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JENSEITS DER MAUERN

Paulo (Matila Malliarakis, links) und Ilir (Guillaume Gouix): Die große Liebe

Paulo (Matila Malliarakis, links) und Ilir (Guillaume Gouix): Die große Liebe


MÄNNER präsentiert die GAY-Filmnacht: Die aufregend authentische Liebesgeschichte „Jenseits der Mauern“, das Debütwerk des belgischen Filmemachers David Lambert, ist der wichtigste Homofilm des Frühjahrs. Schon gleich nach seiner Weltpremiere in Cannes im vergangenen Mai wurde er mit „Weekend“ und „Keep the Lights On“ verglichen und die drei herausragenden Filme über schwule Beziehungen zur New Queer Wave ausgerufen. Ein Exklusivinterview über Liebe, Sex und Zeitdruck

Interview: Thomas Abeltshauser

David Lambert, die meisten Erstlingsfilme handeln von Selbsterlebtem der Regisseure, sind stark autobiografisch…

Meiner auch! (lacht) Er ist wirklich persönlich, aber er ist nicht im strengen Sinne autobiografisch. Ich vermische drei Liebesbeziehungen, die ich im Alter zwischen 20 und 30 hatte. Natürlich ist es meine eigene Sichtweise auf die Liebe und was es bedeutet, sie zu verlieren. Es beschreibt im Grunde zwei Seiten einer Medaille. Die erste Hälfte des Films beschreibt, wie sich zwei Menschen begegnen, sie sich verlieben und diese Liebe wächst. Was sie verbindet, wie sie sich immer näher kommen und es schließlich zu einer Vereinigung kommt, einer Art, sagen wir: Alternativhochzeit. Und dann fällt alles auseinander. Die Welt verändert sich und die zwei Männer, die im Stadtzentrum sehr frei ihre Liebe leben konnten, sind plötzlich gar nicht mehr frei. Und Liebe ist nicht mehr möglich, so sehr sie es auch immer wieder versuchen.

Wenn es so sehr auf eigenen Erfahrungen beruht: Wer von den beiden ist dir näher?
Ganz ehrlich: ein bisschen beide. Den ersten Entwurf des Drehbuchs habe ich mit 22 geschrieben, es war wirklich schlecht, ein Desaster. Aber ich hatte 100 Seiten, die man als Drehbuch erkennen konnte. Damals interessierte mich Paulos Perspektive mehr, es war eher ein psychologisches Drama über Gefängnis und Inhaftierung. Es war sehr düster und traurig, ohne jeden Humor. Anfangs identifizierte ich mich nur mit ihm, aber je mehr Gedanken ich mir über Illir machte, ließ ich viel von meiner zweiten längeren Beziehung einfließen. Es war ein langer Prozess. Ich wollte auch lange einen Regisseur dafür suchen, weil ich mich nur als Autor gesehen habe. Schreiben hat mich immer am meisten interessiert. Ich habe mich dann im Laufe der Jahre immer wieder mit Regisseuren getroffen und sie haben mir alle dasselbe gesagt: „Du musst das selbst machen!“ Es war einfach zu intim und persönlich, sie fanden keinen Platz für sich. Aber der Prozess des Schreibens hat sich über so viele Jahre gezogen, dass ich gar nicht genau benennen kann, was davon wirklich ich bin. Ich schreibe wirklich sehr viel, sogar noch während des Drehs.

Was sehr ungewöhnlich ist.  Eigentlich verlangt der Zeitdruck, dass da längst alles klar ist, oder?
Ich hatte zum Glück die Freiheit auf das zu reagieren, was an einem Tag zwischen den Darstellern passierte und bis zum nächsten Morgen Szenen entsprechend umzuschreiben. Wir drehten in chronologischer Reihenfolge, nur so war das überhaupt möglich. Das ist purer Luxus, aber das war von Anfang an meine Bedingung. Und wir haben viel improvisiert, weil ich mich auf meine Schauspieler verlassen konnte. Die Szene mit dem Armdrücken, zum Beispiel. Ich wollte diesen Einfluss der Darsteller. Aber noch mal zum Drehbuch: Ich habe die erste Version damals in Berlin geschrieben. Ich wohnte im Prenzlauer Berg, Lychener Straße 50. Ich lebte zehn Monate in Berlin, mein damaliger Freund saß in Paris im Gefängnis und ich wartete auf ihn, wie im Film. Als er entlassen wurde, trafen wir uns und es war eine Katastrophe.

