Der vergessene Boyfriend

Deutsche Erstaufführung von "4000 Tage" bringt Gustav Peter Wöhler und Boris Aljnovic zum Ende des Regenbogens

Gustav Peter Wöhler und Boris Aljinovic als schwules Paar! In einem Stück von „End of the Rainbow“-Autor Peter Quilter! Mit Judy Winter als Aljinovics Mutter! Man sollte meinen, da kann nichts schiefgehen. Jedoch: Der deutschsprachigen Erstaufführung des West-End-Erfolgs „4000 Days“ im Hamburger St. Pauli Theater fehlt das Feuer. Bei der Premiere am 28. März hemmten diverse Texthänger den Fluss, die grandiose Besetzung lief nur zwischenzeitlich zu Höchstform auf, die Regie wirkte oft uninspiriert. Das hastige Löschen des Lichts beim intimsten Moment des Abends – dem ersten und einzigen Kuss zwischen Wöhler und Aljinovic – war bezeichnend für das Fehlen jener Sensibilität, die ein Stück wie dieses unbedingt gebraucht hätte.

Vom Koma bis zu Fragen nach dem Sinn des Lebens
Die Story: Wegen eines Blutgerinnsels im Gehirn liegt Michael (Boris Aljinovic) im Koma. An seinem Krankenhausbett wachen abwechselnd seine Mutter Carol (Judy Winter) und sein Lebensgefährte Paul (Gustav Peter Wöhler). Die beiden können sich nicht leiden. Carol wirft dem „Kontroll-Freak“ Paul vor, er habe ihren einst so lebenslustigen Sohn zum Langweiler gemacht, Paul hasst Carol wegen ihrer anmaßenden Angewohnheit, sich in seine Beziehung zu Michael einzumischen. Als Michael aus dem Koma erwacht, löst sich die Spannung zunächst in Erleichterung auf. Allerdings nur kurz. Bald wird klar, dass Michael einen Gedächtnisverlust erlitten hat. Er hat die letzten zehn Jahre seines Lebens komplett vergessen – auch die gesamte Beziehung mit Paul, den er nicht mal mehr erkennt. Ein Ringen mit der Identität beginnt und existenzielle Fragen nach dem Sinn des Lebens werden laut.

Ist „4000 Tage“ ein schwules Stück?
Wer bei „4000 Tage“ ein schwules Stück erwartet, wird nur bedingt bedient. Da die Beziehung zwischen Paul und Michael der Amnesie anheimfällt, bleibt sie abstrakt. Hinzu kommt, dass die Wöhler-Figur relativ unsympathisch ist und erst im zweiten Akt an Kontur gewinnt. Dann entstehen allerdings die schönsten Momente. Etwa, wenn Michael sich doch noch an einen gemeinsamen Abend in einem chinesischen Restaurant erinnert, was Paul verärgert, weil er ausgerechnet diese Erinnerung lieber getilgt sähe. In dieser Szene hat Gustav Peter Wöhler einen wirklich starken Auftritt, von dessen Intensität man sich mehr gewünscht hätte. Ansonsten könnte der Abend vor allem Judy Winter gehören, deren Mutterrolle viel Raum einnimmt, die aber mit dem Text hadert und nur ab und zu voll aufdreht – zum Beispiel, wenn sie sich gegen Pauls Vorwurf verteidigt, sie würde lieber einen heterosexuellen Sohn haben. Boris Aljinovic spielt den zwischen Mutter und (fremdem) Lover hin- und hergerissenen Amnesiepatienten als zurückhaltenden Sympathieträger.

Hymne auf die Freiheit mit Schwächen
Insgesamt wird das Potenzial der Geschichte in der Hamburger Inszenierung nicht voll ausgeschöpft. „4000 Tage“ ist eine Hymne auf die Freiheit und ein Appell, die eigenen Träume zu leben. Indem das Stück die großen Lebensthemen Glück, Liebe und Selbstverwirklichung in der sterilen Enge eines Krankenhauszimmers verhandelt, konzentriert es sich ganz auf seine Darsteller und den Text. Regisseur Ulrich Waller scheint dieser Qualität nicht zu trauen. Stattdessen versucht er, Emotionalität durch das Einspielen von Coldplay-Songs zu erzeugen und Leerräume mit Ausstattung zu füllen. Das wäre bei einem solchen Cast nicht nötig gewesen.

Vorstellungen bis 24. April: Termine und Tickets

 


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