Schauspieler Corentin Fila re und Schauspieler Kacey Mottet Klein während des Photocalls zum Film

„Es geht um Liebe. Um echte Gefühle“

"Mit Siebzehn" ist eine große, schwule Romanze mit Happy End. Und ein Meisterwerk. Ein echter Téchiné eben.

Gleich für seine erste Rolle als Sohn von Isabelle Huppert in „Home“ wurde Kacey Mottet Klein, geboren am 20. Oktober 1998 in Lausanne, 2009 mit dem Schweizer Filmpreis ausgezeichnet. Anschließend war er als junger Serge Gainsbourg in „Gainsbourg – Der Mann, der die Frauen liebte“ und als Jugendlicher in Filmen wie „Winterdieb“ mit Léa Seydoux oder „Gemma Bovery – Ein Sommer mit Flaubert“ mit Gemma Arterton zu sehen. Im Februar 2016 wurde der Schweizer – noch nicht einmal volljährig – auf der Berlinale als einer der European Shooting geehrt (MÄNNER-Archiv), gleichzeitig feierte sein neuer Film „Being 17“ von André Téchiné seine Weltpremiere. Für die schwule Liebesgeschichte zwischen zwei Klassenkameraden wurde er inzwischen für den französischen Filmpreis César nominiert – und stand uns in Paris im Interview Rede und Antwort.

Kacey, Dein Filmpartner Corentin Fila, der einige Jahre älter ist als Du, hat berichtet, dass Du ihn bei Eurem Kennenlernen richtig eingeschüchtert hast, weil Du trotz Deiner damals 16 Jahre so ein enormes Selbstbewusstsein hattest…
Das hat er gesagt? Na ja, das war sicherlich vor allem seine Wahrnehmung. Für ihn war „Mit 17“ ja der allererste Film überhaupt. Ich dagegen hatte schon relativ viel Erfahrung vor der Kamera. Deswegen war ich sicherlich sehr viel weniger nervös als er. Und vielleicht habe ich manchmal auch ein bisschen auf den Putz gehauen. Aber dass dann eigentlich nur, um meine eigene Nervosität zu überspielen.

Warum warst Du nervös?
Ich sage nur: André Téchiné! Unser Regisseur ist eine Legende des französischen Kinos. Da kann man schon mal weiche Knie bekommen. Neben ihm war ich eine genauso kleine Nummer wie Corentin. Wir haben beide mit Ehrfurcht zu Téchiné aufgeschaut und bei diesem Dreh unglaublich viel gelernt. Wir saßen also absolut im gleichen Boot, und genau das hat uns auch so zusammengeschweißt. Zwischen uns ist durch diese Erfahrung eine verdammt enge Freundschaft entstanden.

 Kacey Mottet-Klein

Kacey Mottet-Klein

Sagt man sofort zu, wenn jemand wie Téchiné einem eine Rolle anbietet?
Eigentlich schon. Ich wäre ja schön blöd, jemandem wie ihm einen Korb zu geben. Aber einen kleinen Blick ins Drehbuch sollte man natürlich trotzdem werfen. Als Schauspieler ist es nun einmal das A und O, irgendwie einen Zugang zu deiner Rolle zu finden. In diesem Fall war das Skript ganz fantastisch, also war die Sache ein No-Brainer. Wobei ich schon sagen muss, dass ich ordentlich Respekt hatte vor der Herausforderung.

Mit Herausforderung meinst Du: einen Schwulen zu spielen?
Ja, genau. Ich würde „Mit 17“ gar nicht in erster Linie als schwulen Film beschreiben. Aber es geht um einen Teenager, der sich in seinen Klassenkameraden verliebt. Das hatte ich noch nie gespielt, und weil ich selbst nicht schwul bin, war mir das bis zu einem gewissen Grad fremd.
mit-siebzehn-04Hattest Du Schiss vor den Sexszenen?
Ich wusste natürlich von Anfang an, dass die auf mich zukommen. Aber ich habe erst einmal nicht darüber nachgedacht. Bis es dann eben soweit war. Das wichtigste war für mich dabei das Verhältnis zwischen mir und Corentin. Das war zu dem Zeitpunkt schon ziemlich locker und entspannt; wir sind während des Drehs jedes Wochenende aus den Pyrenäen runter nach Toulouse gefahren und haben gefeiert. Am Wochenende vor der Sexszene haben wir es besonders krachen lassen. Das war so ein richtiger Jungs-Trip, fast ein bisschen wie in „The Hangover“.

Aha… So mit Stripperin und Tiger im Badezimmer?
Ohne Tiger, aber in Stripclubs waren wir. Wir haben gesoffen und gekifft, einfach die Sau rausgelassen. Und vor allem haben wir ganz viel gequatscht, über wirklich alles was uns beschäftigt, wie wir so ticken und worauf wir stehen. Das war ein richtiges Bonding-Erlebnis – und total wichtig für unsere Zusammenarbeit bei diesen total intimen Szenen. Da durfte einfach nichts zwischen uns stehen.

Worauf steht Ihr denn?
Beide auf Frauen. Das fand ich nicht unwichtig.

