Archiv der Artikel die mit Film getagged sind.

VERLIEBT: MÄNNER IM MAI

Liebe Leser,

Ein bisschen erschrocken haben wir uns schon, als die Themenliste für dieses Heft fertig war. Da standen Agneta Fältskog, Claudia Roth, Sabine Leutheusser-Schnarrenberger und Cascada in einer Reihe. Was für ein Weiberhaufen! Aber passt schon. Immerhin findet in diesem Monat der Eurovision Song Contest in Malmö statt und auch dort ist ein massiver „Frauenüberschuss“ in der Teilnehmerriege zu verzeichnen. Das wäre halb so schlimm, wenn man bei einigen der antretenden Sängerinnen nicht das musikalische Talent in Zweifel ziehen müsste. Was die deutsche Teilnehmerin Natalie Horler alias Cascada angeht, sagen wir nur so viel: Unser Interview mit der 31-Jährigen war so nett, dass wir ihr am 18. Mai ohne schlechtes Gewissen die Daumen drücken, auch wenn wir keine großen Fans ihres Songs „Glorious“ sind, der wirklich keinen Glanzmoment der Eurovisions-Geschichte darstellt. Aber auch echte ESC-Legenden kommen in dieser Ausgabe zu Wort. Und zwar in unserem Vier-Augen-Gesprächs mit Abba-Blondine Agneta Fältskog. Die Schwedin hat ein Soloalbum aufgenommen und taucht damit 39 Jahre nach ihrem Grand-Prix-Triumph mit „Waterloo“ und jahrelanger Funkstille aus der medialen Versenkung auf. Unsere Autorin Katja Schwemmers hat mit der „Greta Garbo des Pop“ übers Älterwerden und das Verhältnis zu den ehemaligen Bandkollegen geplaudert.
Um knallharten Machtkampf geht‘s bei unseren Polit-Ladies. Während Grünen-Schwulenmutti Claudia Roth den Liberalen im Gespräch mit Hans-Herrmann Kotte progressives Gerede bei völliger Tatenlosigkeit vorwirft, kontert Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger  (FDP), indem sie klare Signale in Richtung ihres Koalitionspartners CDU schickt und die völlige Gleichstellung der Homo-Ehe fordert.
Und da ist es schon wieder. Das Reizwort der letzten Monate. In letzter Zeit haben wir uns redaktionsintern oft gefragt, ob die schwule Heiraterei abgesehen vom Gleichberechtigungs-Aspekt überhaupt eine erstrebenswerte Sache ist. Diese Diskussion schlägt sich in diesem Heft in einem Kommentar von Paul Schulz nieder – der der unpopulären Ansicht ist, dass die Homo-Ehe eigentlich ein Rückschritt in die Kontrollsphären der Heteronormen ist. Wir freuen uns jetzt schon über Lesermeinungen zu der provokanten Streitschrift. Und nun zu den Themen, die dem Namen dieses Heftes im wörtlichen Sinne Ehre machen: Allen voran sind da unsere Cover-Models Max Riemelt und Hanno Koffler zu nennen. Den einen kennt man durch seine Auftritte in Kinofilmen wie „Die Welle“ oder „Napola“, den anderen als Boller-Homo aus „Sommersturm“ und Hauptfigur im Soldaten-Drama „Nacht vor Augen“. Nun spielen die beiden im Kinofilm „Freier Fall“ zwei Polizisten, deren scheinbar so geordnete Leben aus der Bahn geworfen werden, als sie sich unerwartet ineinander verlieben. MÄNNER hat Hanno und Max für ein exklusives Fotoshooting samt Interview gewonnen und sich davon überzeugen können, dass die beiden nicht nur auf der Leinwand, sondern auch im wahren Leben ein schönes Paar abgeben. Zusätzlich gibt‘s eine Reportage über den wahren Alltag schwuler Polizisten in Deutschland, eine Fotostrecke zum neuen Bildband „Turn on: Boys“ und munteres Seilhüpfen mit Redaktionstrainer Patrick Thomalla. Das sollte reichen, um den Mai auszufüllen. Ab Juni meldet sich von dieser Stelle der neue MÄNNER-Chefredakteur David Berger. Bis dahin grüßen wir ein letztes Mal im Kollektiv als:

