MAGIC MIKA

Mika (Foto Behrens PR)

Mika (Foto Behrens PR)

Jahrelang drückte sich Michael Penniman alias Mika um ein Bekenntnis zu seiner sexuellen Orientierung. Das ließ ihn irgendwann ziemlich verklemmt wirken, sodass ihm die schwulen Fans den Rücken kehrten. Mit seinem dritten Album The Origin of Love beginnt eine neue Ära der Offenheit. Sie begann mit seinem Coming-Out.

Interview: Steffen Rüth

Als dein letztes Album erschien, habe ich dich zuhause besucht. Du hattest ein Zimmer im Keller deines Elternhauses im Londoner Stadtteil Chelsea. Wohnst du da noch?

Nein, ich bin ausgezogen. Ungefähr vor anderthalb Jahren, bevor ich mit der Arbeit an dem neuen Album anfing. Jetzt habe ich mein eigenes Haus. Und einen Hund. Und eine Beziehung. Das Leben hat sich ziemlich verändert.

Was kam zuerst – Haus, Hund oder der Partner?

Erst kam die Beziehung, doch die habe ich erstmal völlig zerstört. Haus und Hund folgten, und dann gelang es mir irgendwie, die Beziehung doch noch zu retten. (lacht) Wobei ich hoffe, dass ich ihn auch ohne Haus und Hund zurückbekommen hätte.

Handelt der neue Song „Make you happy“ von dir und deinem Freund?

Nein. Der Song handelt vom Leben als solchem. „All I wanna do is make you happy“ lautet zwar der Refrain, aber er wird von einem Roboter gesungen. Für mich ist das eine moderne Version eines sehr traditionellen Liebesliedes. Es geht um das Leben an sich und um all die blöden Widersprüche, mit denen wir es uns selbst schwer machen. Das Lied ist weniger eine Botschaft an meinen Partner als vielmehr an mich.

Ein anderer Song heißt „I only love you when I am drunk“. Ist das so bei euch?

Leider ja. Das ist ein Song, den ich für ihn geschrieben habe. Ist ja auch fast eine Art Entschuldigung. Er fand die Idee, einen solchen Text zu verarbeiten, anfangs fürchterlich, aber jetzt findet er den Song cool.

Ist der Titel inspiriert von der alten Pet-Shop-Boys-Nummer „You only tell me you love me when you‘re drunk“?

Nein, ich kannte den Song nicht einmal. Jetzt kenne ich ihn, weil mich die Leute darauf ansprechen. Für mich klang die Melodie eher nach den Talking Heads als nach den Pet Shop Boys.

Inwieweit ist The Origin of Love ein Konzeptwerk über die Liebe?

Es ist am Ende ein ziemlich persönliches Tagebuch. In allen Songs spreche ich über Liebe, Hass und Begierde. Jedes einzelne Stück handelt davon. Im Verlauf des Albums unternehme ich eine Art Reise durch die Liebe. Es beginnt mit „The Origin of Love“, einem Song über heftiges Verlieben. Dann geht es hoch und runter, am Ende kommt
dann „Celebrate“.

Kann man sagen, dass The Origin of Love eine erwachsene Platte ist, speziell verglichen mit den sehr jugendlich-bunten Vorgängern?

Ich hasse es ja, ein Opfer dieses Klischees zu werden, aber ja, ich kann das nicht leugnen. Also: Es ist so, wie du sagst. Und das ist eine wirklich gute Sache. Ironischerweise ist es bei aller Erwachsenhaftigkeit ja eine sehr lustvolle Platte, die dich trotzdem dazu verleitet, glücklich zu sein und zu tanzen.

Bist du auch erwachsen geworden?

Ja, in mancherlei Hinsicht bin ich das. Wenn auch auf meine Weise.

Was ist denn „deine“ Weise?

