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Nackte Jungs Angucken

Der Journalist Craig Seymour hat jahrelang als Stripper gearbeitet. Jetzt erscheint seine Autobiografie “Nackte Tatsachen”. Ein Gespräch über Sex, Politik und schöne Männer

Interview: Paul Schulz /Fotos: Craig Seymour

Craig, in deiner Autobiografie geht es ziemlich zur Sache. Hat deine Mutter das Buch schon gelesen?
(lacht) Ja, meine Eltern haben das Manuskript beide zu lesen bekommen, bevor das Buch in den USA erschien. Schon, weil sie darin auch als Figuren vorkommen. Allerdings hatte ich eine Bedingung: Sie mussten es erst zu Ende lesen, bevor sie etwas dazu sagen durften.

Warum wolltest du das?
Weil das Buch ganz gut erklärt, wieso ich als 22-Jähriger Doktorant in Washington überhaupt angefangen habe zu strippen und darüber auch meine Doktorarbeit geschrieben habe.

Und das war so, weil …?
Für mich war das Ganze eine Herausforderung und vielleicht der letzte Schritt zum Erwachsenwerden. Ich war ein schüchternes, braves Kind, und mich mit Anfang Zwanzig auf eine Bühne zu stellen, mir die Kleider vom Leib zu reißen und mich dann von anderen Männern überall anfassen zu lassen, war ein so großer Gegensatz zu dem Leben, was ich bis dahin geführt hatte, dass es schlagartig alles veränderte. Bücherschreiben, unterrichten, Fotograf sein, ich hätte nichts von dem getan, wenn ich nicht vorher Stripper gewesen wäre. Seine Angst über Bord zu werfen und Dinge einfach zu tun, von denen man nie dachte, dass man sie einmal tun würde, das war eine ganz grundlegende Erfahrung für mich.

Wie kam es denn überhaupt zu all dem?
Stripclubs waren der erste Ort auf der Welt, wo ich ganz ohne Angst andere Jungs angucken konnte, sie waren ein wichtiger Teil meines Coming-outs. Ich habe mich dort als schwuler Mann zum ersten Mal komplett sicher und zuhause gefühlt. Und das ist heute noch so. Ich war also Fan, bevor ich Akteur wurde (lacht).

Ist es ein gutes Gefühl, nur in Socken von 50 anderen Männern angesehen und begehrt zu werden?
Wer sagt dir denn, dass die einen immer begehren? Die Chance, von 50 Jungs gleichzeitig offen zurückgewiesen zu werden, weil dir niemand Trinkgeld gibt oder dich niemand anfassen will, ist groß. Deswegen ist es besser, wenn du dein Selbstbewusstsein aus etwas anderem als deinem Körper beziehst. Aber Strippen ist auch viel mehr als nur, sich auszuziehen.

Was denn?
Mit vielen der Stammkunden baut man als Stripper eine wirklich enge Bindung auf.

Deren Grundlage der Austausch von Bargeld ist.
Ja, aber das heißt ja für die Qualität der Bindung erst einmal nichts. Du kannst trotzdem mit vielen deiner Kunden ein freundschaftliches Verhältnis haben. Wenn jemand dir so zeigt, was er wirklich geil findet und dich sein Begehren sehen und spüren lässt, dann ist das sehr intim, sehr ehrlich und deswegen nicht die schlechteste Grundlage für eine Freundschaft. Der Körperkontakt zwischen Stripper und Gast ist ja etwas streng Reguliertes, die Regeln stehen fest.

In deinem Fall erlaubten die Regeln, dass die Gäste dich an den steifen Schwanz fassen und dir den Arsch streicheln. Ist das keine sexuelle Dienstleistung?
Klar ist es das. Und? Einer der großen Mythen über Stripper ist, dass die meisten ihren Job machen, weil sie in irgendeiner Zwangslage sind. Oder dumm. Oder beides. Das ist Quatsch. Viele der Jungs haben einen Heidenspaß bei der Arbeit und werden hervorragend bezahlt.

