Feb 27 2007 Oakland CA USA ARMISTEAD MAUPIN who authored the book Tales of the City has all

Anna Madrigals Ende?

Im letzten Teil der Stadtgeschichten erzählt Armistead Maupin uns alles über seine größte Heldin

Das wurde Zeit. Man hatte sich schon Sorgen gemacht, das deutsche Publikum würde nicht in den Genuss kommen, Armistead Maupins letzte Stadtgeschichten zu lesen, die in den USA und im Rest der Welt schon vor über zwei Jahren veröffentlicht worden sind. Was mehr als schade gewesen wäre. Nicht nur, weil das Buch ein gestandenes Alterswerk einer der wichtigsten Stimmen der Weltliteratur ist, sondern auch, weil es sich gehört, eine lange Geschichte, deren Figuren man liebgewonnen hat, zu Ende erzählt zu bekommen. Und das geht so: Anna Madrigal ist 92, zieht ihr Gras nicht mehr selbst, sondern kauft es in einem von Kaliforniens unzähligen Hanf-Shops. Während sie es mit ihrem Mitbewohner konsumiert, ins Licht einer elektrischen Kerze starrt und sich darauf vorbereitet „zu gehen, wie das nur eine echte Dame tun kann“, erinnert sie sich an ihre Kindheit als Andy Ramsay, in einem Puff in Winnemucca, im US-Bundesstaat Nevada. Michael hat einen zwanzig Jahren jüngeren Freund, Brian endlich die große Liebe gefunden und Shawna, Brians Adoptivtochter, will ein Kind ohne Vater. Alle Handlungsfäden laufen an einem unwahrscheinlichen Ort zusammen: Burning Man, wo auch Anna aufschlägt.

Maupins Alter Ego war noch nie vorher so vollgesogen mit dem Humor und der Weisheit

Maupin-Fans wissen längst, dass es sich empfiehlt, alle anderen Teile vor jedem neuen noch einmal zu lesen, denn der inzwischen weit über 60-Jährige Meister versteht es wie kein zweiter, Schicksal zu spielen und Nebenfiguren aus anderen Büchern wieder auftauchen zu lassen, um Schicksal zu spielen, Verbindungen aufzuzeigen, wo man als Leser bislang nur lose Enden vermutet hatte, und das alles so zu tun, dass man beim Lesen gluckst vor Freude und Überraschung. Und dann ist da natürlich Anna Madrigal, zart wie Rosengelee und trocken wie Zwieback, eine überaus gelungene Kombination. Maupins eines Alter Ego war noch nie vorher so vollgesogen mit dem Humor und der Weisheit, die einem nur gegönnt werden, wenn man immer auf volles Risiko gelebt hat.

978-3-499-29016-9

Rowohlt TB, 336 Seiten, 10, 99 Euro

Auch schön: Maupins anderes Alter Ego, Michael Tolliver, kann auch mit weit über 60 noch den wildesten Sex haben. Sein ohnehin viel jüngerer Kerl und er schleppen, während in der Wüste der Burning Man brennt, einen nochmal zwanzig Jahren jüngeren Mann ab und haben in ihrem Zelt einen Dreier mit ihm, der nicht nur geil, sondern auch noch etwas anderes ist: gemütlich. Denn neben der Legendenbildung über San Francisco, der Bauanleitung für die perfekte, queere Wahlfamilie und einer Anleitung für genussvollen Drogengebrauch in jedem Alter, ist vielleicht das Maupins größtes Geschenk an seine Leser nach mehr als 2500 Seiten Stadtgeschichten: Wer annimmt, was er hier lernen kann, redet danach völlig gelöst und spaßbetont über Sex, hat kein Problem damit seine Bedürfnisse klar zu äußern, aber auch nicht damit, die anderer einfach als aufregendes Geschenk anzunehmen.
Da war er schon vor über 30 Jahren Vorreiter, genau wie bei seinem schon damals mehr als progressiven Trans-Begriff, bei dem es nie um Geschlechtsteile ging, sondern immer nur um Selbstwerdung. Die konnte im eigenen, oder in anderen Körpern stattfinden, unter Substanzeinfluss oder völlig nüchtern, mit gebrochenem, oder intaktem Herzen, Hauptsache man landete irgendwann bei sich selbst und wurde das, was Anna Madrigal immer schon gewesen war: Eine Meisterin des Schicksals, die die Unzuverlässigkeit der Parzen nicht beklagt, sondern einfach als gegeben hinnimmt und sich davon nicht die Laune verderben lässt.

Maupin hat einmal angekündigt, dass mit Anna Madrigals Tod für ihn die Buch-Reihe beendet wäre

Maupin hat einmal angekündigt, dass mit Anna Madrigals Tod für ihn die Buch-Reihe beendet wäre. Kommt es soweit, am Ende der „Tage der Anna Madrigal“? Niemand erwartet, dass wir das an dieser Stelle enthüllen, oder? Und warum sollten wir auch? Der Genuss am Ende eines Lebens anzukommen, es in Gänze zu betrachten und sich darüber zu freuen, wie ungerade seine Wege sein können, ist zu groß, um ihn so zu verderben. Und: Anna Madrigal wird im Moment zu sehr gebraucht, um so ganz zu gehen, oder?

Fotos: Imago/ZUMA Press, Shutterstock/s_buckley


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