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Der „Hitler” von Tschetschenien?

Nazi-Vergleiche befeuern die Berichterstattung zur Homoverfolgung in Tschetschenien. Muss das sein?

Dass Nazi-Vergleiche immer zum Provozieren taugen, hat der türkische Präsident Erdogan kürzlich mal wieder eindrücklich vor Augen geführt. Dass sie meist unangemessen und unsachlich sind, ebenfalls. Deutschland hat in dieser Angelegenheit freilich eine größere Befangenheit als andere Länder. Das sollte auch so sein. Außerdem haben wir zum Schwingen der Nazi-Keule im Dienste der boulevardesken Skandalisierung ja immer noch die Briten. Auf der Insel ist man seit jeher gnadenlos, was das Bemühen von Hitler-Persiflagen und Nazi-Vergleichen angeht. Das ist mal erfrischend, mal abgeschmackt. Wie ist es also zu bewerten, dass die „Daily Mail” ihre (reichlich verspätete) Berichterstattung über die Verfolgung und Ermordung von Schwulen durch das Regime von Ramsan Kadyrow (Foto) in Tschetschenien (siehe MÄNNER-Archiv) mit dem Titel würzte „Tschetschenien öffnet die ersten Konzentrationslager für Homosexuelle seit Hitler”?

Das Thema erreicht jetzt auch Leute, die mit #StopHomophobia nichts anfangen können
Aufmerksamkeitstechnisch hat das konservative Boulevardblatt aus London mit dem Vergleich einen echten Coup gelandet. Obwohl der Artitkel zum Thema keine einzige Information enthielt, die Aktivisten und schwule Presse nicht schon seit einer Woche übermittelt hätten, hat die öffentliche Aufmerksamkeit für die homophoben Menschenrechtsverletzungen in der russischen Teilrepublik seit dem Daily-Mail-Artikel einen gehörigen Schub bekommen. Auf Twitter verbreitet sich die Nachricht über die Konzentrationslager für Schwule wie ein Lauffeuer und erreicht damit auch Leute, die mit Hashtags wie #StopHomophobia wenig anfangen können, in der Presse von England bis Amerika wird das Motiv variiert (so berichtet zum Beispiel „The Sun” über „Gefängnisse im Nazi-Style”). Dass dadurch auch die Arbeit der Aktivisten mehr Aufmerksamkeit bekommt (eine Petition von Amnesty International erhält derzeit extrastarken Zulauf), ist ein begrüßenswerter Nebeneffekt.

Ist der Vergleich angemessen?
Muss man der Daily Mail also dankbar sein für ihr griffiges Bild (das angesichts der Zeugenberichte über Folterungen in einem Gefängnis an der Peripherie der tschetschenischen Hauptstadt Grosny nicht mal völlig danebenliegt)? Für die Aufmerksamkeit vielleicht. Trotzdem sollte man sich darüber im Klaren sein, dass der Vergleich den Opfern des Dritten Reichs nicht gerecht wird. Und dass ein Revolverblatt hier die Auflage zu steigern versucht, indem es Kadyrow mit Hitler auf eine Stufe stellt und die Schrecken des Holocaust in die Gegenwart zerrt. Schöner wäre, wenn die Botschaft „Stop Homophobia” auch ohne derartige Vergleiche Aufmerksamkeit erregen würde. Abgesehen davon, dass die Augenzeugenberichte aus Tschetschenien auch ohne Nazi-Reverenz schockierend genug sind.

Titelbild: Zaid Sadallah / Shutterstock.com


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