Hat der Job also keinerlei Nachteile?
Doch, sogar einige. Aber die haben oft wenig mit der Arbeit selbst zu tun. Dass du den wenigsten Menschen erzählen kannst, dass du Sexwork machst, ohne misstrauisch beäugt zu werden, ist ein immenser Nachteil. Ich erzähle ja im Buch ausführlich davon, dass ich immer Angst davor hatte, einer meiner Kollegen aus der Uni oder einer meiner Studenten könnte mich sehen. Es brauchte eine Weile, bis ich das Selbstbewusstsein entwickelt hatte, da drüberzustehen.

War das auch der Grund dafür, das Buch zu schreiben?
Nein, der war wirklich „historisch”. Die Washingtoner Clubs, in denen ich gearbeitet hatte, sind vor gut zehn Jahren abgerissen worden. Da habe ich längst erfolgreich als Journalist gearbeitet, war aber natürlich am Abend, bevor die Bagger anrückten, noch einmal da, um diesem Teil meiner Jugend Lebwohl zu sagen. Und da ging mir auf: „Das hier ist Geschichte, schwule Geschichte,
die verloren geht, wenn sie niemand aufschreibt.” Also habe ich das getan. An den Stripclubs und ihren Besuchern lässt sich die gesamte Geschichte der Schwulenbewegung nachvollziehen, aber auch viel über sich verändernde Sexualmoral ablesen.

Früher war mehr los, oder?
(lacht) So kann man das zusammenfassen. Mit dem Streben nach Gleichberechtigung ging auch die Herausbildung eines schwulen Mainstreams einher, der von heterosexuellen Wünschen und Träumen heute kaum noch zu unterscheiden ist. Viele Schwule wollen heiraten und Kinder bekommen. Was sie auch alle können sollen. Aber das darf nicht bedeuten, dass das Sprechen oder Nachdenken über schwule Sexualität unterbunden oder erschwert wird oder die Orte, an denen Sexualität abgebildet wird, geschlossen werden.

Verschwindet schwule Sexualität aus der Öffentlichkeit?
Sie ist viel weniger sichtbar als zu der Zeit, zu der ich gestrippt habe. Da waren die schmutzigen kleinen Randbezirke, in denen das stattfand, ein Fixpunkt in der schwulen Szene, der natürlich auch politisch besetzt war und wurde, ein körperlicher, aber natürlicher auch ein geistiger Spielraum, in dem man experimentieren und Dinge ausprobieren konnte.

Haben schwule Männer also inzwischen Angst vor ihrer eigenen Sexualität und verstecken sie?
Ich kann nicht für alle sprechen, aber die Anzahl der Orte, an denen Sexualität noch öffentlich passiert, hat sich sehr verkleinert. Was auch mit HIV zu tun hat und paradox ist, weil mir die Clubs erst beigebracht haben, dass schwule Sexualität auch etwas ist, was man feiern kann, statt sich ständig nur davor zu fürchten. Ich glaube, so geht es vielen in meiner Generation.

Wenn du heute in Stripclubs gehst, erzählst du den Tänzern, dass du das früher auch gemacht hast?
Nicht von mir aus. Ich bin ja nach wie vor auch da, um mir schöne nackte Jungs anzugucken, und will das in Ruhe tun können. Aber oft erkennt mich auch irgendwer und kommt dann zu mir rüber und sagt, “Bist du nicht der Typ, der dieses Buch geschrieben hat?” Was merkwürdig ist, weil dadurch die garantierte Anonymität, die ein Besuch in den Clubs für mich auch bedeutet hat, verlorengegangen ist. Aber es ist viel lustiger, mit Menschen über schwule Geschichte zu sprechen, während über dir jemand seine Kleider abwirft. (lacht)

Die Fotos auf dieser und den nächsten Seiten sind alle von dir. Warum fotografierst du Stripper? Kannst du dich immer noch nicht vom Thema lösen?
Ich will gar nicht. Ich möchte das dokumentieren, die Lebensfreude abbilden, die man hier auf der Bühne und vor der Bühne erleben kann, die Clubs als Ort von Freiheit und Sexualität darstellen und so für die Nachwelt festhalten. Ich bin auf der Suche nach einer bestimmten Energie, die ich ursprünglich schwul und ganz und gar einzigartig finde und die auf den Fotos hoffentlich rüberkommt. Es geht mir darum, mein und damit vielleicht auch unser Begehren für die Nachwelt festzuhalten.

