Feb 27 2007 Oakland CA USA ARMISTEAD MAUPIN who authored the book Tales of the City has all

„Anna Madrigal würde Trump hassen“

Armistead Maupin im Interview über den letzten Teil der Stadtgeschichten "Die Tage der Anna Madrigal"

Die Tage der Anna Madrigal sind vorbei. Du hast fast 40 Jahre mit Anna verbracht. Fehlt sie Dir?
Willst Du nicht lieber über Donald Trump sprechen? Ist das momentan nicht wichtiger als mein Buch?

Wir können beides tun: Was würde Anna denn zu Donald Trump sagen?
Sie würde ihn, ähnlich wie ich, als Zeichen dafür betrachten, wie verkommen Amerika ist. Dafür, dass alles, was gut und zivilisiert ist an unserem Land, den Bach runtergeht. Als ich vor Jahren das erste Mal nach Deutschland kam, dachte ich, ihr wärt das am wenigsten nationalistische Land der Erde und fand das gut. Die USA hingegen befinden sich mitten im Versuch der Regierungsübernahme durch Quasi-Faschisten.

Ich habe mich von meiner Familie lange in ein Leben drängen lassen, dass nicht meins war und es ist retrospektiv unfassbar, wie lange ich gebraucht habe, um ich selbst zu werden und zu bleiben

Fehlt Dir als Autor da der sichere Hafen, der die Stadtgeschichten für Dich auch waren?
Diesen Ort gibt es in meinem Kopf ja noch. Und allen, die Barbary Lane, den Schauplatz der Stadtgeschichten, lieben, geht es wohl auch so. Das ist schön. Fiktion ist immer ein sicherer Ort. Ich habe in den letzten zwei Jahren eine Autobiografie geschrieben, „Logische Familie“, was viel anstrengender und ungemütlicher ist, weil man sich dabei mit sich selbst und seinen Mitmenschen konfrontieren muss. Die „Stadtgeschichten“ leben immer von scheinbar zufälligen Begegnungen, die das Leben ihrer Charaktere in ganz unerwartete Richtungen befördern. Wegen dieser Momente liebe ich es Geschichten zu erzählen. Auch meine eigene. Auch wenn das schwieriger ist.

Hast Du, durch den Filter der Stadtgeschichten, nicht seit 40 Jahren schon immer auch dein eigenes Leben miterzählt?
Aber es gab eben immer den schützenden Filter fiktionalen Schreibens. Ich bin ja nicht immer alle meine Charaktere. Oder jedenfalls nicht die ganze Zeit. Aber ich bin immer ich. Deswegen war „Logical Family“ ein schwierigeres Buch: Man will als Autor der eigenen Biografie nicht eitel aussehen, oder sich selbst loben. Aber man will auch nicht schwach oder absichtlich bescheiden rüberkommen. Man muss also so nah wie möglich an die Wahrheit ran. Und das tut manchmal weh.

Maupin mit Olympia Dukakis, die in der TV-Serie "Tales of the City" Anna Madrigal verkörpert

Maupin mit Olympia Dukakis, die in der TV-Serie „Tales of the City“ Anna Madrigal verkörpert (Foto: Shutterstock.com/s.buckley)

Was hast Du beim Schreiben deiner Autobiografie über dich selbst gelernt?
Dass ich viel Zeit damit verbracht habe, es Menschen recht zu machen. Ich habe mich von meiner Familie lange in ein Leben drängen lassen, dass nicht meins war und es ist retrospektiv unfassbar, wie lange ich gebraucht habe, um ich selbst zu werden und zu bleiben.

Hat dir das Wissen um deinen eigenen, langen Weg zu Dir selbst beim Schreiben über Annas Kindheit in „Die Tage der Anna Madrigal“ geholfen?
Ich konnte den Prozess den sie durchläuft jedenfalls emotional gut nachvollziehen. Die Arbeit hat viel Freude gemacht. Die Recherche war ein großes Puzzle, in dem ich immer wieder neue Teile entdeckte, die das Gesamtbild veränderten.

