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„Wonne klagend, alles sagend…“

Zum Tod des Gmünder-Gesellschafters und Weltenbürgers Frank Zahn

Ein Nachruf von Maria Ossowski, ARD-Kulturkorrespondentin beim Rundfunk Berlin-Brandenburg

Ein Abendessen bei Freunden im Mai. Der Opernintendant hat eingeladen, zwölf Gäste, man kennt sich untereinander nicht. Der Flieder duftet in den Vasen der Berliner Altbauwohnung. Mit einem peinlichen Klugscheißer-Gen ausgestattet, muss ich in dieser musikbegeisterten Umgebung aus Wagners Meistersingern zitieren: „Was duftet doch der Flieder so mild, so stark und voll …“ Das kommt gut. „Weiter bitte“, ruft eine junge Dame vom Ende des Tisches. Es wird ruhig. Wie soll ich das wissen? Gott, wie singt Hans Sachs nur weiter?

„Mir löst es weich die Glieder,
will, dass ich was sagen soll.
Was gilt’s, was ich dir sagen kann?
Bin gar ein arm einfältig Mann.“

Der Unbekannte, der Wagners geniales Satyrspiel auswendig zitiert und diese Oper offensichtlich besser kennt als wir alle, sitzt gegenüber und lächelt – ja wie? Leicht süffisant? Nur freundlich? Überheblich? Siegesgewiss? Schaut er spöttisch? Liebevoll? Ein „gar arm einfältig Mann“ ist er garantiert nicht. Aber was dann? Operndramaturg? Regisseur? Dirigent? Sänger? Möglich wäre alles, der Blick ist intelligent, die Statur kräftig, der Mund sensibel, die Aura melancholisch.

Der Geheimnisvolle

„Wer sind Sie?“, frage ich völlig verblüfft. „Frank Zahn.“ Schweigen. Keine Erklärung, aber eine gewisser Schalk in seiner Mimik. Der kleine Aufmerksamkeitscoup ist geglückt, und seine Lust an solchen Provokationen begleitet unsere Freundschaft fortan. Sie ist ein Merkmal seines Wesens, seiner Lebensfreude, seiner Neugier, seiner Skepsis gegenüber angeblichen Wahrheiten und seines Drangs, zu begreifen, was die Welt im Innersten zusammenhält. „Ist das so?“, lautete eine seiner Lieblingsfragen, die weit über sein Fachgebiet, die Juristerei, hinausging. Promoviert hat der brillante Jurist im Zivilrecht an der Universität Osnabrück, die Verträge, die er als Anwalt bearbeitete, hatten Bestand und gaben seinen Mandanten Sicherheit und ihm selbst jenen Wohlstand, der ihm erlaubte, seine großen Leidenschaften zu leben: Kunst, Musik, Reisen, Freundschaften und sein Unternehmen, das er 2014 aus der Insolvenz gerettet hatte.

Ein Anwalt im üblichen Sinne allerdings war er nie. Eher eine Insel in der trockenen Juristerei, so seine frühere Assistentin Antonia Liebnitz. So verlässlich und pünktlich sei er gewesen wie gleichermaßen unangepasst und widerständig. Und vor allem: unstillbar neugierig. Frank Zahn sprach fließend Chinesisch, 1992 hat er nach der Promotion in Osnabrück sein Studium in Hongkong abgeschlossen, 1996 kam die akademische Würde in Peking dazu. Ob das in der Nähe gelegene Nordkorea wirklich so fürchterlich sei, wie alle berichten, wollte er selbst überprüfen. Zwei Wochen ist er eingetaucht in die Steinzeitdiktatur, um festzustellen, dass ein Leben ohne jede Kommunikationsmöglichkeit für ihn nicht funktioniert. Das Handy musste er bei der Einreise abgeben, erleichtert hat er es bei der Ausreise wieder an sich genommen.

Der Vernetzer

Ohne Kontakte war ihm das Leben unwirklich, er pflegte treueste Freundschaften, kümmerte sich um kranke Freunde, blieb selbst aber immer diskret im Hintergrund, leicht distanziert und wenig von sich preisgebend. Seinen engen Freund Stefan Vetter nannte er nur „Herr Vetter“, auf Reisen, bei den Bayreuther Festspielen. Herr Vetter und Herr Zahn. Das „Du“ milderte die Anrede, aber Distinktion und Diskretion waren prägende Eigenschaften des Unternehmers.

