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Arabischer Frühling in Berlin

Der schwule Top-Newcomer der Leipziger Buchmesse erklärt uns, wie queeres Leben im Nahen Osten funktioniert

Die englische Originalausgabe von Saleem Haddads Debütroman „Guapa“ wird schon seit ein paar Monaten als wichtiger Beitrag über queeres Leben im Nahen Osten gefeiert, jetzt erscheint er in deutscher Übersetzung. Auf der Leipziger Buchmesse stellte Haddad das Buch persönlich vor, am 28. März folgt die offizielle Buchpremiere in Berlin. Der Tagesspiegel bezeichnet den Text als „starkes Debüt“, die taz Als „Mahlstrom, der einem die letzte Träne entreißt“. Beides trifft zu. Haddad erzählt die Geschichte des jungen Moslems Rasa, dessen Leben aus den Fugen gerät, als er von seiner gläubigen Großmutter mit dem Liebsten im Bett erwischt wird. Ausgehend von dem familiären Konflikt rollt Haddad die Biografie der Hauptfigur auf. Er zeichnet ein eindringliches Bild der inneren Kämpfe, denen schwule Moslems ausgesetzt sind, und stellt existenzielle Identitätsfragen. Während Rasa in seiner arabischen Heimat mit seinem Schwulsein hadert, rückt beim Studium in den USA (dessen Beginn mit dem 11. September zusammenfällt) seine arabische Herkunft in den Fokus. Das Rätsel des „Wo gehöre ich hin?“ wird zunehmend unlösbar, die Gewissheit über die eigene Daseinsberechtigung schwindet. Einen Hoffnungsschimmer bringt der Arabische Frühling, dessen Aufbruchsstimmung jedoch schnell verpufft. Zurück bleibt eine revolutionäre Insel: die Underground-Kneipe „Guapa“.

Die Handlung spielt in einem fiktiven arabischen Staat, der ein Hybrid aus diversen Ländern ist, denen der  Arabische Frühling eher einen Backlash als wirkliche Befreiung beschert hat. Der Autor kennt die Welt, von der er erzählt. Er verbrachte seine Jugend in Kuwait und Jordanien, studierte Wirtschaftswissenschaften in Kanada, reiste als Entwicklungshelfer durch den Nahen Osten. Seit zehn Jahren lebt er in London, wo er seinen heutigen Partner kennenlernte. Während des Arabischen Frühlings half er Jugendaktivisten und Oppositionellen in Libyen, Ägypten, Jemen und Libanon, ihre Anliegen in den Reformprozess einzubringen. Den Rest erzählt er im Interview selbst.

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Saleem, ein Kernthema von „Guapa“ ist die Suche nach Identität – ein universelles Thema, das seine Sprengkraft aus der arabischen Herkunft der Hauptfigur zieht. Rasa ist Moslem, schwul und hat eine eher westliche Weltsicht. So wird er (und damit das Buch) für die Leser zum Vermittler zwischen arabischer und westlicher Welt. War diese Mittlerfunktion das Ziel beim Schreiben?

Ich muss vorweg sagen, dass ich das Gefühl habe, dass das populäre Verständnis von Identität häufig auf Missverständnissen beruht. Oft wird so getan, als wäre Identität etwas, was man sich selbst konstruieren könnte. Das stimmt so nicht. Die Identität wird von der Gesellschaft bestimmt, in der das jeweilige Individuum lebt. Die Gesellschaft nimmt einem quasi die Konstruktion der Identität ab. Genau das zeigt mein Buch. Sobald Rasa sein arabisches Umfeld verlässt, um in den USA zu studieren, ist er plötzlich mit seiner arabischen Identität konfrontiert. Sobald er wiederum in den Nahen Osten zurückkehrt, wird er auf seine queere Identität zurückgeworfen. Warum? Weil in jedem der beiden Länder ein jeweils anderer Teil seiner Identität unter Beschuss steht. Ich mag keine Identitätspolitik, hasse sie sogar. Aber wir haben keine Wahl als uns ihr zu stellen. Sie ist Teil des Alltags. Und dass das so ist, ist nicht unsere Schuld, sondern die der anderen.

Der Mensch als Produkt der Gesellschaft, die ihn hervorbringt?

