moonlight-movie

„Die Zeit ist reif für diesen Film“

Der zweifache Oscargewinner Barry Jenkins über sein Meisterwerk "Moonlight"

Schon mit seinem ersten Film „Medicine For Melancholy“ hatte Barry Jenkins 2008 in der amerikanischen Filmbranche für ein gewisses Aufsehen gesorgt. Statt sich daraufhin für gut bezahlte Mainstream-Produktionen engagieren zu lassen, widmete sich der Regisseur lieber weiter eigenen Herzenprojekten. Acht Jahre dauerte es, bis der heute 37-jährige mit „Moonlight“ einen Nachfolger vorlegte. Und der entpuppte sich prompt als Meisterwerk, das – trotz der vermeintlich „zu schwulen und zu schwarzen“ Geschichte – nicht nur den Golden Globe (MÄNNER-Archiv) und dann den Oscar als Bester Film (MÄNNER-Archiv), sondern dutzende weitere Filmpreise gewonnen hat. Zum Zeitpunkt unseres Redaktionsschluss war der Film (in dem sich Alex Hibbert, Ashton Sanders und Trevante Rhodes die Rolle des Protagonisten Chiron teilen und „House of Cards“-Star Mahershala Ali, Naomie ‚Miss Moneypenny’ Harris sowie Pop-Diva Janelle Monáe Nebenrollen übernehmen) für acht Oscars im Rennen.

Mr. Jenkins, Ihr Film „Moonlight“ basiert auf dem nie aufgeführten Theaterstück „In Moonlight Black Boys Look Blue“ von Tarell McCraney. Wie sind Sie an diesen Stoff gekommen?
Tarell schrieb dieses sehr autobiografische Stück als er im College war, und tatsächlich ist es nicht nur nie aufgeführt worden, sondern vermutlich sogar unaufführbar. Und eigentlich auch unverfilmbar. Aber ein gemeinsamer Freund von Tarell und mir las es und musste an mich denken. Denn ich bin mit einer Mutter aufgewachsen, die der im Stück und nun in meinem Film sehr ähnlich ist: arm und cracksüchtig.

Erkannten Sie sich selbst auch darin wieder?
Und wie! Tatsächlich war mein erster Gedanke: woher weiß dieser Kerl so viel über mich und mein Leben? Zumal das alles ja auch noch in genau dem Teil von Miami angesiedelt war, in dem auch ich groß geworden war. Aber natürlich wusste Tarell nicht das Geringste über mich, wir waren uns nie begegnet. Unsere Erfahrungen ähnelten sich nur auf bemerkenswerte Weise. Seine Geschichte ging mir so nahe wie keine andere je zuvor, weil sie so vieles berührte, worüber ich nie wirklich gesprochen hatte. Als die Schleusen einmal geöffnet waren, konnte ich dann nicht anders, als einen Film daraus zu machen.

Braucht es nicht ausgesprochen viel Feingefühl, sich die so ungemein persönliche Geschichte eines anderen zu Eigen zu machen?
Das sollte es zumindest im Idealfall. Deswegen habe ich am Anfang auch versucht, „Moonlight“ so wenig wie möglich als Mischung aus seinem und meinem Leben zu sehen. Ich wollte Chiron weder als Tarells noch als mein Alter Ego sehen, sondern als Filmfigur. Doch irgendwann merkte ich, dass mir dieser Ansatz ab einem gewissen Punkt im Weg stand. Um aus dieser Geschichte alles herauszuholen, musste ich akzeptieren, dass sie zutiefst persönlich für mich war. Nur so konnte aus einer professionellen, ästhetischen Unternehmung etwas werden, das vor Emotionen nur so vibrierte.

Jenkins (Mitte) und Mahershala Ali während der Dreharbeiten

Jenkins (Mitte) und Mahershala Ali während der Dreharbeiten

Bei allen Gemeinsamkeiten zwischen Ihnen gibt es einen großen Unterschied: Chiron ist – genau wie sein literarischer Schöpfer McCraney – schwul, Sie sind heterosexuell…
Das hat mich zögern lassen, keine Frage.

