Frei gesprochen
Max Riemelt und Hanno Koffler spielen in „Freier Fall“ zwei Polizisten, die sich in der deutschen Provinz ineinander verlieben. MÄNNER traf die beiden in der deutschen Hauptstadt zu einem Gespräch über schwule Identität und Sexszenen unter Freunden
Text und Interview: Paul Schulz
Fotos: Bernhard Musil
Grooming: Anna Neugebauer – Bigoudi
Hanno Koffler und Max Riemelt sind ein schönes Paar. Im Kino jedenfalls. Im wahren Leben sitzen die beiden Schauspieler an einem für alle Beteiligten unangenehm frühen Donnerstag Morgen leicht abgepudert nebeneinander auf der Couch des Fotografen Bernhard Musil, der sie wenig später für das Cover der MÄNNER ablichten wird und gucken sehr zufrieden.
Dazu haben sie allen Grund. „Freier Fall“, der Streifen wegen dem wir alle hier sind, ist der vielleicht beste Film mit schwulen Figuren, den es seit „Sommersturm“, immerhin neun Jahre alt, im deutschen Kino zu sehen gibt. Und trägt seinen beiden Stars, seit er im Februar auf der Berlinale die „Perspektive Deutsches Kino“ eröffnet hat, viel Ruhm und Ehre ein.
Damit war nicht unbedingt zu rechnen. „Freier Fall“ ist der erste Spielfilm von Regisseur Stephan Lacant und das erste Drehbuch von Autor Karsten Dahlem, hatte ein eher übersichtliches Budget und erzählt die Geschichte zweier Polizisten die sich in einer kleinen, nicht näher bezeichneten Stadt irgendwo in Deutschland ineinander verlieben. Ganz ohne Kitsch und ohne die Story sexuell fürs heterosexuelle Publikum zu entschärfen oder inhaltlich zu vereinfachen.
Sie geht so: Marc (Hanno Koffler), Anfang 30 erwartet mit seiner Freundin Bettina (Katharina Schüttler) ein Kind und ist gerade in einen Flachbau mit kleinem Garten gezogen, direkt neben dem Haus seiner Eltern. Als er auf einer Fortbildung den jüngeren Kollegen Kay (Max Riemelt) kennenlernt. Der kifft, fährt einen Jeep und will „Das System von innen unterwandern“. Bei einem gemeinsamen Lauftraining kommt es zu einem ersten, versehentlichen Kuss, den Marc „Was soll die Scheiße?“ findet und Kay als „nur ein Spaß“ abtut. Mehr war erst mal nicht. Marc fährt nach Hause, schläft mit seiner Freundin und denkt ab und zu an Kay.
In der zweiten Runde der Fortbildung treffen die beiden Männer wieder aufeinander und dieses Mal passiert tief im Wald mehr als nur ein Kuss, wovor Marc sprichwörtlich Reißaus nimmt.
Das könnte es gewesen sein, würde sich Kay nicht wenig später in Marcs Einheit versetzen lassen und einfach nur abwarten, bis Marc endlich soweit ist. Dann beginnt etwas, dass das Leben aller Menschen die es betrifft verändert, zum Guten oder Schlechten, am Ende des Films ist niemand mehr, wer er am Anfang war. Es gibt ein Happy End, aber kein Konventionelles. Trotzdem ist man als schwuler Kinozuschauer nach 100 Minuten sehr glücklich.
Denn „Freier Fall“ ist ein kleines Wunder: ein deutscher Film, in dem zwei hervorragende Schauspieler ein ganz und gar glaubwürdiges männliches Liebespaar abbilden, inklusive völlig unverschämter, beängstigend intimer Sexszenen, die es so noch nie zu sehen gab und die Koffler und Riemelt nicht nur bei Kerlen die auf Kerle stehen endgültig zu Sexsymbolen machen werden.
Der Film ist bis auf die kleinsten Nebenrollen wunderbar gespielt und glänzt mit hübschen Einfällen, wie dem, die offen lesbische Maren Kroymann als Marcs homophobe Mutter zu besetzen. Das Drehbuch verschwendet nicht ein einziges Wort, sondern vertraut ganz zu Recht auf Darsteller und Regisseur Lacant. Der empfiehlt sich mit „Freier Fall“ für sehr viel Größeres. Subtil, gekonnt aber nicht gekünstelt, baut er um seine Darsteller eine kleine, aber komplett realistische Welt, in der hinter den Türen deutscher Provinzbehausungen Homophobie und Spießigkeit genauso lauern wie Verständnis und die Sehnsucht danach ein größerer Mensch zu sein, als man ist. „Wir haben nur ein echtes Arschloch im Film, den homophoben Kollegen. Und der war nötig, um zu zeigen, dass es die gibt.“, erklärt Koffler. Der Rest sind 50 Graustufen Liebe, zwischen denen Marc und Kay sich finden müssen, ohne zu wissen wie.
Eröffnungsfrage, Jungs, habt ihr euch lieb?
(beide lachen)
Koffler: Haben wir uns was?
Riemelt: Ob wir uns lieb haben.
Koffler: Schon, ja.
Riemelt: Das kann man so sagen.
Und ihr kennt euch seit zehn Jahren, richtig?
Riemelt: Ja, da haben wir „Hallesche Kometen“ zusammen gedreht.
Aber befreundet seit ihr noch nicht so lange, oder?
Riemelt: Nein, so richtig Freunde sind wir erst, seit wir vor zwei Jahren zusammen in Marokko „Auslandseinsatz“ gedreht haben, einen Film über junge Soldaten. Das war hart, nicht nur körperlich, aber die Atmosphäre am Set war auch ein bisschen wie im Ferienlager und es hat echt Spaß gemacht, mit Hanno Zeit zu verbringen. Beim Drehen, aber auch einfach so, wenn man zusammen Freizeit hatte und Marrakesch kennengelernt hat. Und da finden sich dann halt Freunde fürs Leben.
Koffler: Aber wir kannten uns vorher, hatten Respekt vor der Arbeit des anderen und konnten uns gut leiden.
War es für die Dreharbeiten zu „Freier Fall“ gut oder schlecht, dass ihr befreundet seit?
Koffler: Im Nachhinein hätte es fast eine Bedingung sein müssen, weil es für mich nicht mehr vorstellbar ist, das mit irgendjemand anderem zu spielen. Das war schon ideal.
Riemelt: Für mich gäb’s da auch keine Alternative zu Hanno. Natürlich könnte man das auch mit einem anderen Kollegen spielen, rein technisch, aber um Verliebtheit glaubhaft rüber zu bringen, bedarf es schon einer gewissen Form von Vertrautheit, die man nicht so von jetzt auf gleich herstellen kann.