Die MÄNNER-Redaktion

JENSEITS DER MAUERN

Paulo (Matila Malliarakis, links) und Ilir (Guillaume Gouix): Die große Liebe

Paulo (Matila Malliarakis, links) und Ilir (Guillaume Gouix): Die große Liebe


MÄNNER präsentiert die GAY-Filmnacht: Die aufregend authentische Liebesgeschichte „Jenseits der Mauern“, das Debütwerk des belgischen Filmemachers David Lambert, ist der wichtigste Homofilm des Frühjahrs. Schon gleich nach seiner Weltpremiere in Cannes im vergangenen Mai wurde er mit „Weekend“ und „Keep the Lights On“ verglichen und die drei herausragenden Filme über schwule Beziehungen zur New Queer Wave ausgerufen. Ein Exklusivinterview über Liebe, Sex und Zeitdruck

Interview: Thomas Abeltshauser

David Lambert, die meisten Erstlingsfilme handeln von Selbsterlebtem der Regisseure, sind stark autobiografisch…

Meiner auch! (lacht) Er ist wirklich persönlich, aber er ist nicht im strengen Sinne autobiografisch. Ich vermische drei Liebesbeziehungen, die ich im Alter zwischen 20 und 30 hatte. Natürlich ist es meine eigene Sichtweise auf die Liebe und was es bedeutet, sie zu verlieren. Es beschreibt im Grunde zwei Seiten einer Medaille. Die erste Hälfte des Films beschreibt, wie sich zwei Menschen begegnen, sie sich verlieben und diese Liebe wächst. Was sie verbindet, wie sie sich immer näher kommen und es schließlich zu einer Vereinigung kommt, einer Art, sagen wir: Alternativhochzeit. Und dann fällt alles auseinander. Die Welt verändert sich und die zwei Männer, die im Stadtzentrum sehr frei ihre Liebe leben konnten, sind plötzlich gar nicht mehr frei. Und Liebe ist nicht mehr möglich, so sehr sie es auch immer wieder versuchen.

Wenn es so sehr auf eigenen Erfahrungen beruht: Wer von den beiden ist dir näher?
Ganz ehrlich: ein bisschen beide. Den ersten Entwurf des Drehbuchs habe ich mit 22 geschrieben, es war wirklich schlecht, ein Desaster. Aber ich hatte 100 Seiten, die man als Drehbuch erkennen konnte. Damals interessierte mich Paulos Perspektive mehr, es war eher ein psychologisches Drama über Gefängnis und Inhaftierung. Es war sehr düster und traurig, ohne jeden Humor. Anfangs identifizierte ich mich nur mit ihm, aber je mehr Gedanken ich mir über Illir machte, ließ ich viel von meiner zweiten längeren Beziehung einfließen. Es war ein langer Prozess. Ich wollte auch lange einen Regisseur dafür suchen, weil ich mich nur als Autor gesehen habe. Schreiben hat mich immer am meisten interessiert. Ich habe mich dann im Laufe der Jahre immer wieder mit Regisseuren getroffen und sie haben mir alle dasselbe gesagt: „Du musst das selbst machen!“ Es war einfach zu intim und persönlich, sie fanden keinen Platz für sich. Aber der Prozess des Schreibens hat sich über so viele Jahre gezogen, dass ich gar nicht genau benennen kann, was davon wirklich ich bin. Ich schreibe wirklich sehr viel, sogar noch während des Drehs.