Sprichst du deutsch?
Ich konnte kein Wort, als ich ankam. Ich lernte dann, was man so braucht. Aber als ich die Stadt nach zehn Monaten wieder verließ, brauchte ich es nie wieder. Und so habe ich das meiste vergessen, leider. Wenn ich mal wieder länger da wäre, würde es sicher zurückkommen.

Als ich den Film in Cannes gesehen habe, hat mich die Art, wie du schwules Leben zeigst, abseits der üblichen Klischees, sehr an „Weekend“ und „Keep the Lights On“ erinnert. Ist das Zufall? Oder ändert sich da gerade etwas?
Ich kann nicht für die anderen sprechen, aber mir war zumindest von Anfang an klar, dass ich nichts über Comingout machen wollte oder wie schwer man es als Schwuler hat. Ich wollte meine Charaktere wie Romeo und Julia, ohne das ganze gay Blabla. Ich wollte etwas Universelles erzählen und zugleich etwas sehr Spezifisches. Es sind nun mal zwei Typen und die haben einen ganz bestimmten Sexdrive und eine ganz bestimmte Art ihre Beziehung zu führen. Auch die Zärtlichkeit zwischen ihnen. Mich hat bei Filmen immer frustriert, dass das Schwulsein immer nur auf zwei Dinge reduziert wurde: eine düstere Sexualität, bei der es auch wirklich nur um Sex ging, ohne Liebe und oder Zuneigung. Oder man sieht den Schwulen als tuntigen, tratschenden und völlig asexuellen Mitbewohner und beste Freund, dessen Hauptcharakterzug und Aufgabe im Film eben das ist: er ist „der Schwule“. Was soll das? Wenn ich beschließe, eine Figur ist hetero, ist das noch lange keine Geschichte. Ich wollte dreidimensionale, glaubwürdige Figuren in einer Liebesgeschichte, weg von all den Klischees.

Warum hat das vorher kaum jemand gemacht?
Ich hatte ein großes Problem bei der Finanzierung des Films. Mir wurde immer wieder gesagt: „Wir sehen doch jede Woche schwule Figuren irgendwo im Fernsehen, das ist nicht interessant.“ Und ich fragte zurück, wann sie das letzte Mal einen Spielfilm mit zwei Männern gesehen haben, die sich lieben und leiden und eine ernstzunehmende Beziehung haben. Und dann wurde immer „Brokeback Mountain“ genannt. Der ist acht Jahre her! Und es war ein amerikanischer Film und er spielte in der Vergangenheit. Man sieht einfach keine Geschichten über gleichgeschlechtliche Beziehungen im europäischen Kino! Und jetzt kommt von manchen Journalisten die Frage, ob ich als Debütfilmer keine Angst habe, mit diesem Film in ein Ghetto gesteckt zu werden. Was für eine bescheuerte Frage!

Wie sind die Reaktionen jetzt, nachdem der Film fertig ist?
Viele Leute lieben den Film, weil es eine Liebesgeschichte ist, die Gendergrenzen überschreitet. Irgendwann vergessen die Zuschauer, dass es zwei Typen sind. Mir sagten etliche Heteromänner, dass sie nicht dachten, dass zwei Männer so eine intensive, komplexe Beziehung haben könnten. Sie dachten, da ginge es nur um Sex. Schön, wenn ich da zur Aufklärung beitragen kann.

Alle Orte und Termine für die Gay-Filmnacht: http://www.gay-filmnacht.de/

„Ich bin ein guter Vater“

Duncan James (Foto: Universal Music)

Duncan James (Foto: Universal Music)

