Sexy statt Brexit

Wie die Londoner Tate 50 Jahre offen schwules Großbritannien feiert

Am 5. April eröffnete in der Tate-Gallery London die Ausstellung „Queer British Art 1861-1967“. Es ist das erste Projekt überhaupt im Vereinigten Königreich, das sich mit heimischer Kunst auseinandersetzt, die schwule, lesbische, bisexuelle oder trans* Identitäten abbildet. Der gewählte Zeitraum markiert die britische Ära von der Abschaffung der Todesstrafe für „sodomitische Umtriebe“ im Jahr 1861 bis zur endgültigen Entkriminalisierung von gleichgeschlechtlichem Sex durch Verabschiedung eines Sexual Offences Act im Jahr 1967. Gezeigt werden Bilder, die homosexuelles Begehren mal mehr, mal weniger durch Unverfänglichkeit chiffrieren – von einer  eigentlich offensiv frivolen Aktstudie von David Hockney bis zu den romantisch verklärten Knabenbildern eines Henry Scott Tuke.

Heimlicher Star der Ausstellung: Oscar Wilde
Zum ersten Mal ist hier auch ein Porträtgemälde von Oscar Wilde öffentlich zu sehen, das Robert Goodloe Harper Pennington im Jahr 1884 von dem Romancier anfertigte (siehe Bildergalerie oben). Die symbolische Sprengkraft dieses Exponats ist bezeichnend für den kontroversen Ansatz der Kuratoren. Das Bild war ein Hochzeitsgeschenk zu Wildes heterosexueller („Schein“-)Hochzeit mit Constance Lloyd. In der Tate-Gallery hängt es neben der Original-Gefängniszellentür, hinter der Wilde ab 1895 wegen „Unzucht“ (sprich „sodomitischer Umtriebe“) einsitzen musste.

Jubiläum durch die Augen der Geschichte
Nachdem in Großbritannien bereits im Februar zum „Gay History Month“ das 50. Jubiläum der Entkriminalisierung von Homosexualität auf der Insel gefeiert wurde, ist die Tate-Ausstellung ein weiterer Anheizer für das eigentliche Jubiläum am 27. Juli, wo der Sexual Offences Act 1967 verabschiedet wurde. Indem sich die Schau auf die Zeit konzentriert, bevor Großbritannien „offen schwul“ war, ist sie gleichermaßen eine Mahnung und eine Demonstration des revolutionären Potenzials der Kunst. Oder wie es die Kuratoren ausdrücken: „Queer British Art 1861-1967 wird zeigen, wie Künstler und Betrachter die etablierten Blicke auf Sexualität und Geschlechtsidentitäten im Spannungsfeld zweier gesetzlicher Pole herausgefordert haben. Manche Exponate sind stark persönlich, während andere eine größere Öffentlichkeit ansprachen und damit zur Bildung eines Community-Gefühls beitrugen.“

Schaulauf der diskussionswürdigen Ikonen
So wechselt sich in der Schau queere Ästhetik mit queeren Persönlichkeiten ab. Neben Oscar Wilde sind dabei auch Figuren wie Quentin Crisp und Douglas Byng zu sehen – deren Ikonenstatus durchaus diskussionswürdig ist, da sie zwar einerseits mit Androgynität und Geschlechternormen spielten, andererseits aber Gegner einer schwulen Emanzipationsbewegung waren. Fazit: Sehr spannend und sehr schön. Den Rest sagt unsere Bildergalerie mit elf Werken, die in der Ausstellung zu sehen sind.

5. April bis 1. Oktober
www.tate.org.uk

 

 


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