Nackte Tatsachen, Bruno Gmünder, 240 Seiten, 16,95 Euro

Mehr zu Craig und seine Fotos: http://www.craigseymourphotography.com/

So geht Zivilcourage

David Berger (Foto: PR)

David Berger (Foto: PR)

Kreuz.net nennt sich katholisch, verbreitet aber Texte mit menschenfeindlichen Tendenzen, vor allem gegen homoperverse „Kotstecher“. Wegen der entwürdigenden Äußerungen zum Tod von Dirk Bach wurde  ein „Kopfgeld“ ausgesetzt, um die Macher der Site zu fassen. Theologe David Berger koordiniert die Kampagne auch nachdem kreuz.net abgeschaltet wurde. Und bekommt jede Menge E-Mails mit Vorschlägen, wie er vorgehen soll

TEXT: David Berger

Irgendwie hatte kreuz.net für mich sozusagen schon zur Familie gehört, als mich Anfang Oktober Bruno Gmünder und Tino Henn anriefen und die inzwischen weithin bekannte Sache mit dem „Kopfgeld“ ansprachen. Auf kreuz.net hatte man nicht nur mein ganzes öffentliches Leben ab 2007 kommentiert, sondern auch noch im November 2011 mein damaliges Gayromeo-Profil entdeckt und mit homophob-homophilen Genussgefühlen breitgetreten. Auch der umfangreiche schwule Wortschatz, der sonst seine schönsten Blüten in den bekannten Datingportalen entwickelt, wurde von kreuz.net unverhofft bereichert: „Urinduscher“, „Kotstecher“, „Gummi-Kastrierung menschlicher Geschlechtsorgane“ (für die Nichtfachleute: gemeint sind Kondome) und viele andere Kraftausdrücke lösten nun an jeder Kaffeetafel  aufgeräumte Heiterkeit aus.
Zugleich musste ich aber auch über die Jahre erfahren, dass nicht alle solch unfreiwillige Satire goutieren konnten. Da war etwa jener Priester, der nach seinem unfreiwilligen Outing durch kreuz.net aus Amt und Würden entlassen wurde und nun als Hartz-IV-Empfänger bei seinen Eltern lebt. Ich lernte einen bislang bei seiner Familie ungeouteten schwulen Mann kennen, dessen derbe Bloßstellung auf dem Katholibanportal ein schweres psychisches Trauma in ihm ausgelöst hatte, von dem er sich bislang nicht erholt hat. Auch meine Gelassenheit wurde brüchig, als dort meine Privatadresse zusammen mit eindeutigen Gewaltaufrufen publiziert worden war. Die Sache der posthumen Verhöhnung von Dirk Bach war dann eigentlich nur noch der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.
Die Idee der Kampagne „Stoppt Kreuz.net“ wurde geboren und  verbreitete sich in Windeseile.  Schnell war klar: So gut wie jetzt waren die Chancen noch nie, die Macher der homophoben Hassseite zur Rechenschaft zu ziehen und deren kriminellem Spiel ein Ende zu bereiten. Keine wichtige deutschsprachige Zeitung, die nicht – in nahezu allen Fällen mit großer Sympathie – über die Aktion berichtet hätte.
Was dort aber naturgemäß kaum zur Sprache kam, sind die ganz vielen Nachrichten, Telefonanrufe, Facebook-Kommentare usw., die sich mit unserer Aktion solidarisch erklärten, spenden wollten und auch immer wieder Hinweise auf Hintermänner und Umfeld der Hassseite lieferten. Nur ein Beispiel von vielen ist eine Mail, die uns aus der Schweiz erreichte: „Ganz einsame Spitze Eure Idee, endlich zu handeln! Distanzieren oder Wegschauen reicht nicht aus. Diese homophoben Dumpfbeutel müssen entlarvt werden.“ Die Facebook-Unterstützergruppe ist in der Folge bis auf 2.300 Unterstützer angewachsen, der Spendenstand liegt derzeit bei knapp 24.000 Euro.
Auf kreuz.net selbst stellte sich nach dem Bekanntwerden der Kampagne eine Schreckstarre ein. Während man sonst nur wenige Stunden benötigte, um selbst über das Verkehrsdelikt eines schwulen Stadtrats aus Niederbayern im Stil der Siegermeldungen des Nazi-Propagandaministeriums zu berichten, nun das große Schweigen über „Stoppt Kreuz.net“.  Erst am 2. November ließ man seine Leser wissen, dass der „Homoporn-Dreckverlag Bruno Gmünder“ derzeit den Aufbau einer „neuen Gaystapo“ finanziere, um gegen kreuz.net mit Hilfe der „SS des Magazins Spiegel“ zu kämpfen.  