SPORTLICH: MÄNNER IM MÄRZ
Liebe Leser,
Wenn im Büro um 19.00 Uhr so langsam die Lichter ausgehen, ist es oft so: Die Chefredaktion sagt „Ich geh noch was trinken/essen/angucken. Will jemand mit?“ Dann gibt es immer mindestens einen Kollegen, der antwortet: „Ich kann nicht, ich muss noch ins Fitnessstudio.“ Die obligatorischen Gegenfragen: „Musst du oder willst du? Und warum eigentlich?“ Lustigerweise fallen Vielen darauf spontan keine Antworten ein.
Für die Redaktion Grund genug, nach welchen zu suchen. Schließlich stellen sich die meisten schwulen Männer in Bezug auf ihre Körper dieselben Fragen: Bin ich zu dick? Zu dünn? Nicht muskulös genug? Zu muskulös? Zu alt? Zu jung? Oder vielleicht doch genau richtig? Jeder von uns hat sich solche Fragen schon mal gestellt. Weil wir als schwule Männer über nichts so sehr definiert werden wie über unseren Körper und das, was wir damit anstellen.
Deswegen dachten wir MÄNNER: Es ist Zeit für ein Sport-Special. Einzige Bedingung war, dass es unverkrampft sein sollte. Wir wollten keine Druckszenarien aufbauen, Normen abfeiern oder Fitnessdiktate verordnen, sondern einfach nur Lust auf ein gutes Körpergefühl machen. Für diesen Ansatz ist unser Titelheld Davey Wavey genau der richtige Repräsentant. In den letzten Jahren hat der Amerikaner eine kometenhaften Karriere als Fitness- und Lebensberater gemacht. Weil er Tausenden Menschen jeden Tag im Internet zeigt, dass ein schöner Körper glücklich macht, ohne dabei vorzugeben, dass seine eigene imposante Statur die „richtige“ ist. Ähnlich entspannt ist auch unser neuer Fitnesstrainer Patrick Thomalla. Patrick weiß, dass bei Jedem irgendwas geht. Und er will anderen dabei helfen, ihre persönlichen Ziele zu verwirklichen. Mit einem Trainingsplan für Zuhause und einer einfachen aber wirksamen Diät gibt er erste Anregungen. Unser Autor Timo Gerling macht sich auf vier Seiten Gedanken darüber, ob der männliche Körper eine Waffe ist und wenn ja, gegen wen sie sich richtet.
Nirgends spielt unser Körper eine so entscheidende Rolle wie beim Sex. An ihm leitet sich ab, was wir gern haben und mit wem das geht. Die vier Paare, die wir direkt nach dem Sex befragt haben, stellen ganz unterschiedliche Dinge an ganz unterschiedlichen Orten an, haben aber alle eine gemeinsame Vorliebe: Nippelplay.
Natürlich sind unsere Körper auch politisch: Krsto Lazarevic beschäftigt sich in einer großen Reportage zum Thema Asyl damit, wie schwer es schwulen Flüchtlingen gemacht wird, ihre Homosexualität auf den Ämtern zu beweisen. Gregor Gysi hingegen berichtet im MÄNNER-Interview darüber, wie er schon im Elternhaus gelernt hat, Homos zu akzeptieren. Filmemacher Gregor Schmidlinger und Musiker John Grant wollen derweil beide ein neues Verhältnis zu ihrer Sexualität aufbauen. Schmidlinger macht ein Jahr Pornopause und Grant versucht, seine HIV-Infektion in ein neues Körpergefühl einzubeziehen. Ein Thema, zahllose Facetten. Dieses Heft beweist, dass unser Körper weit mehr ist als eine leibliche Hülle – auch wenn Papst Benedikt gerade versucht, uns das Gegenteil zu beweisen. Aber die Schwulen waren mit Benedetto ja sowieso selten einer Meinung. Auch darum geht‘s in diesem Heft. Es ist also ein guter Grund, mal einen Abend Fitnessstudio zu schwänzen.