Was sehr ungewöhnlich ist.  Eigentlich verlangt der Zeitdruck, dass da längst alles klar ist, oder?
Ich hatte zum Glück die Freiheit auf das zu reagieren, was an einem Tag zwischen den Darstellern passierte und bis zum nächsten Morgen Szenen entsprechend umzuschreiben. Wir drehten in chronologischer Reihenfolge, nur so war das überhaupt möglich. Das ist purer Luxus, aber das war von Anfang an meine Bedingung. Und wir haben viel improvisiert, weil ich mich auf meine Schauspieler verlassen konnte. Die Szene mit dem Armdrücken, zum Beispiel. Ich wollte diesen Einfluss der Darsteller. Aber noch mal zum Drehbuch: Ich habe die erste Version damals in Berlin geschrieben. Ich wohnte im Prenzlauer Berg, Lychener Straße 50. Ich lebte zehn Monate in Berlin, mein damaliger Freund saß in Paris im Gefängnis und ich wartete auf ihn, wie im Film. Als er entlassen wurde, trafen wir uns und es war eine Katastrophe.

Sprichst du deutsch?
Ich konnte kein Wort, als ich ankam. Ich lernte dann, was man so braucht. Aber als ich die Stadt nach zehn Monaten wieder verließ, brauchte ich es nie wieder. Und so habe ich das meiste vergessen, leider. Wenn ich mal wieder länger da wäre, würde es sicher zurückkommen.

Als ich den Film in Cannes gesehen habe, hat mich die Art, wie du schwules Leben zeigst, abseits der üblichen Klischees, sehr an „Weekend“ und „Keep the Lights On“ erinnert. Ist das Zufall? Oder ändert sich da gerade etwas?
Ich kann nicht für die anderen sprechen, aber mir war zumindest von Anfang an klar, dass ich nichts über Comingout machen wollte oder wie schwer man es als Schwuler hat. Ich wollte meine Charaktere wie Romeo und Julia, ohne das ganze gay Blabla. Ich wollte etwas Universelles erzählen und zugleich etwas sehr Spezifisches. Es sind nun mal zwei Typen und die haben einen ganz bestimmten Sexdrive und eine ganz bestimmte Art ihre Beziehung zu führen. Auch die Zärtlichkeit zwischen ihnen. Mich hat bei Filmen immer frustriert, dass das Schwulsein immer nur auf zwei Dinge reduziert wurde: eine düstere Sexualität, bei der es auch wirklich nur um Sex ging, ohne Liebe und oder Zuneigung. Oder man sieht den Schwulen als tuntigen, tratschenden und völlig asexuellen Mitbewohner und beste Freund, dessen Hauptcharakterzug und Aufgabe im Film eben das ist: er ist „der Schwule“. Was soll das? Wenn ich beschließe, eine Figur ist hetero, ist das noch lange keine Geschichte. Ich wollte dreidimensionale, glaubwürdige Figuren in einer Liebesgeschichte, weg von all den Klischees.

Warum hat das vorher kaum jemand gemacht?
Ich hatte ein großes Problem bei der Finanzierung des Films. Mir wurde immer wieder gesagt: „Wir sehen doch jede Woche schwule Figuren irgendwo im Fernsehen, das ist nicht interessant.“ Und ich fragte zurück, wann sie das letzte Mal einen Spielfilm mit zwei Männern gesehen haben, die sich lieben und leiden und eine ernstzunehmende Beziehung haben. Und dann wurde immer „Brokeback Mountain“ genannt. Der ist acht Jahre her! Und es war ein amerikanischer Film und er spielte in der Vergangenheit. Man sieht einfach keine Geschichten über gleichgeschlechtliche Beziehungen im europäischen Kino! Und jetzt kommt von manchen Journalisten die Frage, ob ich als Debütfilmer keine Angst habe, mit diesem Film in ein Ghetto gesteckt zu werden. Was für eine bescheuerte Frage!

Wie sind die Reaktionen jetzt, nachdem der Film fertig ist?
Viele Leute lieben den Film, weil es eine Liebesgeschichte ist, die Gendergrenzen überschreitet. Irgendwann vergessen die Zuschauer, dass es zwei Typen sind. Mir sagten etliche Heteromänner, dass sie nicht dachten, dass zwei Männer so eine intensive, komplexe Beziehung haben könnten. Sie dachten, da ginge es nur um Sex. Schön, wenn ich da zur Aufklärung beitragen kann.