Es ist immer noch nicht leicht für männliche Prominente, öffentlich über ihre Sexualität zu sprechen. Besonders dann nicht, wenn man(n) nicht nur mit Männern schläft. Bisexuell? Igitt, wer macht denn so was? Duncan James zum Beispiel. Der 34-jährige ist ein Viertel der ehemaligen Boyband Blue („inzwischen sind wir Männer“), die seit 2000 die Welt mit Hits wie „All Rise“, „U Make Me Wanna“ und „Sorry Seems To Be The Hardest Word“ beglückt haben. Vor zwei Jahren traten James und seine Kollegen Antony Costa, Lee Ryan und Simon Webbe für ihr Heimatland Großbritannien mit „I Can“ beim Eurovision Song Contest an. Seitdem war es still um Blue. Das ändert sich nun. Ihr erstes neues Studioalbum seit zehn Jahren heißt „Roulette“, ist am 25. Januar erschienen, und die erste Singleauskopplung daraus, eine Ballade namens „Hurt Lovers“, steht nicht nur seit Wochen in den Top Ten der deutschen Charts, sondern ist auch der Song aus „Schlussmacher“ von Matthias Schweighöfer, dem ersten großen Kinohit des Jahres 2013. „Roulette“ ist ein Wagnis: Vier Jahre haben Duncan und seine Kollegen von Blue daran gearbeitet und das Album auch selber finanziert. Vom Erfolg der großartigen CD hängt wohl der Fortbestand der Band ab. Trotzdem ist Duncan James bei seinem einzigen Exklusiv-Interview in Deutschland bemerkenswert entspannt: „Ich bin es gewohnt, Wagnisse einzugehen, beruflich wie privat.“ Darüber wollte MÄNNER mehr erfahren.

Wie war deine Kindheit?
Schön. Ich komme aus einer englischen Mittelklasse-Familie und bin bei meinen Großeltern und meiner Mutter aufgewachsen. Meine Mutter war Krankenschwester. Aber erzogen haben mich eigentlich meine Großeltern. Meine Großmutter war Sekretärin bei der Armee gewesen, und mein Großvater war Oberstleutnant im Ruhestand und der Leiter des musikpädagogischen Bereiches einer Privatschule. Sehr katholisch, sehr englisch, ein fantastischer Pianist. Ein großartiger Mensch, aber eben auch pflichtbewusst und sehr verschwiegen, wenn es um private Probleme ging. Meine Großeltern haben meine Mutter und meine Onkel adoptiert, und als sie früh und unverheiratet schwanger wurde und mein Vater sich davonmachte, haben sie mich quasi als weiteres Kind großgezogen.

Wie hat man dir das erklärt?
Gar nicht. Mein Vater wurde, als ich klein war, so gut wie nie erwähnt. Und wenn, dann war er „dieser Mann“. Meine Großeltern haben ihm nie verziehen, was er meiner Mutter angetan hatte. Und ich brauchte ihn nicht, ich hatte meinen Großvater, der war mein Vater. Meine Mutter war eine wilde Hummel, und sie und meine Großeltern waren sich nicht immer einig darüber, wie ich zu erziehen war. Das war nicht einfach, aber ich bin dankbar für beide Einflüsse: Disziplin und Stabilität von meinen Großeltern und eine eher freigeistige Note von meiner Mutter.

Du bist streng katholisch erzogen worden. Hast du also in der Kirche gelernt, wie man einen Auftritt durchzieht?
Mit Sicherheit. Ich war Messdiener, der einzige in unserer Kirche, jeden Sonntag. Und eine Messe ist ja neben allem anderen auch eine exakt durchgeplante Performance, bei der dir viele Leute zusehen.

Wann hast du entschieden, dass du Musiker werden willst?
Angefangen habe ich ja als Schauspieler. Ich habe mit vier Jesus im Krippenspiel gespielt und seitdem immer alle Hauptrollen in der Kirche und im Schultheater bekommen. Ich war verrückt danach, in Rollen zu schlüpfen, mir Kostüme anzuziehen und dabei jemand anderer zu werden. Ich war nie besonders gut in der Schule, aber habe, seit ich vier war, Klavier gespielt, geschauspielert, gesungen und war gut in Sprachen und Sport.

Der geborene Popstar also.
Ja, vielleicht.

Du klingst fast enttäuscht.

Ach nein, bin ich nicht. Aber ich sehe eine Menge Ähnlichkeiten zwischen mir und meiner Tochter. Sie ist zwar viel besser in der Schule, als ich in ihrem Alter war, aber auch sie bekommt alle Hauptrollen, singt, tanzt und will Leute vor allem unterhalten.

