Dieses Coming-out schockt

Geiger Artem Kolesov mischt das Netz mit viralem Video auf

Als Geiger beim Yas Quartet aus Chicago ist Artem Kolesov international erfolgreich. Doch damit gibt sich der aus St. Petersburg stammende Musiker nicht mehr zufrieden. Aufgerüttelt von den Nachrichten aus Tschetschenien hat er ein Video veröffentlicht, das in seiner schonungslosen Offenheit gleichzeitig zu Tränen rührt und schockiert. Aber es macht auch Mut.

Ein Schwur löst den anderen ab

Im Alter von sieben Jahren betete Artem Kolesov zu Gott, er möge ihn von seiner Homosexualität befreien. Und er schwor, nie im Leben einem Menschen von diesem „Makel“ zu erzählen. Diesen Schwur hat er jetzt, 16 Jahre später, gebrochen. In einem aufrüttelnden Youtube-Video erzählt der 23-Jährige seine Geschichte. Weil er von den Nachrichten aus Tschetschenien so schockiert war. Und weil er einen neuen Schwur aussprechen wollte: „Ich werde solange offen sagen, dass ich schwul bin, bis Kinder nicht mehr zusammengeschlagen werden, weil sie anders sind. Bis Menschen sich nicht mehr das Leben nehmen, weil ihre Familien sich von ihnen abwenden. Bis schwule Paare es nicht mehr vermeiden, in der Öffentlichkeit Händchen zu halten, weil sie Angst vor den Reaktionen haben.“ Bis zu dieser Offenheit war es für Kolesov ein weiter Weg.

Ein ganzes Leben in einer Viertelstunde
Das viertelstündige Video beginnt damit, dass Artem sich ein Schild mit der Aufschrift „404 Not Found“ vors Gesicht hält – eine Referenz an die gleichnamige russische Online-Community, die totgeschwiegene Schicksale homosexueller Teenager thematisiert und jungen Schwulen und Lesben hilft, sich zu vernetzen. Hinter dem Schild sagt Artem auf Russisch: „Gestern bin ich 23 Jahre alt geworden. Zu diesem Geburtstag wünsche ich mir das beste Geschenk von allen: Ich wünsche mir ein Gesicht!“ Danach legt er das Schild weg und erklärt, dass „unser Gesicht nicht nur eine physische Erscheinung ist, sondern der Spiegel aller Aspekte, die ein Individuum prägen”. Dann erzählt er seine Geschichte.

Die streng gläubigen Eltern wollten Schwule „zerstören”
Artem kam 1994 als viertes von sechs Kindern einer christlichen Familie auf die Welt. Seine Mutter war Pastorin in einer Pfingstkirche, sein Vater Diakon in derselben Gemeinde. Dass er Jungs toll fand, wusste Artem schon mit fünf Jahren. Aber in Russland wurde Homosexualität auch nach dem Ende des Kalten Krieges noch als „Westliche Krankheit“ diffamiert. Zudem trichterten ihm die gläubigen Eltern früh ein, dass Schwulsein eine Sünde ist. „In meiner Familie wurde oft erwähnt, dass man alle Schwulen zerstören müsse. Und dass man sie zerbomben sollte. Und dass, wenn irgendjemand in der Familie sich als schwul herausstellen sollte, meine Familie ihn mit bloßen Händen töten würde.“ So betete Artem zu Gott, er möge ihn „normal” machen.

Coming-out: Eine Frage von Leben und Tod
Diese Umstände führten zu einem tiefen Selbsthass, der Artem als Teenager in eine Depression trieb. Aber auch psychische Krankheiten wurden in seiner Familie nicht akzeptiert. So versuchte er dem Problem zu begegnen, indem er sich in sein Violinstudium und wohltätige Arbeit stürzte. Ohne Erfolg. Die Depressionen wurden schlimmer. Fünf Selbstmordversuche waren die Folge. Gleichzeitig hörte er von einem Mädchen aus der Nachbarschaft, das sich vor seiner Familie als lesbisch geoutet hatte. Die Eltern akzeptierten das nicht. Das Mädchen versuchte sich zu erhängen, wurde aber noch lebend von den Eltern gefunden. Danach lebte es zwei Wochen mit lebenserhaltende Maßnahmen weiter, bevor es starb. „Ich dachte damals: Das könnte ich sein”, so Artem.

Der Gang nach Westen brachte die Befreing
In Kanada lernte Artem zum ersten Mal in seinem Leben LGBT kennen, die offen mit ihrer sexuellen Orientierung umgingen und voll im Leben standen. Als er zum ersten Mal einen Schwulen traf, begann er zu zittern. Weil er wusste, dass dieser Mann so war wie er. Doch der Christ in ihm sagte, dass Schwule in Gottes Augen eine Schande sind. Also wies er den Mann zurück. So wie er alle homosexuellen Menschen zurückwies. Im Alter von 12 hatte er in St. Petersburg sogar eine Petition unterschrieben, die das Verbot von Gay-Pride-Paraden forderte.: „Ich wusste, dass das, was ich tue, falsch war. Aber ich hatte Angst, dass, wenn ich nicht unterschreibe, jemand mir auf die Schliche kommen könnte.“

Coming-out als Bekenntnis zur wahren Identität
Inzwischen lebt Artem in Chicago und hat sich von seinen alten Zwängen befreit. Vor einem Monat hat er seiner Mutter erzählt, dass er schwul ist. „Sie bat mich, niemandem sonst davon zu erzählen. Ich weiß, warum sie das tat. Sie tat es aus dem gleichen Grund, aus dem es mein großer Bruder tat: Weil sie sich dafür schämen einen schwulen Bruder und Sohn zu haben. Ist es nicht seltsam, dass meine Familie stolz darauf ist, dass ich Geiger bin, sich aber dafür schämt, dass ich schwul bin? Dabei ist doch beides ein Teil meiner Identität.” Artem beendet seine Ansprache mit den Worten: „Wenn du dieses Video siehst und in ähnlichen Schwierigkeiten bist, mach dir klar: Ich liebe dich. Deine Persönlichkeit und dein Glück sind es wert, dafür zu leben und zu kämpfen.”


3 Kommentare

  1. Anna Sturm

    Respekt! <3

    #loveislove #deutschland #gleichberechtigung #menschenrechte #homosexualität #russland #putin #merkel #Schwulenjagd #enoughisenough #stopHomophobia #chechnya100


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