Alle Orte und Termine für die Gay-Filmnacht: http://www.gay-filmnacht.de/

SPORTLICH: MÄNNER IM MÄRZ

Liebe Leser,

Wenn im Büro um 19.00 Uhr so langsam die Lichter ausgehen, ist es oft so: Die Chefredaktion sagt „Ich geh noch was trinken/essen/angucken. Will jemand mit?“ Dann gibt es immer mindestens einen Kollegen, der antwortet: „Ich kann nicht, ich muss noch ins Fitnessstudio.“ Die obligatorischen Gegenfragen: „Musst du oder willst du? Und warum eigentlich?“ Lustigerweise fallen Vielen darauf spontan keine Antworten ein.
Für die Redaktion Grund genug, nach welchen zu suchen. Schließlich stellen sich die meisten schwulen Männer in Bezug auf ihre Körper dieselben Fragen: Bin ich zu dick? Zu dünn? Nicht muskulös genug? Zu muskulös? Zu alt? Zu jung? Oder vielleicht doch genau richtig? Jeder von uns hat sich solche Fragen schon mal gestellt. Weil wir als schwule Männer über nichts so sehr definiert werden wie über unseren Körper und das, was wir damit anstellen.
Deswegen dachten wir MÄNNER: Es ist Zeit für ein Sport-Special. Einzige Bedingung war, dass es unverkrampft sein sollte. Wir wollten keine Druckszenarien aufbauen, Normen abfeiern oder Fitnessdiktate verordnen, sondern einfach nur Lust auf ein gutes Körpergefühl machen. Für diesen Ansatz ist unser Titelheld Davey Wavey genau der richtige Repräsentant. In den letzten Jahren hat der Amerikaner eine kometenhaften Karriere als Fitness- und Lebensberater gemacht. Weil er Tausenden Menschen jeden Tag im Internet zeigt, dass ein schöner Körper glücklich macht, ohne dabei vorzugeben, dass seine eigene imposante Statur die „richtige“ ist. Ähnlich entspannt ist auch unser neuer Fitnesstrainer Patrick Thomalla. Patrick weiß, dass bei Jedem irgendwas geht. Und er will anderen dabei helfen, ihre persönlichen Ziele zu verwirklichen. Mit einem Trainingsplan für Zuhause und einer einfachen aber wirksamen Diät gibt er erste Anregungen. Unser Autor Timo Gerling macht sich auf vier Seiten Gedanken darüber, ob der männliche Körper eine Waffe ist und wenn ja, gegen wen sie sich richtet.
Nirgends spielt unser Körper eine so entscheidende Rolle wie beim Sex. An ihm leitet sich ab, was wir gern haben und mit wem das geht. Die vier Paare, die wir direkt nach dem Sex befragt haben, stellen ganz unterschiedliche Dinge an ganz unterschiedlichen Orten an, haben aber alle eine gemeinsame Vorliebe: Nippelplay.
Natürlich sind unsere Körper auch politisch: Krsto Lazarevic beschäftigt sich in einer großen Reportage zum Thema Asyl damit, wie schwer es schwulen Flüchtlingen gemacht wird, ihre Homosexualität auf den Ämtern zu beweisen. Gregor Gysi hingegen berichtet im MÄNNER-Interview darüber, wie er schon im Elternhaus gelernt hat, Homos zu akzeptieren. Filmemacher Gregor Schmidlinger und Musiker John Grant wollen derweil beide ein neues Verhältnis zu ihrer Sexualität aufbauen. Schmidlinger macht ein Jahr Pornopause und Grant versucht, seine HIV-Infektion in ein neues Körpergefühl einzubeziehen. Ein Thema, zahllose Facetten. Dieses Heft beweist, dass unser Körper weit mehr ist als eine leibliche Hülle – auch wenn Papst Benedikt gerade versucht, uns das Gegenteil zu beweisen. Aber die Schwulen waren mit Benedetto ja sowieso selten einer Meinung. Auch darum geht‘s in diesem Heft. Es ist also ein guter Grund, mal einen Abend Fitnessstudio zu schwänzen.