Duncan James (Foto: Universal Music)

Duncan James (Foto: Universal Music)

Bist du ein guter Vater?
Ich bin immer für meine Tochter da, liebe sie sehr und tue alles für mein Kind. Es ist mir wichtig, dass sie weiß, wer ihr Vater ist, weil ich meinen nie getroffen habe. Wir haben eine großartige Beziehung.

Versteht sie schon, was du beruflich machst?
Tut sie. Sie ist jetzt sieben und sieht mich ja im Fernsehen und in Zeitschriften und auf dem Cover von CDs. Und weiß, dass Fremde mich ansprechen, wenn wir in den Supermarkt gehen. Für sie ist das normal.

Wie hast du ihr deine Sexualität erklärt?

Wir haben ihr relativ früh gesagt, dass es sein kann, dass sie irgendwann drei Väter hat: Mich, meinen Freund und den Freund ihrer Mutter. Sie fand das sehr o.k. (lacht)

Ich habe bei der Vorbereitung auf dieses Interview gelesen, dass du deine erste Beziehung zu einem Mann in der Hochphase eures Erfolges hattest und keiner der anderen Jungs in der Band etwas davon mitbekommen hat, obwohl ihr jeden Tag bis zu 16 Stunden miteinander verbracht habt. Wie macht man denn das?
Ich wusste immer, das ich auch an Männern interessiert bin, aber habe diese Gefühle jahrelang einfach weggeschoben. Ich wollte das nicht. Das ging auch ganz gut, bis ich ins Musikgeschäft eingestiegen bin. Wo es, seien wir ehrlich, vor Schwulen einfach nur so wimmelt. Und keiner ein Problem damit hat. Viele Jungs sind einfach schwul, Ende der Geschichte. Da ging es mir wie dem Kind im Süßwarenladen, das nichts kaufen kann. Ansehen ja, aber anfassen ging einfach nicht. Und ich habe verdrängt, verdrängt, verdrängt! Als wir dann auf der ersten Welttournee mit Blue waren, freundete ich mit einem unserer Tänzer an. Wir kamen wirklich richtig gut klar. Ich wusste nur nicht, dass er schwul war. Er hat das auch nie erwähnt. Bis er sich eines Tages im Tourbus zu mir umgedreht hat und gesagt hat: „Dir ist klar, dass ich schwul bin, oder? Ich wollte dir das nur gesagt haben.“

War das ein Angebot?
Nicht wirklich. Er wollte das nur klären. Wir waren Freunde, und es war ihm wichtig, dass ich wusste, dass er schwul ist. Das war alles. Aber eines Abends nach der Show saßen wir alle zusammen, die Band und die Tänzer, und jeder hat jeden massiert. Die Shows sind körperlich anstrengend, man hilft sich so. Und er kam zu mir und sagte „Ich massiere echt gut.“ Ich sagte, „Dann mach mal.“ Und während er mich massierte, merkte ich, dass das für mich mehr war als nur eine einfache Massage. Nicht direkt sexuell, aber ich konnte ihn ganz genau spüren, seine Energie, und fand das gut. An dem Abend ist nichts passiert, ich beließ es einfach dabei. Aber wir haben danach so ein bisschen angefangen, miteinander zu flirten. Am Abend der allerletzten Show gab’s eine riesige Aftershow-Party, und ich freute mich einfach ganz doll darauf, ihn da zu sehen. Wir waren dann beide betrunken, und er hat seine Hand auf meinen Oberschenkel gepackt und gesagt, „Du wirst mir echt fehlen.“ Und ich habe gesagt, „Du mir auch.“ Er erzählte mir, dass er eine Woche später, an Weihnachten, für ein paar Monate nach New York ziehen würde, um da zu arbeiten. Und dann sind wir beide nach Hause gegangen, getrennt. Er hat mir am nächsten Tag eine SMS geschrieben, in der stand, dass er mich wirklich, wirklich mag, und ich habe zurückgeschrieben, dass ich ihn auch sehr mag, aber auch verwirrt sei und keine Ahnung hätte, was ich gerade genau fühlte. Und das war’s. An Weihnachten fehlte er mir furchtbar. Und dann meldete er sich und fragte mich, was ich an Silvester machen würde und ob ich nicht nach New York kommen wolle. Also habe ich meine Mutter gefragt, ob sie nicht übers Neujahrs-Wochenende mit mir nach New York fliegen will: tolles Hotel, bisschen shoppen, im Central Park Schlittschuhlaufen, so was. Natürlich wollte sie. Also sind wir nach New York geflogen, ich habe ihn angerufen, meine Mutter hatte auch einen Freund da, und wir waren an dem Abend alle vier zusammen essen.