Immer schön voller Widersprüche. (lacht) Ich widerspreche mir selbst vermutlich mehr, als jeder andere Mensch auf der Welt das tut. Aber ich finde, Menschen ohne Widersprüche sind total langweilig. Denn sie verändern sich dann ja nie und könnten genauso gut gleich sterben.

Du hast dich kürzlich geoutet. Davor hattest du dich bei dem Thema immer gewunden. Warum plötzlich diese Wende?

Weil ich glücklich bin mit meinem Leben und meiner Beziehung. Das hat es mir ermöglicht, selbstbewusst und auch gerne und stolz über mich und meine Sexualität zu sprechen. Ich verliebte mich, und ich verlor die Liebe. Dann verliebte ich mich wieder zurück, und irgendwann ist man dann an dem Punkt, an dem man ein bisschen was gelernt hat und denkt: ‚Gut, ich bin bereit.‘ Über seine sexuelle Identität zu reden, ist nie einfach, egal, ob du in der Öffentlichkeit stehst oder nicht. Man kann das nicht erzwingen oder Druck ausüben. Ich habe das gemacht, als es für mich der richtige Moment war. Auf der anderen Seite gilt nach wie vor: Die Kenntnis über mein Privatleben ist nicht essentiell, um meine Musik zu verstehen. Aber wenn du mich als Künstler verstehen willst, dann ist es schon ziemlich wichtig zu wissen, dass ich schwul bin.

Richtig überraschend kam das Bekenntnis nicht gerade. Oder?

Ich wüsste niemanden, der damit nicht gerechnet hätte! (lacht) Ich meine, man musste nicht gerade Sherlock sein, um darauf zu kommen. Für jeden, der je bei meinen Songtexten hingehört hat, hätte es ohnehin klar sein müssen.

Woran hast du gemerkt, dass du jetzt selbstbewusst genug bist, um den Schritt zu wagen?

Ich war nicht mehr nervös. Ich merkte, ich muss keine Angst haben. Auch jetzt in einem Interview muss ich mich nicht mehr verstecken – das tut ziemlich gut, muss ich sagen. Es ist definitiv eine Erleichterung für mich. Es nimmt mir diesen Schatten. Wobei ich auch sagen muss: Ich habe nie einen Bart getragen, wenn du weißt, was ich meine. Ich habe nie gelogen oder ein falsches Spiel mit erfundener Identität gespielt. Ich wollte einfach nur nichts zu dem Thema sagen, weil ich noch nicht so weit war.

Deine Single „Celebrate“ ist eine der sorglosesten Popnummern des Jahres. Du hast das Stück zusammen mit Pharrell Williams in Miami aufgenommen. Bist du viel mit Pharrell ausgegangen?

Nee, Pharrell geht nie raus und macht Party. Das ist nicht sein Ding. Aber die Partyszene in Miami ist sowieso die reinste Hölle, finde ich. Früher haben Fleetwood Mac oder die Bee Gees ihre Alben dort aufgenommen. Miami war ein phantastischer Ort im goldenen Zeitalter der Popmusik. Doch heute? Nur noch Bumm-tataa. Dieser billige Latino-Dance-Pop, der einem sowieso schon zu den Ohren herauskommt.

Fühlst du dich inmitten austauschbarer Popmusik mit deinem ziemlich eigenen und eigenwilligen Ansatz wie eine Kuriosität?

Ich denke, wir brauchen mehr schräge, ausgefallene Popmusik. Bleiben wir bei Fleetwood Mac. Wenn du deren Musik hörst, dann weißt du, die stehen selbst dahinter. Die finden ihre Songs super. Klar, das ist der Heilige Gral des Pop. Aber diese Grundeinstellung, die habe ich auch: Ich mache meine Musik, weil ich es genieße, meine Musik zu machen. Ich bin niemand, dem es egal ist, was er fabriziert – Hauptsache, die Kasse klingelt. Ich mache keine Musik, damit sie schnell wegkonsumiert und vergessen wird. Ähnlich wie Mike Snow, Lykke Li oder Robyn mache ich Popmusik mit Herz, Hirn und Seele.





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