Archiv der Artikel die mit Kritik getagged sind.

DICKE MÄDCHEN WEINEN NICHT

Zwei Pfundskerle, wie man sie nicht allzu oft in schwulen Liebesfilmen sieht: Heiko Pinkowski (r.) und Peter Trabner (Bild: Missingfilms)

Zwei Pfundskerle, wie man sie nicht allzu oft in schwulen Liebesfilmen sieht: Heiko Pinkowski (r.) und Peter Trabner (Bild: Missingfilms)

Axel Ranisch hat für 517 Euro einen zauberhaften Film über eine Männerliebe gedreht – im Wohnzimmer seiner Oma

Für eine Weile geht man davon aus, dass im Mittelpunkt von Axel Ranischs Dicke Mädchen die demente Edeltraut (Ruth Bickelhaupt) steht, die so gern tanzt und morgens beim Waschen „Alle meine Kleider“ singt. Doch das eigentliche Zentrum des Films ist ihr Sohn Sven (Heiko Pinkowski, zurzeit auch in Puppe, icke und der Dicke zu sehen), ein unauffälliger, nicht mal mehr vollschlanker Banker, der sich mit seiner Mutter das Bett teilt und sich manchmal nackt im Wohnzimmer zu klassischer Musik verausgabt. Und dann ist da noch der verheiratete Familienvater Daniel (Peter Trabner), für den sich Sven nicht nur interessiert, weil er Edeltrauts Pfleger ist. Dass Gelegenheitsschauspieler Ranisch (Ruhm) seinen Diplomfilm für gerade einmal 517 Euro im Wohnzimmer seiner Darstellerin und eigenen Oma gedreht hat, ist nicht zu übersehen. Die kleine DV-Kamera hätte der Student und Schützling von Rosa von Praunheim trotzdem ein wenig ruhiger halten können. Aber wir wollen mal nicht meckern. Denn dem unaufgeregten Charme von Dicke Mädchen kann man sich kaum entziehen. Dass die Beziehung der beiden Männer stets diffus bleibt, ihr Verhalten nicht immer nachvollziehbar ist und die improvisierten Dialoge oft merkwürdig sind, ist beabsichtigt. Genauso wie der Titel ganz bewusst rätselhaft-unpassend, aber eben doch zauberhaft stimmig ist. (heid)

Filmstart: 15. November

http://dickemaedchen.com/

Der halbe Monty

Die Stripper-Truppe in Magic Mike bei der Arbeit (Bild Concorde Film)

Die Stripper-Truppe in Magic Mike bei der Arbeit (Bild Concorde Film)

Heute kommt Magic Mike in die deutschen Kinos. Paul Schulz hat das Stripper-Epos von Oscar Preisträger Steven Soderbergh schon gesehen und sagt, was Sache ist. Mehr in unserer aktuellen Ausgabe