Und dann?
Dann ist meine Mutter ins Bett gegangen, und er kam mit auf mein Hotelzimmer. Und ich dachte die ganze Zeit: „Hier geht noch was. Hier geht noch was.“ Und es ging auch was: Wir hatten dann zum ersten Mal Sex.

Duncan James (zweiter von rechts) mit seinem Bandkollegen von Blue (Foto: Universal Music)

Duncan James (zweiter von rechts) mit seinem Bandkollegen von Blue (Foto: Universal Music)

War’s schön?
Ich war echt betrunken, aber es war auch echt schön, ja. Ich kann das auch beweisen: Am Anfang wollten wir nur einen Film angucken und haben uns dazu aufs Bett gesetzt. Aus irgendwelchen Gründen hatten wir uns Jackass – Der Film ausgesucht. Und ich kann mich an die ersten fünf Minuten und den Abspann des Films erinnern, dazwischen hatten wir Sex. Und während der Abspann lief, habe ich mich zu ihm umgedreht und gesagt: „Toller Film, echt.“ (lacht) Und das war mein erstes Mal mit einem Mann.

Da warst du 23.
Ja, und mitten in der Nacht bin ich dann aufgewacht, hab mich total schuldig gefühlt und habe gedacht: „Moment, ich bin hetero, was soll das?“ Dann bin ich in das andere Bett im Zimmer gekrochen und habe morgens versucht ihm zu erklären, dass ich nicht „so“ wäre.  Er fand das gar nicht komisch. Aber ich hatte einfach Panik. Wir hatten danach eine lange Beziehung, die daraus bestand, dass wir uns absolut heimlich in Hotelzimmern getroffen haben.

Warst du verliebt?
Total, bis über beide Ohren. Er auch in mich. Aber ich war einfach noch nicht so weit und hab ihm echt weh getan. Ich schlief ja zu der Zeit auch noch mit Frauen. Und habe versucht, ihm das auch zu erklären. „Ich bin nicht du. Doch, ich liebe dich auch. Aber ich kann so nicht sein. Ich bin in Blue.“ Dann ist er nach L.A. gezogen und hat neun Monate nicht mit mir gesprochen. In dieser Zeit habe ich eine Frau getroffen, in die ich mich auch total verliebt habe und mit der ich dann anderthalb Jahre zusammen war. In einem Paralleluniversum wären sie und ich heute verheiratet und hätten drei Kinder, aber irgendwas hat mir bei ihr immer gefehlt. Das war er. Ich habe angefangen, ihn furchtbar zu vermissen, und das war ihr gegenüber nicht fair, also habe ich Schluss mit ihr gemacht und habe ihn kontaktiert. Ich habe ihm gesagt, dass ich ihn liebe und vermisse. Er kam zurück, und wir kamen einander wieder näher. Und dann habe ich die Mutter meiner Tochter getroffen, und sie war kurz danach schwanger. Und das ging für ihn nicht. Das war 2004. Er hat dann drei Jahre lang nicht mit mir gesprochen. Sein Herz war gebrochen. Meins auch.

Und heute?
Heute sind wir wirklich gute Freunde. Aber 2004 war ein extrem schwieriges Jahr. Er war weg, meine andere Beziehung war weg, ich wurde Vater, und außerdem war ich ja noch in Blue, der weltweit erfolgreichen Band. Ich dachte, ich drehe durch. Das war der Moment, wo ich erst meinem Bandkollegen Simon und dann meiner Mutter davon erzählt habe und natürlich Claire, der Mutter meiner Tochter. Ich heulte und zitterte und alle waren cool und liebten mich einfach weiter und Claire sagte, „Ich wusste es.“

Und deine Mutter?
Die erinnerte mich daran, dass ich mit neun immer ihre hochhackigen Schuhe angezogen habe und so tat, als wäre ich Vanessa Paradis. Joe Le Taxi war mein Lieblingslied, und ich habe es oft performt. (grinst) Sie hat gesagt, seitdem hat sie ab und zu gedacht, da stimmt doch was nicht. Welcher Junge macht so was auch?

