Bb

Shitstorm nach Ehe-für-alle-Antiposter

Staatsschutz Bielefeld ermittelt wegen Volksverhetzung

Ein unscheinbarer Transporter mit verregneten Scheiben auf einem beliebigen Parkplatz irgendwo in Paderborn – so konnte man das Bild, das ab Sonntagabend bei Facebook für einen Aufschrei sorgte, oberflächlich betrachten. Wenn da nicht das grüne Schild im Fenster gewesen wäre, auf das sich der Aufschrei bezog. Darauf stand: „Schwule sind krank. Die Po-litik ist für den Arsch“ (siehe Foto oben). Aus nachvollziehbaren Gründen lief die User-Gemeinde Sturm gegen das Motiv. Darauf wurde man erst am Flughafen Paderborn-Lippstadt aufmerksam, auf dessen Gelände der Besitzer des Transporters (ein Dienstleister für Flugzeuginstandsetzung) Mieter ist. Und dann beim Staatsschutz Bielefeld. Jetzt werden rechtliche Konsequenzen geprüft.

„Da ich hier (…) Menschen gekränkt und verletzt habe, bitte ich um Entschuldigung“

Auf Nachfrage beim Staatsschutz bekommen wir die Ansage: „Bei dieser Äußerung besteht der Verdacht der Volksverhetzung. Dieser Fall wird nun geprüft. Die rechtliche Bewertung erfolgt anschließend durch die Staatsanwaltschaft.“ Am Flughafen Paderborn-Lippstadt distanziert man sich derweil von dem Mieter und prüft eine mögliche Kündigung des Geschäftsverhältnisses. Und was sagt der Urheber des Antiposters? Willy Adler erklärt, dass das Plakat ein überstürzter Protest gegen den Beschluss der Ehe für alle im Bundestag sein sollte (siehe MÄNNER-Archiv), den er infolge des Shitstorms entfernt hat und bereut. Im Gespräch mit MÄNNER sagt er, dass sich sein Protest nicht gegen Schwule richte, sondern gegen die Politik. Und in einer schriftlichen Stellungnahme heißt es: „Wahrscheinlich bin ich zu alt, oder mein Verständnis von ‚Ehe‘ ist ein Falsches. Auf jeden Fall war ich maßlos enttäuscht, fühlte mich provoziert und wollte meinem Unmut Ausdruck verleihen. Da ich hier mit meinem Unmut, der sich gegen die Politik richten sollte, Menschen gekränkt und verletzt habe, bitte ich um Entschuldigung.“

Homophober Traditionalismus als Folge von privaten Enttäuschungen und Politikverdrossenheit

Dass Adler neben dem homophoben Poster zusätzlich einen „Odin statt Allah“- und einen Schwarze-Sonne-Sticker am Auto kleben hatte (sowohl Odin als auch die Schwarze Sonne sind wegen ihres Ursprungs in der germanischen Mythologie einschlägige Nazi-Symbole) bringt ihm obendrein den Verdacht des Rechtsradikalismus ein. Auch den bestreitet er, indem er sich auf die jahrtausendealte Geschichte der Symbole beruft. Alles in allem ist das Gespräch mit ihm sinnbildhaft für die Entstehung von Homophobie und rechtslastigem Traditionalismus im Fahrwasser von privaten Enttäuschungen und Politikverdrossenheit. Während Adler selbst bestreitet, etwas gegen Homosexuelle zu haben, kommt er beim Thema Ehe für alle mit Vergleichen wie „Darf der Deutsche demnächst seinen Hund heiraten?“ Kein weiterer Kommentar.

Trotz allem: Beschimpfungen tragen auch nicht zu Verständnis bei

Was lernt man aus der Geschichte? Vermutlich, dass man im Jubel über die Öffnung der Ehe nicht vergessen sollte, dass die Euphorie nicht von allen geteilt wird. Aber auch, dass man statt Gegenpolemik im Zweifelsfall lieber besonnen bleiben und Gegnern erklären sollte, dass die Öffnung der Ehe weder eine Abwertung „ihres“ Eheinstituts ist noch einen Verlust für sie selbst darstellt. Die Beschimpfungen, die Adler seit dem Facebook-Shitstorm auf seine Posteraktion erhalten hat, haben sein Verständnis für die geschmähte „Minderheit“ zumindest eher verringert als gefördert. Bleibt zu hoffen, dass die möglichen rechtlichen Konsequenzen keine innere Radikalisierung zur Folge haben.

Titelbild: Copyright Paderborn-Lippstadt Airport / Facebook


0 Kommentare



Likes & Shares

Durch die fortgesetzte Nutzung der Website erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden. mehr Info

The cookie settings on this website are set to "allow cookies" to give you the best browsing experience possible. If you continue to use this website without changing your cookie settings or you click "Accept" below then you are consenting to this.

Close