DAS ROHE WAR MIR WICHTIG

Ralf Rühmeier in seiner Wohnung - Er lebt, wie sein Krimiheld, in Berlin Neuköln (Foto Ralf Rühmeier)
MÄNNER-Leser kennen Ralf Rühmeier als Fotograf. Doch der Berliner macht nicht nur Bilder, er schreibt auch. Mit Tomme lässt er jetzt seine eigene Vision eines schwulen Berlin-Krimis auf den E-Book-Markt los. Ein Testballon. Und der Beginn der ersten digitalen Homo-Groschenromanreihe in Deutschland. Ein Pioniergespräch
INTERVIEW: Christian Lütjens
Ralf, als Fotograf arbeitest du schon lange, als Autor weniger. Wie kam es dazu, dass du deine eigene Krimireihe rausbringst?
Ich bin Krimifan und beschäftige mich schon seit längerem mit Geschichten. Wie sie aufgebaut sind, nach welchen Mustern sie funktionieren, wie Figuren gezeichnet werden. Und ich hab mich irgendwann darüber geärgert, dass es so wenig gute schwule Krimis gibt, also kam mir die Idee, eine eigene Figur zu entwerfen. Daraus ist Tomme entstanden.
… der eigentlich ein Antiheld ist. Ein Ex-Stricher, der sich mit „Dienstleistungen aller Art“ über Wasser hält. Eine autobiografisch geprägte Figur?
Gar nicht. Ich habe nie als Escort oder Stricher gearbeitet, und ich habe nie Dienstleistungen aller Art angeboten. Aber ich wollte eine Figur haben, die eigentlich nichts mehr schocken kann, eine Figur, die alles gesehen hat und der nichts Menschliches fremd ist. Tomme ist nicht angepasst, er ist nicht nett, er ist nicht lustig. Darin nimmt er teilweise Anleihen, bei den düsteren skandinavischen Krimis, mit ihren gebrochenen Charakteren.
Er ist aber auch durchtrainiert und hat einen 23-Zentimeter-Schwanz…
Ja, so viel Klischee muss schon sein. Er ist ein schwuler Krimiheld, da war klar, dass er gut aussehen muss und dass er muskulös ist. Aber er ist halt kein Hochglanzhomo oder Pornostar. Über dieses Stadium ist er drüber. Ich habe mal so einen Batman-Comic gelesen, wo Batman schon etwas älter war. Er war zwar immer noch reich und muskulös, aber er war nicht mehr der strahlende junge Held, sondern musste sich mit Rückenschmerzen wieder in dieses Batman-Kostüm reinzwängen. Solche Widersprüche finde ich interessant.
Tommes erster Fall heißt Die Rache des Apollon. Erzähl doch mal mit deinen eigenen Worten, worum es in der Geschichte geht.
Tomme soll einem Kunsthändler eine Nacht lang Gesellschaft leisten, weil bis zum nächsten Morgen ein teures Bild in dessen Wohnung lagert. Das Bild heißt „Die Rache des Apollon“. Doch dann hat Tomme einen Blackout, und als er wieder aufwacht, liegt der Kunsthändler niedergeschlagen und verletzt am Boden, und das Bild ist weg. Einen Tag später bekommt Tomme den Auftrag, das Bild wiederzufinden.
Was hat dieser Fall, was andere Krimis nicht haben?
Ich bin ganz ehrlich. Es ist eine Geschichte wie ich sie gerne lesen möchte. Ich wollte, dass es eine schwule Hauptfigur gibt. Ich wollte, dass es heute spielt. Und ich wollte, dass es in Berlin spielt und dabei die dreckige, dunkle Seite der Stadt gezeigt wird. Berlin ist eine Sexstadt. Besonders für Schwule. Die Leute kommen hierher und gehen zu Folsom oder zum Hustlaball oder ins Lab.Oratory. Bei keiner dieser Veranstaltungen geht es um Händchenhalten. Das Rohe war mir also wichtig. Und dass der Sex nicht ausgeblendet wird. So was finde ich immer doof. Wir haben es mit erwachsenen Menschen zu tun. Da gehört Sex dazu. Allerdings habe ich schon versucht, die Sexszenen nicht nur um des Sex willen einzubauen. Sie gehören zur Geschichte und treiben sie voran.
Als Autor von Tomme fungiert ein R. Heinrich, du bist offiziell nur Herausgeber. Warum das Pseudonym?