Weil Sie diese eine Schlüsselerfahrung eben nicht mit der Figur teilen?
Genau, ich weiß nicht, wie es ist, schwul zu sein. Das erschien mir schwierig. Denn eine Geschichte wie diese profitiert davon, wenn sie aus der Ich-Perspektive erzählt wird. Natürlich konnte ich mich einfühlen in Chiron. Und ich habe gewisse Erfahrungen in meinem Leben gemacht, die mir als Parallelen dienten. Etwa wenn ich dafür angefeindet wurde, dass ich Hand in Hand mit einer weißen Frau durch die Stadt lief. Aber gleichzeitig war mir immer bewusst, dass das nicht das gleiche ist. Ich hatte wirklich Angst, dass es mir nicht gelingen würde, den Schmerz, die Wut und die Traurigkeit dieses jungen Mannes in meinen Film übertragen zu können, weil ich nicht das gleiche erlebt hatte wie er.

moonlight_kinogutschein

Was brachte Sie zum Umdenken?
Diese Geschichte nicht zu erzählen kam, wie gesagt, nicht in Frage. Irgendwann habe ich mir dann vor Augen geführt, dass ich diese Ich-Perspektive ja durchaus hatte, nämlich in Form von Tarells Text. Also habe ich alles daran gesetzt, die so getreu wie möglich in mein Drehbuch zu übertragen. Mir war die Verantwortung sehr bewusst, die mit einer Figur wie Chiron einhergeht.

Wie meinen Sie das?
Nun, das Kino erzählt – zumindest im Mainstream – so gut wie nie von Männern, die arm, schwarz und schwul sind. Wenn das dann doch mal der Fall ist und diese Figur wirkt auf irgendeine Weise unglaubwürdig, so dass sie das Publikum kalt lässt, dann hat man mehr Schaden angerichtet als Gutes getan. Denn dann heißt es beim nächsten Mal, dass sich jemand an einen solchen Protagonisten wagt: vergiss es, das hat schon bei Barry Jenkins nicht funktioniert.

Wo Sie gerade diese drei sehr spezifischen Charakteristika der Hauptfigur aufgezählt haben, stellt sich die Frage: erzählen Sie in „Moonlight“ überhaupt eine universelle Geschichte?
Darauf hatte ich es nie angelegt. Wer Universalität anstrebt, steht am Ende mit einem Produkt da, nicht mit einem Kunstwerk. Ich hatte nicht die Absicht, dass andere Menschen sich in Chiron wiedererkennen, sondern wollte nur so authentisch wie möglich ihn und seine Erfahrungen zeigen. Aber mir scheint, dass gerade die Tatsache dass diese Figur und ihr Milieu so spezifisch sind, viele Zuschauer anspricht. Vermutlich hat jeder andere Aspekte, mit denen er oder sie sich in „Moonlight“ besonders identifizieren kann. Doch insgesamt, so habe ich den Eindruck, ist es gerade die völlige Abwesenheit von Figuren wie Chiron im Kino, die dafür sorgt, dass mein Film einen besonderen Nerv trifft.

Haben Sie sich als Verbündeter der LGBT-Community verstanden?
Sicher nicht immer, nein. Ich war sicherlich nie homophob, aber es wäre weit übertrieben zu behaupten, dass ich immer für die schwul-lesbische Sache gekämpft hätte. Als ich ein paar Jahre nach dem College nach San Francisco zog, veränderte sich aber auf jeden Fall mein Bewusstsein. Plötzlich hatte ich zum ersten Mal in meinem Leben offen schwule Freunde. Mit einem schwulen Paar durch die Straßen zu ziehen und zu sehen, wie manche Menschen darauf reagieren – das öffnet einem die Augen. Damals fing ich an, zum Verbündeten zu werden. Und „Moonlight“ ist nun endgültig der Schritt für mich vom passiven zum aktiven Verbündeten.

Ausgerechnet von „schwuler Seite“ (um es einmal so auszudrücken) kamen einige der wenigen kritischen Stimmen zu „Moonlight“…
Wem sagen Sie das. Einigen war der Film nicht schwul genug, vor allem das Ende. Da weiß ich, was gemeint ist, das kann ich nachvollziehen. Nicht verstehen kann ich, wenn jemand sagt, der Film sei dezidiert für ein heterosexuelles Publikum gedreht. Vielleicht sollten wir an dieser Stelle nicht zu viel über den Verlauf der Geschichte verraten. Aber lassen Sie es mich so sagen: es geht in „Moonlight“ um die Entwicklung von Chiron, und der hat so vieles von seiner Persönlichkeit so tief in sich selbst vergraben, dass die sehr langsam voranschreitet. Zumal im letzten Drittel des Films, da erzählen wir ja fast in Echtzeit. Das was dort dann letztlich als Coming-Out stattfindet, musste in meinen Augen zwangsläufig etwas ganz Zartes und Zaghaftes sein. Alles was über den Körperkontakt hinaus geht, den wir am Ende zeigen, hätte Chiron sozusagen in 1000 Stücke zerspringen lassen.

