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Berlinale Tag Zwei: Lange Nächte

Die MÄNNER-Jury macht durch. So fast jedenfalls

Was machen Menschen, nachdem sie elf Stunden lang im Kino im Dunkeln gesessen haben? Wenn Berlinale ist und diese Menschen Mitglieder der MÄNNER-Jury sind, setzen oder stellen sie sich danach in dunkle Bars. Und zwar im Fall von Ulf, Matthias und Paul „auf nur ein Getränk, wir müssen ja morgen weitermachen”.

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Um 2.30 Uhr sitzt man dann vor seinem dritten, ist gerade dabei sich richtig kennenzulernen und Jurypräsident Matthias Frings erzählt einen (schmutzigen) Schlag aus seiner wilden Westberliner Jugend. Es kamen Heteros und Gibsbeine und Wieland Speck und eine literarische Verlobung vor und es war lustig. Mehr dürfen wir nicht verraten. „Sonst muss ich euch leider töten”. Das will ja keiner.

Wir waren sehr angetan von „The Wound” und besonders vom Hauptdarsteller Nakhane Touré

Vorher waren wir noch gemeinsam sehr angetan von Panorama-Eröffnungsfilm „The Wound” und besonders vom Hauptdarsteller Nakhane Touré (Bild), der nicht nur eine großartige schauspielerische Leistung ablieferte, sondern auch ein eloquenter und geistreicher Interviewpartner nach dem Film war. Der Film wurde parallel in gleich vier Kinos am Potsdamer Platz gezeigt, so groß war der Andrang. Und das, soviel sei verraten, ganz zu Recht. Und dann mussten wir heute ja noch zwei andere Filme sehen. Leichtes Spiel und Zeit für lange Spaziergänge. Auch mal schön.

Männer Jury Tag Zwei: Die Filme

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Die Jury: So geht das den ganzen Tag 😉

Da war als erstes Karera ga Honki de Amu toki wa aus Japan, eine Fantasie mit Stricknadeln: Die elfjährige Tomo ist auf sich allein gestellt. In der Spüle stapelt sich das dreckige Geschirr und zu essen gibt es wieder einmal nur Onigiri aus dem Supermarkt, denn Tomos alleinerziehende Mutter kommt meistens spät und betrunken nach Hause. Als sie ihre Tochter eines Tages ganz verlässt, ist das Mädchen auf die Hilfe seines Onkels angewiesen, der Tomo bei sich und seiner Freundin Rinko aufnimmt. Bei ihrer ersten Begegnung ist das Erstaunen groß: Rinko ist eine Transfrau, die sich sofort fürsorglich um Tomo kümmert und ihr nicht nur liebevoll zubereitete Speisen anbietet, sondern auch ein neues Zuhause für sie schafft. Doch bald bekommt die Idylle erste Risse.
Wie schon in ihrem letzten Film Rentaneko (Panorama 2012) erzählt die japanische Regisseurin Naoko Ogigami von Wegen aus der Einsamkeit, die im Fall von Tomo und ihrer neuen Familie mit menschlicher Wärme, gutem Essen und dem Stricken als symbolischem Akt beschrieben werden. In ruhigen, konzentrierten Bildern zeigt der Film die Selbstverständlichkeit nichtnormativer Sexualität und den Wert von Familien, die nicht von Konventionen, sondern durch Fürsorge und Liebe definiert werden.

Dann ging es in Casa Roshell, eine Geschichte, die wir so überhaupt nicht erwartet hatten: Ein zweites Zuhause würde man hier nicht erwarten. Die Überwachungskamera zeigt einen trostlosen Eingang in einer unscheinbaren Straße in Mexiko-Stadt. Drinnen Discobeleuchtung und leere Tische. Aber die Vorbereitungen laufen schon und feste Rollen gibt es bald nicht mehr: Bartstoppeln verschwinden, Make-up wird aufgetragen, Haarsträhnen zurechtgezupft. Die Kamera ist nicht auf die Männer gerichtet, sondern darauf, wie sie sich im Spiegel sehen. Es bleibt Zeit für eine Übung, bevor die Party steigt: elegant zu laufen, sich die richtigen Buchstaben vorstellen und überlegen, was für eine Frau man sein möchte.

Bei Musik und Drinks fallen dann die letzten Schranken: zwischen Mann und Frau, schwul, hetero und bi, Vergangenheit und Gegenwart, Wirklichkeit und Fiktion

Bei Musik und Drinks fallen dann die letzten Schranken: zwischen Mann und Frau, schwul, hetero und bi, Vergangenheit und Gegenwart, Wirklichkeit und Fiktion. Wie sie dasitzen und plaudern oder vorm Darkroom warten, erinnern sie an Filmfiguren, unerreichbar glamourös, was nicht bedeutet, ihre Geschichten seien nicht wahr. Das Filmmaterial, das die digitalen Bilder ablöst, wird zum Symbol für die Erinnerungen an die Casa Roshell und die Schemen all jener, die hierherkamen, um sich nicht mehr allein zu fühlen. Mag die Utopie klein sein, die Welt draußen hat noch einiges aufzuholen.

Zwischendurch war einer von uns in diesem Meisterwerk und der dazugehörigen Pressekonferenz. Und muss deswegen morgen erzählen, wie das war.

 

Foto: Berlinale/privat

 


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