Viel Spaß beim Lesen wünscht:
Die MÄNNER-Redaktion
POSITIVE NEUIGKEITEN: MÄNNER 12
Flipbook
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Lieber Leser,
Jüngst erschien in den USA – in der renommierten Harvard University Press – ein dickes Buch mit dem Titel How to Be Gay. Darin untersucht der Autor und Professor David Halperin, was es heißt, schwul zu sein, was schwules Empfinden besonders macht und warum Schwule bestimmte Dinge – wie z. B. die Golden Girls – so schätzen. Nach über 500 Seiten Analyse kommt Halperin zu der knapp formulierten Schlussfolgerung: „Sometimes I think homosexuality is wasted on gay people.“ (Muss ich das übersetzen? Ich machs mal: “Manchmal glaube ich, Homosexualität ist an mich vergeudet!”) Ich gestehe, dass dieses Verdikt mir seither nicht mehr aus dem Kopf geht. Bin ich auch jemand, bei dem die wunderbare Gabe schwulen Empfindens vergeudet ist, weil ich wie so viele Schwule, von denen Halperin erzählt, nicht nur „normal“ sein will, sondern „banal“? Und: Reflektiert MÄNNER die Buntheit, Besonderheit, den sexuellen Spaß und auch den politischen Ernst, der Schwulsein 2012 ausmacht? Oder trifft auf uns Halperins Urteil über US-Homozeitschriften zu, die er als „nicht viel mehr als ein Bordmagazin im Flugzeug“ charakterisiert: Werbung, Kosmetik, Reise, Mode, Schluss?
Wir haben uns kurz vorm Weltuntergang am 21. Dezember bemüht, dem ein lustvolles, farbenfrohes, teils eklektisches Heft entgegenzusetzen, das sich nicht schämt, genauso selbstverständlich über neue Bottoms, eine Justin-Bieber-Sexpuppe, das Projekt „Gay Dads“, den Paragrafen 175, schwule Hobbits, Briefmarken und den Fetisch-Weihnachtsmarkt in Amsterdam zu berichten (u. a.). Im Lufthansa-Bordmagazin wird man diese Geschichten sicher nicht finden, die Fotos sowieso nicht. Das gilt auch für den 16-seitigen M+-Teil, der in Form von Interviews Themen rund um HIV und Aids abdeckt, die zum schwulen Leben dazugehören: auch zu Weihnachten, auch kurz vorm Weltuntergang, den womöglich nur die Schwulen überleben werden, weil die Maya-Götter besonders homofreundlich sind, wie unser Autor meint. Sollten wir’s bis zu einer Januarausgabe schaffen, dann starten wir mit neuer Energie ins neue Jahr, das auch für MÄNNER Veränderungen bereit hält: mit neuem Chefredakteur, neuer politischer Ausrichtung, neuen Zielen, neuer Definition von „How to Be Gay“. Es bleibt spannend.
Viel Spaß beim Lesen!
Kevin Clarke, Chefredaktion
MAGIC MIKA
Jahrelang drückte sich Michael Penniman alias Mika um ein Bekenntnis zu seiner sexuellen Orientierung. Das ließ ihn irgendwann ziemlich verklemmt wirken, sodass ihm die schwulen Fans den Rücken kehrten. Mit seinem dritten Album The Origin of Love beginnt eine neue Ära der Offenheit. Sie begann mit seinem Coming-Out.
Interview: Steffen Rüth
Als dein letztes Album erschien, habe ich dich zuhause besucht. Du hattest ein Zimmer im Keller deines Elternhauses im Londoner Stadtteil Chelsea. Wohnst du da noch?
Nein, ich bin ausgezogen. Ungefähr vor anderthalb Jahren, bevor ich mit der Arbeit an dem neuen Album anfing. Jetzt habe ich mein eigenes Haus. Und einen Hund. Und eine Beziehung. Das Leben hat sich ziemlich verändert.
Was kam zuerst – Haus, Hund oder der Partner?
Erst kam die Beziehung, doch die habe ich erstmal völlig zerstört. Haus und Hund folgten, und dann gelang es mir irgendwie, die Beziehung doch noch zu retten. (lacht) Wobei ich hoffe, dass ich ihn auch ohne Haus und Hund zurückbekommen hätte.
Handelt der neue Song „Make you happy“ von dir und deinem Freund?
Nein. Der Song handelt vom Leben als solchem. „All I wanna do is make you happy“ lautet zwar der Refrain, aber er wird von einem Roboter gesungen. Für mich ist das eine moderne Version eines sehr traditionellen Liebesliedes. Es geht um das Leben an sich und um all die blöden Widersprüche, mit denen wir es uns selbst schwer machen. Das Lied ist weniger eine Botschaft an meinen Partner als vielmehr an mich.
Ein anderer Song heißt „I only love you when I am drunk“. Ist das so bei euch?
Leider ja. Das ist ein Song, den ich für ihn geschrieben habe. Ist ja auch fast eine Art Entschuldigung. Er fand die Idee, einen solchen Text zu verarbeiten, anfangs fürchterlich, aber jetzt findet er den Song cool.