Findet ihr euch schön?
Koffler: Naja, Max ist ein sehr gut aussehender Kollege, ein schöner Mann.
Riemelt: Und Hanno hat keinen Mundgeruch.
Ist das die Vorraussetzung für glaubhafte schwule Liebesszenen: keinen Mundgeruch haben?
Riemelt: Man muss da ganz praktisch denken. (grinst)
Hanno, hattest du nach „Sommersturm“, wo du einen sehr selbstbewussten Schwulen gespielt hast, Angst, wieder eine schwule Rolle anzunehmen, weil du vielleicht nicht festgelegt werden wolltest?
Koffler: Ach Quatsch. Erstmal ist „Sommersturm“ inzwischen wirklich eine Weile her und zweitens guck ich mir schon zuerst an, wie interessant der Stoff und die Rolle sind, wie gut das Buch ist und wie weit ich mich da einbringen kann. Und bei „Freier Fall“ fand ich die Geschichte einfach toll. Da ist jemand, der sich in Frage stellt, komplett, sich neu erfährt, auch mit neuer, erst erwachender Sexualität, erste Erfahrungen in der Richtung macht, und sich daraufhin Fragen nach der eigenen Identität stellt. Mit welchen Körperteilen er dabei konkret zu tun hat, war mir dabei aber egal. Ich fand das Buch großartig, die Geschichte toll, die Dreieckskonstellation die da entsteht unheimlich spannend, habe mir aber keinerlei Sorgen gemacht, weil das jetzt vielleicht schon wieder eine schwule Geschichte ist. Darum geht es nicht.
Max, du hast während der Dreharbeiten in einem anderen Interview gesagt, ich zitiere: „Ich spiele gerade einen schwulen Bullen, so richtig mit ficken, total toll.“ War’s toll?
Riemelt: Sowas sagt man natürlich auch, um zu provozieren. Aber es war schon auch toll, ja. Ich wollte schon länger einen Schwulen spielen.
Warum?
Riemelt: Nicht, „um mal einen Schwulen zu spielen“. Sondern um in so eine Figur einzusteigen und das glaubhaft rüberzubringen, aus mir heraus. Auch um meine Palette zu erweitern und weil es darum geht, als Schauspieler in jeder Figur zuhause sein zu können, das ist klar. Man will ja nicht auf den Frauenhelden festgelegt werden. Aber ich habe auch nicht auf Biegen und Brechen nach einer schwulen Rolle gesucht, sondern das hat schon länger gedauert, bis da was gepasst hat. Weil, ich wollte keine Figur spielen, die ein tuckiges Klischee ist und dem Publikum alle fünf Minuten durch irgendeine bescheuerte Aktion, beweisen muss, dass sie schwul ist. Ich wollte eine Figur, die diese Sexualität hat, aber in der ich mich trotzdem wiederfinden kann. Und als ich das Drehbuch zu „Freier Fall“ zum ersten Mal gelesen habe, habe ich mich an vielen Stellen in Kay wiedererkannt.
Wo denn genau?
Riemelt: In der Frotzelei mit Marc, den er halt aufzieht, weil er ihn mag. In Kays Art, die relativ ruhig und gelassen scheint, wo es aber innerlich abgeht. Da ist viel von mir drin.
Die Sexszenen im Film sind sehr gelungen und total glaubwürdig, was ganz selten ist in Filmen mit schwulen Figuren. Wie kommt das?
Koffler: Wir haben da viel ausprobiert, obwohl wir ja von Kamera- und Licht, wegen der fast Dogma-artigen Bedingungen, nicht ganz soviel Freiheit hatten. Es sollte alles ganz natürlich sein.
Riemelt: Aber letztendlich entsteht ein Film auch am Schneidetisch und da war es hier glaube ich sehr wichtig, dass den Film mit Monika Schindler jemand geschnitten hat, der es so macht, das es für beide Geschlechter funktioniert, weil es eben nicht schwul oder hetero ist, sondern einfach schön und intim.
Findet ihr diesen Szenen selber erotisch, wenn ihr sie anguckt?
Riemelt: Ich finde sie sehr ästhetisch und auf dieser Ebene echt schön, aber nicht erotisch. Ich stehe nicht auf die Körper anderer Jungs, weil ich nun mal hetero bin, kann aber trotzdem ganz gut erkennen, ob die Interaktion zwischen den männlichen Körpern da vor mir funktioniert. Und das tut sie.
War es merkwürdig das zu spielen, gerade weil ihr gut befreundet seid?
Koffler: Im Gegenteil. Es war auch hier sehr wichtig, dass wir uns gut kennen. Weil du dich so viel besser fallenlassen kannst, während du spielst, weil du dich einfach sehr sicher fühlst. Nicht nur bei den Liebesszenen ist es so, dass wir beide beim Arbeiten nicht gerne Kompromisse eingehen. Und da war es gut, dass wir uns vertrauen konnten, aber auch unserem Regisseur Stephan Lacant.
Max, hat es dich eigentlich gestört, dass deine Figur, diejenige ist, die beim Sex immer der Passive ist?
Riemelt: Das sehe ich gar nicht so. Ich habe das mit dem Regisseur besprochen und wir sind dabei rausgekommen, dass ich da schon etwas zulasse, aber gleichzeitig auch die Kontrolle habe, weil ich ja der Erfahrene von den beiden bin. Für Marc ist das ja alles neu, es ist ja nicht so das der da einfach drauflos … Kay führt den ja auch ein in das was die beiden zusammen machen … er sagt wo es langgeht, weil er ist ja …
Das Wort nachdem du suchst heißt „Powerbottom“?
Koffler: Ich wusste immer, dass du sowas bist. Wie war das Wort?
Riemelt: Powerbutton.
Bottom.
Riemelt (lacht): Powerbottom. Wieder was gelernt. Das kannte ich noch nicht.
Würde ich falsch liegen, wenn ich sagen würde, dass Kay derjenige ist, der Marc zuerst will, aber Marc derjenige ist, der sich zuerst in Kay verliebt?
Riemelt: Wenn du das so sehen willst, klar kann das so sein.
Wie habt ihr diese emotionale Kurve denn gespielt?
Riemelt: Du weißt doch hinterher sowieso nicht, was am Schneidetisch entschieden wird, da kannst du dir schönsten Gedanken machen, im Schnitt wird neu gewürfelt und du bist raus.
Koffler (lacht): Da möchte ich dem Kollegen Riemelt widersprechen. Man legt Rollen schon irgendwie an.
