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Erst Tod, jetzt Sexdrogen

Auf Homo-Zeitreise mit Magnetic Fields-Mastermind Stephin Merritt

Wenn es nach Stephin Merritt, würde unser Interview in einer Bar stattfinden. Weil er sowieso sein halbes Leben in Cafés und Kneipen verbringt. Nicht umsonst nahm auch die Idee zum neuen Magnetic-Fields-Opus „50 Song Memoir“ in der New Yorker Oyster Bar ihren Anfang, und auf der fertigen Platte handeln mit „At the Pyramid“ (eine Hymne auf den gleichnamigen Club im East Village, wo RuPaul Anfang der 80er ihre ersten Shows hatte), „Danceteria“ (ein Song über jene Disco in Manhattan, wo sich Madonna ihre Sporen verdiente) und „Be True to Your Bar“ (dessen appellativer Titel wörtlich zu nehmen ist) drei Songs vom Kneipenleben (und -sterben) im Big Apple. In welcher Bar säßen wir also, wenn die schnöde Realität des Musikbusiness Merritt nicht dazu verdonnern würde, seine Interviewtermine für Deutschland in der Berliner Dependance von Warner Music zu absolvieren?

Auf diese Frage folgt eine der langen Denkpausen, für die der Songwriter berühmt ist. Und dann eine der indirekten Antworten, die ebenfalls sein Markenzeichen sind: „Na ja, es hat sich ja viel verändert. Ich habe mittlerweile ein Haus in L.A. und meine frühere Wohnung im East Village untervermietet. Wenn ich heute in New York bin, ist das klassische Szenario: Ich will in ein Restaurant, in dem ich vor 20 Jahren ständig war, aber es ist dicht. Also gehe ich zu einem Café, in dem ich vor einem Monat war – das ebenfalls dicht ist. Bei sowas kann man schon mal nostalgisch werden.“

Das Prinzip des „Song Memoir”: Jedes Lebensjahr ein Lied
Aber Nostalgie passt ja zu einem „Song Memoir“, das jedem vollendeten Lebensjahr seines Erschaffers ein Lied widmet – beginnend bei Merritts Geburtsjahrgang 1966 bis zum Jahr seines 50. Geburtstags 2015. Dass er dabei zumindest am Anfang keine echten Erinnerungen, sondern die Hinterfragung der eigenen Herkunft sowie historische Ereignisse thematisiert, versteht sich von selbst. So handelt der 1969er-Song „Judy Garland“ weniger von seiner persönlichen Verehrung der US-Schwulenikone als von den Folgen ihres Todes, der als Auslöser der Stonewall-Proteste und damit der schwulen Emanzipationsbewegung gilt. Merritt resümiert das im Song mit der lakonischen Hook „Judy Garland set us free“. Denn vielleicht würde er ohne den damaligen Befreiungsschlag heute nicht so freimütig über sein schwules Beziehungsleben singen wie er es in „Lovers’ Lies“, „Cold Blooded Man“ und „The Ex and I“ tut.

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„ABBA schämen sich nicht dafür erwachsen zu sein!”
Einen weiteren Anteil an dieser Freimütigkeit hat eine zweite Homo-Institution: ABBA. „Ich würde sagen, dass ABBA mich nicht unbedingt musikalisch beeinflussen, aber was das Texten und die Sicht aufs Leben angeht, fühle ich mich ihnen verbunden“, so Merritt. „ABBA schämen sich nicht dafür, in ihren Texten erwachsen zu sein. Sie thematisieren Beziehungsalltag, Ehe und Kinder. Das ist in Amerika total unüblich. Wahrscheinlich weil der Jugendwahn bei uns viel größer ist als in Schweden.“ Als Merritt in einem Interview einmal dazu aufgefordert wurde, die Magnetic Fields mit einem Kontinent zu vergleichen, antwortete er „Europa“. Eine Wahl, die er jetzt augenzwinkernd relativiert: „Vielleicht hätte ich Antarktis sagen sollen, das hätte auch gepasst, oder?“, spielt er selbstironisch auf seine eigenbrötlerische Do-it-yourself-Mentalität an (allein bei den Aufnahmen der „50 Song Memoirs“ spielte er über hundert verschiedene Instrumente selbst). „Dass die Magnetic Fields eher unamerikanisch sind, liegt aber auch an meiner tiefen Stimme. In Amerika empfindet man tiefe Stimmen oft als albern. Nimm Scott Walker. Nach den Walker Brothers hat er in Amerika kaum noch Platten verkauft, während er in Großbritannien groß blieb. Ich selbst hab in meiner Jugend vor allem Bands aus Deutschland, Schweden und britischen Progrock gehört. Das hat Spuren hinterlassen.“

50_sm_photo_extralarge_1479249128559_credit_marcelo_krasilcicErst sterben, dann Sexdrogen
Dass auch Synthies und elektronische Spielereien bei den Magnetic Fields seit jeher eine wichtige Rolle spielen (1997 wird im „Memoir“ sogar zum trashigen „Eurodisco Trio“ verwurstet), ist den Einflüssen der schwulen Szene geschuldet. Zumindest teilweise. „Ich gehe nicht mehr so oft in Dance-Clubs, aber ich gehe in schwule Bars, die nachts als Dance-Clubs dienen. Da läuft traditionell viel House mit weiblichen Vocals. Auch eine prägenden Größe.“ Und wie empfindet Merritt die Entwicklung der schwulen Szene seit den Danceteria-Tagen der 80er? Wieder folgt eine Denkpause: „Betrachtet man die schwule Szene von New York im Spiegel der Zeit, würde ich das so zusammenfassen: Erst sind alle gestorben, dann sind alle nach Uptown gezogen, dann haben alle Molly und Tina und diese ganzen Sexdrogen genommen. Die Szene ist jünger geworden. Vieles, was früher im Gespräch passierte, läuft heute übers Telefon.“

Das Outing: Merritt ist iPhone-User
Schwingt da die Klage des Nostalgikers über die Anonymität des Handy-Zeitalters mit? „Meine Meinung dazu, dass alle pausenlos mit ihren Handys beschäftigt sind, ist: Besser die Leute sind mit was auch immer beschäftigt, als dass sie pausenlos Unsinn reden. Wie gesagt, ich verbringe viel Zeit in Bars und Cafés. Da kriege ich gezwungenermaßen Unterhaltungen mit. Sehr oft reden die Leute großen Quatsch. Da wäre mir lieber, sie würden sich mit ihren Handys beschäftigen.“ Dass Merritt sich im Booklet-Interview des „50 Song Memoir“ als iPhone-User outet, ist allerdings ein Versehen. „Nenne ich das Produkt beim Namen? Ups! Vielleicht sollte ich bei Apple anrufen und fragen, ob ich dafür ein Telefon umsonst kriege. Wenn’s nicht klappt, nenne ich das nächste Album ,Android Songs‘. Eigentlich ein Supertitel.“ Stimmt. Vielleicht wird er ja der erste von den Magnetic Fields, der jenseits einer Bar entstand. Zeit für die nächste Denkpause!

INFOS UND TOURDATEN: www.houseoftomorrow.com

Fotos: Marcelo Krasilcic / Warner Music


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