann es innerhalb eines korrupten Systems überhaupt Gleichheit geben? Oder müssen vorher ein paar Schwänze rollen?!  Als ob Valerie Solanas einen „Schulmädchenreport“ inszeniert hätte: Bruce LaBruces neuester Streich handelt von der Utopie einer männerlosen Welt. Der kanadische Regisseur, erfahrener Berlinale-Gast und Teddy-Award-Gewinner (für Pierrot Lunaire) präsentiert eine anarchistische Protagonist*innenriege, der politische Parolen genauso leicht von den Lippen gehen wie religiöse Akklamationsformeln: Ihre Predigten schließen sie natürlich mit „A(wo)men“. Sarkastisch, urkomisch – und as queer as it gets.

Alle Fotos: Berlinale


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