Nun kommt er also endlich auch in die deutschen Kinos, der Film auf den – glaubt man der Promotion – große Teile der deutschen weiblichen und schwulen Bevölkerung seit Monaten gewartet haben: Magic Mike, der Soderbergh Stripper Film.
Der erzählt eine sehr einfach Geschichte über drei Männer. Als da wären: Der 19jährigen Naivling Adam (Alex Pettyfer), der glaubt, er könnte reich und damit auch gesellschaftlich akzeptiert werden, indem er sich für übergewichtige Hausfrauen auszieht. Mike (Channing Tatum), der 30jährige Stripper/Bauarbeiter/Möbeldesigner, der glaubt, er könnte irgendwann doch noch Anteilseigner des Xcelsior werden, dem Club  in dem er die letzten zehn Jahre elegant hat die Hosen fallen lassen. Und Dallas (Matthew McConaughey), den 42jährigen Chef des Clubs, der glaubt, er könnte alle um ihn herum benutzen und dabei jede Menge Spaß haben. Als hübsches Beiwerk dabei: der offen schwule Matt Bomer als heterosexueller Ehemann und Joe Manganiello aus True Blood, als der größte Schwanz in Dallas‘ Stall.
Da der Film teilweise auf den Jugenderinnerungen von Star Tatum basiert und er ihn auch produziert hat, können alle Beteiligten so tun, als wäre er die nackte Wahrheit. So weit, so gut, weil: Magic Mike liefert auf fast allen Ebenen, das, was er verspricht. Es dauert kaum fünf Minuten bis Tatums nackter Hintern zum ersten Mal leinwandfüllend zu sehen ist, die Strippernummern sind ironisch humorvoll gedreht und tragen sogar zweimal, nämlich bei der ersten und bei der letzten, zum Plot bei. Und das Sozialdrama, das Soderbergh um die Körper seiner Hauptdarsteller herum inszeniert hat, stört nicht allzu sehr. Aber ab und zu eben doch.
Als amerikanischer Film über die Sexindustrie konnte Magic Mike wahrscheinlich gar nicht anders, als seine Charaktere als soziale, etwas dämliche Loser zu inszenieren, die ihre Haut eine Weile direkt und erfolgreich zu Markte tragen, ist damit aber von einem  entspannten Umgang mit seinem Thema meilenweit entfernt. Das sich Männer hier ausziehen, ist ein gewollter Skandal, den Autor und Regisseur benutzen, um ihren Film zu vermarkten. Was nicht so schlimm wäre, würden sie nicht parallel die Behauptung aufzustellen, wer das tut, verliert früher oder später alles, weil er vor lauter Drogen, Cash und ihn benutzenden Frauen nicht in die Normalität zurückfindet. Das ist Schwachsinn. Kann aber wegen der damit verbundenen Schauwerte schon mal gemacht werden. Auch, weil Soderbergh ein oder zwei wirklich hübsche Gags eingebaut hat (in einem kommt eine Vakuumpumpe vor, mehr wird nicht verraten), die andeuten, wie lustig Magic Mike hätte werden können, wenn sich Star und Regisseur von der Leine gelassen und nicht auf ein Massenpublikum geschielt hätten. Das hat den Film in den USA schon zum finanziell einträglichsten Film des Sommers gemacht. Teil Zwei der „Von einem der auszog sich auszuziehen“-Saga ist schon in Arbeit, so hört man. Vielleicht traut sich dann einer der Herren und zeigt uns auch seine nackte Vorderseite oder der Drehbuchautor schreibt eine Figur, die sich nicht damit quält, schön und begehrt zu sein. Das wäre dann mal wirklich gewagt. Bis dahin gilt: Wer den halben Monty einer ganzen Reihe hübscher Hollywoodstars sehen will, ist mit dem ersten Teil bestens bedient.

PUCK ERWACHT

Unser Buch der Woche: Die große Nacht von Chris Adrien aus San Fransisco: sinnlich, magisch und verspielt

Der englische Guardian findet, Chris Adrian sei „der beste Autor, von dem Sie noch nie gehört haben“. Der so gelobte ist außerdem Arzt in San Fransisco und schwul. Was man seinem ersten ins Deutsche übersetzten Roman auch anmerkt. Die große Nacht ist eine schöne Mischung aus Shakespeare, Fantasy-Epos und Meditation über den Tod an und für sich. Handlung: Ein Kind stirbt, an Leukämie. Seine Eltern sind unsterblich und heißen Titania und Oberon. Das Herrscherpaar des Elfenreiches aus dem Sommernachtstraum trennt sich, nachdem ihr Sohn begraben ist, was Titania sehr verärgert. Denn nun ist sie gezwungen, Puck aus seinem tausendjährigen Schlaf zu wecken, damit die beiden es noch rechtzeitig schaffen, die große Nacht vorzubereiten, das jährliche Fest der Elfen. Mittendrin drei Menschen mit gebrochenem Herzen: Molly, Will und Henry, alle irgendwie ineinander verliebt, aber nicht in der Lage, dem Ausdruck zu verleihen. Adrians Elfen sind seelenlose, kalte Wesen; seine Menschen leiden. Dass einen Die große Nacht trotzdem glücklich machen kann, liegt an der Sprachwucht des Autors, der mit soviel Verve schreibt, wie andere Leute kochen und keine Angst vor großen Gefühlen hat, weil er sie literarisch wirklich meistert. (pasch)

Die Große Nacht, Rowohlt, 448 Seiten, 14,95 Euro

Stepmommie Dearest

Charlize Theron als böse Stiefmutter in Snow White and the Huntsman

Charlize Theron als böse Stiefmutter in Snow White and the Huntsman

Gleich zwei Schneewittchen gab es in den letzten drei Monaten in den deutschen Kinos an, heute läuft Snow White And The Huntsman an: mit Armie Hammer und Chris Hemsworth als Objekt der Begierde sowie Julia Roberts und Charlize Theron als bösen Königinnen. Was sie unterscheidet, wie schwul Schneewittchen wirklich ist und was Siegmund Freud zum Thema zu sagen hätte, untersucht MÄNNER

