dscn4475

Countdown für Nassers Reality-Show

Das Leben von Nasser El-Ahmad kommt auf die Bühne

Am 14. März feiert am Berliner Grips-Theater „Nasser #7Leben“ Uraufführung. Das Stück basiert auf der wahren Geschichte von Nasser El-Ahmad, der, als seine strenggläubige Familie von seiner Homosexualität erfuhr, vom eigenen Vater in den Libanon entführt und getötet werden sollte. An der rumänischen Grenze gelang dem damals 16-Jährigen die Flucht. Heute ist er 20 und engagiert sich als Aktivist für Selbstbestimmung und gegen Homophobie. Nassers Engagement brachte ihm in den letzten zwei Jahren viel Medienpräsenz ein. Von der Welt bis zu Vice wurde über ihn berichtet, er erhielt den Respektpreis des LSVD, wurde zum MÄNNER-Mann des Jahres 2015 gewählt. Von alledem erfuhr Philipp Harpain, künstlerischer Leiter des Kinder- und Jugendtheaters Grips, den „dieser Mut und diese Kraft für seine Identität einzutreten, mit allen Konsequenzen und allem Schmerz“ so beeindruckte, dass er ein Bühnenstück aus der Story machen wollte – ein Stück, das Autorin Susanne Lipp dann in einem halben Jahr intensiver Gespräche mit Nasser erarbeitete, und das nun auf der Grips-Studiobühne Premiere feiert.

Die Botschaft ist: Befreit Euch!

Die Produktion ist eine Herausforderung für alle Beteiligten – für die Autorin, die die tragische Story mit Nassers ungebrochenem Optimismus verbinden musste, für Regisseurin Maria Lilith Umbach, die die Konflikte in einem muslimischen Elternhaus mit einem Team inszenierte, in dem keiner einen muslimischen Hintergrund hat, und natürlich für Nasser selbst, der seine Biografie für den halbfiktiven Raum künstlerischer Interpretationen öffnete. Doch mit Misstrauen hielt sich keiner der drei auf. Bei unserem Probenbesuch im Februar tobten sie zu dritt wie Kinder durch den Fundus. Es wurden Selfies gemacht, Kostüme anprobiert, dramatische Posen eingenommen. Es funkte die Energie von Leuten, die eine Mission haben. Eine Mission, die Nasser folgendermaßen auf den Punkt bringt: „Das Theater ist für mich ein guter Ort, um eine Botschaft zu übermitteln – gerade das Jugendtheater. Man kann das wahre Leben mit viel Fantasie und Kopfgestaltung spiegeln und Jugendlichen, aber auch älteren Menschen, zeigen, dass man sich aus Situationen, wie ich sie erlebt habe, befreien kann. Dass man sich nicht verleugnen muss, sondern sich Hilfe holen kann. Dieser Punkt ist mir wichtig. Er ist der Grund, warum ich bereit war, meine Geschichte auf die Bühne zu bringen.“

bild-3

Jongliert mit Sneakers und mit Gefühlen: Nasser El-Ahmad

Alle sollen an Nassers Schicksal andocken

Um möglichst vielen Zuschauern auf Augenhöhe zu begegnen, bedient sich Autorin Susanne Lipp einiger dramaturgischer Tricks. Im Stück ist Nasser ein YouTuber, der seine Geschichte gleichzeitig der Kamera und dem Publikum erzählt, was eine direkte Ansprache ermöglicht. Zudem lässt Lipp die Handlung mit alltäglichen Familiensituationen beginnen, die erst mal wenig vom muslimischen Hintergrund des Elternhauses der Titelfigur geprägt sind, sondern überall spielen könnten. Nassers Schwulsein spielt erst im zweiten Drittel des Textes eine Rolle. Auch das war eine bewusste Entscheidung. „Dass es erst so spät auf die Homosexualität kommt, ist eine Strategie“, erklärt Lipp. „Gerade Jugendliche, die mit einem tendenziell homophoben Background in das Stück kommen, sollen die Möglichkeit haben, Aspekte von sich selbst in der Hauptfigur zu erkennen und an sie anzudocken. So entwickeln sie gegebenenfalls eine größere Bereitschaft zur Empathie, wenn es zum Coming-out kommt. Und sie erkennen vielleicht, dass Homosexualität nur einer von vielen Gründen sein kann, warum das Selbstbild eines jungen Menschen mit dem Weltbild seiner Eltern kollidiert.“