Ich kenne da einige.
(lacht) Meine Mutter wollte einfach, dass ich eine klassische Familie habe, weil sie das nicht hatte. Das hat sich inzwischen gegeben.   Ich habe inzwischen einige lange Beziehungen mit Männern gehabt, und alle haben sich daran gewöhnt.

Duncan James (ganz rechts) mit seinem Bandkollegen von Blue und Matthias Schweighöfer am Set von "Schlussmacher" (Foto: Universal Music)

Duncan James (ganz rechts) mit seinem Bandkollegen von Blue und Matthias Schweighöfer am Set von "Schlussmacher" (Foto: Universal Music)

Wie war es, als 2009 das englische Klatschblatt News of the World anrief und dir sagte, sie wüssten Bescheid und würden dir die Möglichkeit geben, dein Outing selbst zu steuern – oder eben auch nicht?
Der vielleicht schwierigste Tag in meinem Leben. Kennst du das Gefühl, wenn du weißt, etwas Schlimmes wird passieren, du weißt nur noch nicht wann? So hatte ich mich jahrelang gefühlt. Ich habe immer auf diesen Anruf gewartet. Ich hatte nie über mein Privatleben gesprochen, nie über mein Sexualleben, egal ob mit Männern oder Frauen. Und als News of the World dann anrief und sagte: „Wir können unsere Story bringen oder Duncan sagt es uns in seinen eigenen Worten. Oder ihr könnt eine einstweilige Verfügung erwirken und das dann zweimal im Jahr mit einem neuen Boulevardblatt machen. Was soll es sein?“, war der Moment gekommen. Mein Presseagent ist schwul und wusste Bescheid und hat gesagt, „Mach es auf deine Art.“ Es war unglaublich hart für mich. Ich hatte furchtbare Angst. Als der Reporter kam, habe ich am ganzen Körper gezittert. Aber er war nett und wollte mich wirklich nicht in die Pfanne hauen, sondern einfach meine Geschichte erzählen. Er hat gesagt: „Ich weiß, du hast eine Tochter. Wir machen nichts, wofür du dich ihr gegenüber schämen musst.“ Bevor der Artikel erschien, habe ich alle angerufen, denen ich es noch nicht erzählt hatte, und musste es ihnen erklären. Und alle waren absolut cool. „Ja, ist gut. Und. Bist du o.k.? Können wir irgendwie helfen?“ Ich habe seitdem nie auch nur eine einzige schlechte Erfahrung gemacht, bin nie angepöbelt oder angegriffen worden. Das ist sicher auch Glück. Viele Leute haben mir geschrieben, mir ihre eigenen Coming-out-Storys erzählt und sich bedankt. Jetzt, vier Jahre später, kann ich nur sagen: Das war das Beste, was ich je für mich getan habe. Jetzt kann ich hier sitzen, und wir reden über mein erstes Mal, und alles ist gut. Ich bin glücklich.

Wünscht du dir manchmal, du hättest es früher getan?
Hab ich nicht. Verschüttete Milch. Es ist gut so, wie es jetzt ist.

Blue: Roulette, jetzt erhältlich

POSITIVE BILDER

Die MÄNNER-Redakteure Paul Schulz und Christian Lütjens haben einen Bildband über 30 Jahre HIV veröffentlicht. In ihrem Vorwort erklären sie, warum sie POSITIVE PICTURES – A GAY HISTORY gemacht haben