Riemelt: Ja, klar. Trotzdem ist es so, dass im Schnitt entschieden wird, welche Blicke stehengelassen werden und welche nicht und das ist dann schon manchmal entscheidend dafür, wie Charaktere so wirken und welcher Fokus in einer bestimmten Szene plötzlich ganz woanders liegt, als du dachtest.
Koffler: Das stimmt.
Verführt Kay Marc eigentlich?
Riemelt: Klar, tut er. Aber nicht wirklich bewusst oder platt. Das ist einfach ein Programm was abläuft, gepaart mit ganz echtem Interesse an dem Menschen und einer wahnsinnigen sexuellen Anziehung. Liebe kommt später, aber der Übergang ist fließend..
Koffler: Sexualität und Liebe kann man sowieso nicht teilen.
Da würden dir jetzt viele schwule Männer widersprechen.
Koffler: Ich glaube nicht, dass sich das trennen lässt.
Schlaft ihr also nur mit Frauen, die ihr liebt?
Koffler: Na, in dem Moment schon.
Riemelt: Aha. (lacht).
Koffler: Es gibt ja viele Spielarten und Varianten, sowohl von Liebe wie von Sexualität. Ich würde das aber trotzdem nicht trennen wollen.
Ob man das trennen will, ist eine andere Frage.
Koffler: Aber ich glaube wirklich nicht, dass sich das trennen lässt.
Riemelt: Ich finde es wichtig, dass da ein Geheimnis bleibt. Ich kann das nicht so runterrationalisieren, es enträtseln. Für mich spielen da ganz viele Faktoren eine Rolle, die ich so gar nicht entwirren möchte, weil dabei vielleicht etwas verloren geht..
Warum hat die Geschichte in „Freier Fall“ kein Happy End?
Koffler: Hat sie das nicht?
Riemelt: Ist doch Ansichtssache, ich finde es gut, dass die Frage nicht eindeutig beantwortet. Das macht den Film doch erst so spannend.
Koffler: So ist es doch einfach im Leben: Die großen Krisen tun weh, aber in denen liegt auch die entscheidende Persönlichkeitsentwicklung verborgen. Willkommen und Abschied. So ist das im Film auch. Marc muss sich von ein paar Sachen, Vorstellungen, Gewohnheiten verabschieden, muss Dinge hinterfragen, aber dadurch erweitert er seinen ja eigentlich extrem beschränkten Horizont doch enorm. Der sagt nach der Geschichte mit Kay nicht mehr so einfach: „Du gehörst in die Schublade und du in die.“
Ich habe mich während des gesamten Films gefragt, ob die Figur eigentlich schwul ist.
Koffler: Ist das so wichtig? Ich mag es gerade, dass das nicht eindeutig ist.
Riemelt: Das ist ja der Ansatz des Films. Kann oder will man das immer so eindeutig sagen, gibt es da nicht hundert Graustufen, ist es eigentlich nicht viel differenzierter? Sind Gefühle und Sexualität nicht viel komplexer als: „Du hast jetzt mit dem und dem geschlafen, also ist das deine Neigung, also bist du jetzt das und das.“ Diese eindeutigen Schlüsse und Bezeichnungen sind etwas, mit dem ich Probleme habe.
Koffler: Ich finde es gut, dass der Film das mal aufweicht und es anders behandelt.
Ist es auch deswegen wichtig, dass erst weit in der zweiten Stunde des Films Marc überhaupt mal jemand, die Frage stellt, ob er schwul ist?
Koffler: Die Frage ist wichtig, wegen der daraus erwachsenden Konsequenz. Das Publikum stellt sich hoffentlich die Frage: Was wäre wenn er es wäre? Was würde das für sein Leben, seine Beziehung, sein Vatersein bedeuten? Geht nur das eine? Kann alles andere dann nicht mehr stattfinden? Wenn es ein paar dieser Fragen mit aus dem Kino nimmt und sich selber neu beantwortet, ist das doch schon mal was.
MÄNNER präsentiert:
„Freier Fall“ in der gayFilmnacht
vom 6.Mai an bundesweit.
Alle Spielstätten und Termine unter:
www.gay-filmnacht.de
Kinostart: 23. Mai
www.freierfall-film.de
Alle Kinos und Termine gibt’s hier:
http://www.salzgeber.de/delicatessen/termine_freierfall.html
Nackte Jungs Angucken
Der Journalist Craig Seymour hat jahrelang als Stripper gearbeitet. Jetzt erscheint seine Autobiografie “Nackte Tatsachen”. Ein Gespräch über Sex, Politik und schöne Männer
Interview: Paul Schulz /Fotos: Craig Seymour

Craig, in deiner Autobiografie geht es ziemlich zur Sache. Hat deine Mutter das Buch schon gelesen?
(lacht) Ja, meine Eltern haben das Manuskript beide zu lesen bekommen, bevor das Buch in den USA erschien. Schon, weil sie darin auch als Figuren vorkommen. Allerdings hatte ich eine Bedingung: Sie mussten es erst zu Ende lesen, bevor sie etwas dazu sagen durften.
Warum wolltest du das?
Weil das Buch ganz gut erklärt, wieso ich als 22-Jähriger Doktorant in Washington überhaupt angefangen habe zu strippen und darüber auch meine Doktorarbeit geschrieben habe.
Und das war so, weil …?
Für mich war das Ganze eine Herausforderung und vielleicht der letzte Schritt zum Erwachsenwerden. Ich war ein schüchternes, braves Kind, und mich mit Anfang Zwanzig auf eine Bühne zu stellen, mir die Kleider vom Leib zu reißen und mich dann von anderen Männern überall anfassen zu lassen, war ein so großer Gegensatz zu dem Leben, was ich bis dahin geführt hatte, dass es schlagartig alles veränderte. Bücherschreiben, unterrichten, Fotograf sein, ich hätte nichts von dem getan, wenn ich nicht vorher Stripper gewesen wäre. Seine Angst über Bord zu werfen und Dinge einfach zu tun, von denen man nie dachte, dass man sie einmal tun würde, das war eine ganz grundlegende Erfahrung für mich.
Wie kam es denn überhaupt zu all dem?
Stripclubs waren der erste Ort auf der Welt, wo ich ganz ohne Angst andere Jungs angucken konnte, sie waren ein wichtiger Teil meines Coming-outs. Ich habe mich dort als schwuler Mann zum ersten Mal komplett sicher und zuhause gefühlt. Und das ist heute noch so. Ich war also Fan, bevor ich Akteur wurde (lacht).
Ist es ein gutes Gefühl, nur in Socken von 50 anderen Männern angesehen und begehrt zu werden?