Damit war der Startschuss für die von der katholischen Kirche schon im Missbrauchsskandal angewendete Methode der Umkehrung des Opfer-Täter-Verhältnisses gegeben. In der weiten ultrakatholischen Zeitschriften- und Bloggerlandschaft waren jetzt auf einmal diejenigen die Bösen, die sich gegen kreuz.net engagiert zeigten. Man wolle von „Stoppt Kreuz.net“ aus nur Schmutz auf die Kirche und den Papst werfen, klagte man. Ganz abstrus wurde es, wo aus dem katholischen Lager die Unterstellung kam, der Kampf gegen kreuz.net werde von Pädophilen geführt, verantwortlich „für die Vergewaltigung von tausenden kleiner Jungen und den Missbrauch einer wahrscheinlich noch größeren Zahl von Jugendlichen verantwortlich“ (Blog „Thermometer“).  In diesem Zusammenhang schrieb uns ein junger, sich selbst als gläubig bezeichnender Mann: „Die Behauptung der katholischen Kirche, kreuz.net habe mit den Katholiken nichts zu tun, hat spätestens jetzt jede Glaubwürdigkeit verloren!“
Aber es kamen auch Nachrichten mit ernst zu nehmenden Bedenken gegen die Aktion. So wurde immer wieder der Begriff „Kopfgeld“ kritisiert und unterstellt, durch die Aktion habe man kreuz.net erst einen großen Bekanntheitsgrad verschafft. Beides Aspekte, die auch uns im Vorfeld schon beschäftigt hatten. Als dann freilich nach der perfiden Verhöhnung Dirk Bachs die Klickzahlen des Portals zeitweise in Millionenhöhe schnellten, äußerte sich Tino Henn ganz klar: „Wir haben lange bei kreuz.nets Homophobie zugesehen. Aber jetzt hat das Treiben dieser Katholiban eine Dimension und so viel öffentliche Aufmerksamkeit erreicht, dass jedes stillschweigende Zusehen zu einer Art Mittäterschaft werden würde.“  Aufmerksamkeit war aber auch das, was die Kampagne brauchte, um möglichst viele Informationen zu den Hintermännern von kreuz.net zu bekommen. Daher die Wahl des provozierenden Begriffs „Kopfgeld“, die schließlich auch aufging. Um jeden Verdacht illegaler Hatz und der Selbstjustiz auszuräumen, haben wir von Anfang an zusammen mit unserer Rechtsanwältin Sissy Kraus sehr eng mit der Staatsanwaltschaft zusammengearbeitet.
Merkbar stark erregt äußerte sich ein weiterer Mailschreiber: „Was unterscheidet euch (von) gegen die Freiheit gerichteten Dummköpfe von Allahu Akbas und Vatikanos, die auch das freie Wort canceln wollen?! 15.000 Euro in einen schönen Gayporno à la Papst fickt Mohammed wäre die freie Antwort gewesen!“ Geht es bei dem Kampf gegen kreuz.net noch um Meinungsfreiheit? Wollen wir wirklich einfach achselzuckend zuschauen bei offen zelebriertem Schwulenhass und Antisemitismus, bei konkreten Aufrufen zur Gewalt gegen Menschen? Kann es sich eine offene Gesellschaft im Namen der Freiheit und Toleranz leisten, die Feinde dieser Freiheit frei gewähren zu lassen? Wie lange wird es dann dauern, bis wir auch bei uns den ersten David Kato zu betrauern haben? Der damals im Vorfeld unter dem Vorwand der Religions- und Meinungsfreiheit verbreitete Ruf: „Hang them: They are after our kids“ gehört schon seit langem zum Grundrepertoire von kreuz.net! Die Worte von heute sind die Taten von morgen!
Dass die Kampagne erfolgreich alle Hintermänner von kreuz.net entlarven kann, diese sich verantworten müssen und dass die Seite stillgelegt wird, bleibt natürlich unser Hauptziel. Aber auf einen ganz anderen, vielleicht noch wichtigeren Aspekt hat mich der Brief eines guten Freundes aus Österreich aufmerksam gemacht: „Gerade ist kreuz.net dabei, die Stelle einer virtuellen Anita Bryant einzunehmen. Deren Homophobie hat damals zu einem unglaublich erfolgreichen Schulterschluss der Schwulen und Lesben in den USA geführt.“ Ohne sentimental zu werden, tatsächlich war es für mich faszinierend zu sehen, mit welcher Ge- und Entschlossenheit die LGBT-Community in den letzten Wochen gegen kreuz.net angetreten ist. Beeindruckend, wie die Kampagne von zahlreichen Menschen aus allen politischen Richtungen, von Heteros, Atheisten, Christen, ja selbst liberalen Katholiken unterstützt wurde. Wie Anita Bryant, so wird auch kreuz.net in wenigen Jahren vergessen sein. Wenn diese Kampagne aber wirklich der Probelauf und Startpunkt eines neuen Zusammengehörigkeitsgefühls und entschlossener Kampfbereitschaft für unsere Rechte wird, dann können wir allen uns in Zukunft begegnenden Homophobien angstfrei und mutig entgegensehen.

