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Geht ein schwuler Franzose zur Wahl…

Was bietet die erste Runde der Frankreich-Wahl für LGBTI

Am Sonntag steht Frankreich der erste Akt einer Präsidentschaftswahl bevor, die gerade für Schwule, Lesben, Bisexuelle und Trans* von ungeheurer Bedeutung ist. Es geht darum, die hart erstrittenen Errungenschaften der vergangenen Jahre zu bewahren – darunter die (wenn auch nicht vollkommene) gleichgeschlechtliche Ehe und zaghafte Bemühungen um mehr Rechte für Transgender. Am 23. April stehen insgesamt elf Politiker für das Amt des Präsidenten zur Wahl, von denen aber nur die fünf unten vorgestellten Kandidaten realistische Chancen auf größere Stimmenmengen haben. Sollte einer davon 50 Prozent oder mehr einfahren, hat er gewonnen. Da eine solch absolute Mehrheit aber unwahrscheinlich ist, ist ein zweiter Wahlgang am 7. Mai vorprogrammiert, bei dem nur noch die beiden Kandidaten mit den meisten Stimmen gegeneinander antreten.

Die Ausgangslage: Verwirrung
Generell gilt die Wahlmüdigkeit der Franzosen als groß (bei jungen Erwachsenen von 18 bis 25 liegt sie bei 52 Prozent) und die Irritation als riesig. Kein Wunder. Es fängt damit an, dass sich kaum ein Kandidat explizit zu Trans*-Rechten positioniert. Hinzu kommt, dass gerade das Buhlen um Homo-Wähler zu einer von außen schwer nachvollziehbaren Wanderschaft der Sympathien geführt hat. Die rechtsradikale Favoritin Marine Le Pen wird nach dem Rausschmiss ihres offen homophoben Vaters (Originalzitat: „In meiner Partei gibt es keine Tunten”) aus dem von ihm gegründeten Front National im Jahr 2015 zuweilen als Pinkwashing-Queen oder „Pink Marine” gefeiert, obwohl sie die Gleichstellung der Ehe abschaffen will. Die linken Kandidaten Benoit Hamon und Jean-Luc Mélenchon sind derweil uneingeschränkte Unterstützer der Ehe für alle, aber bei schwulen Wählern unpopulär. Generell gilt das Wahlverhalten der Franzosen als rein strategisch. Man wählt das eine, um etwas anderes zu verhindern. Die fünf Favoriten und ihre Aussichten im Überblick – von oben (rechts) nach unten (links).

lepenMarine Le Pen
Die Rechtspopulistin vom Front National ist ein Mysterium. Ihr Parteivize Florian Philippot ist schwul, ihr Kampagnenleiter Sebastien Chenu ebenfalls. Zudem hat sie das Pulse-Attentat in Orlando genutzt, um schwule Wähler für ihre islamophobe Agenda zu begeistern. Ein weiteres Plus ist, dass unreflektierte Schwule in ihr den Glamour der starken Frau sehen, die sich in einer Männerdomäne behauptet. Dabei ignorieren sie, dass die Positionen des Front National rassistisch, anti-liberal und anti-europäisch sind. Die Zurücknahme der Gleichstellung der Ehe gehört ebenso zum Parteiprogramm wie die Einschränkung von Pride-Paraden, die Le Pens Gatte Louis Aliot letztes Jahr als „militant” und „exhibitionisch” verteufelte. Le Pen geht als Favoritin in die erste Wahlrunde. Dass sie am Ende Präsidentin wird, glaubt trotzdem keiner. Weil sie in der Stichwahl am 7. Mai auf jeden Fall verlieren wird. Egal gegen welchen Konkurrenten. So sagen es zumindest die Prognosen.