Wer sagt dir denn, dass die einen immer begehren? Die Chance, von 50 Jungs gleichzeitig offen zurückgewiesen zu werden, weil dir niemand Trinkgeld gibt oder dich niemand anfassen will, ist groß. Deswegen ist es besser, wenn du dein Selbstbewusstsein aus etwas anderem als deinem Körper beziehst. Aber Strippen ist auch viel mehr als nur, sich auszuziehen.
Was denn?
Mit vielen der Stammkunden baut man als Stripper eine wirklich enge Bindung auf.
Deren Grundlage der Austausch von Bargeld ist.
Ja, aber das heißt ja für die Qualität der Bindung erst einmal nichts. Du kannst trotzdem mit vielen deiner Kunden ein freundschaftliches Verhältnis haben. Wenn jemand dir so zeigt, was er wirklich geil findet und dich sein Begehren sehen und spüren lässt, dann ist das sehr intim, sehr ehrlich und deswegen nicht die schlechteste Grundlage für eine Freundschaft. Der Körperkontakt zwischen Stripper und Gast ist ja etwas streng Reguliertes, die Regeln stehen fest.
In deinem Fall erlaubten die Regeln, dass die Gäste dich an den steifen Schwanz fassen und dir den Arsch streicheln. Ist das keine sexuelle Dienstleistung?
Klar ist es das. Und? Einer der großen Mythen über Stripper ist, dass die meisten ihren Job machen, weil sie in irgendeiner Zwangslage sind. Oder dumm. Oder beides. Das ist Quatsch. Viele der Jungs haben einen Heidenspaß bei der Arbeit und werden hervorragend bezahlt.
Hat der Job also keinerlei Nachteile?
Doch, sogar einige. Aber die haben oft wenig mit der Arbeit selbst zu tun. Dass du den wenigsten Menschen erzählen kannst, dass du Sexwork machst, ohne misstrauisch beäugt zu werden, ist ein immenser Nachteil. Ich erzähle ja im Buch ausführlich davon, dass ich immer Angst davor hatte, einer meiner Kollegen aus der Uni oder einer meiner Studenten könnte mich sehen. Es brauchte eine Weile, bis ich das Selbstbewusstsein entwickelt hatte, da drüberzustehen.
War das auch der Grund dafür, das Buch zu schreiben?
Nein, der war wirklich „historisch”. Die Washingtoner Clubs, in denen ich gearbeitet hatte, sind vor gut zehn Jahren abgerissen worden. Da habe ich längst erfolgreich als Journalist gearbeitet, war aber natürlich am Abend, bevor die Bagger anrückten, noch einmal da, um diesem Teil meiner Jugend Lebwohl zu sagen. Und da ging mir auf: „Das hier ist Geschichte, schwule Geschichte,
die verloren geht, wenn sie niemand aufschreibt.” Also habe ich das getan. An den Stripclubs und ihren Besuchern lässt sich die gesamte Geschichte der Schwulenbewegung nachvollziehen, aber auch viel über sich verändernde Sexualmoral ablesen.
Früher war mehr los, oder?
(lacht) So kann man das zusammenfassen. Mit dem Streben nach Gleichberechtigung ging auch die Herausbildung eines schwulen Mainstreams einher, der von heterosexuellen Wünschen und Träumen heute kaum noch zu unterscheiden ist. Viele Schwule wollen heiraten und Kinder bekommen. Was sie auch alle können sollen. Aber das darf nicht bedeuten, dass das Sprechen oder Nachdenken über schwule Sexualität unterbunden oder erschwert wird oder die Orte, an denen Sexualität abgebildet wird, geschlossen werden.
Verschwindet schwule Sexualität aus der Öffentlichkeit?
Sie ist viel weniger sichtbar als zu der Zeit, zu der ich gestrippt habe. Da waren die schmutzigen kleinen Randbezirke, in denen das stattfand, ein Fixpunkt in der schwulen Szene, der natürlich auch politisch besetzt war und wurde, ein körperlicher, aber natürlicher auch ein geistiger Spielraum, in dem man experimentieren und Dinge ausprobieren konnte.
Haben schwule Männer also inzwischen Angst vor ihrer eigenen Sexualität und verstecken sie?
Ich kann nicht für alle sprechen, aber die Anzahl der Orte, an denen Sexualität noch öffentlich passiert, hat sich sehr verkleinert. Was auch mit HIV zu tun hat und paradox ist, weil mir die Clubs erst beigebracht haben, dass schwule Sexualität auch etwas ist, was man feiern kann, statt sich ständig nur davor zu fürchten. Ich glaube, so geht es vielen in meiner Generation.
Wenn du heute in Stripclubs gehst, erzählst du den Tänzern, dass du das früher auch gemacht hast?
Nicht von mir aus. Ich bin ja nach wie vor auch da, um mir schöne nackte Jungs anzugucken, und will das in Ruhe tun können. Aber oft erkennt mich auch irgendwer und kommt dann zu mir rüber und sagt, “Bist du nicht der Typ, der dieses Buch geschrieben hat?” Was merkwürdig ist, weil dadurch die garantierte Anonymität, die ein Besuch in den Clubs für mich auch bedeutet hat, verlorengegangen ist. Aber es ist viel lustiger, mit Menschen über schwule Geschichte zu sprechen, während über dir jemand seine Kleider abwirft. (lacht)
Die Fotos auf dieser und den nächsten Seiten sind alle von dir. Warum fotografierst du Stripper? Kannst du dich immer noch nicht vom Thema lösen?
Ich will gar nicht. Ich möchte das dokumentieren, die Lebensfreude abbilden, die man hier auf der Bühne und vor der Bühne erleben kann, die Clubs als Ort von Freiheit und Sexualität darstellen und so für die Nachwelt festhalten. Ich bin auf der Suche nach einer bestimmten Energie, die ich ursprünglich schwul und ganz und gar einzigartig finde und die auf den Fotos hoffentlich rüberkommt. Es geht mir darum, mein und damit vielleicht auch unser Begehren für die Nachwelt festzuhalten.