Keine Todesstrafe für Schwule und Lesben in Uganda?

Das Parlament von Uganda (Foto Wikicommons)

Das Parlament von Uganda (Foto Wikicommons)

Ein Parlamentsmitglied hat gravierende Änderungen des “Kill the Gays”-Gesetzes verkündet

Medard Segona, ein Abgeordneter des Parlaments von Uganda, hat Reportern der BBC gegenüber gesagt, dass die Todesstrafe aus dem sogenannten „Kill the gays“-Gesetzt, das das ugandische Parlament wahrscheinlich noch vor Weihnachten verabschieden wird, gestrichen worden ist.
Parlamentssprecherin Rebecca Kadaga hatte letzte Woche angekündigt, die Verabschiedung des Gesetzes sei ein „Weihnachtsgeschenk der Politik an das ugandische Volk und die Unterstützer des Gesetzes.“.
Das Gesetz verschärft auch in seiner neuen Form die Strafen für Homosexualität in dem afrikanischen Land drastisch. Für homosexuelle Akte können bis zu lebenslängliche Haftstrafen verhängt werden. (pasch)

„Romney ist unser Feind“

Mitt Romney und Präsident Obama (Foto Wiki Commons)

Mitt Romney und Präsident Obama (Foto Wiki Commons)

Amerika steht am Scheideweg, politisch gesprochen. Denn die Präsidentenwahl am morgigen Dienstag entscheidet auch über die Zukunft der LGBT-Community und ihrer Rechte. Joe Jervis, der vielleicht wichtigste schwule Blogger der USA, dessen Blog JoeMyGod.com jeden Tag Zehntausende anklicken, analysiert für Männer die Lage