Ist der Titel inspiriert von der alten Pet-Shop-Boys-Nummer „You only tell me you love me when you‘re drunk“?
Nein, ich kannte den Song nicht einmal. Jetzt kenne ich ihn, weil mich die Leute darauf ansprechen. Für mich klang die Melodie eher nach den Talking Heads als nach den Pet Shop Boys.
Inwieweit ist The Origin of Love ein Konzeptwerk über die Liebe?
Es ist am Ende ein ziemlich persönliches Tagebuch. In allen Songs spreche ich über Liebe, Hass und Begierde. Jedes einzelne Stück handelt davon. Im Verlauf des Albums unternehme ich eine Art Reise durch die Liebe. Es beginnt mit „The Origin of Love“, einem Song über heftiges Verlieben. Dann geht es hoch und runter, am Ende kommt
dann „Celebrate“.
Kann man sagen, dass The Origin of Love eine erwachsene Platte ist, speziell verglichen mit den sehr jugendlich-bunten Vorgängern?
Ich hasse es ja, ein Opfer dieses Klischees zu werden, aber ja, ich kann das nicht leugnen. Also: Es ist so, wie du sagst. Und das ist eine wirklich gute Sache. Ironischerweise ist es bei aller Erwachsenhaftigkeit ja eine sehr lustvolle Platte, die dich trotzdem dazu verleitet, glücklich zu sein und zu tanzen.
Bist du auch erwachsen geworden?
Ja, in mancherlei Hinsicht bin ich das. Wenn auch auf meine Weise.
Was ist denn „deine“ Weise?
Immer schön voller Widersprüche. (lacht) Ich widerspreche mir selbst vermutlich mehr, als jeder andere Mensch auf der Welt das tut. Aber ich finde, Menschen ohne Widersprüche sind total langweilig. Denn sie verändern sich dann ja nie und könnten genauso gut gleich sterben.
Du hast dich kürzlich geoutet. Davor hattest du dich bei dem Thema immer gewunden. Warum plötzlich diese Wende?
Weil ich glücklich bin mit meinem Leben und meiner Beziehung. Das hat es mir ermöglicht, selbstbewusst und auch gerne und stolz über mich und meine Sexualität zu sprechen. Ich verliebte mich, und ich verlor die Liebe. Dann verliebte ich mich wieder zurück, und irgendwann ist man dann an dem Punkt, an dem man ein bisschen was gelernt hat und denkt: ‚Gut, ich bin bereit.‘ Über seine sexuelle Identität zu reden, ist nie einfach, egal, ob du in der Öffentlichkeit stehst oder nicht. Man kann das nicht erzwingen oder Druck ausüben. Ich habe das gemacht, als es für mich der richtige Moment war. Auf der anderen Seite gilt nach wie vor: Die Kenntnis über mein Privatleben ist nicht essentiell, um meine Musik zu verstehen. Aber wenn du mich als Künstler verstehen willst, dann ist es schon ziemlich wichtig zu wissen, dass ich schwul bin.
Richtig überraschend kam das Bekenntnis nicht gerade. Oder?
Ich wüsste niemanden, der damit nicht gerechnet hätte! (lacht) Ich meine, man musste nicht gerade Sherlock sein, um darauf zu kommen. Für jeden, der je bei meinen Songtexten hingehört hat, hätte es ohnehin klar sein müssen.
Woran hast du gemerkt, dass du jetzt selbstbewusst genug bist, um den Schritt zu wagen?
Ich war nicht mehr nervös. Ich merkte, ich muss keine Angst haben. Auch jetzt in einem Interview muss ich mich nicht mehr verstecken – das tut ziemlich gut, muss ich sagen. Es ist definitiv eine Erleichterung für mich. Es nimmt mir diesen Schatten. Wobei ich auch sagen muss: Ich habe nie einen Bart getragen, wenn du weißt, was ich meine. Ich habe nie gelogen oder ein falsches Spiel mit erfundener Identität gespielt. Ich wollte einfach nur nichts zu dem Thema sagen, weil ich noch nicht so weit war.
Deine Single „Celebrate“ ist eine der sorglosesten Popnummern des Jahres. Du hast das Stück zusammen mit Pharrell Williams in Miami aufgenommen. Bist du viel mit Pharrell ausgegangen?
Nee, Pharrell geht nie raus und macht Party. Das ist nicht sein Ding. Aber die Partyszene in Miami ist sowieso die reinste Hölle, finde ich. Früher haben Fleetwood Mac oder die Bee Gees ihre Alben dort aufgenommen. Miami war ein phantastischer Ort im goldenen Zeitalter der Popmusik. Doch heute? Nur noch Bumm-tataa. Dieser billige Latino-Dance-Pop, der einem sowieso schon zu den Ohren herauskommt.