Nackte Tatsachen, Bruno Gmünder, 240 Seiten, 16,95 Euro
Mehr zu Craig und seine Fotos: http://www.craigseymourphotography.com/
JENSEITS DER MAUERN
MÄNNER präsentiert die GAY-Filmnacht: Die aufregend authentische Liebesgeschichte „Jenseits der Mauern“, das Debütwerk des belgischen Filmemachers David Lambert, ist der wichtigste Homofilm des Frühjahrs. Schon gleich nach seiner Weltpremiere in Cannes im vergangenen Mai wurde er mit „Weekend“ und „Keep the Lights On“ verglichen und die drei herausragenden Filme über schwule Beziehungen zur New Queer Wave ausgerufen. Ein Exklusivinterview über Liebe, Sex und Zeitdruck
Interview: Thomas Abeltshauser
David Lambert, die meisten Erstlingsfilme handeln von Selbsterlebtem der Regisseure, sind stark autobiografisch…
Meiner auch! (lacht) Er ist wirklich persönlich, aber er ist nicht im strengen Sinne autobiografisch. Ich vermische drei Liebesbeziehungen, die ich im Alter zwischen 20 und 30 hatte. Natürlich ist es meine eigene Sichtweise auf die Liebe und was es bedeutet, sie zu verlieren. Es beschreibt im Grunde zwei Seiten einer Medaille. Die erste Hälfte des Films beschreibt, wie sich zwei Menschen begegnen, sie sich verlieben und diese Liebe wächst. Was sie verbindet, wie sie sich immer näher kommen und es schließlich zu einer Vereinigung kommt, einer Art, sagen wir: Alternativhochzeit. Und dann fällt alles auseinander. Die Welt verändert sich und die zwei Männer, die im Stadtzentrum sehr frei ihre Liebe leben konnten, sind plötzlich gar nicht mehr frei. Und Liebe ist nicht mehr möglich, so sehr sie es auch immer wieder versuchen.
Wenn es so sehr auf eigenen Erfahrungen beruht: Wer von den beiden ist dir näher?
Ganz ehrlich: ein bisschen beide. Den ersten Entwurf des Drehbuchs habe ich mit 22 geschrieben, es war wirklich schlecht, ein Desaster. Aber ich hatte 100 Seiten, die man als Drehbuch erkennen konnte. Damals interessierte mich Paulos Perspektive mehr, es war eher ein psychologisches Drama über Gefängnis und Inhaftierung. Es war sehr düster und traurig, ohne jeden Humor. Anfangs identifizierte ich mich nur mit ihm, aber je mehr Gedanken ich mir über Illir machte, ließ ich viel von meiner zweiten längeren Beziehung einfließen. Es war ein langer Prozess. Ich wollte auch lange einen Regisseur dafür suchen, weil ich mich nur als Autor gesehen habe. Schreiben hat mich immer am meisten interessiert. Ich habe mich dann im Laufe der Jahre immer wieder mit Regisseuren getroffen und sie haben mir alle dasselbe gesagt: „Du musst das selbst machen!“ Es war einfach zu intim und persönlich, sie fanden keinen Platz für sich. Aber der Prozess des Schreibens hat sich über so viele Jahre gezogen, dass ich gar nicht genau benennen kann, was davon wirklich ich bin. Ich schreibe wirklich sehr viel, sogar noch während des Drehs.
Was sehr ungewöhnlich ist. Eigentlich verlangt der Zeitdruck, dass da längst alles klar ist, oder?
Ich hatte zum Glück die Freiheit auf das zu reagieren, was an einem Tag zwischen den Darstellern passierte und bis zum nächsten Morgen Szenen entsprechend umzuschreiben. Wir drehten in chronologischer Reihenfolge, nur so war das überhaupt möglich. Das ist purer Luxus, aber das war von Anfang an meine Bedingung. Und wir haben viel improvisiert, weil ich mich auf meine Schauspieler verlassen konnte. Die Szene mit dem Armdrücken, zum Beispiel. Ich wollte diesen Einfluss der Darsteller. Aber noch mal zum Drehbuch: Ich habe die erste Version damals in Berlin geschrieben. Ich wohnte im Prenzlauer Berg, Lychener Straße 50. Ich lebte zehn Monate in Berlin, mein damaliger Freund saß in Paris im Gefängnis und ich wartete auf ihn, wie im Film. Als er entlassen wurde, trafen wir uns und es war eine Katastrophe.
Sprichst du deutsch?
Ich konnte kein Wort, als ich ankam. Ich lernte dann, was man so braucht. Aber als ich die Stadt nach zehn Monaten wieder verließ, brauchte ich es nie wieder. Und so habe ich das meiste vergessen, leider. Wenn ich mal wieder länger da wäre, würde es sicher zurückkommen.
Als ich den Film in Cannes gesehen habe, hat mich die Art, wie du schwules Leben zeigst, abseits der üblichen Klischees, sehr an „Weekend“ und „Keep the Lights On“ erinnert. Ist das Zufall? Oder ändert sich da gerade etwas?‘
Ich kann nicht für die anderen sprechen, aber mir war zumindest von Anfang an klar, dass ich nichts über Comingout machen wollte oder wie schwer man es als Schwuler hat. Ich wollte meine Charaktere wie Romeo und Julia, ohne das ganze gay Blabla. Ich wollte etwas Universelles erzählen und zugleich etwas sehr Spezifisches. Es sind nun mal zwei Typen und die haben einen ganz bestimmten Sexdrive und eine ganz bestimmte Art ihre Beziehung zu führen. Auch die Zärtlichkeit zwischen ihnen. Mich hat bei Filmen immer frustriert, dass das Schwulsein immer nur auf zwei Dinge reduziert wurde: eine düstere Sexualität, bei der es auch wirklich nur um Sex ging, ohne Liebe und oder Zuneigung. Oder man sieht den Schwulen als tuntigen, tratschenden und völlig asexuellen Mitbewohner und beste Freund, dessen Hauptcharakterzug und Aufgabe im Film eben das ist: er ist „der Schwule“. Was soll das? Wenn ich beschließe, eine Figur ist hetero, ist das noch lange keine Geschichte. Ich wollte dreidimensionale, glaubwürdige Figuren in einer Liebesgeschichte, weg von all den Klischees.
Warum hat das vorher kaum jemand gemacht?
Ich hatte ein großes Problem bei der Finanzierung des Films. Mir wurde immer wieder gesagt: „Wir sehen doch jede Woche schwule Figuren irgendwo im Fernsehen, das ist nicht interessant.“ Und ich fragte zurück, wann sie das letzte Mal einen Spielfilm mit zwei Männern gesehen haben, die sich lieben und leiden und eine ernstzunehmende Beziehung haben. Und dann wurde immer „Brokeback Mountain“ genannt. Der ist acht Jahre her! Und es war ein amerikanischer Film und er spielte in der Vergangenheit. Man sieht einfach keine Geschichten über gleichgeschlechtliche Beziehungen im europäischen Kino! Und jetzt kommt von manchen Journalisten die Frage, ob ich als Debütfilmer keine Angst habe, mit diesem Film in ein Ghetto gesteckt zu werden. Was für eine bescheuerte Frage!