TEXT: Joe Jervis

Während sich der scheinbar endlose amerikanische Präsidentschaftswahlkampf seinem Höhepunkt nähert, betrachten besonders schwule und lesbische Wähler/innen mit Sorge, was Mitt Romney macht. Sie tun das, weil Romney sich so sehr von antischwulen Gruppen abhängig gemacht hat, dass er ihnen schriftlich zugesichert hat, nach seiner Wahl LGBT-Diskriminierung in die heilige amerikanische Verfassung schreiben zu wollen. Aber auch das Verhältnis zwischen Schwulen und Präsident Obama hat seine Stolpersteine, obwohl der Präsident vor einigen Monaten seine Unterstützung für etwas zugesichert hat, was – fälschlicherweise, wie ich finde – zum Heiligen Gral unter den Rechten für Schwule und Lesben geworden ist: die Öffnung der Ehe. Während viele glauben, er wollte sich mit diesem Manöver nur in letzter Minute die Stimmen der LGBT-Community sichern, hat es nichtsdestotrotz dazu geführt, dass die schwächelnde Unterstützung für Obama in dieser Wählergruppe wieder größer geworden ist: 80 Prozent aller LGBT-Wähler wollen nun für Obama stimmen. Auch wenn das Bekenntnis zur Öffnung der Ehe spät und zögerlich kam: Jetzt steht sie im demokratischen Parteiprogramm, und die Liste der positiven Errungenschaften für LGBT unter der Regierung von Präsident Obama ist lang. Hier einige der größten Siege für die amerikanische Community in den letzten vier Jahren: Schwule und Lesben können jetzt offen in den Streitkräften dienen. Das Justizministerium wehrt sich nicht mehr gegen Versuche, das Verbot der Homoehe auf juristischem Wege zu beseitigen. HIV-Positive können nach 25 Jahren wieder ohne Einschränkungen in die USA einreisen. Ausländische Lebenspartner von Schwulen und Lesben sind nicht mehr von Abschiebung bedroht. Und – für Beobachter außerhalb der USA vielleicht am wichtigsten – das Außenministerium bekämpft unter Hillary Clinton mit Nachdruck die Unterdrückung und Verfolgung von LGBT in anderen Ländern auf der ganzen Welt. Viele dieser Errungenschaften würden sich in Luft auflösen, sollte Romney Präsident werden. Während sich Romney auf dem Nominierungsparteitag der Republikaner offiziell als ihr Kandidat bestätigen ließ, arbeiteten viele in seiner Partei hinter den Kulissen angestrengt daran, Dutzende politische Vorhaben ins Wahlprogramm schreiben zu lassen, die sich direkt gegen Schwule und Lesben richten. Angeführt von The Family Research Council, Amerikas berüchtigster christlicher „Hategroup“, die auf dem Nominierungsparteitag großen Raum einnahm, wurde Folgendes ins Wahlprogramm aufgenommen: Sollte Romney Präsident werden, wird es Unternehmen gestattet werden, Schwulen und Lesben ihre Dienstleistungen auf der Grundlage sogenannter „Religionsfreiheit“ zu verweigern. Unter Präsident Romney würde die Republikanische Partei erneut den Versuch unternehmen, die Homoehe auf Bundesebene zu verbieten. Jeder Versuch, mehr Gesetze zum Schutz von LGBT zu schaffen, würde so gut wie unmöglich gemacht. Noch bedrohlicher für schwule und lesbische Amerikaner: Romney würde ohne jeden Zweifel versuchen, die schon bestehenden Gesetze abzuschaffen. Und eine Regierung Romney würde sich ganz sicher nicht mit anderen Ländern anlegen, wenn die versuchen, Gesetze einzuführen, die das Leben ihrer LGBT-Bevölkerung kriminalisieren. Abgesehen von den Rechten von LGBT ist das amerikanische Verfassungsgericht das Sorgenkind von vielen, im Fall einer drohenden Romney- Präsidentschaft. Einige der amtierenden Richter und Richterinnen sind schon älter und gesundheitlich angeschlagen. Die Richter am Verfassungsgericht werden direkt vom Präsidenten berufen. Viele rechnen damit, dass Romney hier politische Gefolgsleute installieren würde, die gegen das seit Jahrzehnten gültige Recht auf Abtreibung stimmen und auch andere, wichtige Bürgerrechte deutlich einschränken würden. Da die Verfassungsrichter auf Lebenszeit berufen werden, würden sie Jahrzehnte im Amt bleiben, und das Echo ihrer Entscheidungen wäre entsprechend lange zu spüren. Die Richter, die Romney berufen würde, würden ganz sicher dafür sorgen, dass Amerika noch schneller zu einem christlich-fundamentalistischen Staat wird – ein Prozess, der begann, als 2010 hunderte Kandidaten der Tea Party in den Kongress gespült wurden. Im Moment sagen Umfragen einen Gleichstand beider Kandidaten voraus, auch wenn es für den Amtsinhaber ein kleines bisschen besser aussieht.
Sollte Präsident Obama wiedergewählt werden, werden ihn LGBTAktivisten mit neuen Forderungen konfrontieren. Die vielleicht wichtigste: die Verabschiedung des „Employment-Non-Discrimination-Act“, kurz ENDA genannt, ein Gesetz, das es Unternehmen verbieten würde, Arbeitnehmer auf Grund ihrer sexuellen Orientierung zu entlassen. Genau das ist in vielen Bundesstaaten noch immer völlig legal. Aber selbst mit Obamas Unterstützung wird ENDA wohl ein ferner Traum bleiben, solange die Republikaner das Parlament so dominieren, wie sie das im Moment tun, woran sich auch im November voraussichtlich nichts ändern wird. Homofeindliche christliche Gruppierungen haben großen Einfluss auf die Regierungsorgane auf Landes- und Bundesebene in den USA. Daran würde sich auch während Präsident Obamas zweiter Amtszeit wenig ändern. Das Beste, worauf viele von uns hoffen können, ist die Fortsetzung des langen, mühsamen Kampfes um dieselben Rechte, die unsere Brüder und Schwestern in (noch viel zu wenigen) anderen Ländern längst haben. Aber sollte Romney Präsident werden, könnte viel von dem historischen Fortschritt, den wir unter Präsident Obama erreicht haben, wieder rückgängig gemacht werden. Diese Aussichten lassen es fast unwichtig erscheinen, dass wir von Obama in vielen anderen Bereichen enttäuscht sind. Zum Beispiel die nicht enden wollende militärische Präsenz in Afghanistan, die Dronen-Angriffe auf die Zivilbevölkerung anderer Länder oder die ungestraften Verbrechen der Wall Street, um nur einige zu nennen. Und auch wenn „Obamacare“ ein großer Schritt in die richtige Richtung ist, verlangen Schwule und Lesben in Amerika weiterhin, dass ein Gesundheitssystem geschaffen wird, in dem nicht Millionen darunter leiden müssen, dass sie nicht ausreichend medizinisch versorgt werden. Einige Leser der Männer werden wissen, dass mehr Amerikaner von deutschen Immigranten abstammen, als von irgendeiner anderen der über hundert Volksgruppen, die sich in den letzten 400 Jahren hier niedergelassen haben. Über 45 Millionen Amerikaner haben deutsche Vorfahren, so auch ich.  Viele haben wahrscheinlich Familie hier, so wie ich Familie in Deutschland habe. Deswegen habt ihr ein Interesse an Amerika und den Amerikanern, egal wie sehr wir uns manchmal als „Führer der freien Welt“ gebärden. Mehr noch: Ihr habt ein Interesse am Zustand der LGBT-Community in den USA und der ganzen Welt. Der könnte durch eine Romney-Präsidentschaft unsagbar verschlechtert werden. Eine zweite Amtszeit für Präsident Obama ist nicht das Ende unseres Kampfes, aber im Moment das Beste, worauf wir hoffen können.