fillonFrancois Fillon
Nach seinem „Penelogate” (Scheinbeschäftigungsaffäre um seine Frau Penelope Kathryn Clark) haben die Meisten den konservativen Kandidaten Francois Fillon sowieso abgeschrieben. Für Schwule und Lesben war er eigentlich von vornherein nicht wählbar. Dass er 1982 gegen die Angleichung des Schutzalters für Homosexuelle (und damit de facto gegen deren endgültige Entkriminalisierung) stimmte, hat er inzwischen „bedauert”, insgesamt steht er aber für ein traditionelles (also heterosexuelles) Familienbild, hat versprochen, das Adoptionsrecht für Homos zurückzupfeifen und er kündigte an, dass Mitglieder des „Sens Commun” (einer politischen Vereinigung, die von Gegnern der Ehe für alle gegründet wurde) in seinem Kabinett Platz finden könnten. Letzteres sorgte sogar bei Kollegen aus seiner Partei Les Républicains für Unverständnis.

macronEmmanuel Macron
Eine Zeitlang war der Kopf und Gründer der „En Marche”-Bewegung die Lichtgestalt des Wahlkampfes. Weil er ganz niedlich ist und uneingeschränkt für die Gleichstellung der Ehe plädiert. Weil er gleichgeschlechtliche Elternschaft befürwortet und gegen Homophobie in der Arbeitswelt vorgehen will. Vielleicht auch, weil er von seinen Gegnern selbst immer wieder für schwul erklärt wird, was er aber galant abstreitet, indem er auf seine Frau Brigitte verweist (die 24 Jahre älter ist als er und in der Schule seine Französischlehrerin war). Dass er einen rein wirtschaftsliberalen, also arbeitgeberfreundlichen Kurs verfolgt, ist weniger sexy, dass er die Gegner der Homo-Ehe bauchpinselte, indem er sie als „stigmatisiert” und „gedemütigt” bedauerte, kam auch nicht so gut an. Und dann ist da noch seine indifferente Haltung zu Trans*-Rechten, die er in seinem Parteiprogramm komplett vergessen hat und in einem Interview als „Provokation für das französische Seelenleben” bezeichnete. Als schärfster Konkurrent für Le Pen gilt er aber noch immer.

hamanBenoit Hamon
Als Kandidat der Sozialistischen Partei wäre er der Nachfolger von Francois Hollande. Und weil die Ära Hollande bei den Franzosen so viel Verdrossenheit und Unwillen hinterlassen hat, wäre vermutlich sogar Hamon selbst überrascht, wenn er es in die zweite Runde schaffen würde. Der schwule Schriftsteller Edouard Louis bezeichnete eine Stimme für Hamon als „verschenkte Stimme”. Rein programmatisch ist er für Homos aber gut wählbar. Sein Standpunkt: „Eine wohlwollende und menschliche Republik ist eine Republik, die keine Diskriminierung von Bürgern aufgrund ihres Geschlechts, ihrer Hautfarbe, ihrer Behinderung oder ihrer sexuellen Orientierung duldet.” Diesem Grundsatz folgt auch sein Programm, das vom Eherecht bis zum Kinderkriegen durch künstliche Befruchtung für Lesben einen liberalen Kurs fährt.

melenchonJean Luc Mélenchon
Er hat im Endspurt des Wahlkampfes noch mal kräftig zugelegt und gilt jetzt als stärkster Gegner von Emmanuel Macron. Ansonsten ist der Kandidat der „Parti de Gauche” (Partei der Linken) der einzige unter den Großen Fünf, der sich für ein freies Personenstandswahlrecht von Trans* ausspricht. Er unterstützt die Ehe für alle, Antidiskriminierungsgesetze und hat kein Problem mit gleichgeschlechtlichen Eltern. Nur bei Leihmutterschaft zieht der eine Grenze, weil er hier die Gefahr der Ausbeutung von Frauen fürchtet. Jüngst äußerte er sich empört über die Menschenrechtsverletzungen in Tschetschenien und nutzte die Situation dazu, sein Bewusstsein für die Problematik zu demonstrieren, indem er anprangerte, „dass Homosexuelle in 75 Ländern unterdrückt werden und in 13 für ihre sexuelle Orientierung zum Tode verurteilt werden können.”


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