Wie sind die Reaktionen jetzt, nachdem der Film fertig ist?
Viele Leute lieben den Film, weil es eine Liebesgeschichte ist, die Gendergrenzen überschreitet. Irgendwann vergessen die Zuschauer, dass es zwei Typen sind. Mir sagten etliche Heteromänner, dass sie nicht dachten, dass zwei Männer so eine intensive, komplexe Beziehung haben könnten. Sie dachten, da ginge es nur um Sex. Schön, wenn ich da zur Aufklärung beitragen kann.
Alle Orte und Termine für die Gay-Filmnacht: http://www.gay-filmnacht.de/
„Ich bin ein guter Vater“
Es ist immer noch nicht leicht für männliche Prominente, öffentlich über ihre Sexualität zu sprechen. Besonders dann nicht, wenn man(n) nicht nur mit Männern schläft. Bisexuell? Igitt, wer macht denn so was? Duncan James zum Beispiel. Der 34-jährige ist ein Viertel der ehemaligen Boyband Blue („inzwischen sind wir Männer“), die seit 2000 die Welt mit Hits wie „All Rise“, „U Make Me Wanna“ und „Sorry Seems To Be The Hardest Word“ beglückt haben. Vor zwei Jahren traten James und seine Kollegen Antony Costa, Lee Ryan und Simon Webbe für ihr Heimatland Großbritannien mit „I Can“ beim Eurovision Song Contest an. Seitdem war es still um Blue. Das ändert sich nun. Ihr erstes neues Studioalbum seit zehn Jahren heißt „Roulette“, ist am 25. Januar erschienen, und die erste Singleauskopplung daraus, eine Ballade namens „Hurt Lovers“, steht nicht nur seit Wochen in den Top Ten der deutschen Charts, sondern ist auch der Song aus „Schlussmacher“ von Matthias Schweighöfer, dem ersten großen Kinohit des Jahres 2013. „Roulette“ ist ein Wagnis: Vier Jahre haben Duncan und seine Kollegen von Blue daran gearbeitet und das Album auch selber finanziert. Vom Erfolg der großartigen CD hängt wohl der Fortbestand der Band ab. Trotzdem ist Duncan James bei seinem einzigen Exklusiv-Interview in Deutschland bemerkenswert entspannt: „Ich bin es gewohnt, Wagnisse einzugehen, beruflich wie privat.“ Darüber wollte MÄNNER mehr erfahren.
Wie war deine Kindheit?
Schön. Ich komme aus einer englischen Mittelklasse-Familie und bin bei meinen Großeltern und meiner Mutter aufgewachsen. Meine Mutter war Krankenschwester. Aber erzogen haben mich eigentlich meine Großeltern. Meine Großmutter war Sekretärin bei der Armee gewesen, und mein Großvater war Oberstleutnant im Ruhestand und der Leiter des musikpädagogischen Bereiches einer Privatschule. Sehr katholisch, sehr englisch, ein fantastischer Pianist. Ein großartiger Mensch, aber eben auch pflichtbewusst und sehr verschwiegen, wenn es um private Probleme ging. Meine Großeltern haben meine Mutter und meine Onkel adoptiert, und als sie früh und unverheiratet schwanger wurde und mein Vater sich davonmachte, haben sie mich quasi als weiteres Kind großgezogen.
Wie hat man dir das erklärt?
Gar nicht. Mein Vater wurde, als ich klein war, so gut wie nie erwähnt. Und wenn, dann war er „dieser Mann“. Meine Großeltern haben ihm nie verziehen, was er meiner Mutter angetan hatte. Und ich brauchte ihn nicht, ich hatte meinen Großvater, der war mein Vater. Meine Mutter war eine wilde Hummel, und sie und meine Großeltern waren sich nicht immer einig darüber, wie ich zu erziehen war. Das war nicht einfach, aber ich bin dankbar für beide Einflüsse: Disziplin und Stabilität von meinen Großeltern und eine eher freigeistige Note von meiner Mutter.
Du bist streng katholisch erzogen worden. Hast du also in der Kirche gelernt, wie man einen Auftritt durchzieht?
Mit Sicherheit. Ich war Messdiener, der einzige in unserer Kirche, jeden Sonntag. Und eine Messe ist ja neben allem anderen auch eine exakt durchgeplante Performance, bei der dir viele Leute zusehen.
Wann hast du entschieden, dass du Musiker werden willst?
Angefangen habe ich ja als Schauspieler. Ich habe mit vier Jesus im Krippenspiel gespielt und seitdem immer alle Hauptrollen in der Kirche und im Schultheater bekommen. Ich war verrückt danach, in Rollen zu schlüpfen, mir Kostüme anzuziehen und dabei jemand anderer zu werden. Ich war nie besonders gut in der Schule, aber habe, seit ich vier war, Klavier gespielt, geschauspielert, gesungen und war gut in Sprachen und Sport.
Der geborene Popstar also.
Ja, vielleicht.
Du klingst fast enttäuscht.
Ach nein, bin ich nicht. Aber ich sehe eine Menge Ähnlichkeiten zwischen mir und meiner Tochter. Sie ist zwar viel besser in der Schule, als ich in ihrem Alter war, aber auch sie bekommt alle Hauptrollen, singt, tanzt und will Leute vor allem unterhalten.
Bist du ein guter Vater?
Ich bin immer für meine Tochter da, liebe sie sehr und tue alles für mein Kind. Es ist mir wichtig, dass sie weiß, wer ihr Vater ist, weil ich meinen nie getroffen habe. Wir haben eine großartige Beziehung.
Versteht sie schon, was du beruflich machst?
Tut sie. Sie ist jetzt sieben und sieht mich ja im Fernsehen und in Zeitschriften und auf dem Cover von CDs. Und weiß, dass Fremde mich ansprechen, wenn wir in den Supermarkt gehen. Für sie ist das normal.
Wie hast du ihr deine Sexualität erklärt?
Wir haben ihr relativ früh gesagt, dass es sein kann, dass sie irgendwann drei Väter hat: Mich, meinen Freund und den Freund ihrer Mutter. Sie fand das sehr o.k. (lacht)
Ich habe bei der Vorbereitung auf dieses Interview gelesen, dass du deine erste Beziehung zu einem Mann in der Hochphase eures Erfolges hattest und keiner der anderen Jungs in der Band etwas davon mitbekommen hat, obwohl ihr jeden Tag bis zu 16 Stunden miteinander verbracht habt. Wie macht man denn das?
