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„Heimat ist nicht wirklich ein Ort”

Daniel Schreiber hat mit "Zuhause" ein wirklich schlaues Buch übers Weggehen und Ankommen geschrieben

Daniel Schreiber hat vor drei Jahren mit „Nüchtern” (MÄNNER-Archiv) einen überraschenden Bestseller gelandet und war (auch) deswegen viel unterwegs.  Er reist gern. Das hat ihn allerdings  für eine ganze Weile davon abgehalten, sich irgendwo wirklich „Zuhause“ zu fühlen. Jetzt hat er schreibend herausgefunden, wie man dort ankommt. Darüber wollten wir reden.

Warum wolltest du dieses Buch schreiben?
Ganz im Ernst: Ich hatte nicht wirklich die Wahl. Ich wünschte, ich könnte mir einfach ein Thema suchen und recherchieren und dann loslegen. Aber so ist das nicht. Ich kann nur über Themen schreiben, die mich berühren, mich angehen und bei denen ich Fragen habe, die  ich nur in der intensiven Auseinandersetzung damit lösen kann. So war das bei „Zuhause“ auch.

Beschreib den Antrieb mal genauer, bitte.
Ich wollte eigentlich ein Buch über Entwurzelung schreiben. Zum einen, weil es, glaube ich, das bestimmende politische Thema in diesen Zeiten der Unsicherheit ist. Zum anderen, weil es etwas ist, das ich nicht nur bei mir, sondern auch bei vielen anderen beobachtet hatte: Das Gefühl zu haben, nirgendwo richtig hinzugehören. Dass man sich in Provisorien einrichtet und die ganze Zeit mit dem Gedanken durch die Welt geht, das richtige Leben, in dem man dann sein Zuhause definiert, fängt später an. Dass man bestimmte Probleme nicht angeht und Dinge aufschiebt. Alles  Zustände, die man genau aus diesem Grund, weil es ja noch nicht das richtige Leben ist, das man da führt, was man ja eigentlich führen will, nicht aktiv bearbeiten oder auch nur mögen muss. Der konkrete Anlass für das Buch, war eine Beziehung in London, die zu Ende ging, und mich in eine Krise stürzte, die lange anhielt.

Was ist denn das „richtige“ Leben?
Das Interessante ist, dass man sich schon immer im wirklichen Leben befindet. Dieses Gefühl zu haben, nicht im richtigen Leben zu sein, und ständig alles über den Haufen werfen und neu anfangen zu können, ist ja bei den meisten Menschen vor allem ein Ausweichmechanismus, um sich unliebsamen Tatsachen nicht stellen zu müssen. Das richtige Leben passiert immer schon und man verpasst es nur, wenn man glaubt, dass es später beginnt. Und dieses Verpassen kann lange anhalten. Konkret: Als ich 2008 aus New York, wo ich vorher lange gelebt hatte, wieder zurück nach Berlin kam, wollte ich hier eigentlich nicht sein. Es machte Sinn hier zu leben, weil ich hier Arbeitsmöglichkeiten hatte, die ich in New York nicht hatte, aber ich vermisste meine Freunde, das selbstverständliche schwule Leben dort. Der Glaube, das alles hier in Berlin sei nur eine Übergangslösung, hat viele Jahre angehalten.

Wie bist du denn letzten Endes doch  auch innerlich in Berlin angekommen?
Das war ein langer Prozess, ein Prozess, der den erzählerischen Rahmen dieses Buch bildet. Und ich hoffe, dass dieser Erzählstrang des Buches zusammen mit den philosophischen, psychoanalytischen und soziologischen Gedanken über „Entwurzelung“ und „Zuhause“ Menschen hilft, die das Buch lesen. Ich glaube, dass es auch darum geht, sich zu einem Ort zu bekennen und die Verantwortung für das Leben, das man an diesem Ort führen kann, zu übernehmen, Was auch heißt, einige Türen in seinem Leben zu schließen und Abschied zu nehmen von bestimmten Orten.

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Fällt das schwulen Männern schwerer als anderen Menschen? Und wenn ja, warum ist das so?
Das ist ganz sicher so. Wir werden mit dem Gedanken großgezogen, dass wir nicht dazugehören, zu unseren Clans, Zirkeln, Familien, weil wir anders sind als die meisten Menschen um uns herum. Das geschieht bewusst und unbewusst und ist auch heute noch eine dominante Erfahrung schwulen Heranwachsens. Ich bin in einem Dorf in der mecklenburgischen Seenplatte großgeworden und beschreibe in diesem Buch auch minutiös die Brutalität der Menschen in diesem Umfeld, die zum Teil staatlich sanktioniert war. Und das Buch beschreibt auch die vielen Versuche, mit dem dabei entstandenen Selbsthass in meinem Leben umzugehen, mit der Wut, die mich mein ganzes Leben begleitet hat. Ich beschreibe das so genau, weil das eine grundlegende Erfahrung der Zuhauselosigkeit darstellt, die Lebenswege vieler schwuler Männer oft für immer beeinflusst. Wir haben als Gruppe Strategien entwickelt, damit umzugehen, bauen uns Ersatzfamilien, ziehen an Orte, die gut zu uns sind und sich unseren Bedürfnissen anpassen, aber die grundlegende Erfahrung der Zuhauselosigkeit bleibt oft im Hintergrund bestehen.

Was hat deine Urgroßmutter in dem Buch verloren?
Sie hat ihr ganzes Leben lang von sich behauptet hat, sie sei eine Adelige, obwohl es dafür keine Nachweise gab. Sie kam aus Wolhynien, einer Region in der heutigen Ukraine, wo einige der schlimmsten Verbrechen der Menschheit stattgefunden haben und die wir trotzdem so gut wie komplett aus unserem kollektiven Gedächtnis gestrichen haben. Meine Urgroßmutter ist erst von dort geflohen und während des Zweiten Weltkrieges noch zwei weitere Male. Die Geschichte war grausam zu ihr. Sie ist in ihrem Leben nie irgendwo angekommen. Ich glaube, wir verlieren heute oft aus den Augen, dass vieles von dem, das wir heute als stabil und unveränderlich ansehen, sich jederzeit wieder und schnell verändern können: Grenzen, Nationalitäten, unsere Lebensorte, unsere Rechte als schwule Männer.

Wo ist der Unterschied zwischen Heimat und Zuhause?
Heimat ist ein Sehnsuchtsort, den es, wenn man sich die Kulturgeschichte genauer anschaut, so nie gegeben hat, wie wie er verwendet wurde und bis heute verwendete wird. Worauf es ankommt, das, worum es in unserem Leben wirklich geht, ist sich ein Zuhause zu bauen. Das muss kein perfektes Zuhause sein, aber ein Zuhause.

ZUHAUSE, Daniel Schreiber: Hanser Berlin, 144 Seiten, 18 Euro

Foto: Olaf Becker


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