Genau. Um aber auf deine Frage zurückzukommen: Dieses Buch zu schreiben und zu veröffentlichen hat tatsächlich meinen Glauben an die vermittelnde Macht der Literatur erneuert. Ich habe lange in der Entwicklungshilfe im Nahen Osten gearbeitet und war dabei ständig mit der Vermittlung von Sichtweisen und Bemühungen, Leute zum Umdenken zu bewegen, beschäftigt. Ich weiß also, wie schwierig und ermüdend sowas ist. Jetzt zu beobachten, wie mein eigenes Buch sowohl im arabischen Raum als auch in Europa und Amerika eine intensive und emotionale Diskussion über den Umgang mit Sexualität im Nahen Osten auslöst, lässt mich staunen. Der Pessimist und Araber in mir wartet immer noch auf den großen Rückschlag. Aber der Optimist in mir erkennt, dass ein Schlüssel zu größerem Verständnis fremder Kulturkreise tatsächlich im Lesen von Geschichten liegen kann. Daran habe ich vor der Veröffentlichung des Buches nur bedingt geglaubt. Nicht umsonst hab ich den Text in völliger Geheimhaltung geschrieben. Niemand wusste, woran ich arbeite. Manche wussten zwar, dass ich ein Projekt in der Mache habe, aber sie kannten nicht das Thema oder die Form. Als das Buch dann herauskam, war das wie eine große Entblößung.

Eine Entblößung?

Ja. Die Monate bevor „Guapa“ rauskam, gehören zu den schwierigsten meines Lebens. Ich hatte Angst, dass das Buch von der LGBTI-Community im Nahen Osten nicht akzeptiert werden würde. Dass sich die Leute von mir verraten oder bloßgestellt fühlen würden. Am Ende war das Gegenteil der Fall. Das macht mich sehr glücklich.

Dient die Entscheidung, die Handlung in einem fiktiven arabischen Land spielen zu lassen, auch dem Schutz der queeren Szenen im Nahen Osten?

Das war durchaus ein Punkt, ja. Die queeren Orte im Nahen Osten sind ja normalerweise nicht ausgewiesenermaßen queer. In Beirut findet man ein paar schwule Bars, die auch als solche beworben werden, aber in anderen Ländern ist die Szene eher underground und halb privat. Ich habe viele Länder im Nahen Osten besucht, in einigen gelebt. Meine Eindrücke aus allen diesen Ländern und ihren queeren Szenen fließen in „Guapa“ zusammen. Hätte ich ein spezifisches Land gewählt, hätte ich vor der Herausforderung gestanden, sowohl dessen Szene wahrheitsgetreu abzubilden, als auch die reale politische Situation und die soziale Dynamik des jeweiligen Staates zu erfassen. Jeder, der weiß, wie kompliziert die Politik in den Ländern des Nahen Ostens ist, wird verstehen, dass das Etablieren einer Romanhandlung schwierig wird, wenn man jedes Detail der realen Gegebenheiten berücksichtigen muss. Es war also auch eine dramaturgische Entscheidung.

Ist die titelgebende Underground-Kneipe „Guapa“, in der agitiert und gezecht und zu nächtlichen Drag-Shows geladen wird, also eine Utopie?

Ja und nein. Es gibt solche Orte durchaus. Ich habe meine Coming-out-Zeit in Kneipen wie „Guapa“ verbracht. Ich werde auch oft von Lesern aus dem Nahen Osten angesprochen, die glauben, dass ich von ihrer Stammkneipe spreche. Ich scheine die realen Verhältnisse also getroffen zu haben.

War deine eigene Auseinandersetzung mit dem Schwulsein ähnlich kompliziert wie die von Rasa?

Es gibt viele Parallelen. Auch ich habe im Badezimmer gestanden und meinem Spiegelbild erzählt, dass ich schwul bin und dabei alle möglichen Begriffe auf Arabisch und Englisch ausprobiert, in der Hoffnung mich mit einem von ihnen identifizieren zu können. Auch ich habe im Ausland studiert, um dort die schwule Szene zu erforschen, wurde dann aber durch den 11. September auf meine arabische Herkunft zurückgeworfen, was dazu führte, dass ich erst in den Nahen Osten zurückkehren musste, um mit meiner schwulen Identität ins Reine zu kommen. Andererseits hatte ich mein erstes Mal nicht wie Rasa mit einem Taxifahrer. Ich weiß aber, dass solche Erfahrungen im Nahen Osten häufig sind. Auch, weil mir immer wieder Leser erzählen, dass sie die Taxiszene genau so erlebt haben, worauf ich erwidern muss, dass mir das selber gar nicht passiert ist. Leider. Ist schon sexy.