Tomme soll ein digitaler Groschenroman sein. Groschenromane kommen immer unter Pseudonymen raus. Wenn ein Buch der Tatort ist, dann ist der Groschenroman die Vorabendserie à la Soko oder Rosenheim Cops. Er ist kürzer, prägnanter, holzschnittartiger gezeichnet und läuft nach einem festem Schema ab. Zu diesem Schema gehört auch, dass selten der richtige Name des Autors draufsteht. Eigentlich ist R. Heinrich aber sogar mein richtiger Name. Ich heiße mit Zweitnamen Heinrich, das weiß nur keiner. Ich finde, dass der Autorenname gut zur Figur Tomme passt. Insofern wäre ich sogar dafür, dass das Pseudonym R. Heinrich auch beibehalten wird, wenn bei späteren Folgen vielleicht mal andere Leute die Bücher schreiben sollten.
Sind schon weitere Folgen in Planung?
Der Plan ist, die ersten drei Folgen im Monatsrhythmus rauszubringen und dann zu gucken, wie es läuft. Der zweite Teil erscheint Mitte November und wird Tommes Vergangenheit näher beleuchten. Und weil der dritte Teil auf den Dezember fällt, wird es eine Art Weihnachtsfall werden. Vielleicht kommt sogar der Nikolaus drin vor. Allerdings nicht in klassischer, sondern in abgründiger Form.
Bietet die Erscheinungsform als EBook spezielle Chancen? Oder ist auch eine Printausgabe geplant?
Erst mal vereinfacht die E-Book-Variante natürlich die Herausgabe von eigenen Büchern. Insofern ist sie eine gute Form, um auszutesten, ob überhaupt Interesse an einer schwulen Krimireihe besteht. Allgemein gibt es aber gerade bei Groschenromanen eine Riesennachfrage nach digitalen Versionen. Der Pabel-Moewig-Verlag, wo die Perry- Rhodan-Hefte erscheinen, bringt gerade seinen gesamten Katalog in E-Book-Form raus und ist wahnsinnig erfolgreich damit. Ich selbst lese E-Books mittlerweile sogar auf dem Smartphone. Ist ganz praktisch. Ich würde aber nicht ausschließen, dass es irgendwann auch mal gedruckte Tomme-Versionen gibt.
Gab es ein Vorbild für das Projekt?
Nein, es ist schon etwas Eigenes. Ich kann mich höchstens auf Bücher beziehen, die ich selbst gut fand und die indirekt vielleicht Einfluss hatten. Es gab vor ein paar Jahren zum Beispiel diese wahnsinnig gute Henry-Rios-Reihe von Michael Nava. Da ging es um einen schwulen Anwalt, der Alkoholiker war, und sechs Teile lang vom Charakter her immer weiter gebrochen wurde. Im siebten und letzten Teil hatte er dann sein Happy End. Da war er trocken und hatte einen Freund. Das wirkte etwas aufgesetzt, aber ich hab’s ihm dann auch gegönnt. Leider gibt es die Bücher mittlerweile nicht mehr zu kaufen.
Dafür gibt es jetzt Tomme. Wer ist die Zielgruppe?
Schwule, die gerne Krimis mögen. Altersmäßig würde ich das gar nicht einschränken. Zum Grundpersonal gehört ja nicht nur Tomme selbst, sondern auch der junge Ausreißer Josh, der gerade erst nach Berlin kommt und die Szene erst langsam kennenlernt. Er hilft Tomme auf seine Weise. Und es gibt den Anwalt Dirk, den ich bewusst als Tunte angelegt habe. Allerdings als Tunte, die gleichzeitig ein knallharter Anwalt ist und jeden Fall gewinnt. Die drei sind jeder auf seine Weise Underdog-Figuren mit viel Potenzial. Ich bin selber gespannt, wie sie sich weiterentwickeln. Und ich bin gespannt, was die Leute sagen. Auf der Tomme-Facebookseite freue ich mich jedenfalls jederzeit über Kommentare.
