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Rainbow Cruise: Alle an Bord!

TUI Cruises veranstaltete Deutschlands erste LGBT-Kreuzfahrt und schipperte die Community durchs westliche Mittelmeer. Wir waren dabei

Auch wenn es erst kurz nach Mittag ist, herrscht an der Bar auf Deck elf schon reges Treiben. Zwei mitzwanziger Beaus posieren vor der Poolanlage für ein Selfie, aber nicht ohne vorher, um es vielleicht weniger gestellt aussehen zu lassen, einen ordentlichen Zug aus dem mitgebrachten gelben Fläschchen mit der roten Aufschrift „Rush“ zu nehmen. Auf dem Barhocker daneben schaut eine Mitfünfziger Frau, Sorte Hannelore, Sorte Castrop-Rauxel, neugierig zu den beiden hinüber und sucht das Gespräch: „Ist das was gegen Seekrankheit?“ Die beiden Jungs, im Kopf schon einige Decks höher: „Ne, aber davon kannste fliegen. Willste auch mal?“ „Och danke, aber ich bleibe lieber erstmal auf dem Schiff.“

Dieses Schiff, das ist „Mein Schiff 2“ aus der TUI Cruises Flotte und schipperte jetzt eine Woche lang von Mallorca über Barcelona, Südfrankreich, Korsika, Rom und Salerno nach Malta. Und das ganz Besondere: Es beherbergte die „Rainbow Cruise“, die erste deutschsprachige Kreuzfahrt für die LGBT-Community and Friends – also auch für Hannelore und ihren Mann.

In den sozialen Medien waren vorab eher separatistische Stimmen als Freude über eine Reise mit der gesamten Community zu hören

Die Idee so schön: Hans und Trans und alle anderen unter dem Regenbogen gemeinsam auf dem Mittelmeer, um Vielfalt zu leben und zu feiern. Doch Skepsis im Vorfeld war angebracht, denn  in den sozialen Medien waren vorab eher separatistische Stimmen als Freude über eine Reise mit der gesamten Community zu hören. Das reichte von „Hoffentlich blockieren die Lesben nicht die Sauna“ bis „Gibt es auch ein Programm für das U30-Publikum.“ Doch kaum an Bord, waren diese Befürchtungen zertreut.

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Am anderen Ende von Deck elf bahnen sich Beate (40) und Ehemann Martin (37) aus Berlin mit einem Doppelkinderwagen ihren Weg. Dort schlummern ihre Zwillinge Lasse und Linus vor sich hin. Warum die vierköpfige Familie an Bord einer LGBT-Cruise ist? „Weil wir einfach Bock drauf hatten, wir haben das ganz bewusst gebucht. Und wir würden das auch immer wieder machen. Außerdem sollen unsere Kinder früh lernen, dass ein Mann eben auch einen Mann und eine Frau eine Frau lieben kann.“ Unten an der Rezeption wartet Svetlana mit ihren 4 Freundinnen aus Kasachstan. In wunderbar gebrochenem Deutsch schwärmt sie: „Alles so schön hier. Nur ein Tag, und wir mit neue schwule Freunde wie Glorius Viagra an Strand gegangen. Herrlisch!“

Szenenwechsel Bordtheater Deck Atlantik. Conchita, geborene Wurst, wird gleich die Bühne betreten und einen fulminanten Auftritt in Akustik-Version hinlegen. Freudige Erwartung auch bei den Mitfünfzigern Inge und Harald aus Nürnberg. Eigentlich wollte das Heteropärchen zusammen mit einem schwulen und einem lesbischen Freundespaar an Bord sein, doch die mussten kurzfristig absagen. Inge und Harald sind trotzdem dabei: „Diese Cruise ist interessant und faszinierend. Es ist ungezwungener und fröhlicher als auf den bisherigen zehn Kreuzfahrten, an denen wir teilgenommen haben.“

Conchita: ” „Wir leben in ekelhaften Zeiten. Man ist ja schon erleichtert, morgens die Zeitung aufzuschlagen, und die Nachrichten sind nicht allzu schlimm. Deshalb ist diese Cruise so wichtig”

Backstage bei La Wurst. Sie weiß, dass die Rainbow Cruise eine Wohlfühl-Bubble ist, die nur bedingt mit der Realität da draußen zu tun hat: „Wir leben in ekelhaften Zeiten. Man ist ja schon erleichtert, morgens die Zeitung aufzuschlagen, und die Nachrichten sind nicht allzu schlimm. Deshalb ist diese Cruise so wichtig und ich finde es großartig, dass so viele Heteros und auch Kinder an Bord sind. So bringt man der neuen Generation bei, dass das alles kein big deal ist, wen du liebst.“

Um Diskriminierung zu erfahren, brauchen LGBT-Menschen nicht erst in die ach so böse Heterowelt hinausgehen, das bekommen wir untereinander selbst genau so gut hin. Doch davon an Bord keine Spur: Wer weint, ist nicht gleich psycho, wer lacht, nicht gleich oberflächlich. Wer sexy ist, ist nicht gleich dumm im Kopf, und wer ein paar Kilo zuviel auf den Rippen hat, muss kein Fat shaming über sich ergehen lassen.

Heteros, zumindest solche wie Svetlana, Inge und Harald, Beate und Martin, verdienen einen Ehrenfarbstreifen auf unserem Regenbogen

Die größte Erkenntnis der Reise: Heteros, zumindest solche wie Svetlana, Inge und Harald, Beate und Martin, verdienen einen Ehrenfarbstreifen auf unserem Regenbogen. Denn sie tolerieren die Community nicht wie ein notwendiges Übel, das nunmal da ist, sondern leben und feiern die Vielfalt und sehen sich selbst als Teil dieser Vielfalt. Und ja, wenn der 20-jährige Heteromann Arm in Arm mit der 60-jährigen Transfrau an der Reling steht und sie beim Auslaufen des Schiffs die erhellte Kathedrale von Palma de Mallorca bewundern, das treibt einem schon etwas Pipi in die Augen. Und wenn Peter und Ken aus Heidelberg sowie Moni und Tanja aus Stolberg sich am vorletzten Tag der Kreuzfahrt an Bord das Ja-Wort geben, dann bleiben die Augen auch nicht wirklich trocken. Der Tenor der meisten Passagiere: Bitte ganz schnell wieder eine Rainbow Cruise.

Text: Henrik John Hohl, Fotos: PR

Hier die schönsten Bilder vom Schiff:

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