bild-2

Backstage auf der Probebühne: Nasser mit Autorin Susanne Lipp

Krimi trifft Emanzipationsgeschichte

Maria Lilith Umbach stimmt zu: „Die Homosexualität und der muslimische Hintergrund sind natürlich Dinge, über die wir jetzt und auch in den Proben immer wieder sprechen, weil sie eine gesellschaftliche Brisanz haben. Wenn man den Fokus aber ein bisschen verschiebt, kann man auch sagen, dass das Stück ein Krimi ist. Es geht immerhin um eine Entführung und um eine Flucht. Eine weitere Ebene ist die Identitäts- und Emanzipationsgeschichte. Es geht darum, sich von den Erwartungen der Familie und gesellschaftlichen Konventionen freizukämpfen. Das sind klassische Pubertätsthemen.“
So kommt in „Nasser #7Leben“ ein Aspekt zum Tragen, den keine Preisverleihung, kein Zeitungsartikel und kein Interview wirklich erfassen kann: die Gefühlsebene. Ein ebenso poetischer wie aufrüttelnder Monolog macht die Einsamkeit des verstoßenen Sohns nachvollziehbar, ein Abschnitt über den „Verlust der Mutter“ verdeutlicht die emotionale Entwurzelung der Titelfigur. Doch wie beim echten Nasser werden auch im Stück durch Trauer und Sehnsucht neue Kräfte freigesetzt. Es endet mit den Sätzen: „Egal, ob ihr mir droht: Ich werde nicht schweigen. Ich zeige mein Gesicht!“
Um diese Worte glaubwürdig rüberzubringen, haben die Regisseurin und ihr Team neben Büchern und YouTube-Videos auch eine Expertin der Beratungsstelle GLADT e. V., die LGBTQI mit Migrationshintergrund begleitet, konsultiert. Schließlich wollen sie die wahre Geschichte des Nasser El-Ahmad in ein Stück wahrhaftige Fiktion verwandeln.

dscn4465

Bühnenmodell für „Nasser #7Leben“ von Lea Kissing

Alles ist möglich: Weinen, jubeln, pöbeln!

Nasser selbst bleibt entspannt: „Für mich ist das hier Neuland. Ich bin ganz offen. Für mich ist es wichtig, dass sich die Zuschauer mit meinem Vater, meiner Mutter oder der Nasser-Figur identifizieren. Als ich zum ersten Mal gehört habe, wie die Schauspieler den Text gelesen haben, dachte ich nur, Wow, dass das gerade passiert. Vom Rest lass ich mich überraschen.“

Zumal es am Ende nicht nur auf die künstlerische Vision ankommt, sondern auch darauf, wie die Zuschauer auf sie reagieren. Ob sie mitfühlen oder sich provozieren lassen, ob sie weinen, jubeln, oder pöbeln. Wie gnadenlos und verletzend, aber auch himmelhochjauchzend Kritik sein kann, weiß Nasser aus den Kommentaren, die er aus den Sozialen Medien, insbesondere auf Facebook im echten Leben bekam. Auf Nassers ausdrücklichen Wunsch werden auch diese Kommentare im Stück zitiert.

Den Spieß umdrehen: Hasskommentare bloßstellen

„Die Online-Kommentare sind mir extrem wichtig“, sagt er. „Das Stück hat generell viel mit Internet zu tun, dafür steht der Hashtag im Titel. Durch das Internet habe ich erst erfahren, dass so etwas wie schwules Leben existiert und dass es andere Leute gibt wie mich. Die Sozialen Medien waren auch wichtig. Die Hasskommentare haben mir gezeigt, wie tief das Grundproblem Homophobie bei vielen Leuten sitzt. Ob jemand ‚Hurensohn‘ oder ‚Schwuchtel‘ schreibt, ob er es aus religiösen oder familiären Gründen tut, am Ende ist der Antrieb immer Homophobie. Indem man die Kommentare öffentlich vorliest, dreht man den Spieß um und stellt die Leute bloß, die mit dem Shitstorm eigentlich mich bloßstellen wollten.“

Trotzdem versteht Nasser das Stück nicht als Revanche. Er will es weder als Abrechnung mit seinen Eltern verstanden wissen, noch als Manöver-Kritik am Islam: „Es gibt eine Szene, wo ich mich mit den Grenzbeamten unterhalte, die mich gerettet haben. Der eine wundert sich dann, was das für ein krasser Islam ist, aber ich erkläre ihm, dass es nicht der Islam ist, der böse ist, er wird nur manchmal böse ausgelegt. Liberal betrachtet ist er barmherzig und liebevoll. Deswegen bin ich auch immer noch gläubiger Moslem. Und was meine Eltern angeht: Egal, was sie mir angetan haben, sie bleiben meine Eltern und ich liebe sie. Letztlich wollten sie nach ihren eigenen Vorstellungen ja irgendwie auch das Gute für mich. Wir haben keinen Kontakt, aber vielleicht wissen sie ja schon, dass ich meine Geschichte auf die Bühne bringe. Vielleicht gucken sie sich das Stück sogar an. Das überlasse ich dem Schicksal.“ Auf ins Neuland!

grips-theater.de


0 Kommentare



Likes & Shares

Durch die fortgesetzte Nutzung der Website erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden. mehr Info

The cookie settings on this website are set to "allow cookies" to give you the best browsing experience possible. If you continue to use this website without changing your cookie settings or you click "Accept" below then you are consenting to this.

Close