Die Sequenzen über die US-Einreiserestriktionen für Araber nach dem 11. September lassen sich eins zu eins auf die Debatte um Trumps Travel Ban übertragen. Bist du betroffen?

Klar. Aber das ist nichts Neues. Und so begrüßenswert ich die breite Protestbewegung gegen den Travel Ban finde, frage ich mich gleichzeitig, wo all die Demonstranten waren, als Obama die sieben betroffenen Länder vor zwei Jahren auf die Liste der Gefährderstaaten gesetzt hat? Damals sprach niemand darüber. Schön, dass die Leute es jetzt tun, aber sie müssen sich auch klarmachen, dass Trump nur Maßnahmen verschärft, für die vorher bereits die Weichen gestellt wurden. Es war also damit zu rechnen. Was mich selbst angeht: Unter George W. Bush war ich ein paarmal in den USA, hab es aber bald aufgegeben. In der Obama-Ära dachte ich, alles würde besser, aber das war nicht der Fall. Immer noch wurde ich bei jedem Flug in die USA erst am Check-in in Heathrow zur Seite genommen und befragt, dann noch mal am Gate zur Seite genommen, befragt und durchsucht. Vor der Einreise in die USA gab es ein weiteres ausführliches Verhör in einem Extraraum. Auf der Rückreise passierte das Gleiche umgekehrt. Ohne Ausnahme. Dabei bin ich nicht mal Moslem. Ich komme aus einem christlichen Elternhaus. Aber das interessiert in dem Fall nicht. Erst als ich kurz vor dem Erscheinen von „Guapa“ in die USA flog und beim Verhör erzählte, dass mein Buch von einem schwulen Mann handelt, wurden sie auf einmal mitfühlend. „Es muss hart sein als Schwuler im Nahen Osten!“ Meine Antwort darauf lautete: „Solange man genug Geld und Macht hat, ist es gar nicht so hart.“ Darauf meinte der Beamte: „Ist das nicht überall so?“ Als ich später zurückreiste, wurde ich nur noch einmal befragt und das war’s. In diesem Fall hat mich mein Schwulsein offenbar in eine vertrauenswürdigere Kategorie gebracht. Ob diese Kategorie unter Trump ihre Gültigkeit behält, wird sich zeigen. Ich bezweifle es. Ich war in einigen der Länder, die auf seiner roten Liste stehen.

01_bl_haddad_guapa_cover„Guapa“ endet damit, dass Rasa vorsichtig optimistisch von einer neuen Revolution träumt. Liegt die Erlösung der Konfliktregion Naher Osten in der Hand der Schwulen?

Schwule sind immer und überall in sozialen Bewegungen aktiv. Ob ihre sexuelle Identität dabei immer als Motivation dient, sei dahingestellt, aber sie spielt sicher eine Rolle.
Ich würde sagen, um Veränderungen im Nahen Osten herbeizuführen, sollten sich marginalisierte Gruppen weniger vereinzeln als solidarisieren. Ein Beispiel: Wie soll man in einer Kultur, in der generell nicht über Sexualität gesprochen wird, über Homosexualität sprechen? Es ist am erfolgversprechendsten, queere Anliegen an Diskussionen über Frauenfeindlichkeit, Gleichberechtigung der Geschlechter und soziale Schieflagen anzukoppeln.

Du lebst mit deinem Partner in London. Würdet ihr als schwules Paar zurück in deine Heimatregion ziehen?

Ja, wir haben das auch vor. Eigentlich will ich schon seit ein paar Jahren zurück in den Libanon. Ich lebe seit zehn Jahren in London und mag die Stadt. Seit dem Brexit-Votum haben meine Sympathien etwas gelitten, aber mein Freund ist Brite und ich fühle mich hier schon heimisch. Unser momentaner Plan ist, erst nach Europa zu gehen, wahrscheinlich nach Lissabon. Danach ist der Libanon dran.

BUCHPREMIERE: 28. März, 2o Uhr
Literarisches Colloquium Berlin

Guapa, Albino Verlag, 400 Seiten, 16,99 Euro

 

FOTOS: Sami Haddad (2), Albino Verlag (1)

 


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