Viel Spaß beim Lesen wünscht:

Die MÄNNER-Redaktion

YOSSI IST ZURÜCK!

Yossi auf der Pirsch (Bild: pro-fun)

Yossi auf der Pirsch (Bild: pro-fun)

Vor zehn Jahren wurde Yossi & Jagger zu einem frühen Klassiker des neuen schwulen Films. Jetzt widmet Regisseur Eytan Fox sich seinem damaligen Protagonisten ein zweites Mal. Ein Interview mit Mr. Fox übers Älterwerden und die veränderte gesellschaftspolitische Lage in Israel

Der in New York geborene Eytan Fox gehört mit Filmen wie Walk on Water oder The Bubble zu den erfolgreichsten Regisseuren Israels – und ohne Frage zu den bekanntesten schwulen Filmemachern der Welt. Seit den frühen 90ern widmet er sich in jeder seiner Arbeiten queeren Charakteren und hat auch jenseits des Kinos immer für LGBTQ-Rechte in Israel gekämpft. Mit seinem Lebensgefährten Gal Uchovsky, einem Journalisten und Produzenten, der in der Jury von Israel sucht den Superstar sitzt, führt Fox die wohl prominenteste schwule Beziehung des Landes. Mit Yossi legt er seine erste Kinoproduktion seit sechs Jahren vor.

Mr. Fox, zehn Jahre nach Yossi & Jagger kehren Sie nun zum Überlebenden der beiden Männer zurück. Wann und warum kam Ihnen dazu die Idee?

Ich war gerade zwischen zwei Projekten. Deswegen suchte ich etwas, mit dem ich mich in der Zwischenzeit beschäftigen konnte. Etwas Kleines, mit dem ich ein persönliches Statement abgeben und mich mit meinen eigenen Gefühlen beschäftigen konnte. Yossi & Jagger war damals so ein Film, der noch dazu eine entscheidende Rolle in meinem Leben und meiner Karriere gespielt hat. Schon vor zehn Jahren haben mich Zuschauer gefragt, wie Yossis Leben meiner Meinung nach weitergeht. Diese Frage hatte mich nie ganz losgelassen.

Zehn Jahre lang?
Mal mehr, mal weniger intensiv. Ich wurde älter, und natürlich veränderte sich vieles in meinem Leben. Mit dem Hauptdarsteller Ohad Knoller, der auch in The Bubble mitspielte, blieb ich all die Jahre in Kontakt. Wir sprachen oft übers Älterwerden und was das für uns bedeutet. Viele Erfahrungen und Schwierigkeiten deckten sich. Irgendwann war ich mir sicher, dass es funktionieren würde, all diese Gefühle und Konflikte auf diese Filmfigur zu übertragen, zu der wir beide so einen engen Bezug hatten. Die Idee passte auch zu der Art, wie ich in all meinen Filmen erzähle: nämlich gesellschaftspolitische Entwicklungen unseres Landes und der ganzen Welt mit ganz spezifischen Personen zu verknüpfen.

Präzisieren Sie das doch mal am Beispiel von Yossi …

Ich wollte wissen, wie es unser schwuler Protagonist erlebt, dass Israel sich verändert, in vielen Dingen progressiver und liberaler wird. Oder wie eben nicht, weil er feststeckt in seiner Trauer und dem Verstecken seiner wahren Identität. Zumindest zu Beginn des Films lebt er ja noch in der Welt, in der er aufgewachsen ist, obwohl es die de facto gar nicht mehr gibt. Man staunt ein wenig, wie schwer es ihm fällt, zu sich selbst zu stehen.
Ich glaube, dass es für viele Männer seiner und meiner Generation ungewohnt ist, sich diesen Veränderungen anzupassen. Israel war lange eine sehr konservative, patriarchalische Macho-Gesellschaft – und ist es in manchen Bereichen heute noch. In dieser Welt, in der ich aufgewachsen bin, gab es das nicht, dass man schwul war. Es war keine Option. Auch Yossi hat das verinnerlicht.