TEXT: MANUEL SIMBÜRGER

Schwule lieben Schneewittchen. Behaupte ich einfach mal. Denn Parallelen gibt’s genug. „Spieglein, Spieglein“ an der Wand“, fragt sich nicht nur die böse Schwiegermutter, heute würde man wohl MILF zu ihr sagen („Mom I’d Like for Fun“), sondern ist auch die gängige Frage in Gyms, Clubs und Datingportalen. (Wer hat die meisten Muskeln und Tapsen?) Zwar könnten Spieglein Spieglein. Die wirklich wahre Geschichte von Schneewittchen und Snow White and the Huntsman unterschiedlicher in der Überlieferung des Stoffes nicht sein. Aber sie haben eins gemeinsam: So modern war Schneewittchen noch nie. Und so sexy.
Auch wenn die Grundelemente des Märchens beibehalten werden, gibt’s doch einige entscheidende Neuinterpretationen: In Spieglein Spieglein steckt die in die Jahre kommende Queen Clementianna (Julia Roberts) in finanziellen Nöten und hat deshalb ein Auge auf den reichen Prinz Andre Aclott von Valencia geworfen: Armie Hammer. Blöd nur, dass der auf ihre Stieftochter Schneewittchen steht, die noch dazu um einiges schöner ist als sie selbst. Was tun? Schneewittchen wird in den Wald geschickt, wo ein Ungeheuer sie töten soll. Doch sie wird von einer Bande Klein-Krimineller (aka Die Sieben Zwerge) gerettet, die sie fortan zu einer mutigen jungen Girlpower-Frau erziehen, die nur eines will: Ihr Königreich und den sexy Prinzen zurückzuerobern. In Szene gesetzt wurde die Neuinterpretation von Regisseur Tarsem Singh (The Cell). „Ich wollte keinen Film machen, der edgy ist, sondern bei dem die ganze Familie ihren Spaß hat“, so Singh im Vorfeld. Was er auch getan hat: Spieglein Spieglein ist eine romantische, quietschvergnügte Familienkomödie geworden. Ob das super oder schnarchig ist, muss jeder selbst entscheiden. Fakt ist: Die Bilder sind leuchtend bunt wie ein Regenbogen, die Kostüme opulent wie beim Life Ball, der Cast durch die Bank attraktiv wie bei Queer as Folk, die Story witzig und erfrischend wie bei Modern Family. So bunt, lustig und harmlos Spieglein Spieglein, so düster, actionreich und blutig kommt Snow White and the Huntsman daher: Bilder von Krieg und Verwüstung deuten auf ein Reich hin, das von einer Königin regiert wird (genial: Charlize Theron), die sich von Seelen und Herzen ernährt, in Milch badet und Spiegel zerspringen lässt. Das Herz der Stieftochter Schneewittchen (Twilight-Star Kristen Stewart) soll ihr zu ewigem Leben verhelfen – also wird Jäger Eric alias MÄNNER-Covermodel Chris Hemsworth beauftragt, sie zu töten. Dieser allerdings entwickelt sich zu Schneewittchens Mentor und bildet sie zur Kampfmaschine aus. Gemeinsam und mit Unterstützung der acht (!) Zwerge sowie einem feschen Prinzen ziehen sie in die alles entscheidende Schlacht gegen die Königin.Ganz offensichtlich: Snow White verabschiedet sich von Maintream- Märchenverfilmungen, nimmt sich Herr der Ringe zum Vorbild und verbindet Märchen mit Action. Hinter den Kulissen sind die Produzenten von Alice im Wunderland und The Sixth Sense am Werk. Für welchen Film – RomCom oder Fantasy-Epos – man sich entscheidet, ist Geschmackssache. Beide lassen keinen Zweifel daran, dass das Mädel-mit-der-Vorliebe-für-Äpfel zurzeit gefragt ist wie lange nicht. Und nie zuvor präsentierte sich Schneewittchen derart als Gay Icon, dass sogar Britney, Gaga und Kylie um ihren Thron fürchten müssen. Endlich darf sie der Schwiegermutter-Bitch kräftig aufs Maul hauen, Jungs in die Eier treten und diese gezielt für ihre Zwecke einsetzen. Während Lily Collins’ Schneewittchen stets aussieht, als ob sie der Vogue entsprungen sei, ist Stewart in ihrer Kampfausrüstung eher an Cross- Dressing als an Make-up interessiert. Sowohl Spieglein Spieglein als auch Snow White stellt die Frauenfiguren in den Mittelpunkt, womit auch der bösen Schwiegermama eine große Rolle zuteil wird. Theron verleiht der machthungrigen Königin den nötigen angsteinflößenden Glanz und düsteren Glamour, Roberts als eher verunsicherte denn böse Königin stellt ihr viel zu selten gezeigtes komödiantisches Talent unter Beweis. Hier sind zwei Frauen, die ganz im modernen MILF- und Cougar-Dunst jungen Männern nachjagen und im vom Narzissmus zerfressenen Jugendwahn vom Spiegel (in Spieglein Spieglein ironischerweise die eigene innere Stimme) wissen wollen, wer die Schönste sei. Natürlich fehlt’s den beiden Märchenfilmen auch an sexy Männern nicht. Armie Hammer vögelt zwar keinen mit den Augen durch, wie er es mit Leo Di Caprio in J.Edgar so unvergleichlich tut, ist aber als vertrottelter Prince Charming herzallerliebst. Chris Hemsworth als Jäger sowie die acht Testosteron-Zwerge Marke Raging Stallions vertreten in Snow White eher die Muskelbären Fraktion. Wie sieht’s ansonsten mit Sex aus? Spärlich. Siegmund Freud, der Vater der Psychoanalyse, hätte an ihnen vermutlich trotzdem seine Freude. Er würde bei Schneewittchen einen Elektra-Komplex erkennen, einen mit einer sadistischen Triebkomponente gepaarten Sexualneid bei der Königin und eine nekrophile Neigung beim Prinzen, der am Ende das für tot erklärte Schneewittchen küsst. Besonders schlecht kämen bei Freud die Zwerge weg: Obwohl Schneewittchen sichtlich geil ist – schließlich legt sie sich in jedes einzelne Zwergenbett –, gehen die Männlein ihr aufgrund ihrer Minderwertigkeitskomplexe nicht an die Wäsche, sondern lassen sie lieber die Hausarbeit erledigen. (Sind sie vielleicht schwul und brauchen dringend eine kompetente Putzkraft?) Wenn die Zwerge Schneewittchen in einem gläsernen Sag aufbahren, würde Freud darin eine exhibitionistische Triebkomponente zum Vorschein kommen sehen. Kein Wunder, dass die Guten im Wald hinter Büschen und Bäumen leben! 2012 wird also das Jahr des Schneewittchens. Filme wie Red Riding Hood oder The Dark Knight Rises haben eindrucksvoll bewiesen, dass altbekannte Stoffe in modernem und vor allem sexy Gewand Publikumsmagneten sind – also hält man am Erfolgsrezept fest. Dieses Jahr wimmelt es nicht nur von Fortsetzungen (u. a. Enchanted 2, Underworld 4), es wird auch gekonnt mit Neu Interpretationen alter Geschichten gespielt, zum Beispiel in Abraham Lincoln – Vampire Hunter. Und wenn wir schon bei Vampiren sind: Twilight, aber auch Harry Potter haben gezeigt, dass Stoffe, die eigentlich für Kinder und Teenies gedacht sind, Erwachsene genauso begeistern. Und das freut nicht nur die böse Schwiegermutter.

