shutterstock_352611794

Zensurskandal am Bolschoi-Theater

Absetzung von Ballett über schwulen Jahrhunderttänzer Rudolf Nurejew am Bolschoi-Theater wird zum Politikum

Heute hätte sie stattfinden sollen: Die Premiere des Balletts über den schwulen Jahrhunderttänzer Rudolf Nurejew am Moskauer Bolschoi-Theater. Jedoch: Am Samstag wurde das Stück in letzter Minute abgesetzt. Gestern verkündete Bolschoi-Direktor Vladimir Urin in einer Pressekonferenz: „Wir sind vollkommen niedergeschlagen. Die Premiere von ‚Nurejew‘ wird auf Mai 2018 verschoben. Unter Qualitätsgesichtspunkten mussten wir feststellen, dass das Ballett zu schlecht war.“  Diese Begründung glaubt aber keiner. Stattdessen wird vermutet, dass der russische Kulturminister Wladimir Medinski (Foto links) die Premiere des Stückes verhindert hat, weil es die schwulen Seiten des 1993 an den Folgen von AIDS verstorbenen Tänzers Nurejew behandelt.

Ein Aufführungsverbot entspricht nicht der Arbeitsweise des Kulturministers

Vladimir Urin bestritt bei der gestrigen Pressekonferenz jegliche Einflussnahme der Politik. Am Ende war es aber das Kulturministerium selbst, das diese Aussage in Zweifel zog. Medinski ließ über eine Sprecherin verlauten, dass es zwischen ihm und Urin  „ein langes Telefongespräch“ zu dem Thema gegeben habe. Gleichzeitig wurde betont, dass die Erteilung eines Aufführungsverbots „nicht der Arbeitsweise“ des Ministers entspreche, die Absage der Premiere also keine politischen Gründe habe oder gar dem Unterbinden der in Russland verbotenen „Homopropaganda“ diene (siehe MÄNNER-Archiv).

Regisseur Sebrennikow scheiterte schon mit einem Film über die schwulen Seiten Tschaikowskys

Ein Skandal ist die hastige Absetzung der Produktion so oder so. Bolschoi-Tänzerin Maria Alexandrova schrieb auf ihrem Instagram-Profil: „Das letzte Mal, das so etwas an diesem Theater passiert ist, war in den 1930ern. Es hat eine neue Ära begonnen, aber die Geschichte dreht sich im Kreis.“ Der Umstand, dass das Ballett erst ab 18 freigegeben war, und dass es laut Urin „die Nichtakzeptanz einer ganzen Reihe von Zuschauern“ hervorgerufen hätte, geben viel Raum für Spekulation. Hinzu kommt, dass die Produtkion ein Projekt des umstrittenen Regisseurs Kirill Serebrennikow ist. Sebrennikow gilt als ausgesprochener Kritiker des Regimes von Wladimir Putin. Er  machte bereits vor einigen Jahren Schlagzeilen, weil ihm die Fördergelder für einen über Pjotr Iljitsch Tschaikowsky gestrichen wurden, in dem er die Homosexualität des Komponisten thematisieren wollte. Im Mai musste sich der Regisseur einem Steuerhinterziehungsprozess stellen, der von vielen Insidern als politische Einschüchterungsmaßnahme interpretiert wird.

Nurejew: Ikone, Tabu, Vaterlandsverräter

Der Umgang mit Tänzerlegende Rudolf Nurejew selbst ist derweil bezeichnend für die bigotte Behandlung schwuler Kulturgrößen in Russland. Während er einerseits als Ikone verehrt wird, werden seine Homosexualität und seine AIDS-Erkrankung weitgehend totgeschwiegen. Hinzu kommt, dass viele Russen ihn als Vaterlandsverräter sehen, weil er aus der Sowjetunion emigrierte, um im Westen Karriere zu machen.

Titelbild: StockphotoVideo / Shutterstock.com


0 Kommentare



Likes & Shares

Durch die fortgesetzte Nutzung der Website erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden. mehr Info

The cookie settings on this website are set to "allow cookies" to give you the best browsing experience possible. If you continue to use this website without changing your cookie settings or you click "Accept" below then you are consenting to this.

Close