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Warum Deutschland beim ESC verliert

Der Sieger Salvador Sobral mahnt Musik als großes Gefühl an. Wir haben die ARD und Barbara Schöneberger

Ein Punkt und Deutschland hätte es geschafft. Dreimal Letzter in Folge beim Eurovision Song Contest. Dass es dazu nicht kam, haben wir der irischen Jury zu verdanken, die uns drei Punkte gab und Spanien gar keinen. So hatten wir am Schluß sechs und die Spanier nur fünf. Alle waren erleichtert. Die Frage am Tag danach ist: Warum eigentlich? Der Sieger, Salvador Sobral aus Portugal, hatte mit über sechshundert Punkten, einer entzückenden kleinen Jazz-Variation und einem ihm hinten aus dem faltigen Jacket hängenden Mikrokabel, gerade die Jury- und Publikumswertung gewonnen, sein Liedchen nochmal gesungen und den australischen Flitzer vergessen gemacht, da hoben die Verantwortlichen bei der ARD zur Selbstrechtfertigung an. Das Publikum hätte sich „unser Lied” schließlich ausgesucht und die meisten Fernsehzuschauer dafür angerufen und Levina ihr Bestes gegeben. Und überhaupt, es läge nicht an uns, es läge an Europa.

Es ist nicht unverständlich, dass man sich verhält wie ein Bloomberg-Mitarbeiter nach dem die Immobilienblase geplatzt ist, wenn man gerade die 380.000 Euro, die Deutschland jedes Jahr zum ESC beiträgt, mit Gusto im Klo runtergespült hat. Kann man mal machen. Aber nicht drei Jahre in Folge. Jan Feddersen hat, nachdem Gracia 2005 Letzte geworden war, in die ARD-Kameras gesprochen: „Europa hat ihr Lied nicht verstanden”, um das Abschneiden der deutschen Künstlerin zu erklären. Das stimmte schon damals nicht. Europa hatte genau verstanden. Gracias „Run & Hide” war schrecklich. Und Levinas „Perfect Life” war alles andere als perfekt. Es war nur die Nummer aus dem deutschen Vorentscheid, die am wenigsten peinlich war.

Der Sieger Salvador Sobral hatte auf der Bühne gerade erklärt wie es geht: „Bei Musik geht es um Gefühle, nicht um Feuerwerk.” Die ARD hat eben keine Gefühle.

Nach dem erneuten Totalabsturz beschloß Moderationslegende Peter Urban gestern: „Wir haben eigentlich nichts falsch gemacht, also die Verantwortlichen”. Echt? Könntet ihr wenigstens mal eine Minute zuhören? Der Sieger Salvador Sobral hatte auf der Bühne gerade erklärt wie es geht: „Bei Musik geht es um Gefühle, nicht um Feuerwerk. Vielleicht ist das hier heute Abend auch ein Sieg für die Musik.” Ich bin sicher, in den Nachbereitungs-Meetings der verantwortlichen deutschen Sendeanstalt wird es Montag um viel gehen: Performance, Design, Licht, das Kleid, Angela Merkels Beliebtheitswerte in Griechenland, Feuerwerk, sowas. Nur nicht um Musik. Denn es begreift in den betreffenden Gremien offensichtlich niemand, dass große Popsongs nicht über Monate am Reißbrett von Medienprofis entwickelt, sondern oft in 20 Minuten in einem verschimmelten Backstage-Bereich von echten Musikern geschrieben werden. Warum also lässt man die nicht ran?

Denn dann müsste man zugeben, dass die TV-Verantwortlichen in Deutschland von gutem Pop soviel verstehen, wie von einer brillianten Serie oder guten Krimis: überhaupt nichts.

Das geht in der ARD eben nicht. Selbst nachdem Stefan Raab es mehrere Jahre (und Lenas Sieg inklusive)  vorgemacht hat. Denn dann müsste man zugeben, dass die Verantwortlichen im von der Öffentlichkeit finanzierten Rundfunk in Deutschland von gutem Pop soviel verstehen, wie von einer brillanten Serie, giftigen, aber zum Brüllen komischen Moderationen, oder guten Krimis: überhaupt nichts. Für all das braucht man einen Menschen, der sie sich ausdenkt, keinen Herrenclub überbezahlter Redakteure, die, nach feinem Pop befragt, an Reichsbürgerunterhalter Xavier Naidoo denken und Daft Punk „laut” finden. Kunst ist undemokratisch und persönlich und braucht deswegen vor allem eins: Künstler. Leute wie Salvador Sobral. Portugal hat Gefühl, wir haben die ARD und Babsi Schöneberger, die es – professionell und schnittig wie sie sein kann – eben auch nicht alleine schafft, aus Dauerregen in Hamburg unter Mitwirkung von Helene Fischer die Grammys zu machen.

Was also ist zu tun? Wie wäre es damit, das ganze schöne Geld, mit dem der öffentlich rechtliche Rundfunk offenbar nichts anzufangen weiß, einem unabhängigen Produzenten zu geben, der damit etwas anderes macht als bisher? Jemandem, der Musik liebt. Und aus dem Bauch heraus vielleicht genau das richtige Gefühl hat. Weil: schlimmer als es gerade ist, kann das auch nicht werden.

Foto: Shutterstock/Dmytro Larin

Und hier nochmal der Siegertitel. So geht das:

 


56 Kommentare

  1. Marc Vogelmann

    ACHTUNG MEIN MEINUNGEN.
    Seit letzten Jahr denke ich mir halt das es nicht mehr um Musik hierbei geht. Es geht um Show und so weiter. Meiner Meinung nach war z.B Jamie-Lee letztes Jahr die beste und dann verliert sie. Das gleiche dieses Jahr. Ich finde das Lied gut, zwar nicht so gut zum gewinnen jedoch mindestens Top 15 für diesen ESC.
    Naja nächstes Jahr lasse ich es ausfallen.

  2. Bernd Haferung

    die sollten es einfach lassen rausgeschmissenes geld, aber die ard hat es ja durch die wie ich finde kriminelle zwangsagsabgabe, der wie ich finde kriminelle vereinigung gez oder wie auch immer sie jetzt heißen

  3. Carsten Mundt

    Irgenwie ein Hanebüchener Unsinn.
    Was hatte das dann letzte Lied, mit dem D gewann, für Gefühle.
    Und wie hieß die Trulla eigentlich gleich noch mal ..
    und das Lied??
    Die Lieder und Sänger des ESC haben immer schon vom und für das 5-Minutenglück gelebt, Ausnahmen eingeräumt.

  4. Carsten Mundt

    Genau.
    Man sieht ja an DSDS, wie groß die Menge an Topkünstlern ist und welche Stars dort geboren werden OHNE dass Du GEZ abdrücken musst.
    Kübelbock steht ja heute noch regelmäßig auf Platz 1 der Charts…
    Mann, Mann, Mann… diese einfältige Leier von den GEZ-Zwangsgebühren ist nur noch hirnlos. …


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