Sizilianer wählen schwulen Gouverneur

Rosario Crocetta (Foto Wikipedia Deeep Project)

Rosario Crocetta (Foto Wikipedia Deeep Project)

Rosario Crocetta hat die Wahl am letzten Sonntag für sich entschieden

Crocetta ist Italiens zweiter offen schwuler Gouverneur. Und der erste in der Geschichte von Sizilien. Er entschied die Wahl am 28. Oktober mit über 30 Prozent der Stimmen klar für sich. Dabei siegte er über die rechtsgerichtete Freiheitspartei (Popolo delle Libertá), die Sizilien seit mehr als 10 Jahren regiert hatte. Allerdings wird Crocetta nicht viel für LGBT-Rechte in dem streng katholisch geprägten Landesteil tun können. Er ist in eine Koalition mit den italienischen Christdemokraten eingebunden, die kirchennah und nicht an Fortschritten bei diesem Thema interessiert sind. Und auch er selbst, sieht das wohl nicht als wichtiges Anliegen seiner Politik. Im Wahlkampf hatte Crocetta gesagt: „Im Falle eines Sieges, verabschiede ich mich von Sex und dem Thema Sexualität und bin nur noch mit Sizilien und den Sizilianern verheiratet.“ Morddrohungen der Mafia hatte Crocetta trotzdem erhalten. (pasch)





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