Das Vernetzen hingegen, das Verbinden ihm wichtiger Menschen untereinander hat ihn zutiefst beglückt. Wer je zu Gast war in seiner Wohnung über den Dächern von Berlin-Mitte, inmitten all der bedeutenden Kunst, die Frank Zahn gesammelt hat, wird seine Gastfreundschaft, kombiniert mit einer meisterlichen Kochkunst, nie vergessen. Er hat Dirigenten und Regisseure, Maler und Sammler, Geschäftsleute und Flaneure, Abenteurer und Tagträumer zusammengebracht.

Opernfreund, Kunstsammler und Berghaintänzer

Opernunkundige hat er eingeladen zu seinem berühmten „Vorsingen“, einer über Stunden dauernden Einführung, die er mit kulinarischen Delikatessen, besten Weinen und vor allem seinem unerschöpflichen Wissen garnierte. Oper, zuallererst die Wagner- und die Strauss-Opern, waren bei ihm nie Divertissement, sollte jemand nur Unterhaltung und Zerstreuung suchen, konnte er beim „Vorsingen“ ungehalten werden. Die Suche nach dem Sinn hinter allen Dingen trieb ihn. Faust war sein Alter Ego, auf seinem Facebookprofil hinterlegte er als Lieblingszitat den berühmten Monolog aus Faust II:

„Ich bin nur durch Welt gerannt;
ein jed‘ Gelüst ergriff ich bei den Haaren,
was nicht genügte, ließ ich fahren,
was mir entwischte, ließ ich ziehn“.

Dem Widerspruch ließ Frank Zahn nicht nur Raum, Widerspruch war der Generalbass seines Lebens. Genoss er eben noch die Zauberflöte (eine der wenigen Mozartopern, die er mochte), ging er anschließend „vorschlafen“, um früh um vier an der langen Warteschlange vorbei ins Berghain zu gehen. Er war Stammgast in jener legendären Berliner Location, hat noch am Sonntag vor seinem Tode dort getanzt. So selten er von sich erzählte, so wenig selbst enge Freunde über ihn wussten (seine ernste Herzkrankheit hat er bei nur wenigen Vertrauten thematisiert), so wusste jeder, wie sehr er an seiner Familie, seiner Mutter und Schwester und deren beiden Kindern, hing. Sein Schwulsein lebte er offen, durchaus politisch, jede Diskriminierung erboste ihn zutiefst.

Unternehmer und Freund

Mit der Übernahme des Gmünder-Unternehmens wollte er der LGBTI-Community, so vermuten viele Freunde, auch etwas zurück geben, an Schutz, an Stütze, an Fortschritt. Trotz aller Offenheit, etwas Geheimnisvolles umgab ihn bei jedem Gespräch, jeder Begegnung. So habe ich denn „Wer war Frank Zahn?“ nach seinem Tode viele Wegbegleiter gefragt. „Wonne klagend, alles sagend“- Isoldes Liebestod stand Pate für viele Antworten. „Ein wandelndes Lexikon“, so der Architekt Hans-Achim Grube. „Ein liebenswürdig unkonventioneller Anwalt“, so seine Assistentin Antonia Liebnitz. „Ein phantastischer Zuhörer, ein Teamworker, ein verantwortungsvoller Unternehmer“, so Gmünder-Prokurist Dirk Heering. „Ein unglaublich fairer, guter Freund“, so sein Mitarbeiter Alfonso Pantisano. „Begeistert von Musik und Kochen, Kunst und Freundschaften“, so der Wirtschaftsjurist und Kulturmäzen Ulrich Köstlin. „Ein extrem großzügiger Freund, der die Oper unterstützte“, so der Intendant der Deutschen Oper Berlin, Dietmar Schwarz. Bei ihm hatten wir uns 2012 kennen gelernt. Und mit einem berühmten Opernzitat aus dem Rosenkavalier nehme ich denn auch Abschied von meinem Freund. „Die Zeit, sie ist ein sonderbar Ding“ singt die Marschallin. Die Zeit mit Dir, Frank Zahn, war hinreißend, bezaubernd, klug, kultiviert, sie war aber leider auch: zu kurz.


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