Fühlst du dich inmitten austauschbarer Popmusik mit deinem ziemlich eigenen und eigenwilligen Ansatz wie eine Kuriosität?
Ich denke, wir brauchen mehr schräge, ausgefallene Popmusik. Bleiben wir bei Fleetwood Mac. Wenn du deren Musik hörst, dann weißt du, die stehen selbst dahinter. Die finden ihre Songs super. Klar, das ist der Heilige Gral des Pop. Aber diese Grundeinstellung, die habe ich auch: Ich mache meine Musik, weil ich es genieße, meine Musik zu machen. Ich bin niemand, dem es egal ist, was er fabriziert – Hauptsache, die Kasse klingelt. Ich mache keine Musik, damit sie schnell wegkonsumiert und vergessen wird. Ähnlich wie Mike Snow, Lykke Li oder Robyn mache ich Popmusik mit Herz, Hirn und Seele.
„Man sollte mit 60 eine Geschlechtsumwandlung haben!“
Die Pet Shop Boys waren mit ihren Outfits und Auftritten immer schon Trendsetter. Ein Gespräch mit den beiden Engländern über Steckenpferde, spitze Hüte, Gay Marketing und warum Älterwerden ein guter Anlass ist, mehr Unfug als je zuvor anzustellen
Interview: Steffen Rüth
Das Elysium ist der griechischen Sage nach eine Insel, auf der die Verstorbenen ein sorgenfreies Dasein fristen. Warum habt ihr euer Album so genannt?
Neil Tennant: Weil wir jetzt allmählich ins Seniorenheim für alternde Popstars gehören. (lacht) Nein, Ideengeber ist der „Elysian Park“ in Los Angeles, eine wunderschöne alte Anlage mit Palmen und Gemäuern. Wir fanden das Wort schön. Der Titel ist mal was anderes für uns. Nichts Prägnantes oder Lustiges, sondern passend zum Thema einiger Songs.
„Leaving“ behandelt das Sterben einer Liebe, „Invisible“ die Vergänglichkeit als solche, „Requiem in Denim and Leopardskin“ den Tod einer engen Freundin.
Tennant: Ja, auf diesem Album wird viel gestorben. Das hängt auch damit zusammen, dass meine Eltern 2008 und 2009 kurz hintereinander verstarben. Einige Stücke klagen den Tod an, wenden sich gegen die Idee des Endes. Und Elysium steht ja auch für das Leben nach dem Tod, für die Hoffnung.
Chris, du bist 53, Neil 58. Das passende Alter, um sich über sein Ableben Gedanken zu machen?
Chris Lowe: Neil, hattest du nicht gesagt, mit 60 sollte man eine Geschlechtsumwandlung vornehmen?
Tennant: Ich glaube, ich habe gesagt „Man sollte“ und nicht „Ich werde“. Die Idee ist: Wenn du alt wirst und beginnst, Sachen aufzugeben und desinteressiert zu werden, dann ermöglicht eine Aussicht wie „Wow, mit 60 werde ich zur Frau“ einen ganz neuen Start. Man plant wieder.
Läufst du schon inkognito mit Make-up und Perücke durch London?
Tennant: Nein. Aber im Video zu „Winner“ spielt ein Transgender mit. Das ist ein erstes Hineinschnuppern.
Es hat viele überrascht, dass ihr als gestandene Popmusiker, die nichts mehr beweisen und erreichen müssen, bei Take That im Vorprogramm auftretet.
Lowe: Ursprünglich hatten wir abgelehnt. Aber dann haben uns das Konzept und das Bühnendesign überzeugt. Durch diese Tour durch die größten Stadien haben wir unsere Musik einem Publikum nähergebracht, das uns vorher vielleicht gar nicht kannte.
Tennant: Vor ein paar Tagen hat mich auf der Straße ein Polizist angesprochen und gesagt, wie gut wir waren.
Nicht alle scheinen so nett zu euch zu sein. Im Stück „Your early Stuff“ schimpfst du über Leute, die euch früher mochten und heute nicht mehr.
Tennant: Der Text ist eine Zuspitzung von Taxifahrersprüchen, die ich mir so anhören musste. Die sagen Dinge wie „Bist du schon mehr oder weniger in Rente?“ oder „Ich mochte dich damals sehr“, worauf ich üblicherweise antworte: „Was ist schiefgelaufen?“ Menschen assoziieren dich mit der Lebensphase, in der sie selbst jung waren. Auch deshalb haben wir die Take-That-Tour gemacht. Sie führt uns junge Leute zu.