Ich wusste immer, das ich auch an Männern interessiert bin, aber habe diese Gefühle jahrelang einfach weggeschoben. Ich wollte das nicht. Das ging auch ganz gut, bis ich ins Musikgeschäft eingestiegen bin. Wo es, seien wir ehrlich, vor Schwulen einfach nur so wimmelt. Und keiner ein Problem damit hat. Viele Jungs sind einfach schwul, Ende der Geschichte. Da ging es mir wie dem Kind im Süßwarenladen, das nichts kaufen kann. Ansehen ja, aber anfassen ging einfach nicht. Und ich habe verdrängt, verdrängt, verdrängt! Als wir dann auf der ersten Welttournee mit Blue waren, freundete ich mit einem unserer Tänzer an. Wir kamen wirklich richtig gut klar. Ich wusste nur nicht, dass er schwul war. Er hat das auch nie erwähnt. Bis er sich eines Tages im Tourbus zu mir umgedreht hat und gesagt hat: „Dir ist klar, dass ich schwul bin, oder? Ich wollte dir das nur gesagt haben.“
War das ein Angebot?
Nicht wirklich. Er wollte das nur klären. Wir waren Freunde, und es war ihm wichtig, dass ich wusste, dass er schwul ist. Das war alles. Aber eines Abends nach der Show saßen wir alle zusammen, die Band und die Tänzer, und jeder hat jeden massiert. Die Shows sind körperlich anstrengend, man hilft sich so. Und er kam zu mir und sagte „Ich massiere echt gut.“ Ich sagte, „Dann mach mal.“ Und während er mich massierte, merkte ich, dass das für mich mehr war als nur eine einfache Massage. Nicht direkt sexuell, aber ich konnte ihn ganz genau spüren, seine Energie, und fand das gut. An dem Abend ist nichts passiert, ich beließ es einfach dabei. Aber wir haben danach so ein bisschen angefangen, miteinander zu flirten. Am Abend der allerletzten Show gab’s eine riesige Aftershow-Party, und ich freute mich einfach ganz doll darauf, ihn da zu sehen. Wir waren dann beide betrunken, und er hat seine Hand auf meinen Oberschenkel gepackt und gesagt, „Du wirst mir echt fehlen.“ Und ich habe gesagt, „Du mir auch.“ Er erzählte mir, dass er eine Woche später, an Weihnachten, für ein paar Monate nach New York ziehen würde, um da zu arbeiten. Und dann sind wir beide nach Hause gegangen, getrennt. Er hat mir am nächsten Tag eine SMS geschrieben, in der stand, dass er mich wirklich, wirklich mag, und ich habe zurückgeschrieben, dass ich ihn auch sehr mag, aber auch verwirrt sei und keine Ahnung hätte, was ich gerade genau fühlte. Und das war’s. An Weihnachten fehlte er mir furchtbar. Und dann meldete er sich und fragte mich, was ich an Silvester machen würde und ob ich nicht nach New York kommen wolle. Also habe ich meine Mutter gefragt, ob sie nicht übers Neujahrs-Wochenende mit mir nach New York fliegen will: tolles Hotel, bisschen shoppen, im Central Park Schlittschuhlaufen, so was. Natürlich wollte sie. Also sind wir nach New York geflogen, ich habe ihn angerufen, meine Mutter hatte auch einen Freund da, und wir waren an dem Abend alle vier zusammen essen.
Und dann?
Dann ist meine Mutter ins Bett gegangen, und er kam mit auf mein Hotelzimmer. Und ich dachte die ganze Zeit: „Hier geht noch was. Hier geht noch was.“ Und es ging auch was: Wir hatten dann zum ersten Mal Sex.
War’s schön?
Ich war echt betrunken, aber es war auch echt schön, ja. Ich kann das auch beweisen: Am Anfang wollten wir nur einen Film angucken und haben uns dazu aufs Bett gesetzt. Aus irgendwelchen Gründen hatten wir uns Jackass – Der Film ausgesucht. Und ich kann mich an die ersten fünf Minuten und den Abspann des Films erinnern, dazwischen hatten wir Sex. Und während der Abspann lief, habe ich mich zu ihm umgedreht und gesagt: „Toller Film, echt.“ (lacht) Und das war mein erstes Mal mit einem Mann.
Da warst du 23.
Ja, und mitten in der Nacht bin ich dann aufgewacht, hab mich total schuldig gefühlt und habe gedacht: „Moment, ich bin hetero, was soll das?“ Dann bin ich in das andere Bett im Zimmer gekrochen und habe morgens versucht ihm zu erklären, dass ich nicht „so“ wäre. Er fand das gar nicht komisch. Aber ich hatte einfach Panik. Wir hatten danach eine lange Beziehung, die daraus bestand, dass wir uns absolut heimlich in Hotelzimmern getroffen haben.
Warst du verliebt?
Total, bis über beide Ohren. Er auch in mich. Aber ich war einfach noch nicht so weit und hab ihm echt weh getan. Ich schlief ja zu der Zeit auch noch mit Frauen. Und habe versucht, ihm das auch zu erklären. „Ich bin nicht du. Doch, ich liebe dich auch. Aber ich kann so nicht sein. Ich bin in Blue.“ Dann ist er nach L.A. gezogen und hat neun Monate nicht mit mir gesprochen. In dieser Zeit habe ich eine Frau getroffen, in die ich mich auch total verliebt habe und mit der ich dann anderthalb Jahre zusammen war. In einem Paralleluniversum wären sie und ich heute verheiratet und hätten drei Kinder, aber irgendwas hat mir bei ihr immer gefehlt. Das war er. Ich habe angefangen, ihn furchtbar zu vermissen, und das war ihr gegenüber nicht fair, also habe ich Schluss mit ihr gemacht und habe ihn kontaktiert. Ich habe ihm gesagt, dass ich ihn liebe und vermisse. Er kam zurück, und wir kamen einander wieder näher. Und dann habe ich die Mutter meiner Tochter getroffen, und sie war kurz danach schwanger. Und das ging für ihn nicht. Das war 2004. Er hat dann drei Jahre lang nicht mit mir gesprochen. Sein Herz war gebrochen. Meins auch.
Und heute?
Heute sind wir wirklich gute Freunde. Aber 2004 war ein extrem schwieriges Jahr. Er war weg, meine andere Beziehung war weg, ich wurde Vater, und außerdem war ich ja noch in Blue, der weltweit erfolgreichen Band. Ich dachte, ich drehe durch. Das war der Moment, wo ich erst meinem Bandkollegen Simon und dann meiner Mutter davon erzählt habe und natürlich Claire, der Mutter meiner Tochter. Ich heulte und zitterte und alle waren cool und liebten mich einfach weiter und Claire sagte, „Ich wusste es.“
Und deine Mutter?