8a9b56e91cdfd5f25967c2b89b2ae580

Vermutlich ist es allerdings tatsächlich so, dass „Moonlight“ bei Teilen des Publikums – oder auch bei den Oscars – weniger erfolgreich gewesen wäre, wenn schwuler Sex eine zentralere Rolle gespielt hätte, denken Sie nicht?
Das kann schon sein. Ich verstehe, dass es Leute gibt, die Chiron im Bett mit einem Mann sehen wollen. Und ich weiß auch, dass es wichtig ist, dass Typen wie Chiron beim Sex gezeigt werden. Aber „Moonlight“ will und kann und soll nicht das Nonplusultra für Geschichten über schwule Schwarze sein. Für meine Geschichte spielte dieser Aspekt aber nicht die größte Rolle. Für mich als Filmemacher – das können Sie auch in meinem ersten, heterosexuellen Film „Medicine For Melancholy“ sehen – ist ein Kuss letztlich wichtiger und intimer als das Zeigen irgendwelcher Genitalien. Und außerdem erinnere ich auch gerne nochmal an den zweiten Akt von „Moonlight“. Da gibt es durchaus eine sexuelle Körperlichkeit zwischen zwei schwarzen Jugendlichen, wie man sie sicher auch nicht oft auf der Leinwand sieht.

Insgesamt überwiegen ohnehin die Hymnen, wenn es um „Moonlight“ geht. Der Film hat in den USA mehr Zuschauer angelockt als irgendwer erwartet hätte, den Golden Globe gewonnen und kurz vor unserem Redaktionsschluss gab es nun acht Oscar-Nominierungen. Erinnern Sie sich noch an den Moment, in dem Ihnen klar wurde, dass dies nicht bloß ein Film unter vielen bleiben würde?
Die Weltpremiere beim Festival in Telluride vergangenen September war schon etwas sehr Besonderes. Aber dort ist das Publikum klein, das ist eigentlich nur eine Branchenblase aus Kritikern und Filmemachern, alles Leute die Film im Blut haben. Das Festival in Toronto eine Woche später war ein deutlich besserer Indikator, denn dort besteht der Großteil der Vorführungen aus zahlenden Zuschauern. Nach dem ersten Screening stand ich Rede und Antwort – und überall weinten die Menschen. Im Publikum genauso wie um mich herum auf der Bühne. Da wurde mir klar, dass mit diesem Film etwas anders ist. Dass er nicht still in der Versenkung verschwindet, sondern Lärm machen wird. Natürlich hatte ich noch nicht die geringste Vorstellung davon, was dann wirklich alles Unglaubliches passieren würde. Aber zu sehen, dass mir nicht nur ein guter Film gelungen war, sondern einer, den die Menschen an sich heranlassen, war eine besondere, kostbare Erfahrung. Es war einfach nicht zu übersehen, dass die Zeit reif war für einen Film wie „Moonlight“ und einen Protagonisten wie Chiron.

Kinostart: 9. März

Fotos: DCM Films

Wir verlosen zum Kinostart von „Moonlight“ 2×2 bundesweit gültige Kinofreikarten plus ein Plakat zum Film. Einfach bis 9. März, 18.00 Uhr eine E-Mail mit dem Kennwort „Chiron“ an paul.schulz@brunogmuender.com schreiben und ein bisschen Glück haben und ihr könnt den Film am Wochenende kostenlos genießen. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. 

Hier der TRAILER zu Moonlight


0 Kommentare



Likes & Shares

Durch die fortgesetzte Nutzung der Website erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden. mehr Info

The cookie settings on this website are set to "allow cookies" to give you the best browsing experience possible. If you continue to use this website without changing your cookie settings or you click "Accept" below then you are consenting to this.

Close