Für die neue Generation steht im Film der von Oz Zehavi gespielte junge Soldat Tom. Wie selbstverständlich der seine Homosexualität inmitten seiner Armee-Kameraden auslebt, ist überraschend.
Dieses kleine, verrückte Land hat sich wirklich auf verblüffende Weise verändert. Wenn etwas passiert, dann schnell. Die „schwule Revolution“ nahm ihren Anfang in den 80ern, doch spätestens zehn Jahre später explodierte sie. Inzwischen sind Schwule überall. Natürlich ist es naiv zu sagen, dass wir überall geliebt werden. Aber zumindest in der Blase Tel Aviv ist es so. Man sieht Schwule im Fernsehen, im Kino, im Pop-Business. Mittlerweile hat man fast das Gefühl, dass wirklich alle israelischen Rock- und Popstars offen schwul sind. Die breite Akzeptanz, auf die das trifft – auch im Militär – hat viel damit zu tun, dass eben auch Heterosexuelle keine Lust mehr haben auf das strenge, beengende und spaßbefreite Männerbild, das die israelische Gesellschaft so lange prägte.

Schwule Protagonisten kommen in allen Ihren Filmen vor. Haben Sie das Gefühl, damit als Regisseur in einer Nische festzustecken?
Immer wieder werde ich gefragt, ob ich nicht mal einen Film ohne Schwule drehen wolle. Was für eine alberne Frage. Heterosexuelle Filmemacher fragt doch auch keiner, ob sie nicht mal Geschichten ohne Heteros inszenieren könnten. Ich hatte auch nie das Gefühl, nur eine Nische zu bedienen. Glücklicherweise ist es fast allen meinen Filmen gelungen, über den schwulen Markt hinaus ihr Publikum zu finden.

Inzwischen ist ein weiterer Film fertig. Was erwartet uns?
Eine romantische Komödie. Als ich neulich einer Freundin die Rohfassung zeigte, konnte sie kaum glauben, dass der Regisseur von Yossi der gleiche sein soll wie von diesem Feel-Good-Movie. Die Geschichte handelt von einer Gruppe von Nachbarn, die eine Band gründen und davon träumen, mit ihr für Israel beim Eurovision Song Contest anzutreten. Obwohl sie weder singen noch tanzen können.

Womit sich die Frage nach dem Homo-Bezug schon erübrigt hat, oder?
(lacht) Der Protagonist ist ein schwuler Kindergärtner, dessen Arbeitsplatz ein einziger Eurovision-Schrein ist. Mit den Kids singt er die ganze Zeit nur Grand-Prix-Schlager …

Klingt, als würde Sie auch mit diesem Thema etwas Persönliches verbinden.

Oh ja, meine erste semi-homosexuelle Erfahrung! Ich war 1979 persönlich beim Grand Prix, als 14-jähriger Schüler, der für eine Kindersendung im Fernsehen berichtete. Hinter der Bühne flirtete einer der Sänger der deutschen Band Dschingis Khan heftig mit mir und lud mich und meinen Freund sogar in sein Hotelzimmer ein. Natürlich habe ich mich darauf nicht eingelassen, aber sein Interesse erregte mich unglaublich. Spätestens dadurch wurde mir klar, wie sich sexuelle Spannung anfühlt – und dass ich die in meinem Leben wohl vermutlich mit Männern erleben würde. Interview: Patrick Heidmann