Die erinnerte mich daran, dass ich mit neun immer ihre hochhackigen Schuhe angezogen habe und so tat, als wäre ich Vanessa Paradis. Joe Le Taxi war mein Lieblingslied, und ich habe es oft performt. (grinst) Sie hat gesagt, seitdem hat sie ab und zu gedacht, da stimmt doch was nicht. Welcher Junge macht so was auch?
Ich kenne da einige.
(lacht) Meine Mutter wollte einfach, dass ich eine klassische Familie habe, weil sie das nicht hatte. Das hat sich inzwischen gegeben. Ich habe inzwischen einige lange Beziehungen mit Männern gehabt, und alle haben sich daran gewöhnt.

Duncan James (ganz rechts) mit seinem Bandkollegen von Blue und Matthias Schweighöfer am Set von "Schlussmacher" (Foto: Universal Music)
Wie war es, als 2009 das englische Klatschblatt News of the World anrief und dir sagte, sie wüssten Bescheid und würden dir die Möglichkeit geben, dein Outing selbst zu steuern – oder eben auch nicht?
Der vielleicht schwierigste Tag in meinem Leben. Kennst du das Gefühl, wenn du weißt, etwas Schlimmes wird passieren, du weißt nur noch nicht wann? So hatte ich mich jahrelang gefühlt. Ich habe immer auf diesen Anruf gewartet. Ich hatte nie über mein Privatleben gesprochen, nie über mein Sexualleben, egal ob mit Männern oder Frauen. Und als News of the World dann anrief und sagte: „Wir können unsere Story bringen oder Duncan sagt es uns in seinen eigenen Worten. Oder ihr könnt eine einstweilige Verfügung erwirken und das dann zweimal im Jahr mit einem neuen Boulevardblatt machen. Was soll es sein?“, war der Moment gekommen. Mein Presseagent ist schwul und wusste Bescheid und hat gesagt, „Mach es auf deine Art.“ Es war unglaublich hart für mich. Ich hatte furchtbare Angst. Als der Reporter kam, habe ich am ganzen Körper gezittert. Aber er war nett und wollte mich wirklich nicht in die Pfanne hauen, sondern einfach meine Geschichte erzählen. Er hat gesagt: „Ich weiß, du hast eine Tochter. Wir machen nichts, wofür du dich ihr gegenüber schämen musst.“ Bevor der Artikel erschien, habe ich alle angerufen, denen ich es noch nicht erzählt hatte, und musste es ihnen erklären. Und alle waren absolut cool. „Ja, ist gut. Und. Bist du o.k.? Können wir irgendwie helfen?“ Ich habe seitdem nie auch nur eine einzige schlechte Erfahrung gemacht, bin nie angepöbelt oder angegriffen worden. Das ist sicher auch Glück. Viele Leute haben mir geschrieben, mir ihre eigenen Coming-out-Storys erzählt und sich bedankt. Jetzt, vier Jahre später, kann ich nur sagen: Das war das Beste, was ich je für mich getan habe. Jetzt kann ich hier sitzen, und wir reden über mein erstes Mal, und alles ist gut. Ich bin glücklich.
Wünscht du dir manchmal, du hättest es früher getan?
Hab ich nicht. Verschüttete Milch. Es ist gut so, wie es jetzt ist.
Blue: Roulette, jetzt erhältlich
POSITIVE BILDER
Die MÄNNER-Redakteure Paul Schulz und Christian Lütjens haben einen Bildband über 30 Jahre HIV veröffentlicht. In ihrem Vorwort erklären sie, warum sie POSITIVE PICTURES – A GAY HISTORY gemacht haben
Dieses Buch war harte Arbeit. Weniger, weil es lange gedauert hat, das Geld dafür aufzutreiben, die Beschaffung der Bilder nicht so einfach war oder viele Leute auch 2013 noch nicht über unser Thema sprechen wollten – damit hatten wir gerechnet. Es war eher die immer gleiche Frage von Außenstehenden, die uns zu schaffen machte: „Ein Buch über Aids? Warum macht ihr das denn?“
Hier unsere Antworten: Weil es nichts gibt, was das Leben schwuler Männer seit Stonewall so verändert hat wie HIV. Wir leben anders, lieben anders, haben anderen Sex. Wir gehen anders miteinander und mit uns selbst um. Wir wissen mehr über unsere Stärken und Schwächen. Wir interagieren anders mit Heterosexuellen. Wir melden unsere Rechte schneller an. Wir haben in der Breite gelernt, nicht nur brav, hübsch und witzig zu sein, sondern auch wütend, laut und aggressiv, wenn es nötig ist. Wir lieben uns selbst und andere mehr, wissen aber auch besser, wo unsere Feinde stehen.
Dieses Buch gibt es, weil wir wissen wollten, wie es zu all dem kam. Und wir glauben, dass es uns nicht alleine so geht.
Dieses Buch gibt es auch, weil so viele gestorben sind und ein asiatisches Sprichwort besagt, dass man die Toten wieder lebendig macht, indem man ihre Namen sagt. Also sagen wir sie, auf viele verschiedene Arten, und lassen sie sagen, in vielen verschiedenen Stimmen, die viele unterschiedliche Positionen vertreten. Doch wir wollten dieses Buch auch machen, weil so viele von uns noch leben und uns allen viel Interessantes zu sagen und zu zeigen haben.
Dieses Buch gibt es, weil viele der darin gezeigten Bilder so unfassbar schön sind, oder schockierend, oder erotisch, oder traurig, oder schlau, oder unheimlich, oder lustig, oder all das. Und wir wollten, dass man sie alle zusammen betrachten kann.
Wir haben dieses Buch gemacht, weil wir die Auffassung des amerikanischen Aktivisten und Schriftstellers Larry Kramer teilen, für den es „die größte soziokulturelle Leistung einer Minderheit in der Geschichte der Menschheit“ ist, „dass schwule Männer sich selber gerettet haben, dass wir nicht alle gestorben sind.“ Und weil wir finden, dass das ein Grund zum Feiern ist.
Wir hoffen, Sie stimmen uns zu und haben viel Spaß beim Lesen und Schauen, beim Wiedersehen oder Neuentdecken. Dann hätte sich die harte Arbeit sehr gelohnt.
POSITIVE PICTURES – A GAY HISTORY, Bruno Gmünder, 224 Seiten, 39,95 Euro






