Dieses Buch war harte Arbeit. Weniger, weil es lange gedauert hat, das Geld dafür aufzutreiben, die Beschaffung der Bilder nicht so einfach war oder viele Leute auch 2013 noch nicht über unser Thema sprechen wollten – damit hatten wir gerechnet. Es war eher die immer gleiche Frage von Außen­stehenden, die uns zu schaffen machte: „Ein Buch über Aids? Warum macht ihr das denn?“
Hier unsere Antworten: Weil es nichts gibt, was das Leben schwuler Männer seit Stonewall so verändert hat wie HIV. Wir leben anders, lieben anders, haben anderen Sex. Wir gehen anders miteinander und mit uns selbst um. Wir wissen mehr über unsere Stärken und Schwächen. Wir interagieren anders mit Heterosexuellen. Wir melden unsere Rechte schneller an. Wir haben in der Breite gelernt, nicht nur brav, hübsch und witzig zu sein, sondern auch wütend, laut und aggressiv, wenn es nötig ist. Wir lieben uns selbst und andere mehr, wissen aber auch besser, wo unsere Feinde stehen.
Dieses Buch gibt es, weil wir wissen wollten, wie es zu all dem kam. Und wir glauben, dass es uns nicht alleine so geht.
Dieses Buch gibt es auch, weil so viele gestorben sind und ein asiatisches Sprichwort besagt, dass man die Toten wieder lebendig macht, indem man ihre Namen sagt. Also sagen wir sie, auf viele verschiedene Arten, und lassen sie sagen, in vielen verschiedenen Stimmen, die viele unterschiedliche Positionen vertreten. Doch wir wollten dieses Buch auch machen, weil so viele von uns noch leben und uns allen viel Interessantes zu sagen und zu zeigen haben.
Dieses Buch gibt es, weil viele der darin gezeigten Bilder so unfassbar schön sind, oder schockierend, oder erotisch, oder traurig, oder schlau, oder unheimlich, oder lustig, oder all das. Und wir wollten, dass man sie alle zusammen betrachten kann.
Wir haben dieses Buch gemacht, weil wir die Auffassung des amerikanischen Aktivisten und Schriftstellers Larry Kramer teilen, für den es „die größte soziokulturelle Leistung einer Minderheit in der Geschichte der Menschheit“ ist, „dass schwule Männer sich selber gerettet haben, dass wir nicht alle gestorben sind.“ Und weil wir finden, dass das ein Grund zum Feiern ist.
Wir hoffen, Sie stimmen uns zu und haben viel Spaß beim Lesen und Schauen, beim Wiedersehen oder Neuentdecken. Dann hätte sich die harte Arbeit sehr gelohnt.

POSITIVE PICTURES – A GAY HISTORY, Bruno Gmünder, 224 Seiten, 39,95 Euro

Heterosexuelle Abgeordnete küssen sich für die Homoehe

Yann Galut und Nicolas Bays

Yann Galut und Nicolas Bays

Die französischen sozialistischen Abgeordneten Yann Galut and Nicolas Bays küssten sich bei den landesweiten Demonstrationen für die Homoehe öffentlich. Beide sind heterosexuelle Familienväter. Die konservative Opposition ist empört

Manchmal sagt ein Bild wirklich mehr als Tausend Worte.  Zum Beispiel das von zwei sich küssenden Männern, die Abgeordnete in der französischen Nationalversammlung sind. Yann Galut und Nicolas Bays sind diese beiden Männer. Galut sagte Journalisten am Sonntag: “Wir sind beide heterosexuell, verheiratet und haben Kinder. Unser Kuss war ein Zeichen der Solidarität. Er heißt: Wir, zwei Parlamentsabgeordnete beginnen am Dienstag in der Nationalversammlung, für die Homoehe zu streiten. Und wollten alle Homosexuellen in Frankreich so nur wissen lassen, dass wir ihre Forderungen nach Gleichberechtigung teilen und unterstützen.”

Das französische Parlament hat heute Nachmittag begonnen, über die genaue Gesetzgebung zu beraten, die in Frankreich zur Öffnung der Ehe für schwule und lesbische Paare führen soll. Seit Wochen gibt es Demonstrationen für und Proteste gegen das Gesetzesvorhaben. (pasch)

ICH BIN NICHT DIE SEX-POLIZEI!

Jack Mackenroth (Foto Jack Mackenroth)

Jack Mackenroth (Foto Jack Mackenroth)

Jack Mackenroth ist Modedesigner, Reality-TV-Star, HIV-Botschafter und Betreiber eines neuen Datingportals für HIV-Positive. Mit Volttage.com will der Amerikaner, selbst seit 23 Jahren positiv, ein Zeichen setzen – gegen Stigmatisierung und für Selbstverantwortung