Tomboy

Céline Sciammas leichte Sommerkomödie über einen kleinen Jungen, der keiner ist, war der TEDDY-Gewinner 2012,  ist jetzt schon ein Publikumshit in Frankreich und ab heute auch bei uns ein großes Vergnügen für große und kleine Jungen

Zoé Héran als Laure - und Michael (Foto Alamode Film)

Zoé Héran als Laure - und Michael (Foto Alamode Film)

Michael ist ein ganz normaler Junge. Er guckt gern beim Fußball zu, flirtet unbewusst ein bisschen mit Mädchen und trägt gern Sportklamotten. Bis ihn seine Mutter in ein Kleid zwingt und zu den Nachbarn schleppt, um sich für das kerlige Verhalten ihrer Tochter Laure, wie sie Michael nennt, zu entschuldigen. Céline Sciammas zweite Regiearbeit nach Water Lilies ist ein fantastischer kleiner Film, über die große Geschlechterfrage: Bin ich, was mein Körper sagt, oder was ich sage? Zart, berührend, amüsant und eine Sommerkomödie, die sich in ihrem Herkunftsland Frankreich gerade straff auf die 1 Million Zuschauer-Marke zubewegt. Ob deutsche Zuschauer auch soviel Geschmack haben? Es wäre Tomboy zu wünschen. Ab heute im Kino.






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