Nina Queer und Rolf Scheider bei der Premeire des Kinofilms Plötzlich Papa Demain tout commence im

Mit „Bild“ ins crazy Regenbogenland

Szenetranse Nina Queer schreibt für "Queer Bild" über "Die Top-Themen der LGBT-Community". Na Hilfe.

Was versteht der Axel-Springer-Verlag unter „Queer“? Wer’s wissen will, besucht „Queer Bild“ auf Facebook, wo die Boulevard-Postille vor quietschbunter Tapete die „Top-Themen der LGBT-Community“ zu diskutieren behauptet. Daniel Cremer, bei „Bild“ ansonsten verantwortlich fürs leichte Fach, spekuliert nach Kritik aus der Szene, dass die Seite „mehr Heteros in Kontakt mit schwulen Themen“ bringe und diese „dann das Recht“ hätten, „sich eine eigene Meinung zu bilden“. Dieser Einladung folge ich gerne und fange am besten gleich beim Profilbild an.

„Queer“ steht in dicken Lettern über einer Regenbogen-Fahne, natürlich begriffsanalog schief, ‚gerade‘ können die anderen, „Queer Bild“ ist dafür viel zu crazy.  Die Fahne ist wunderbar bunt, zeigt zwar nicht das Symbol der Community, sondern das der Friedensbewegung, aber wen schert es, solange der Regenbogen ein Regenbogen ist. Mit oder ohne Hellblau, Hauptsache, das Rot ist unten, damit es prima mit dem Bild-Logo harmoniert, denn ganz so crazy sind sie bei Bild.de dann doch nicht. Wenigstens den Heteros wird das unter Umständen gar nicht auffallen, die reiben sich höchstens beim Titelbild verwundert die Augen. Sind sie versehentlich bei „Bild Kids“ gelandet?

Mensch Leute, das könnt ihr bei der Bild als Vorreiter der Zeitung-gewordenen Titten- und Ärsche-Ästhetik aber besser. Warum plötzlich so unschuldig?

Hier nämlich fassen sich Lara und Sarah neben Tom und Ben an ihren fingerlosen Händchen, als freuten sie sich auf ihren Ausflug in den Zoo mit der 4a. Die Haare sind sorgfältig frisiert, die Kleidchen gebügelt, die Sweatshirts frisch von Mamas Wäscheständer – piep, piep, piep, wir haben uns alle lieb. Mensch Leute, das könnt ihr bei der Bild als Vorreiter der Zeitung-gewordenen Titten- und Ärsche-Ästhetik aber besser. Warum plötzlich so unschuldig?

„Nonkonform. Das war mal die Kraft unserer Szene“, schreibt Cremer auf Facebook, der vielleicht einmal einen Blick auf die Gestaltung der Seite riskieren sollte. Die infantilen Abziehbildchen im Grafikmodus erzeugen so viel „Diversität“ (Cremer), dass sie genauso gut in einer Kita über der Spielecke hängen könnten.

Warum haben sie kein Bild von Nina Queer genommen? „Berlins bekannteste und schrillste Drag-Queen“ fragt immerhin einmal wöchentlich auf Bild.de, ob es nicht „ein bisschen Queer sein“ darf. Damit dürfte sie, zumindest ein bisschen, auch bei den heterosexuellen Bild-Lesern bekannt sein. „Leder ist das Material der Verzweiflung!“ titelt sie ihre Kolumne und verspricht damit bereits Schenkelklopfer von einer, die aus dem Nähkästchen „vom anderen Ufer“ plaudert. Der Text soll Satire sein, die alles darf, und gelungen ist er insofern, als dass er wirklich jedes Klischee der Leute bedient, die Mainstream-mediale Stereotypen des Leder-Schwulen („die Alten und ihre Lederkluft“) im Kopf haben. Gespickt ist er mit homophoben Anspielungen und Body-Shaming, den N. Q. mit einem letzten Satz – den by the way sowieso kaum eine liest – aufzuheben versucht. Das funktioniert maximal als Hintertürchen-Entschuldigung für ein in erster Linie austeilendes Pamphlet, das ganz nach Hetero-Macker-Muster funktioniert.

Zu Nina gesellt sich die heterosexuelle Kolumnistin Marlene Nordmann („Wieso ich lieber in Gay-Clubs gehe“), die sich selbst „Gay-Gaby“ nennt und am liebsten dort abhottet, wo keiner auf sie steht

Zu Nina gesellt sich die heterosexuelle Kolumnistin Marlene Nordmann („Wieso ich lieber in Gay-Clubs gehe“), die sich selbst „Gay-Gaby“ nennt und am liebsten dort abhottet, wo keiner auf sie steht. „Es gibt so viel Naschkram, doch man darf nicht zubeißen“, sexelt die Frau ganz im Bild-Duktus, doch so schlimm ist es in Gabys Klischee-Paradies nicht. Sie quatscht eh lieber mit den „Regenbogen-Jungs“ über Klamotten, „den neusten Tratsch und Klatsch“ und gibt gerne das Party-Muttchen, das sich auch ohne den Erotik-Faktor die Nacht um die Ohren haut. Soll sie machen, aber passt dieses kleine Outing nicht besser in die „Frau im Spiegel“?

Da die Publicity-Profis von Springer ihr Klientel kennen und genau wissen, wieso rot unten und nicht oben sein soll, ist hier nicht von einer Fingerübung auszugehen. „Queer Bild“ ist eben nicht „Queer“ sondern einfach spröde „Bild“. Entsprechend ist einzig schräg an der Seite der fehlende Bezug zur Community, Nina Queer hingegen ist im heterosexuellen Mainstream angekommen.

Bild: Imago/Future Image


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