„Die Tage der Anna Madrigal“ ist der neunte und, so sagst Du, letzte Teil der Stadtgeschichten. Das hast Du über Teil sechs auch schon mal gesagt. Stimmt es diesmal wirklich?
Ja. 1989, als ich das sechste Buch fertig hatte, wusste ich einfach nicht, wie die Geschichte inklusive HIV und AIDS weitererzählt werden sollte, ohne dass mein Held, Michael Tolliver, der zu diesem Zeitpunkt schon positiv war, stirbt. Und ich wollte keins von den Büchern schreiben, in denen der schwule Held am Schluss sterben muss. Ich wollte, dass Michael weiterlebt und sich verliebt und mit seinen Freunden fröhlich ist. So gesehen ist die medizinische Forschung daran schuld, dass ich 17 Jahre später wieder anfangen konnte, an den Stadtgeschichten zu arbeiten. Als die Kombitherapien eingeführt wurden, hatte auch Michael wieder eine Chance. Eigentlich wollte ich damals einen Roman übers Älterwerden schreiben, der mit den Stadtgeschichten nichts zu tun hatte. Aber sobald ich anfing, über einen Mitte Fünfzigjährigen in San Francisco zu schreiben, war schnell klar: das ist Michael und er lebt noch. So hieß das Buch dann auch: „Michael Tolliver lebt“.
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Auch im neunten Band gibt es HIV-positive Figuren. Aber es ist kein Thema des Buches mehr, oder?
Es ist einfach eine Realität im Leben dieser Figuren, positiv zu sein, weil es inzwischen eine Alltäglichkeit im Leben vieler Menschen ist. Ich war der erste US-Schriftsteller, der über HIV und AIDS geschrieben hat. Nicht, um der erste zu sein, sondern weil ich im Herzen der Krise lebte und Menschen um mich herum erkrankten und starben. Ich musste mir meine eigene Trauer von der Seele schreiben und wollte, dass meine Leser eine persönliche Beziehung zum Thema bekamen. Und ich habe mich im Rahmen der Arbeit an der Autobiografie gerade wieder sehr lange mit HIV und AIDS beschäftigt, weil das eins meiner Lebensthemen ist. Jeder Mann, den ich seit Beginn der Epidemie wirklich geliebt habe, war positiv. Aber ich wollte nie „der AIDS-Autor“ sein. Ich wollte nur, dass meine Leser die Gefühle und persönlichen Erfahrungen verstehen, die viele von uns mit HIV und AIDS verbinden.

Na dann: Wie erklärt man heute 22-Jährigen, was HIV und AIDS damals bedeutet haben, ohne zu klingen, wie Opa, der vom Krieg erzählt?
Es ist sehr wichtig, dass Jüngere wissen und verstehen, wie es war, wie gekämpft wurde, wie stolz wir darauf sein können, aber auch, was wir verloren haben. Ich versuche immer wieder ganz bewusst, einer dieser Opas zu sein. Ich muss mich darum, ehrlich gesagt, inzwischen auch nicht mehr allzu sehr bemühen (lacht). Außerdem sehe ich das auch ein Stück weit als meine Verantwortung: Ich bin 72 Jahre alt. Wenn nicht wir diese Geschichte erzählen, wird viel davon einfach verloren gehen. Und das wäre nicht gut.

Wie erzählt man also die Geschichte von HIV und AIDS?
Sei persönlich. Fang bei Dir an. Erzähl von der Panik und der Angst und der Liebe und all dem, was in der Mitte einer Epidemie so passiert. Ich erinnere mich dabei auch immer an den Mut und die Tatkraft, die Menschen um mich herum im Angesicht von AIDS entwickelten. Das gibt dann Kraft.

Ich ertappte mich vor laufender Kamera dabei, wie ich aus heiterem Himmel anfing zu weinen

War es trotzdem schwer, das für die Autobiografie noch einmal aufzuschreiben?
Ein Filmemacher hat parallel eine Dokumentation über mein Leben gedreht. Das war stellenweise schwierig. Ich ertappte mich vor laufender Kamera dabei, wie ich aus heiterem Himmel anfing zu weinen, während ich über meinen besten Freund Steve sprach, dem auch meine Autobiografie gewidmet ist. Er war eine der großen Lieben meines Lebens, obwohl wir „nur“ Freunde waren. Und eines seiner Lieblingslieder war „Let’s face the music and dance“. Das wurde unser Mantra während der AIDS-Krise. Ich habe versucht, den Text zu rezitieren, während wir drehten und konnte auf einmal nicht mehr weitersprechen. Die Gefühle sind ja alle noch da, direkt unter der Oberfläche.

Wer soll dich spielen, wenn „Logical Family“ verfilmt wird?
Gute Frage. Jonathan Groff, der Hauptdarsteller aus „Looking“, vielleicht? Er ist ein guter Freund und ein großartiger Schauspieler. Außerdem ist er sehr niedlich und ich bilde mir ein, ich hätte Anfang der 70er Jahre, für ungefähr 15 Minuten, auch mal so ausgesehen (lacht).

Armistead Maupin, „Die Tage der Anna Madrigal“, 336 Seiten, Rowohlt Taschenbuch Verlag, 10,99 Euro

 


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