Moment. Wenn Corentin also im echten Leben schwul wäre, hättest Du damit ein Problem gehabt?
Nicht ein Problem. Aber es hätte die Sache vielleicht doch ein bisschen verkompliziert. Wenn man Sex- und Liebesszenen spielt, finde ich es schon sehr hilfreich, wenn die Fronten geklärt sind. Auch mit Mädchen. Für den Film „Keeper“ haben meine Leinwandpartnerin und ich auch erst einmal viele lange Gespräche geführt. In solchen Szenen geht es um so viel Intimität, dass ganz schnell so eine Unsicherheit ins Spiel kommt. Was mache ich, wenn der oder die andere sich jetzt plötzlich in mich verknallt? Ist es missverständlich, wenn ich jetzt besonders leidenschaftlich bin? All solche Fragen können dann im Raum stehen. Corentin und ich haben das lieber gleich ausgeräumt.

mit-siebzehn-03Aber das ist doch nur Schauspielerei!
Einerseits ja. Aber wenn es um die Liebe geht, um echte Gefühle, dann vermischen sich andererseits manchmal Realität und Fiktion schneller als man denkt. Sieht man ja – auf platonische Weise – bei Corentin und mir. Der ist auch zwei Jahre nach den Dreharbeiten noch so etwas wie meine bessere Hälfte!

Hat Téchiné Euch eigentlich je gefragt, ob einer von Euch schwul ist?
Haha, nein, das hat er nicht. Er ist auch viel zu schüchtern als dass er so etwas Persönliches je gefragt hätte.

Der große Téchiné ist schüchtern?
Und wie. Zumindest wenn um Emotionen, um Sex und all solche Sachen geht. Am nervösesten erschien ermir ehrlich gesagt immer, wenn Corentin in der Nähe war. Ich glaube, dass Corentin genau dem Typ Mann entspricht, auf den Téchiné früher stand oder heute noch steht. Er war ein bisschen verknallt, da bin ich mir sicher.

Er hat Euch zur Vorbereitung drei Filme gucken lassen, nicht wahr? Welchen waren das?
Das waren „Brokeback Mountain“, Gus van Sants „Milk“ und „Der Fremde am See“. Ich fand das total spannend und sehr hilfreich. Sei es, um ein bisschen mehr über die Schwulenbewegung zu erfahren oder um zu sehen, wie toll Hollywood-Sex-Symbole wie Jake Gyllenhaal und Heath Ledger so eine Liebesgeschichte zwischen Männern auf die Leinwand bringen. Und natürlich auch, um mal schwule Sexszenen zu sehen. Wobei sich da übrigens auch wieder Téchinés Schüchternheit zeigte.

Habt Ihr die Filme mit ihm zusammen geguckt?
Nur „Brokeback Mountain“. Und auch das nur bis zu dem Moment, an dem Jake und Heath im Zelt vögeln. Das wollte Téchiné auf gar keinen Fall mit uns zusammen gucken. Also haben wir ausgemacht – und später ohne ihn weitergeguckt! Ich fand das unglaublich niedlich, diesen alten Mann so nervös zu sehen.

Gerade weil bis heute homosexuelle Liebesgeschichten und Coming-Out-Filme im Kino vergleichsweise selten zu sehen sind, identifizieren sich viele schwule Zuschauer besonders intensiv mit ihnen. Wie hast Du die Reaktionen auf den Film seit der Berlinale-Premiere vor einem Jahr erlebt?
Es hat mich umgehauen, was Corentin und ich für unendliche viele Nachrichten auf Facebook oder Instagram seither bekommen. Und sogar echte Briefe! Das ist toll und viel intensiver als ich es je bei irgendeinem anderen Film erlebt habe. Aber manchmal ist es auch ein wenig absurd, wie viele Leute uns mit unseren Filmfiguren verwechseln.

mit-siebzehn-02Das gibt es noch?
Oh ja, das kommt vor. Oder zumindest träumen scheinbar viele davon, dass wir auch im richtigen Leben schwul sind. Neulich hat Corentin mal ein Foto von sich und seiner Freundin auf Instagram gepostet. Da hatte er in Windeseile 300 Follower weniger! (lacht)

Lass uns kurz noch einen Blick in die Vergangenheit werfen. Gleich in Deinem ersten Film „Home“ hast du den Sohn von Isabelle Huppert gespielt. Hast Du damals gleich gewusst, dass die Schauspielerei Deine Zukunft ist?
Puh, ich war damals acht Jahre alt. Ich hatte keine Ahnung, wer Isabelle Huppert eigentlich ist. Und erst recht nicht davon, dass das Filmen mehr ist als eine Art Spielerei, ein Hobby. Erst als ich ein paar Jahre später bei „Winterdieb“ noch einmal mit der Regisseurin Ursula Meier zusammengearbeitet habe, wurde mir klar, dass die Schauspielerei wirklich ein Beruf sein kann. Als ich dann langsam zum Teenager wurde und mit „Une mère“ noch einen tollen Film drehte, reifte in mir schließlich der Entschluss, alles auf diese Karte zu setzen.

Du hast dann sogar die Schule abgebrochen, nicht wahr?
In der Tat. Allerdings habe ich mir das nicht leicht gemacht. Am Ende hatte der Entschluss sicher auch damit zu tun, dass ich Schweizer bin. Anders als in vielen anderen Ländern ist es bei uns bis heute so, dass man auch ohne Abitur auf dem Arbeitsmarkt nicht völlig aufgeschmissen ist. Falls das also mit der Schauspielerei nun doch noch schief läuft, ist hoffentlich nicht aller Tage Abend.

Davon kann aber im Moment keine Rede sein. Stattdessen wurdest Du letztes Jahr auf der Berlinale als Shooting Star ausgezeichnet und warst auch schon eine Weile in den USA, um Dein Englisch aufzubessern. Also was bringt die Zukunft?
Nichts gegen das französischsprachige Kino, denn ich arbeite hier ja mit tollen Leuten zusammen. Aber tatsächlich würde ich mich riesig freuen, eines Tages in England oder den USA drehen zu können. Noch ist mein Englisch sicherlich nicht gut genug. Aber ich arbeite hart daran, damit ich mir irgendwann auch diesen Traum erfüllen kann.

Kinostart: 18. März

Fotos: Kool, Imago/Seeliger


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