Kunstvolle Sauereien
Wer Pornolegende Wakefield Pool mal persönlich treffen wollte, hat dazu heute Gelegenheit. Der Regisseur von Boys in the Sand hilft, das 7. Pornfilmfestival Berlin zu eröffnen
Die gewinnorientierte Grundhaltung in der Sexfilm-Branche erstickt künstlerische Porno-Ansätze schon im Keim? Das stimmt nicht ganz. In den letzten Jahren setzen sich zunehmend Festivals für die Würdigung ambitionierter Filmerotik ein. Im Oktober sind vor allem die Good-Vibrations-Quickies-Competition in San Francisco sowie das Pornfilmfestival in Berlin zu nennen. Beide Veranstaltungen verstehen sich als Forum für ambitionierte Regisseure und ihre Werke und haben das erklärte Ziel, Pornografie aus der Halbwelt der Sexkinos in „normale” Filmsäle zu bringen. Mit dem kleinen Unterschied, dass am 26. Oktober im Castro Theatre einen Abend lang ausschließlich
neue Kurzfilmproduktionen gezeigt werden (die besten zeichnet Moderatoren-Drag-Queen Peaches Christ am Ende mit dem Quickies- Award aus), während im Berliner Moviemento vom 24. bis zum 28. Oktober gleichermaßen Lang- und Kurzfilme der Gegenwart und Vergangenheit auf dem Programm stehen. Besonders erwähnenswert ist dabei die Deutschlandpremiere einer Jim-Tushinski-Dokumentation über Wakefield Poole, Regisseur des schwulen Seventies-Pornos Boys in the Sand. Der heute 76-jährige Poole wird höchstselbst vor Ort sein – wie auch eine Woche zuvor bei den Lesbisch Schwulen Filmtagen Hamburg. Schöne Möglichkeit, einen Künstler im Schatten der Kommerzbranche persönlich kennenzulernen.
Infos: www.goodvibesquickies.com / www.pornfilmfestivalberlin.de
Geile Party!
Der Hustlaball wird am 21. Oktober 10 Jahre alt und begeht das Jubiläum mit seiner spektakulärsten Ausgabe bislang. MÄNNER verlost 2×2 Freikarten.
Wer sich nächste Woche das Wochenende lustvoll gestalten will, sollte nach Berlin kommen. Die spektakulärste schwule Party der Welt findet schon zum 10. Mal statt: der Hustlaball 2012. Natürlich gibt es denn üblichen Schwung Pornostars, die ihre besonderen Qualitäten ausstellen werden, aber das Spannende ist ja wie immer, wie die Gäste sich verhalten. Vom erschreckten Neuling bis zum gut abgehangenen Oldie, die es “bezaubernd” findet, wenn gefistet wird, gibt es wieder alles, da sind wir sicher. Comedy-Superstar Pam Ann fliegt für einen Gastauftritt ein und der Hustlaball-Award wartet zum vierten Mal auf seine Gewinner. MÄNNER verlost 2×2 Freikarten. Einfach bis zum 15. Oktober eine E-Mail mit dem Kennwort: “Happy Birthday Hustlaball” an paul.schulz@brunogmuender.com schreiben und mit ein bißchen Glück seit ihr dabei. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Viel Spaß und ein (be)rauschendes Fest! (pasch)
4th HustlaBall-Awards Show, Freitag, 19. Oktober, 20 Uhr
10th HustlaBall Berlin, Freitag 19. Oktober, 22 Uhr, Kit Kat Club Berlin
HustlaBall After Hour, Samstag 20. Oktober, 7 Uhr
Alle Infos unter www.facebook.com/hustlaball oder www.hustlaball.de
Gad Beck ist tot
Wie erst jetzt bekannt wurde, starb am Sonntag in Berlin Gad Beck, einer der letzten schwulen Überlebenden des Holocaust
Beck wurde durch seine Autobiografie “Und Gad ging zu David” Anfang der 90er Jahre einem breiten Publikum bekannt. Der Widerstandskämpfer schilderte darin ohne jede Bitterkeit sein Leben als schwuler Jude im dritten Reich und der Bundesrepublik.
Er wurde 1923 in Berlin geboren und ging ab 1941 in den Widerstand. Mit der Gruppe “Hechaluz” organisierte im Untergrund die Flucht von Juden nach Palästina. Während der letzten beiden Kriegsjahre organisierte er als Leiter des “Chug Chaluzi” das Überleben zahlreicher im Untergrund lebender Juden. Nachdem er nach dem zweiten Weltkrieg versucht hatte in München zu leben, übersiedelte Beck 1947 nach Israel, wo er bis 1979 lebte. Seit der Veröffentlichung von “Und Gad ging zu David” verbrachte Gad Beck viel seiner Zeit damit in aller Welt seine Lebensgeschichte zu erzählen, so zum Beispiel 2006 im Dokumentarfilm “Die Freiheit des Erzählens. Das Leben des Gad Beck”. In den letzten Jahren trat Gad Beck mit zahlreichen Vorträgen und Lesungen in Europa und den USA in Erscheinung. (pasch)