Interview: Christian Lütjens

Warum hast du Volttage.com gegründet?
Es kommen immer wieder Leute zu mir, die fragen, wie ich im Bezug auf meinen HIV-Status bei Dates verfahre oder ob es ratsam ist, auf Online-Profilen von vornherein zu enthüllen, dass man positiv ist. Für mich persönlich kann ich nur sagen: Wenn mich jemand nicht mag, dann ist er mir egal, und wenn mich jemand wegen meines HIV-Status diskriminiert, dann ist er nicht der Richtige für mich. Ich bin seit 23 Jahren positiv. Eine lange Zeit, nach der ich wirklich sagen kann, dass HIV mein Selbstwertgefühl nicht mehr beeinträchtigt. Aber mir ist auch klar, dass Zurückweisung von Positiven immer noch stattfindet und dass die meisten damit nicht so locker umgehen wie ich. Viele Leute meinen nach der Diagnose auch, gar keinen Sex mehr haben zu dürfen, sie schämen sich oder fühlen sich nicht mehr liebenswert. Dem wollte ich mit Volttage.com etwas entgegensetzen.

Was unterscheidet die Seite von anderen Datingportalen?
Durch die bewusste Ansprache von Positiven soll Stigmatisierung vermieden werden. Und wir machen nicht auf Sex-Polizei. So verzichten wir bei den Profilen bewusst auf Kategorien wie PND (Party No Drug Use), Safer Sex oder HIV-Status. Damit beugen wir falschen Sicherheitsgefühlen vor und vermeiden Vorurteile. Wenn Leute nicht angeben, dass sie keine Drogen nehmen, heißt das ja nicht, dass sie ständig drauf sind. Wenn sie nicht ankreuzen, dass sie Safer Sex praktizieren, müssen sie nicht zwangsläufig Barebacker sein. Und wenn jemand behauptet, dass er negativ ist – vielleicht, weil er es selber glaubt – muss das sowieso nicht stimmen. Leute, die sich bei uns anmelden, gehen davon aus, dass ihre Chatpartner positiv sind, den Rest machen sie unter sich aus.

Was ist deine persönliche Safer-Sex-Maxime im Jahr 2012?
Ganz einfach: Wenn du nicht sicher bist, ob du dich mit HIV oder irgendetwas anderem infizieren könntest, musst du Kondome benutzen. Also eigentlich immer. Es geht ja nicht nur um den Schutz vor HIV, sondern auch um Hep C und weitere STDs, die man nicht wirklich haben muss. Solange die Viruslast unter der Nachweisgrenze ist, kann man das Kondom in einer monogamen Beziehung zwar weglassen, aber monogame Beziehungen gibt es kaum.

Sprichst du aus Erfahrung?
Ich hatte in der Vergangenheit beides, monogame und offene Beziehungen, da kriegt man einiges mit. Seit einem halben Jahr habe ich einen Freund, für den ich tatsächlich monogam bin. Das liegt aber auch am Alter. Ich bin 43 und habe Lust auf Hochzeit, Haus und zwei Hunde. Die Rumhurererei interessiert mich nicht mehr so.

Du beteiligst dich traditionell an dem jährlichen Fotoprojekt „A Day with HIV“, für das du dich im letzten Jahr von Fremden mit einem „Positive“-T-Shirt in der U-Bahn fotografieren lassen hast. Welche Idee hattest du dieses Jahr?
Ich bin in New York in einem schwulen Schwimmteam und hab mich von Kollegen im Pool fotografieren lassen. Es ging diesmal weniger um Sichtbarkeit im Allgemeinen als um den Ausdruck von Gesundheit, Wohlbefinden und Fürsorge, die nichts mit Medikamenten zu tun hat. Viele denken immer noch, Positive sind krank und schwach und können kaum was machen. Das Bild zeigt das Gegenteil.

Wie sieht deine Therapie-Biografie aus?
Ich bin ein  Fall. Ich habe 1993 mit Combivir angefangen, eine Mischung aus AZT und 3TC. Das schlug bei mir sehr gut an, was ungewöhnlich ist. Ganze 17 Jahre bin ich dabei geblieben. Erst vor ein paar Jahren habe ich auf neue Integrase-Inhibitoren umgeschwenkt. Ich spreche namentlich aber nicht über meine Medikation. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Leute, die sehen, dass es mir sehr gut geht, solche Aussagen als Empfehlung missverstehen. Da Medikamente aber individuell sehr unterschiedlich anschlagen, halte ich es für unverantwortlich, Empfehlungen auszusprechen.

www.volttage.com





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