JETZT IM KINO

FILMREIF: MÄNNER IM FEBRUAR

Liebe Leser,

Wir MÄNNER fühlen uns im Februar ein bisschen alt. Das kommt davon, wenn man sich einen Monat lang nur mit ersten Malen beschäftigt und dabei selber über 30 ist.
Dem ersten Mal von Duncan James zum Beispiel, dem schönsten Viertel der Boygroup Blue. Dessen erstes Mal mit einem Mann war so unglaublich lustig, desperat und schön, dass man es nicht erfinden könnte. Wir wollten alles wissen: welcher Film lief dabei, wie kam es dazu, was passierte danach und war es schön? Wem hat er davon erzählt und wer weiß es bis heute nicht? Duncan gab in seinem ersten und einzigen Solointerview in Deutschland, einem der offensten in der Geschichte dieses Magazins, bereitwillig Auskunft und war dabei entspannt, fröhlich und gutaussehend. Deswegen ist er auf unserem Titel gelandet.
Dort findet man auch das große Thema dieses Heftes: Malte Göbel beantwortet auf zwölf Seiten die Frage, wie man erfolgreich älter wird. Dabei hat er auch herausgefunden, wie man damit klarkommt, dass einen ab einem bestimmten Alter wahrscheinlich nur noch jüngere Männer auf den ersten Blick interessieren, und wie aus so einer ersten Attraktion eine dauerhafte Beziehung werden kann. Illustriert haben wir das Ganze mit den schönsten jungen Männern, die wir finden konnten: den Stars von Bel Ami, die Fotograf Robo Melo zum ersten Mal hinter den Kulissen abgelichtet hat.  Auch Göbel hat zum ersten Mal für MÄNNER geschrieben und wird das in Zukunft sicher öfter tun.
Ob die CDU/CSU eine Zukunft als Wahlalternative für Schwule bei der Bundestagswahl 2013  hat, beantworten wir im ersten Teil einer Serie, in der wir in den nächsten Monaten die Homopolitik aller Parteien beleuchten werden. Alexander Vogt, Vorsitzender der Lesben und Schwulen in der Union, glaubt, das brüskierende Verhalten der Kanzlerin gegenüber Schwulen und Lesben im letzten Jahr sei nur Taktik, wir sind uns da nicht so sicher.
Ob alle die 13 talentierten und überaus erfolgreichen Schauspieler kennen, die Filmexperte Patrick Heidmann für uns zusammengetragen hat, wissen wir nicht. Vielleicht seht ihr einige ja zum ersten Mal. Was wir wissen, ist, dass sie jeder kennen sollte. Auch weil sie schwul sind, aber vor allem, weil sie zur ersten Garde ihres Fachs gehören und so jeden Tag aufs Neue beweise: Als Mann ganz offen Männer lieben und Erfolg in Hollywood, das geht heute problemlos beides.
Wer dann noch nicht genug vom Thema Film hat, kann Thomas Abeltshausers Berlinale-Ausblick lesen oder sich von Panorama-Chef Wieland Speck erklären lassen, wo seine Sektion des einzigen A-Festivals in Deutschland so überall ihre Finger drin hat.
Zum ersten Mal seit vielen Jahren ist auch Mr. Benson wieder erhältlich, der vielleicht beste schwule SM-Roman aller Zeiten. Dessen Autor John Preston starb 1994 an den Folgen von Aids und hatte bis dahin Zeit seines Lebens darauf bestanden, dass sich gute Literatur und das Schreiben über Sexualität nicht ausschließen. Mr. Benson ist der Beweis für seine These.
Und dann ist da noch unser Interview mit der schlauesten Band Deutschlands: Die Nerd-Rocker von Tocotronic haben uns in einem vergnüglichen Gespräch erklärt, warum Ingrid Caven, die Filme von Rosa von Praunheim, Camp und andere Selbstverständlichkeiten des schwulen Lebens für sie als heterosexuelle Künstler ganz normale Referenzpunkte sind.

Viel Spaß bei Lesen, Mitdenken, Mitfühlen und dabei unaufgeregt Älter werden wünscht

Die MÄNNER-Redaktion





Jetzt Abonnieren!


Home

  • IMPRESSUM

  • Bruno Gmünder Verlag

    Bruno's

    M+

    Spartacus World

    Feed