Würdet ihr, wie andere Musiker aus den 80ern, Nostalgietourneen machen oder bestimmte alte Alben am Stück aufführen?
Tennant: Lass mich bloß mit dem Scheiß in Ruhe. (lacht) Nein, von diesen Dingen halten wir uns fern. Wir sind an dem interessiert, was wir jetzt machen.
Bei Elysium fällt auf, dass das Album weniger überschwänglich ist der von Vorgänger Yes.
Tennant: Das war Absicht. Wir wollten nicht schon wieder ein Uptempo-Album machen und haben die schnellen Stücke, mit einigen Ausnahmen, aussortiert.
Mit dem Produzenten Andrew Dawson habt ihr das Album in Los Angeles aufgenommen. Wieso dort?
Tennant: Weil wir das noch nie gemacht hatten und L.A. besser kennenlernen wollten. Und Andrew hat uns gereizt, weil er jüngst mit Kanye West und Drake gearbeitet hat. Wir mögen die Verbindung aus elektronischer und urbaner Musik. Wir haben uns natürlich auch viele Galerien und Museen angeschaut und wohnten in einem tollen Haus in den Hügeln, mit Pool.
Seid ihr auch in Clubs gegangen?
Lowe: Weniger. Für mich war es viel aufregender, mitternachts in West Hollywood, im Pavillons- Supermarkt, einzukaufen.
Tennant: Fand ich auch. Dann sind wir heim, haben auf der Terrasse gegessen und noch ein bisschen ferngesehen. Einmal wollten wir zu einer Dubstepnacht, aber dann waren wir dort, und die fiel aus. In Los Feliz waren wir auch gern, dem Hipsterviertel, wie es heißt.
Wie hip sind eigentlich die Pet Shop Boys 30 Jahre nach dem ersten Welthit „West End Girls“?
Tennant: Wir denken nicht, dass wir hip sind. Manchmal denken die Leute das von uns.
Lowe: Und dann lernen sie uns kennen und erleben eine herbe Enttäuschung.
Auch als unhippe Popstars: Wie wichtig ist es, sich immer wieder neu zu erfinden?
Tennant: Neue Ideen und Ansätze sind sehr wichtig. Man möchte mit Überraschungen punkten. Das ist ein Steckenpferd.
Lowe: Wir machen gern Sachen, die identifizierbar sind und bleiben. Die spitzen Hüte etwa. Ich denke, die kennt eine bestimmte Generation heute noch. Der neue Londoner Wolkenkratzer „The Shard“ ist von unseren Spitzhüten inspiriert, ich schwöre es.
Kam je der Moment, wo ihr dachtet: Wir sind zu alt für solche Spielereien?
Tennant: Wenn du älter wirst, ist das doch genau der richtige Zeitpunkt für solchen Unfug. Als junger, anständiger Popstar musst du ja irgendwie nur eins – schön aussehen.
Gleichwohl beschäftigt ihr euch mit zunehmender Reife häufiger mit Projekten aus der Hochkultur. In den letzten Jahren gab es ein Musical, eine Stummfilmklassikervertonung, ein Ballett.
Tennant: Lange, instrumentale Stücke zu schreiben, ist attraktiv und eine Abwechslung zum Popsong. Im Moment arbeiten wir für die BBC an einem Stück über Alan Turing, den Computerwissenschaftler. Er wurde vor 100 Jahren geboren und lebte offen schwul. Sie haben ihn verhaftet, als sie ihn mit einem Mann erwischten, gaben ihm Injektionen. Zwei Jahre später brachte er sich um.
Du selbst hast nie Theater um dein Schwulsein gemacht. Warum nicht?
Tennant: Ich wollte nicht in diese Schublade „schwuler Popstar“. Deshalb habe ich jahrelang gar nichts zum Thema gesagt. Es gab diese Tendenz zu denken, wenn du schwul bist in der Popwelt, haben nur andere Schwule Interesse an deiner Musik. In den USA wurden wir sogar von der „Gay Marketing Division“ betreut. Das fand ich komisch.
Heute ist das anders geworden. Schwulsein ist Mainstream, oder?
Tennant: Ja. Sogar zu sehr Mainstream nach meinem Geschmack. Ich denke nicht, dass du „gay“ sein musst, nur weil du homosexuell bist. Ich kenne Leute, die erfüllen jedes Sitcom-Klischee, ist auch in Ordnung, aber ich bin so nicht.








