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Die Akte Bochum

Dunkelziffern und Diskriminierung: Die Bochumer Polizei und die Raubserie im "Homosexuellen-Milieu"

Am Morgen gab die Polizei Bochum eine Pressemitteilung mit dem Titel „Raubserie im Homosexuellen-Milieu aufgeklärt” heraus. Statt für die Aufklärung gefeiert zu werden, müssen sich die Kripo-Beamten nun die Kritik gefallen lassen, dass sie mit dem Begriff „Homosexuellen-Milieu” einen Begriff wiederbeleben, der a) vorurteilsgeprägte, diskriminierende Klischees einer zwielichtigen Schwulenszene kultiviert, und b) ihre eigenen Ermittlungen behindert. Beides stimmt. Aber eins nach dem anderen.

Das Date war ein Lockvogel, statt Sex gab es Schläge
Zu den Hintergründen: In der Zeit vom 31. Oktober bis 25. Dezember 2016 gab es in Bochum mehrere Raubüberfälle, bei denen schwule Männer über einen „Messenger” (um Generalisierungen zu vermeiden wird die Marke nicht kommuniziert) zum Sexdate nach Bochum zitiert wurden. Dort wartete ein „Lockvogel”, der die Opfer unter dem Vorwand, zum Sex an ein ungestörtes Plätzchen fahren zu wollen, an „abgelegene und einsame Orte” führte – wo bereits seine Gang wartete, die erst drauflos prügelte, um den Opfern anschließend Bargeld und Handys abzunehmen. In vier Fällen wurde Anzeige erstattet. Die Polizei geht aber davon aus, dass es eine Dunkelziffer gibt.

Der Fall ist gelöst. Das Problem auch?
„Umfangreiche kriminalpolizeiliche Arbeit einer Ermittlungsgruppe der Bochumer Kriminalpolizei führte nun zur Aufklärung der Taten und der Feststellung sämtlicher neun Tatbeteiligter”, heißt es in der Pressemeldung. Die neun, großenteils geständigen Tatverdächtigen seien „Bochumer im Alter von 16 bis 21 Jahren” und würden sich demnächst wegen „gemeinschaftlichen schweren Raubes” vor Gericht zu verantworten haben. Inwiefern dabei auch der Aspekt der Körperverletzung eine Rolle spielt, weil es teilweise zu massiven Verletzungen gekommen sei (ein Opfer musste ins Krankenhaus), habe das Gericht zu entscheiden.

Die Bochumer Polizei wollte keinem auf den Schlips treten
Auf Nachfrage von MÄNNER bei der Bochumer Polizei wird deutlich, dass es schlicht an Bezügen zum Ermittlungsbereich mangelt. Auf die Frage, was er dem Vorwurf der unglücklichen Wortwahl „Homosexuellen-Milieu” zu entgegnen habe, sagt der Sprecher, man habe die Formulierung „griffig und passend” gefunden: „Aber ich verstehe Ihren Einwand voll und ganz. Wir wollten sicher nicht, dass sich jemand auf den Schlips getreten fühlt.” Dass das Problem trotzdem nicht verstanden wurde, wird  bei der Reaktion auf die Anmerkung klar, dass es schon 2005, nach den BILD-Schlagzeilen zum Fall Moshammer eine Debatte um die diskriminierende Note des Begriffes gab: „Aber irgendwas muss man ja sagen. Wir sprechen ja auch von Rocker-Milieu.”

Konsequenz: Aufklärung auf beiden Seiten?
Dass derartige Unbedarftheiten nicht dazu führen, dass sich schwule Gewaltopfer bei der Polizei verstanden und aufgehoben fühlen, ist anzunehmen. Dass die (Bochumer) Polizei ihren Beamten ein bisschen Nachhilfe in Sachen Einfühlungsvermögen erteilt, wäre wünschenswert. Das Ziel der Pressemeldung ist schließlich auch, die Dunkelziffer aufzuklären und mögliche weitere Überfallopfer dazu zu bringen, Anzeige zu erstatten. Eine polizeiliche Empfehlung,  wie man es vermeidet, Fake-Datern in die Falle zu gehen, gibt es derweil nicht. „Es ist nun mal gefährlich, sich mit fremden Leuten, in fremden Städten, an fremden Orten zu verabreden”, um „seinen Neigungen nachzugehen”, so der Sprecher.  Dass das nicht nur beim schwulen Dating tagtäglich passiert, scheint seine Vorstellungskraft zu übersteigen. Es gilt offenbar, nicht nur die Dunkelziffer aufzuklären, sondern auch die Polizisten.

Titelbild: Rainer Fuhrmann / Shutterstock.com


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